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Neuere Geschichte

M. Hochgeschwender u.a. (Hrsg.): Religion, Moral und liberaler Markt

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Daniel Menning <daniel.menninguni-tuebingen.de>
Titel:Religion, Moral und liberaler Markt. Politische Ökonomie und Ethikdebatten vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Herausgeber:Hochgeschwender, Michael; Löffler, Bernhard
Ort:Bielefeld
Verlag:Transcript - Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis
Jahr:
ISBN:978-3-8376-1840-2
Umfang/Preis:308 S.; € 29,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Marcel Nieden, Institut für Evangelische Theologie, Universität Duisburg-Essen
E-Mail: <marcel.niedenuni-due.de>

Der Band ist aus einer Tagung der Akademie für Politische Bildung Tutzing hervorgegangen, die im Jahr 2008 stattfand und Historikerinnen und Historiker verschiedener Disziplinen zum Gespräch über das Thema „Kapitalismus, Liberalismus und religiöses Ethos“ versammelte. Unter dem Eindruck der Subprime-Krise auf der einen Seite und der neuen Präsenz von Religion auf der anderen Seite gewann damals die alte Frage nach der ethisch-religiösen Normierung des aus dem „Krieg der Systeme“ als Sieger hervorgegangenen Neoliberalismus unvermutete Brisanz. Wie der Einleitung des Mitherausgebers Bernhard Löffler zu entnehmen ist, nimmt sich der Band zur Beantwortung dieser Frage nichts Geringeres vor, als „beide […] Trends – pointiert: den vermeintlichen Siegeszug des liberalen Kapitalismus als tonangebendem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem einerseits und die vielfältige Wiederkehr des Ethischen und Religiösen in der Debatte andererseits – zusammenzuführen.“ (S. 11f.) Die komplexen Wechselwirkungen der semantisch hoch angereicherten kulturellen Muster „Liberalismus“, „Kapitalismus“, „Ethos“, „Religion“ sollen analysiert werden – und zwar „in einem historischen, genauer: kulturhistorischen Zugriff und einer übernational vergleichenden Herangehensweise“ (S. 12). Derlei Vorbemerkungen geben nicht nur über die Selbstverortung des Bandes in dem inzwischen fest etablierten kulturwissenschaftlichen Areal der wirtschaftshistorischen Forschungslandschaft Auskunft; sie zeugen vor allem auch von einem inhaltlich und methodisch anspruchsvollen Programm. Allein schon die Anforderungen an eine umfangs- und inhaltssensible Begriffsverwendung sind bei einem solchen Vorhaben enorm. So können die semantischen Beziehungen der beiden Konzepte „Religion“ und „Kapitalismus“, je nachdem, was darunter verstanden wird, von komplementärer Gegensätzlichkeit bis hin zur identifizierenden Annäherung reichen – wie etwa in dem enigmatisch-raunenden Fragment Walter Benjamins „Kapitalismus als Religion“. Es stellt sich die Frage nach der Umsetzung der ambitionierten Vorgaben.

In sachlogischer Entsprechung zu der relativ weiten Gegenstandsfassung wendet sich der erste Beitrag (Anne Koch) Methodenfragen zu und arbeitet zunächst auf der Basis eines diskursiven, non-essenzialistischen Religionsverständnisses drei verschiedene „Zugänge zur Verhältnisbestimmung von Religion und Wirtschaft“ (S. 39) heraus: Kulturtheorien zur Wechselwirkung von Religion und Ökonomie (Weber, Bourdieu, Gudeman), ökonomische Theorien als Gegenstand der Religionswissenschaft (Religionsökonomie) und ökonomische Theorien als Modell in der Religionswissenschaft (Neue Institutionenökonomie, Governanceforschung). Ihm folgt sodann ein eher wissenschaftshistoriographisch orientierter Beitrag (Clemens Wischermann), der in instruktiver Weise das Verhältnis von kulturellen und universalen Faktoren in den ökonomischen Theorien der letzten 200 Jahre erkundet. Nach diesen beiden einleitenden Vorklärungen verengt sich die kulturhistorische Perspektive des Bandes. Die folgenden Beiträge schreiben vorwiegend die Geschichte wirtschaftsethischer Diskussionen unter europäischen Ökonomen, Politikern und Philosophen. Die Frage nach den Wechselbeziehungen von Liberalismus, Kapitalismus, Ethos und Religion wird aufgenommen als Frage nach den ethischen und religiösen Begründungen liberaler und neoliberaler Wirtschaftskonzeptionen des 18. und 19. Jahrhunderts. Damit ist der Band bei seinem eigentlichen Thema.

In dieser letztlich ideengeschichtlichen Perspektivierung werden unterschiedliche Konstellationen entfaltet. Einzelne Theoretiker wie Adam Smith (Johannes Wallacher) und Friedrich August von Hayek (Iris Karabelas) oder aber auch die Politikerin Margaret Thatcher (Dominik Geppert) werden unter Berücksichtigung verschiedener Lebens- und Theoriekontexte auf ihre marktwirtschaftlichen Normierungsvorstellungen befragt. Einzelne wirtschafts- und gesellschaftspolitische Kontroversen wie der Disput zwischen Benedetto Croce und Luigi Einaudi um das Verhältnis von „liberalismo“ und „liberismo“ im faschistischen Italien (Thomas Brechenmacher) oder die Kontroverse zwischen John Rawls und Jürgen Habermas um den politischen Liberalismus (Walter Reese-Schäfer) werden in ihren theoretischen Voraussetzungen und Konsequenzen untersucht. Wieder andere Beiträge entwickeln maßgebliche Diskurslinien: die britische Diskussion um die political economy im 19. und 20. Jahrhundert (Jörn Leonhard), die bundesrepublikanische Diskussion um die Soziale Marktwirtschaft, dargestellt am Beispiel marktwirtschaftlicher Leitvorstellungen liberaler Wirtschaftstheoretiker und -politiker evangelischer und römisch-katholischer Provenienz (Nils Goldschmidt; Ronald J. Granieri), oder aber auch, und damit den Bereich der ökonomischen Intelligenz verlassend, die Deutungsversuche von Wohlstand und Konsumgesellschaft unter liberalen und konservativen Intellektuellen in der Bonner Republik (Friedrich Kießling).

Die Autorinnen und Autoren schreiben eine äußerst anregende, lesenswerte Diskursgeschichte. Gerade im Blick auf das Liberalismuskonzept leisten sie wichtige Differenzierungsarbeit, ziehen Pluralisierungen ein, brechen falsche Frontstellungen auf, destruieren gängige Fremd- und Selbst-Stereotypisierungen, erhellen unterbelichtete Bedeutungsfelder der „Politischen Ökonomie“ oder des „Neoliberalismus“. Ob die manchmal weitreichenden Revisionen (vgl. etwa Wallachers Ausführungen zum Adam-Smith-Problem) Bestand haben, wird sich in der künftigen Diskussion erweisen. Die Beiträge des Bandes zeigen, auf welch unterschiedliche Weise regulative Faktoren in den liberal-neoliberalen Ökonomiedebatten der letzten beiden Jahrhunderte wirksam werden konnten. Damit deuten sie ein Erkenntnispotenzial historischer Forschung an, das gerade auch für die gegenwärtige Diskussion um die Grenzen des Kapitalismus nicht uninteressant sein dürfte.

Die auf die USA bezogene Studie von Michael Hochgeschwender fällt unter den diskursanalytischen Beiträgen insofern auf, als sie am ehesten Ansätze erkennen lässt, die über eine ideengeschichtliche Perspektivierung hinausführen. Hier wird nicht mehr nur nach dem Einfluss religiöser oder nichtreligiöser Ethiken auf den intellektuellen Diskurs, sondern auf die „Strukturen kapitalistischer Marktregime“ (S. 125) selbst gefragt. Hochgeschwender legt dar, wie die von den weltanschaulichen Hintergründen geradezu gegensätzlichen Bewegungen der „Libertären“ und der „Rechtsevangelikalen“ im 19. und 20. Jahrhundert wirtschaftspolitisch gleichlaufende Ziele verfolgten, wodurch sie zu einflussreichen Partnern in der Ablehnung ordoliberaler Marktregulierungen werden konnten. Dadurch wird nicht nur das kapitalistische Leitmodell USA dekonstruiert und als „Ergebnis permanenter soziokultureller Aushandlungsprozesse“ (S. 148) beschrieben, sondern auch die Behauptung einer prinzipiellen Differenz zwischen Religion und Ökonomie – unter Verweis auf die Phänomene „evangelikaler Selbstkommodifizierung“ (S. 144) – in Frage gestellt.

Noch konsequenter wird die Grenze der Ideengeschichte in den beiden abschließenden kommunikationsgeschichtlichen Beiträgen überschritten, die man unter dem gewählten Ober- und Untertitel des Bandes nicht unbedingt vermuten würde. Beide wenden sich den Wechselwirkungen von Religion und Ökonomie auf der medial-kommunikativen Ebene zu. Frank Bösch entwickelt am Beispiel des seit 1950 expandierenden bundesrepublikanischen Medienmarktes die These, dass die Religion durch kommerzielle Medienmärkte neue Sichtbarkeit gewinnt, die Kirchen jedoch dadurch im selben Maß die Deutungshoheit über das Religiöse verlieren (vgl. S. 282). Das Autorenduo Sven-Daniel Gettys/Thomas Mittmann geht der Frage nach der Übernahme religiöser Semantiken in der bundesrepublikanischen Kapitalismusdebatte nach und konstatiert in diesem Zusammenhang gleichfalls einen „Bedeutungszuwachs des Religiösen in den Diskussionen über die Gestaltung der Wirtschaftsordnung“ (S. 305) seit dem Ende der 1980er Jahre.

Somit hat der Band in Entsprechung zu dem eingangs dargestellten inhaltlichen und methodischen Ansatz dann doch noch einmal eine andere Beziehungsebene zwischen Religion und Kapitalismus erreicht als die Ebene der „Ethikdebatten“. Der Perspektivenwechsel hat freilich zur Folge, dass angesichts des faktischen ideengeschichtlichen Schwerpunkts ein etwas disparater Gesamteindruck zurückbleibt. (Wie die Resümierungsbemühungen Bernhard Löfflers (S. 22f.) zu erkennen geben, war den Herausgebern das Problem durchaus bewusst.) Der Band macht sich zweifellos um die wirtschaftsethische Ideengeschichte des Liberalismus verdient. Das Versprechen einer kulturhistorischen, transnational vergleichenden Verhältnisbestimmung von „Religion, Moral und liberalem Markt“ wird indes noch andere Einlösungen erfordern.

ZitierweiseMarcel Nieden: Rezension zu: Hochgeschwender, Michael; Löffler, Bernhard (Hrsg.): Religion, Moral und liberaler Markt. Politische Ökonomie und Ethikdebatten vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bielefeld 2011, in: H-Soz-u-Kult, 21.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-157>.

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