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Zeitgeschichte (nach 1945)

P. E. Muehlenbeck: Betting on the Africans

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):
Titel:Betting on the Africans. John F. Kennedy's Courting of African Nationalist Leaders
Ort:Oxford
Verlag:Oxford University Press
Jahr:
ISBN:978-0-19-539609-6
Umfang/Preis:334 S.; $ 55,00

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Gerhard Altmann, Korb
E-Mail: <altmanngyahoo.de>

„Sie sind in jeder Hinsicht ordentliche Leute, aber die Art, wie sie Traditionen mit Füßen treten, ist verletzend.“[1] Die Klage, die der britische Diplomat Harold Nicolson im Herbst 1953 seinem Tagebuch anvertraute, zielte auf die Protagonisten der US-amerikanischen Außenpolitik. Wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg dämmerte es Nicolson, dass in den internationalen Beziehungen ein Wachwechsel anstand. Die horrenden Kosten des Krieges und des Wiederaufbaus sowie die neue machtpolitische Konstellation des Kalten Kriegs verschoben die Gewichte im westlichen Lager spürbar zugunsten der Vereinigten Staaten. Und dieses Revirement in den transatlantischen Beziehungen schien auch nicht vor dem Britischen Empire haltzumachen. Dabei hätte Nicolson eigentlich noch vergleichsweise gelassen reagieren müssen. Denn Philip E. Muehlenbeck zufolge respektierte Präsident Dwight D. Eisenhower (1953-1961) weitgehend die Ansprüche der alten Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich in deren „Hinterhöfen“. Vor allem Afrika blieb dem Weltkriegsgeneral und seiner Administration terra incognita, die man gern den Kolonialpolitikern in London und Paris überließ. Auch den allmählich einsetzenden Prozess der Dekolonisation strafte Eisenhower bestenfalls mit Nichtachtung. In der Regel befürchtete er sogar Schlimmstes von ihm für das Kräftemessen im Kalten Krieg. Konnte die republikanische Administration einmal trotz angestrengter Bemühungen nicht umhin, afrikanische Nationalisten wie Julius Nyerere oder Kenneth Kaunda in Washington zu empfangen, so wurde darauf geachtet, das Treffen in einem möglichst abgelegenen Zimmer des Außenministeriums anzuberaumen. Eine Politik der Sichtbarkeit war nicht erwünscht. Dies änderte sich grundlegend mit der Wahl John F. Kennedys zum Präsidenten. Kein anderer Präsident davor oder danach wandte sich so aufgeschlossen und intensiv dem afrikanischen Kontinent zu wie Kennedy, der bereits als Vorsitzender des Senats-Unterausschusses für afrikanische Angelegenheiten seit 1958 dezent Kontrapunkte zu Eisenhowers indifferenter Haltung gesetzt hatte.

Muehlenbecks mit großer Verve und archivalischer Akribie verfasste Studie nähert sich Kennedys Afrikapolitik aus zwei Blickwinkeln. Zum einen zeichnet Muehlenbeck den systematischen Aufbau persönlicher Kontakte nach, den Kennedy – in bewusster Abkehr von Eisenhowers Distanz gegenüber afrikanischen Staatsmännern – betrieb. Zum anderen kontextualisiert er die Afrikapolitik des jungen Präsidenten, indem er deren Wirkung auf andere Akteure der internationalen Beziehungen untersucht. Kennedys auf enge persönliche Kontakte abzielende Diplomatie sollte nicht länger von den Befindlichkeiten der alten Kolonialmächte beeinträchtigt werden. Der Demokrat im Weißen Haus betrachtete das Unabhängigkeitsstreben der afrikanischen Nationen als uramerikanischen Impuls, der 1776 ebenfalls zu einem Neubeginn der Weltgeschichte geführt habe und deshalb nicht als per se gegen amerikanische Interessen gerichtet eingestuft werden dürfe. Ein Sieg des Kommunismus in Afrika resultiere nicht zwangsläufig aus der Neutralität eines gerade unabhängig gewordenen Staats. Vielmehr steigere soziales und ökonomisches Chaos die Attraktivität der Moskauer Avancen Afrika gegenüber. Um diese Gefahr zu bannen, beauftragte Kennedy seinen Schwager Sargent Shriver mit dem Aufbau des Peace Corps, dessen Freiwillige den jungen Staaten auf deren steinigem Weg in die Selbständigkeit helfen sollten. Unterstaatssekretär G. Mennen Williams bereiste im Auftrag des Präsidenten zahllose Staaten Afrikas und knüpfte so ein Netz persönlicher Beziehungen, auf das die Administration in Washington jederzeit zurückgreifen konnte.

Zum „linchpin of his entire Africa policy” (S. 96) wurde für Kennedy Kwame Nkrumah, der Ghana 1957 in die Unabhängigkeit geführt hatte. Weder Nkrumahs rhapsodisches Wesen noch Warnungen selbst aus der eigenen Familie konnten Kennedy letztlich davon abhalten, das Volta River Project in Ghana mitzufinanzieren und mithin für jedermann sichtbar Washingtons Interesse an einem ökonomischen Aufschwung des westafrikanischen Staats zu bekunden. Allerdings blieben Kennedys Bemühungen um radikale wie konservative afrikanische Staatslenker gleichermaßen nicht ungetrübt von den Erfordernissen des Kalten Kriegs. So sehr es Kennedy widerstrebte, Ende 1962 im UN-Sicherheitsrat gegen die Verurteilung der Kolonialpolitik Portugals zu stimmen, so deutlich hatte sich nach der Kubakrise gezeigt, dass die Azoren als maritimes Drehkreuz der NATO unverzichtbar waren. Diesen Sachverhalt wusste das Salazar-Regime in Lissabon geschickt für seine Zwecke zu nutzen und gegen eine Verurteilung durch die USA in Stellung zu bringen. Muehlenbeck arbeitet obendrein luzide heraus, wie die zwischen Kooperation und Isolation lavierende Südafrikapolitik Kennedys „certainly not his finest hour“ (S. 120) war. Daneben profilierte sich Kennedy indes auch im Maghreb als Motor einer Politik, die sich nicht den Ambitionen der Nationalisten verschloss, selbst wenn diese nicht ohne weiteres auf den Kurs Washingtons einschwenkten. Aus dieser Perspektive wird, so Muehlenbeck, auch verständlich, weshalb Kennedy die von Eisenhower hofierte traditionalistische Saud-Dynastie kritisch beäugte, während er gleichzeitig den ägyptischen Heißsporn Gamal Abdel Nasser, der Amerikas Verbündeten in London und Paris ein Gräuel war, für engere Beziehungen zu gewinnen versuchte.

In Frankreichs Präsidenten Charles de Gaulle erwuchs Kennedy ein besonders hartnäckiger Rivale um den westlichen Einfluss in Afrika. Muehlenbeck zufolge bildete der amerikanisch-französische Schlagabtausch für Kennedy eine „no-lose proposition“ (S. 156), da dieser auf dem afrikanischen Kontinent nichts zu verlieren hatte und daher Frankreichs ungebrochen selbstbewusste Stellung in der Welt und Eigenwillen in Europa über den Umweg Afrikas zu unterminieren trachtete. Mit gezielten Nadelstichen, zum Beispiel der Förderung des Englischunterrichts in ehemaligen französischen Kolonien wie Tunesien oder der Elfenbeinküste, versuchte die Kennedy-Administration de Gaulle und dessen Afrika-Impressario Jacques Foccart aus der Reserve zu locken. Ähnlich pikiert wie Frankreich reagierte Südafrika auf Kennedys New Frontier in Afrika. Das Apartheidregime Hendrik Verwoerds empfand die neuen Ansätze Washingtons als ebenso naiven wie lebensbedrohlichen Anschlag auf die Rechte der europäischen Siedler, wiewohl sich Kennedy nicht dazu durchringen konnte, den ANC als legitime Vertretung der unterdrückten Afrikaner anzuerkennen. In diesem Zusammenhang befand sich Kennedy ohnehin in einem strukturellen Dilemma, das auch die Beziehung zu den jungen Nationen Afrikas überschattete. Denn solange die Rassentrennung in den USA selbst die Gleichberechtigungspostulate aus dem Weißen Haus Lügen strafte, vermochte Pretoria genüsslich die Doppelmoral der Kennedy-Administration zu geißeln. Der Präsident konnte aber aus Rücksicht auf die Southern Democrats die Bürgerrechtsbewegung nicht in dem Maße fördern, wie es seinem Naturell entsprochen hätte. Immerhin bemühte sich das US-Außenministerium, die Diskriminierung afrikanischer Diplomaten im amerikanischen Alltag einzudämmen. Als „the unsung heroes” (S. 222) der Kubakrise gelten Muehlenbeck jene afrikanischen Staatschefs, die auf Kennedys persönliche Intervention hin der Sowjetunion Lande- und Überflugrechte verwehrten und somit eine Eskalation des Konflikts vermeiden halfen. Damit habe sich Kennedys persönliche Diplomatie in einer existentiellen Krise des Kalten Kriegs ausgezahlt.

Kurz bevor Kennedy am 22. November 1963 nach Dallas aufbrach, hatte er sich noch mit den US-Botschaftern in Gabun und Obervolta getroffen – für Muehlenbeck ein Symbol der neuen Afrikapolitik Washingtons, die mit der Ermordung des Präsidenten zu einem jähen Ende gelangte. Kennedys Nachfolger Lyndon Johnson versank im Strudel des Vietnamkriegs und brachte afrikanischen Anliegen wenig Aufmerksamkeit entgegen. Stattdessen wurden Diktatoren unterstützt, solange sie antikommunistisch gesinnt waren. Stellvertreterkriege machten die 1970er- und 1980er-Jahre zu verlorenen Dezennien in der Entwicklung Afrikas. Muehlenbeck geht so weit, diese Abkehr von Kennedys Strategie als einen der Irrwege zu charakterisieren, der zur Tragödie des 11. September 2001 führte.

Die Monographie nimmt zuweilen die Form einer regelrechten Eloge auf Kennedys Afrikapolitik an. Der Kontrast zur Eisenhower-Administration ist zweifellos eklatant und für Kennedy insgesamt vorteilhaft. Dennoch hätte Muehlenbecks anregende Studie von einer längerfristigen Perspektive profitiert, denn diese hätte klarer zutage gefördert, wie sich die von Kennedy hofierten Staatsmänner in den Jahren nach der Unabhängigkeit entwickelten. Und diese Bilanz wäre ernüchternd ausgefallen, denn Kennedys Strategie blieb letztlich in den Anfängen stecken, da sie – ein Grundübel des gesamten Dekolonisationsprozesses – meist auf einen starken Mann setzte und die Zivilgesellschaft als Wurzelgrund demokratischer Staatlichkeit weitgehend ausblendete.

Anmerkung:
[1] Harold Nicolson, Tagebücher und Briefe. Zweiter Band: 1942-1962, Frankfurt am Main 1969. S. 371f.

ZitierweiseGerhard Altmann: Rezension zu: Muehlenbeck, Philip E.: Betting on the Africans. John F. Kennedy's Courting of African Nationalist Leaders. Oxford 2012, in: H-Soz-Kult, 02.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-102>.

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