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Geschichte allgemein

M. Wendelin: Medialisierung der Öffentlichkeit

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Classen <classenzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Medialisierung der Öffentlichkeit. Kontinuität und Wandel einer normativen Kategorie der Moderne
Reihe:Theorie und Geschichte der Kommunikationswissenschaft 10
Ort:Köln
Verlag:Herbert von Halem Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-86962-052-7
Umfang/Preis:335 S.; € 29,50

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Peter Hoeres, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen
E-Mail: <Peter.Hoeresgeschichte.uni-giessen.de>

Die vorliegende kommunikationswissenschaftliche Dissertation, welche die Öffentlichkeitstheorien von einigen deutschen Klassikern in Korrelation zu den jeweils veränderten medialen Bedingungen skizzieren möchte, umfasst 294 Textseiten. Die eigentliche Untersuchung beginnt jedoch erst mit der Öffentlichkeitskonzeption von Karl Marx auf Seite 112. Zuvor finden sich schier endlose, holprig formulierte Begründungen, warum sich der Autor den Öffentlichkeitstheorien von genau diesen neun hier behandelten Wissenschaftlern (Karl Marx, Albert Schäffle, Ferdinand Tönnies, Carl Schmitt, Jürgen Habermas, Elisabeth Noelle-Neumann, Jürgen Gerhards/Friedhelm Neidhardt und Bernhard Peters) widmet und wie er sich ihnen zu nähern gedenkt.

Ziel der Studie ist, einschlägige Öffentlichkeitstheorien vor dem Hintergrund von vier Medienumbrüchen vorzustellen: dem Aufstieg der Massenpresse, der Einführung von Hörfunk und Film, dem Siegeszug des Fernsehens und schließlich der Einführung des privaten Rundfunks. Das übergeordnete Narrativ folgt dabei der Annahme einer schubweise fortschreitenden Medialisierung, die sich in der Extension der Kommunikation, der Substitution sozialer Aktivitäten und Institutionen durch Medien, der medialen Durchdringung der Gesellschaft (Amalgamation) und der Anpassung an Medienlogiken (Accomodation) zeige.[1] Für jede der medialen Innovationsperioden zieht der Autor zwei Denker heran, deren Biografien Aufschlüsse über ihre Theorieproduktion liefern sollen.

Weitschweifig erläutert der Autor jedoch zunächst, warum er auf die Befragung noch lebender Protagonisten verzichtet hat, obwohl ihm „die persönlichen Kontexte der untersuchten Öffentlichkeitskonzepte“ (S. 17) doch so wichtig sind. Dagegen wird mit keinem Wort erwähnt, weshalb nicht ein einziges Archiv besucht und warum selbst zentrale, edierte biografische Quellen wie die Tagebücher oder Briefwechsel Carl Schmitts nicht konsultiert wurden. Aus welchem Grund im Falle Schmitts nicht einmal die zentrale Biographie von Mehring oder die einschlägige Reihe Schmittiana[2], sondern nur Mehrings zwanzig Jahre alte Junius-Einführung herangezogen wird und warum dann auch noch aus diesem Bändchen zitiert wird, Schmitts Lebenslauf sei lediglich umrisshaft bekannt (!), ist nicht nachvollziehbar.

Sehr einfach macht es sich der Autor mit der Begründung, warum er sich auf deutsche Theoretiker beschränkt: „Der zusätzliche Aufwand, den eine Ausweitung auf prominente Interpretationen beispielsweise aus Frankreich, England oder den USA mit sich gebracht hätte, wäre durch den möglichen Ertrag kaum zu rechtfertigen. Es gibt jedenfalls keinen Grund anzunehmen, dass der stabile normative Bezugsrahmen von Öffentlichkeit an die Grenzen von Nationalstaaten oder Sprachen gebunden ist. Das Kriterium dürften eher grundlegendere Unterschiede sein“ (S. 18). Damit man die nationale Beschränkung der Studie nicht vergisst, spricht der Autor von „Arbeiten zur Deutschen (sic!) Sozial- und Gesellschaftsgeschichte“ (S. 77), die er als Quelle (!) herangezogen habe. Auch andere geschichtswissenschaftliche Standard- und Überblicksdarstellungen werden von Wendelin als „Quellen“ betitelt, obgleich sie in seinem Buch schlicht als Grundlage einer eigenen historischen Nacherzählung benutzt werden (also gerade nicht als Quellen befragt werden).

Was häufig bei der Beschäftigung von Kultur-, Medien- und Kommunikationswissenschaftlern mit der Geschichtswissenschaft zu beobachten ist, trifft auch auf Wendelins Darstellung zu: Aus dritter Hand informiert, entwirft er das Bild einer positivistischen und schlecht verdauten historistischen Wissenschaft, von der er sich dann mit Trivialitäten abgrenzt. So meint Wendelin, unter Berufung auf (nicht geschichtswissenschaftliche) Sekundärliteratur, soziologische Fragen seien „im Gegensatz zu historistischen Erkenntnissinteressen […] mit der Rekonstruktion ‚wie etwas gewesen‘ ist noch nicht beantwortet. Darüber hinaus geht es darum, dass ‚Wie‘ und ‚Warum‘ von Zusammenhängen zu verfolgen“ (S. 72). Dass die Historiker darauf noch nicht gekommen sind!

Ist die Beschäftigung mit der historischen Methode unterkomplex, so sind auch die dargebotenen Fakten unpräzise wiedergegeben, etwa wenn von der „Einführung von Hörfunk und Film in den 1920er- und 1930er- Jahren“ (S. 17) die Rede ist. Historisch geht es ungenau weiter: „In den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg setzte in Deutschland der ‚Siegeszug des Fernsehens ein‘“ (S. 55). Fernsehen gab es bekanntlich in Deutschland schon in den 1930er Jahren; das öffentlich-rechtliche Programm startete Weihnachten 1953, der Durchbruch des Fernsehens ist freilich erst für die 1960er Jahre zu konstatieren. Im Folgenden heißt es: „Das ‚goldene Zeitalter‘ des deutschen Feuilletons bahnte sich an, von dem dann später in der Weimarer Republik die Rede war“. (S.94) Wer redete hier wann von diesem zitierten „goldenen Zeitalter“? Sprachlich stören Redundanzen und ein bürokratisch-soziologischer Jargon, der durch Substantivierungen, Passivkonstruktionen, falschen Gebrauch der Tempora (Plusquamperfekt statt Präteritum) und Ingenieursmetaphern negativ ausgezeichnet ist.

Hat man sich durch alle Widrigkeiten bis zur besagten Seite 112 durchgearbeitet, so beginnt nun endlich der Hauptteil: Die Protagonisten werden biografisch vorgestellt und dann auf mögliche Äußerungen zur Öffentlichkeit befragt. Vorangestellt werden kurze Skizzen der jeweiligen Medienumbrüche, vor deren Hintergrund die Theoretiker ihre Konzepte entwarfen. Dass die Verbindungslinien zwischen Biografien und Öffentlichkeitskonzepten im besten Fall hoch spekulativ bleiben, sei an zwei Beispielen demonstriert.

Den Differenzen zwischen Tönnies und Schmitt sucht der Autor so beizukommen: „In Unterschied zu Oldenswort [Geburtsort von Tönnies, P.H.] zeichnete sich Plettenberg zwar weniger durch landwirtschaftliche Prägung als durch eine Dominanz der Klein- und Mittelindustrie aus. Für eine Erklärung der Unterschiede in den Öffentlichkeitsperspektiven von Schmitt und Tönnies scheint der Altersunterschied von 33 Jahren aber dennoch wichtiger zu sein als die räumliche Herkunft.“ (S. 172) Vielleicht war es aber auch der unterschiedlich günstige Eisenbahnanschluss, der das Denken beider entzweite? Das Fehlen radikaldemokratischer Forderungen bei Peters erklärt Wendelin so: „Peters dürfte für solche Gedanken aufgrund seiner früheren Erfahrungen als Funktionsträger im Kommunistischen Bund Westdeutschland keine Verwendung mehr gehabt haben und am Wissenschaftszentrum in Berlin hat es vermutlich ebenfalls keinen Bedarf an revolutionären Programmen gegeben.“ (S. 280).

Ansonsten kommt Wendelin zu dem Ergebnis, dass eher konservative Theoretiker mehr die integrative Funktion der Öffentlichkeit, eher linke die deliberative Funktion akzentuiert hätten. Die normative Fassung des Öffentlichkeitsbezuges habe sich aber abgeschwächt. Prominente konservative Öffentlichkeitstheorien gibt es nach Wendelin nun gar nicht mehr, was der Autor mit den „Maßnahmen der ‚Re-education‘“ (S. 278) erklärt. Das Buch endet mit einem Ausblick auf das Internetzeitalter, wo jedoch die radikalen Transparenzforderungen der letzten Zeit mit den hier vorgestellten klassischen Konzepten hätten konfrontiert werden sollen.

Der Autor ist durchaus belesen und berücksichtigt mit dem Kathedersozialisten Albert Schäffle auch einen heute weniger beachteten Autor. Die hier angeführten Monita scheinen an einer leider häufiger anzutreffenden Beschäftigung mit geschichtswissenschaftlichen Themen in sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen zu liegen, die weder im eigentlichen Sinne historisch noch im Hinblick auf die neuere Ideengeschichte[3] informiert ist und stattdessen durch Namedropping möglichst vieler soziologischer Autoren glänzen möchte.

Anmerkungen
[1] Wendelin folgt hier Winfried Schulz, Reconstructing Mediatization as an Analytical Concept, in: European Journal of Communication 19 (2004), S. 87–101. Vgl. zur Medialisierung in diachroner Perspektive Frank Bösch/Norbert Frei (Hrsg.), Medialisierung und Demokratie im 20. Jahrhundert, Göttingen 2006 (rezensiert von Werner Faulstich, in: H-Soz-u.-Kult, 03.01.2007, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-1-004> [28.08.2012]).
[2] Vgl. Reinhard Mehring, Carl Schmitt. Aufstieg und Fall, München 2009 (rezensiert von Frieder Günther, in: H-Soz-u-Kult, 26.01.2010, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-1-061> [15.08.2012]); Schmittiana. Beiträge zu Leben und Werk Carl Schmitts, 1988-2003. Die Neue Folge erscheint seit 2011. Statt auf Mehrings Biografie oder die materialreichen Schmittiana stützt Wendelin sich vielfach auf die in vielen Aspekten überholte Arbeit von Paul Noack, Carl Schmitt. Eine Biographie, Berlin 1993.
[3] Vgl. etwa Martin Mulsow/Andreas Mahler (Hrsg.), Die Cambridge School der politischen Ideengeschichte, Frankfurt am Main 2010; Lutz Raphael/Heinz-Elmar Tenorth (Hrsg.), Ideen als gesellschaftliche Gestaltungskraft im Europa der Neuzeit. Beiträge für eine erneuerte Geistesgeschichte, München 2006 (rezensiert von Friedrich Kießling, in: H-Soz-u-Kult, 03.08.2006, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-083> [15.08.2012]).

ZitierweisePeter Hoeres: Rezension zu: Wendelin, Manuel: Medialisierung der Öffentlichkeit. Kontinuität und Wandel einer normativen Kategorie der Moderne. Köln 2011, in: H-Soz-u-Kult, 03.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-010>.

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