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Zeitgeschichte (nach 1945)

S. Fink: Das Stahl- und Walzwerk Riesa

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Ralf Ahrens <ahrenszzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Das Stahl- und Walzwerk Riesa in beiden deutschen Diktaturen 1933 bis 1963. Ein Vergleich
Reihe:Geschichte und Politik in Sachsen 29
Ort:Leipzig
Verlag:Leipziger Universitätsverlag
Jahr:
ISBN:978-3-86583-615-1
Umfang/Preis:548 S.; € 49,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Marcel Boldorf, Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte, Ruhr-Universität Bochum
E-Mail: <marcel.boldorfrub.de>

Sebastian Fink legt für ein sächsisches Stahlwerk mittlerer Größe eine politische Betriebsgeschichte vor, die sich der Methode des Diktaturvergleichs verschreibt. Das Riesaer Stahlwerk gehörte seit 1926 als Teil der Lauchhammergruppe zum Flick-Konzern, wurde 1945 unter Sequester gestellt und 1948 in einen Volkseigenen Betrieb umgewandelt. Um diese politischen Brüche rankt sich die Darstellung vielfältiger Aspekte der betrieblichen Produktions- und Arbeitsbedingungen während der drei behandelten, spannungsreichen Jahrzehnte.

Die Studie ist weder eine wirtschaftshistorisch argumentierende Unternehmensgeschichte noch eine Arbeitergeschichte, die die Lebensumstände der Belegschaft analysiert. Gleichwohl steht die Perspektive der Arbeiter, weniger diejenige der Angestellten und der Führungsebene, im Zentrum der Darstellung. Das Buch fragt nach der Durchdringung durch Herrschaft in zwei deutschen Gesellschaftssystemen, die als „Diktaturen“ gleichgesetzt werden. Es geht um die Praxis der Herrschaft nach einem Vergleichsschema, das Günther Heydemann, der Doktorvater des Verfassers, formuliert hat. Beide Regime wollten „das Leben der Bevölkerung […] ideologisch […] durchdringen“ (S. 19 u. 25) bzw. „ideologisieren“ (S. 28). Fink untersucht somit zwei „Perioden der deutschen Diktaturgeschichte“ (S. 22), ohne jedoch die tief greifenden Unterschiede der Systeme herauszuarbeiten. Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf den Betrieb als soziale Einheit, die als weitgehend abgeschlossener Handlungsraum interpretiert wird.

Konzeptionell ist die Darstellung nicht systematisch auf den Vergleich ausgerichtet, sondern zerfällt in zwei Teile zum Nationalsozialismus und zur SBZ/DDR. Die strikt komparativen Passagen beschränken sich auf rund 60 Seiten am Ende des Buchs. Zu Beginn beider Großkapitel setzen sich längere Ausführungen mit dem wirtschaftshistorischen Kontext auseinander, ohne dass eine konkrete Bezugnahme auf den Untersuchungsgegenstand, das Riesaer Stahlwerk, erfolgt.

Zur Epoche des Nationalsozialismus wird herausgearbeitet, wie das Werk durch Teilhabe am Rüstungsgeschäft zu einem gewinnträchtigen Unternehmen avancierte. Den erklecklichen Gewinnen, die bereits in der Vorkriegszeit erzielt werden konnten, standen nur geringe Investitionen gegenüber. Die Belegschaft wuchs kontinuierlich, so dass in Riesa bald Vollbeschäftigung herrschte. Da das Werk im Großen und Ganzen den Erwartungen der Machthaber entsprach, ordnet Fink es als „NS-Musterbetrieb“ ein. Jedoch traten bereits in der Periode des Rüstungsaufschwungs Versorgungslücken auf, und die Arbeiterschaft musste Lohneinbußen hinnehmen. Zum Teil reagierte sie mit Passivität am Arbeitsplatz, sodass von „Bummelantentum“ gesprochen wurde. Der Abschnitt zum Nationalsozialismus endet mit längeren Ausführungen zur Zwangsarbeit, die vor allem die kargen Lebensumstände, die unzureichende Verpflegung und die harte Behandlung thematisieren.

Das zweite Großkapitel setzt mit den wirtschaftlichen Weichenstellungen nach 1945 ein, geht auf die Demontagen ein und schildert den Übergang zum Produktionsregime der Reparationen. Die Darstellung orientiert sich stark an einer 1981/85 in der DDR publizierten Betriebsgeschichte, von deren Aussagen sich Fink zwar bei offenkundig politischen Einschätzungen, nicht aber in ökonomischen Fragen absetzt, zum Beispiel bei der Beurteilung der Wirtschaftlichkeit betrieblicher Entscheidungen. Fink analysiert die Zusammensetzung der Belegschaft und der Führungsebene des Werkes, was biografische Rückbezüge zur Situation vor 1945 nahegelegt hätte. Zu Recht wird die SED-Betriebsgruppe als wichtiges Instrument zur Implementierung der SED-Herrschaft im Betrieb untersucht. Eine der Stellen, an denen sich Fink von der Betriebsgeschichte kritisch abhebt, bezieht sich auf den im Frühjahr 1946 angeblich von SPD und KPD im Werk geforderten Zusammenschluss der beiden Arbeiterparteien (S. 321). Es wird angemerkt, dass diese Einschätzung der Maxime der DDR-Geschichtsschreibung folge, die Rolle der sowjetischen Militäradministration (SMA) herunterzuspielen. Hier reiht sich der Autor in den gleichfalls politisch motivierten Trend nach 1990 ein, den sowjetischen Einfluss auf alle Herrschaftsentscheidungen in der SBZ überzubewerten. Einen Nachweis für die „Zwangsverwaltung“ durch die SMA bleibt Fink allerdings schuldig. Zutreffen dürfte dagegen die Einschätzung, dass in der SED-Betriebsparteigruppe große Uneinigkeit herrschte, die sich durch einige Parallelstudien erhärten lässt.

Finks Darstellung zur DDR-Zeit fokussiert auf die Auswirkungen der Konsum- und Sozialpolitik im Riesaer Stahlwerk. Die Analyse des Verhaltens der Arbeiterschaft bezieht sich auf politische Zäsuren und entsprechende Fragestellungen. Erwartungsgemäß steht dabei zum Beispiel der 17. Juni 1953 im Mittelpunkt. In diesen Passagen wird die Bemühung um eine parallele Behandlung der Problemlagen, die für die NS-Zeit behandelt wurden, am deutlichsten. Das Kapitel zur SBZ/DDR endet mit einem Ausblick auf das Reformprojekt des Neuen Ökonomischen Systems, über das aber nur einige Rahmenaspekte zusammengestellt werden.

Das Abschlusskapitel widmet sich explizit den Vergleichsaspekten und konzentriert sich auf die Kernfragen der Studie: die Arbeitsbedingungen, die Versorgungslage, die betriebliche Organisation der jeweiligen Staatspartei und der Arbeitervertretungen, die Unterdrückung der Belegschaft, offene Konfrontation und passiven Widerstand. Diese Kernaspekte hätten gewinnbringend zu zentralen Gliederungspunkten der Arbeit gemacht werden können. Das von Fink konsultierte Unternehmensarchiv eröffnet – im Kontrast zu manchen Archiven von Unternehmen der „alten“ Bundesrepublik – eine breite Palette von Auswertungsmöglichkeiten. Daher kommt der Arbeit das Verdienst zu, der bislang überschaubaren Zahl wissenschaftlicher Betriebsgeschichten über ostdeutsche Unternehmen eine weitere detaillierte Fallstudie hinzuzufügen.

ZitierweiseMarcel Boldorf: Rezension zu: Fink, Sebastian: Das Stahl- und Walzwerk Riesa in beiden deutschen Diktaturen 1933 bis 1963. Ein Vergleich. Leipzig 2012, in: H-Soz-Kult, 22.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-163>.

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