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R. Pöppinghege u.a. (Hrsg.): Hochschulreformen früher und heute

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Eckhardt Fuchs <fuchsgei.de>
Titel:Hochschulreformen früher und heute. Zwischen Autonomie und gesellschaftlichem Gestaltungsanspruch
Reihe:Abhandlungen zum Studenten- und Hochschulwesen 18
Herausgeber:Pöppinghege, Rainer; Klenke, Dietmar
Ort:Köln
Verlag:SH-Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-89498-269-0
Umfang/Preis:270 S.; € 39,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Jens Thiel, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <jens.thielgeschichte.hu-berlin.de>

Seit die europäischen Bildungsminister 1999 in der altehrwürdigen italienischen Universitätsstadt Bologna übereinkamen, bis zum Jahre 2010 einen einheitlichen europäischen Hochschulraum herzustellen, reißt die Kritik an Ziel, Umsetzung und Ergebnissen des danach in Gang gesetzten „Bologna-Prozesses“ nicht ab. Bis heute gilt „Bologna“ für viele als Synonym für eine zwar bürokratisch durch- und umgesetzte, von den Betroffenen aber in vielen Punkten als gescheitert oder verfehlt betrachtete Reform.

Als einen historisch begründeten, gleichwohl aber mit einer klaren Positionsangabe verbundenen Beitrag zu dieser Debatte versteht sich der 2011 von den beiden Paderborner Historikern Rainer Pöppinghege und Dieter Klenke herausgegebene Sammelband über „Hochschulreformen früher und heute“. Vor allem die deutschen Hochschulreformen der Vergangenheit werden dabei in das Spannungsfeld zwischen „Autonomie und gesellschaftlichen Gestaltungsanspruch“ der Hochschulen und Universitäten gerückt. Der Band vereinigt die überarbeiteten Beiträge einer Tagung, die 2009 unter dem Titel „Von Halle nach Bologna – Hochschulreformen in historischer Perspektive“ in Paderborn stattfand sowie weitere, dort nicht vorgetragene Beiträge.[1]

Die Herausgeber machen bereits in ihrer Einleitung keinen Hehl aus ihrer kritischen Sicht auf die nach 1999 eingeleitete Hochschulreform. Die Notwendigkeit struktureller Reformen im Hochschulbereich stellen sie nicht in Frage, wohl aber die Art und Weise, wie dieser Reformprozess initiiert und umgesetzt wurde. Um ihrer grundsätzlichen Kritik Geltung zu verschaffen, bringen sie die zum Teil in ein allzu positives Licht getauchte Vergangenheit der deutschen Hochschulen gegenüber der gescholtenen Gegenwart in Stellung. Ob etwa eine „Rückbesinnung auf den Individualismus des klassischen politischen Liberalismus“ (S. 23) tatsächlich entscheidend zur Lösung der strukturellen Probleme des deutschen (und europäischen) Hochschulwesens beitragen würde, mag dahingestellt bleiben. Auch das Postulat einer „ergebnisoffenen“ Wissenschaft mit ihren „allein dem Wahrheitsethos und dem Gemeinwohl verpflichtenden Diskursen“ (S. 23), die zumindest für die Zeit vor 1989 konstatiert wird, steht wohl eher für ein sympathisches Ideal als für die Realität. Treffend hingegen ist manche Kritik an der gegenwärtigen Hochschulpolitik und an denjenigen, die für eine gedankenlose und/oder interessengeleitete Hochschulreform à la „Bologna“ Verantwortung tragen. Für Pöppinghege und Klenke waren und sind hier „vom Staat beauftragte Politbürokraten“ oder „Akkreditierungsagenturen“ am Werke, die die historisch gewachsene und umkämpfte „pluralistische Wissenschaftsfreiheit“ bedrohen (S. 22). Die beiden Herausgeber verkennen in ihrer Kampfansage gegen den heute dominierenden „wirtschaftsliberalen Blick auf die Hochschulen“ (S. 23) keineswegs die neuen Herausforderungen, denen sich Hochschulen und Hochschulpolitik nach den politischen Umwälzungen von 1989 und der „Globalisierung“ stellen mussten. Ob die Reformen allerdings zu marktkonformen Strukturen an den Universitäten und Hochschulen führen mussten, ob ökonomischen Effizienzkriterien als Bewertungsmaßstäbe im Hochschulbereich taugen, ob marktorientierte Unternehmen wie etwa der Bertelsmann-Medienkonzern oder gar Rating-Agenturen in diesem Reformprozess den Ton vorgeben sollten, ob schließlich am Ende ein hochschulpolitischer „Mainstream“ mit stromlinienförmigen Hochschulangehörigen und Studenten entsteht – all das fragen die Herausgeber zu Recht.

Über diese hier skizzierten aktuellen Bezüge hinaus ist der vorliegende Band jedoch auch von genuin wissenschafts- und universitätsgeschichtlichem Interesse. Obwohl mehr als die Hälfte der 13 Beiträge die (bundesdeutsche) Hochschulgeschichte nach 1945 thematisieren, werden längere historische Linien sichtbar. Was leider fehlt, ist ein Beitrag, der sich mit den Hochschulreformversuchen im „Dritten Reich“ beschäftigt. Im Unterschied zu anderen einschlägigen Veröffentlichungen wird jedoch die Entwicklung in der DDR zumindest mitbehandelt (in den Beiträgen von Karin Zachmann und Wolfgang Lamprecht). Auch europäisch vergleichende Beiträge – dazu gibt es im Band nur einen über die Schweiz (Michael Gemperle und Peter Streckeisen) – wären hilfreich gewesen, um die deutsche Entwicklung besser einordnen zu können. Etwaige Anschlusspublikationen könnten hier anknüpfen.

Lässt man die Beiträge Revue passieren, so entsteht der Eindruck, dass der Ruf nach Reformen des deutschen Hochschulwesens eigentlich nie verstummte; dass sie zu fast jeder Zeit gefordert und immer wieder auch befördert wurden, sei es von innen oder von außen. Dabei ging es immer und vor allem um das Verhältnis von Hochschulautonomie und staatlicher oder sonstiger Einflussnahme – und zumeist auch um Geld, dass zur Ausstattung der Hochschulen und Universitäten nolens volens notwendig war und ist.

Es würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen, jeden einzelnen Beitrag zu würdigen. Einige aber seien herausgehoben. Einer der lesenswertesten Texte des Bandes stammt von Matthias Asche, der das „große Universitätssterben“ um 1800 in den Blick nimmt. Asche betont, dass Modernisierung und Reformen im „Alten Reich“ in der Regel von außen und von „oben“ kamen. Die Gewinner dieser Prozesse, an deren Ende ein neues Universitätsmodell stand, waren vor allem die Neugründungen, während eine Reihe von alten Universitäten, die sich den Innovationen verschlossen, auf der Strecke blieben. Es wäre schön gewesen, wenn diesem Text ein Beitrag zur Seite gestellt worden wäre, der sich gesondert mit den deutschen Reformuniversitäten Halle und Göttingen im 18. Jahrhundert beschäftigt hätte. Von diesen beiden Universitäten, insbesondere von der 1694 in Halle gegründeten Alma Mater, gingen seinerzeit wichtige, ganz Europa beeinflussende Impulse für eine grundlegende Umgestaltung der Hochschullandschaft aus. Pöppinghege und Klenke verweisen zumindest in ihrer Einleitung kurz darauf (S. 8). In seinem Beitrag über die preußische Hochschulpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts beschreibt Bernhard vom Brocke die Vorbildwirkung des Humboldt’schen Universitätsmodells, insbesondere auch für das Ausland. Dass es sich dabei aber tatsächlich um ein „Exportmodell“ gehandelt habe, wie lange suggeriert wurde, ist durch neuere Forschungen in Frage gestellt worden; auch vom Brocke setzt hinter dieses Schlagwort zu Recht ein Fragezeichen. Aufschlussreich, nicht zuletzt mit Blick auf die gegenwärtigen Entwicklungen, ist seine Würdigung der Modernisierungs- und Reformpolitik im Kaiserreich und in der Weimarer Republik sowie die sie prägenden Hochschulpolitiker. Mitherausgeber Rainer Pöppinghege wendet sich in seinem Beitrag den Privatdozenten, dem „akademischen Proletariat“, der vorletzten Jahrhundertwende zu. In seinem Fazit problematisiert er die heutige prekäre Lage dieser für den Hochschulbetrieb unverzichtbaren Statusgruppe und plädiert dabei ausdrücklich für die Weiterexistenz der Habilitation und der „Institution Privatdozent“ (S. 79).

Fallbeispiele – zur deutschen Nationalökonomie in den 1920er-Jahren (Roman Köster) oder zum Frauenstudium an den deutschen Technischen Hochschulen (Karin Zachmann) – zeigen en detail, auf welche Hindernisse einschneidende Strukturreformen im Hochschulbereich stoßen konnten, aber auch, welche Erfolge sie letztlich zeitigten. Kontinuitäten und Brüche, Interessenkonstellationen und -konflikte, Wegmarken und fast Vergessenes aus der Geschichte der Hochschulreformen sind Thema der Aufsätze, die sich mit der unmittelbaren Nachkriegszeit und der bundesdeutschen Entwicklung befassen (Konstantin von Freytag-Loringhoven, Helge Kleifeld, Wolfgang Lambrecht, Uwe Rohwedder, Anne Rohstock, Wilfried Rudloff, Dietmar Klenke). Hier wiederum liegt das Schwergewicht auf Themen mit studentengeschichtlichen Bezügen.

Der von Rainer Pöppinghege und Dietmar Klenke herausgegebene Band über „Hochschulreformen früher und heute“ ist ein wichtiger Beitrag zu den gegenwärtigen Hochschuldebatten. Dass er die polemische Absicht, die Einmischung in aktuelle hochschulpolitische Debatten aber mit einer geschichtlichen Rückbindung und historischem Sachverstand verbindet, verschafft ihm gegenüber manch anderer Wortmeldung große argumentative Vorteile. Vieles, was in diesen Auseinandersetzungen zu oft als neu oder einmalig gepriesen oder attackiert wird, ist es nämlich keineswegs. Dies aufzuzeigen, gehört zu den Vorzügen des vorliegenden Bandes.

Anmerkung:
[1] Tagungsbericht Von Halle nach Bologna – Hochschulreformen in historischer Perspektive. 11.03.2009-12.03.2009, Paderborn, in: H-Soz-u-Kult, 06.07.2009, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2677> (13.06.2013).

ZitierweiseJens Thiel: Rezension zu: Pöppinghege, Rainer; Klenke, Dietmar (Hrsg.): Hochschulreformen früher und heute. Zwischen Autonomie und gesellschaftlichem Gestaltungsanspruch. Köln 2011, in: H-Soz-u-Kult, 21.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-210>.

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