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Geschichtsvermittlung und Geschichtsdidaktik

W. Jacobmeyer: Das deutsche Schulgeschichtsbuch 1700–1945

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Heike Christina Mätzing <h.maetzingtu-bs.de>
Autor(en):
Titel:Das deutsche Schulgeschichtsbuch 1700–1945. Die erste Epoche seiner Gattungsgeschichte im Spiegel der Vorworte
Reihe:Geschichtskultur und Historisches Lernen 8
Ort:Berlin
Verlag:LIT Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-643-11418-1
Umfang/Preis:3 Bd. 1536 S.; € 99,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Markus Bernhardt, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen
E-Mail: <markus.bernhardtuni-due.de>

Das vorliegende Werk kann auch als die Summe eines Gelehrtenlebens gelesen werden, eines Gelehrtenlebens, das sich immer an der Schnittstelle zwischen geschichtsdidaktischer und geschichtswissenschaftlicher Forschung bewegte. Denn der Autor war nicht nur viele Jahre stellvertretender Direktor des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig (1978–1991), sondern auch Referent im Institut für Zeitgeschichte (1971–1978) sowie zwischen 1991 und 2005 Professor – und in der Denomination zeigt sich diese Schnittstelle – für Neuere und Neueste Geschichte und Didaktik der Geschichte an der Universität Münster. Während dieser Tätigkeiten konnte er gewissermaßen qua Amt die Grundlage zu der hier zu besprechenden Studie legen, die in vielfacher Weise höchstes Lob verdient.

Die Publikation ist in drei Bände gegliedert. Der erste Band umfasst neben der Explikation der Forschungsfrage, der Darstellung des Forschungsstandes und der Erörterung der methodischen Herangehensweise eine bescheiden als „Abriss“ bezeichnete Gattungsgeschichte des Geschichtsschulbuchs zwischen 1700 (eigentlich 1699) und 1945. In den Bänden zwei und drei befinden sich die edierten Vorworte der Schulbücher dieses Zeitraums, die vom Autor mit zahlreichen Notizen zu den Autoren und zum Sprachgebrauch sowie mit weiterführenden Kommentaren versehen sind.

Dem Leser des Werkes nötigt zunächst sein beeindruckender Umfang großen Respekt ab. Es ist schon gattungstechnisch nicht ganz leicht einzuordnen. Im Grunde genommen handelt es sich um eine Edition der Vorworte von 1.848 Schulbüchern, die zwischen 1700 und 1945 erschienen sind.[1] Allein der dadurch entstandene bibliographische Überblick ist ein Quantensprung für die geschichtsdidaktische Schulbuchforschung, weil die Forderung nach einer solchen Synopse zwar schon seit 1846 existiert (S. 9), aber erst jetzt eingelöst wurde. Die Studie ist jedoch nicht allein eine Schulbuchbibliographie. Sie ist darüber hinaus eine Gattungsgeschichte des deutschen Schulbuchs zwischen 1700 und 1945 (Band 1) und ein biographisches Lexikon deutscher Schulgeschichtsbuchautoren. Man kann sagen, dass nun eine monographische Grundlage für alle künftigen Forschungsarbeiten zur historischen Schulbuchforschung zum genannten Zeitraum als zusammenhängende Gesamtdarstellung vorliegt.[2]

Der leitende Gedanke besteht dabei für den Autor in der Kommentierung der Vorworte, da sich in ihnen das, „was in der Gesellschaft als ‚richtige‘ Vorstellung von der Welt und unserer Geschichte in ihr gelten soll“, am besten spiegelt: „‚Die‘ Geschichte in Lehrbüchern ist also auf diese verwickelte Weise ‚unsere‘ Geschichte.“ (S. 11) Bei der Darstellung ist sich der Autor – und das ist einer der weiteren Vorzüge der Studie – der Begrenztheit seines Tuns ständig bewusst. Auf nahezu jeder Seite der „Einleitung“ (S. 9–27) weist er auf die Sprödheit seines Materials und die Komplexität seiner Aufgabe hin. An dieser Stelle tritt der Historiker Jacobmeyer hervor, der mit Hilfe seiner glänzenden Formulierungskünste die Leserinnen und Leser gleichsam in die Forschungswerkstatt mitnimmt, um ihnen seine gründlichen, analytischen und mit historischem Tiefengrund versehenen Überlegungen vor Augen zu führen. Die Ergebnisse der Studie gewinnen damit unmittelbar an Überzeugungskraft, weil nichts versprochen wird, was nicht auch eingelöst wird.

Zwei kurze Bemerkungen seien zur Widerständigkeit der Quellengrundlage erlaubt: die Schulbücher, die die Basis der Untersuchung bilden, sind „weder bibliographisch gesammelt, noch behördlich erfasst“ (S. 18). Das heißt, es existierte bislang nicht einmal eine ungefähre statistische Größe über die Schulbuchproduktion auf deutschem Boden. Hier hat der Autor jetzt erste Zahlen vorgelegt, die durchaus Verblüffendes zeigen: Im Kaiserreich (1871–1918) erschienen deutlich die meisten Schulgeschichtsbücher in Erstauflage (etwa 40 Prozent aller zwischen 1700 und 1945 publizierten Bücher), während für das „Dritte Reich“ nur knapp über hundert Erstauflagen nachzuweisen sind, unterboten nur von der Weimarer Republik und der Zeit zwischen 1699 und 1779. Offensichtlich war im Kaiserreich das Bedürfnis nach „richtiger“ historischer Unterweisung am größten. Die zweite Bemerkung bezieht sich auf die Schulbuchautoren. Bei ihnen handelt es sich in der Regel um wenig prominente Zeitgenossen, so dass auch hier die forschende Tätigkeit zu einer Pionierarbeit wurde. Jacobmeyer erhebt nicht den Anspruch, über sie eine „kollektive Biographie“ (S. 24) vorzulegen, hat aber in gewisser Weise auch an dieser Stelle eine Grundlage geschaffen. Denn die unterschiedliche soziale Zusammensetzung der Autorenschaft ist einer der wesentlichen Faktoren für die Periodisierung der Bände (vgl. etwa S. 143f.).

Aus dem Material hat der Autor acht Produktionsperioden von Geschichtsschulbüchern herausgearbeitet, die in gewisser Weise die Periodisierung der politischen Geschichte des Untersuchungszeitraums abbilden: 1700–1780; 1781–1820; 1820–1849; 1849–1870; 1871–1889; 1890–1918; 1919–1932; 1933–1945. Er gibt den einzelnen Perioden keine inhaltlichen Titel, man kann aber leicht erkennen, dass sie in etwa den Zäsuren der politischen Geschichte des deutschen Raumes folgen – wenngleich die Perioden der Schulbuchproduktion vom Autor gattungsgeschichtlich begründet werden. Lediglich das Kaiserreich (1871–1918) wird durch eine weitere Zäsur (1890) gekennzeichnet, um die wilhelminische Epoche als eigenständige Phase der Schulbuchproduktion abzusetzen. Der Grund dafür liegt darin, dass die Wilhelminische Epoche die produktivste bei der Erstpublikation von Lehrbüchern war, aber auch in der inhaltlichen Feststellung, dass hier nun endgültig die „vaterländische“, sprich dynastisch-bundesstaatliche, zugunsten einer nationalen Geschichtsdarstellungen überwunden wurde (S. 184). Dazu finden sich die interessanten Ausführungen zur „Kriegsgeschichte“, die die „Kulturgeschichte“ als wichtige Darstellungsdimension noch in der Epoche des frühen Kaiserreichs (1871–1889) nahezu vollständig ablöste.

Jacobmeyer argumentiert immer quellennah und begleitet seine Argumentation mit einem reichen Anmerkungsapparat, der einerseits auf die Autoren der Vorworte verweist und zum anderen die profunde literarische Kenntnis dessen aufzeigt, worüber er schreibt. Als Leser wird man auf eine angenehm lehrsame, keineswegs aber belehrende Weise geführt, also mit einem Darstellungsstil, der heute nicht mehr selbstverständlich ist. Die Publikation ist in bestem Sinne „traditionell“, indem sie den ihr zugrunde liegenden Stoff systematisch ausbreitet und, soweit das eben im Hinblick auf den Forschungsstand möglich ist, wirklich erschöpfend aufbereitet. Jacobmeyer weist in diesem Zusammenhang selbst darauf hin, dass sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft zu einer Förderung des Projektes nicht entschließen konnte, weil es – so seine Diagnose – „in einer Zeit der Evaluation und der pragmatischen Forderung nach dem 30-Seiten-Aufsatz systemfern“ sei, „seine Arbeitskraft über lange Jahre zu binden“ (S. 25). Der Rezensent zeigt sich im Hinblick auf das herausragende Ergebnis der Forschungsbemühungen hoch erfreut darüber, dass sich Jacobmeyer der „Systemimmanenz“ widersetzt hat, und regt an, über seine Diagnose intensiv nachzudenken. Darüber hinaus drängt sich natürlich die Forderung auf, das begonnene Werk über 1945 hinaus weiterzuführen. Denn die grundlegenden Veränderungen der Schulbuchgeschichte (zum Beispiel die Einführung des Arbeitsbuches) sind ja hier noch gar nicht berührt worden.

Anmerkungen:
[1] Bei der Zahl handelt es sich um diejenigen Erstausgaben, die vom Autor recherchiert werden konnten. Berücksichtigt werden auch Schulbücher, die keine Vorworte enthalten.
[2] Bernd Schönemann / Holger Thünemann, Schulbucharbeit. Das Geschichtslehrbuch in der Unterrichtspraxis, Schwalbach am Taunus 2010, S. 22f. haben die dringende Einlösung dieses Desiderats für die „historische Schulbuchforschung“ eingeklagt. Sie gliedern die geschichtsdidaktische Schulbuchforschung in eine „historische“, eine „internationale“ und eine „didaktische“. Diese Einteilung ist indessen bereits älteren Ursprungs. Sie findet sich zum Beispiel schon bei Wolfgang Marienfeld Mitte der 1970er-Jahre. Vgl. etwa Wolfgang Marienfeld, Schulbuchanalyse und Schulbuchrevision: zur Methodenproblematik, in: Internationales Jahrbuch für Geschichts- und Geographieunterricht, Braunschweig, Band XVII (1977), S. 47–58.

ZitierweiseMarkus Bernhardt: Rezension zu: Jacobmeyer, Wolfgang: Das deutsche Schulgeschichtsbuch 1700–1945. Die erste Epoche seiner Gattungsgeschichte im Spiegel der Vorworte. Berlin 2011, in: H-Soz-Kult, 27.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-228>.

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