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Geschichte allgemein

A. Zangger: Koloniale Schweiz

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):
Titel:Koloniale Schweiz. Ein Stück Globalgeschichte zwischen Europa und Südostasien (1860-1930)
Ort:Bielefeld
Verlag:Transcript - Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis
Jahr:
ISBN:978-3-8376-1796-2
Umfang/Preis:473 S.; € 36,80

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Dorothee Rempfer, Zürich
E-Mail: <dorothee.rempferFernUni-Hagen.de>

Andreas Zangger liegt mit seiner Dissertation im Trend. Auch sein Werk schenkt dem „Kolonialismus ohne Kolonien“ Beachtung. Inwiefern die Schweiz auch ohne eigene Kolonien eine koloniale Vergangenheit besitzt, wird seit kurzem unter diversen Aspekten untersucht.[1] Im Fokus der vorliegenden Studie stehen die Verflechtungen zwischen der Schweiz und Südostasien. Um diese Vernetzungen darzulegen untersucht Zangger die Geschichte von Schweizern, die im Rahmen der ersten Globalisierung (Mitte des 19. Jahrhunderts) bis zur Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre in Südostasien tätig waren. Durch die Verbindung migrations- und wirtschaftsgeschichtlicher Ansätz erhofft er damit einen Beitrag zur „Globalgeschichte aus Schweizer Sicht“ beitragen zu können. (S. 32)

Seine Arbeit basiert auf drei größeren Themenblöcken, die dann auch die Gliederung des Buches bestimmen: Kaufleute im kolonialen Singapur (S. 41-167), Ausländer in der Plantagenkultur Ostsumatras (S. 169-286) und Vernetzung und Verflechtung (S. 187-432). Es folgt das Schlusswort (S. 433-442). Alle Kapitel werden mit einer Einleitung eröffnet und die zwei ersten schließen mit einem zusammenfassenden Fazit.

Im ersten Kapitel wird dem Leser sehr quellennah ein Einblick in den Aufbau und die Gestaltung von Handelsverbindungen des schweizer Textilhandels mit Singapur und Sumatra geboten. Wie diese zustande kamen, welche Kriterien für Handelsplatz und Wahl der Geschäftspartner angelegt und wie die Art der Vertriebsform entschieden wurde, rekonstruiert Zangger am Beispiel einiger Ostschweizer Textilproduzenten (wie P. Blume & Jenny, Raschle & Co, Mathias Naef) und schweizer Handelshäuser (v.a. Diehelm & Co). Der Leser erfährt, dass schweizer Kaufmänner zwar mehrheitlich mit europäischen Partnern zusammen arbeiteten und oftmals – auch als Karriereschritt – in deren Handelshäusern tätig waren, sich allerdings in Ihren sozialen Aktivitäten auf schweizerisch-deutsche Gemeinschaften und Clubs beschränkten. Was Zangger mit der Rückkehrabsicht der meisten schweizer Kaufleute in die Schweiz erklärt. In seinen Ausführungen macht der Autor auf die Bedeutung sozialer Kontrolle durch Klatsch und das Vorhandensein von Vertrauen für die transnationalen Geschäftsbeziehungen aufmerksam.

Im zweiten Teil untersucht Zangger die (Sonder-) Position der schweizer Pflanzer in der Plantagenkultur Südostasiens. Dabei belegen seine Ausführungen, dass die schweizer Pflanzer insbesondere durch ihre Position am Rand, trotz offizieller Distanzierung zur Kolonialmacht, gerade durch ihre Forderungen nach kolonialem Schutz und weitreichender Landnahme an der Ausbreitung des Kolonialismus entscheidend mitwirkten. Als Motiv der ersten Schweizer sich überhaupt im Plantagengeschäft zu beteiligen sieht er vor allem das Ziel schnell einen großen Gewinn machen zu können und sich dann ein Leben in Wohlstand einzurichten (S. 203). An einzelnen Fallbeispielen werden auch hier Motivationen und Arbeitsalltag von Pflanzern und Assistenten beleuchtet.

Um Vernetzungen und Verflechtungen der Schweiz mit Südostasien geht es im dritten Teil des Buches. Zunächst widmet sich Zangger der Versicherungsbranche, um Rückwirkungen des transnationalen Handels auf die schweizer Versicherungslandschaft aufzuzeigen. In einem weiteren Kapitel steht die Frage nach schweizer Kapital in Südostasien im Fokus der Untersuchung. Wie beschafften sich die Pflanzer das notwendige Kapital und wer waren die Geldgeber? Dabei belegt Zangger, dass sich die erste Generation von Pflanzer, die auch als „Glücksritter“ bezeichnet werden, zunächst über ihre Familienstrukturen finanzierten, die Krise Ende des 19. Jahrhunderts jedoch die Notwendigkeit mit sich brachte Plantagengesellschaften in Aktiengesellschaften zu formieren. So zeigen auch diese Ausführungen wie auch beim Aufbau von Handelskontakten (Erster Teil des Buches) das Spezifische des transkontinentalen Handels: es sind lange dauernde Prozesse, die von engen familiären und regionalen Netzwerken ausgehen und zunehmend nationale und transnationale Dimensionen erreichen.

Sehr enge Vernetzungen und Verflechtungen legt Zangger auch im dritten Beispiel für die Zirkulation von Wissen, Forschern und Objekten zwischen der Schweiz und den Niederlanden bzw. deren Kolonien offen. In seinem letzten Unterkapitel widmet sich Zangger der Vernetzung der migrierten Schweizer. Da sich die Schweizer in Singapur und Sumatra nicht als Auswanderer, sondern als „im Ausland lebende“ (S. 399) verstanden, erforderte ihr Lebensentwurf nicht nur den Aufbau neuer Strukturen im Ausland, sondern ebenso den Erhalt alter Beziehungen in der Schweiz und die Pflege der schweizer Kultur im Ausland, so dass eine Rückkehr überhaupt möglich werden konnte. Zangger schlussfolgert, dass bei der Schweiz als Land ohne Kolonien viel stärkere Rückwirkungen durch die Migration auf das Mutterland zu verorten sind als dies bei imperialen Nationen der Fall ist (S. 441). Als weiteres Spezifikum der Schweiz sieht er, dass sich die Schweizer überall ihre Nischen suchten ohne dabei auf die Unterstützung durch den eigenen Staat zurückgreifen zu konnten, was wiederum einen hohen Grad an „kultureller Versatilität“ von den Schweizern erforderte (S. 442). Sie mussten andere Sprachen lernen, sich vor Ort vernetzen und sich an die Gewohnheiten der dominierenden Gruppe anpassen.

Die Studie zeigt, dass eine große Anzahl von Schweizern über einen längeren Zeitraum hinweg in Südostasien verschiedenen Tätigkeiten nachging und dass viele Unternehmen, wirtschaftliche Interessensverbände und akademische Institutionen die dadurch entstandenen Verbindungen für ihre eigenen Interessen nutzten. Trotz der schweizer Außenseiterposition im wirtschaftlichen Verhältnis zu den Kolonisatoren profitierten sie von kolonialen Rahmenbedingungen und der jeweiligen Kolonialregierung. Zudem trugen die Schweizer nicht nur das koloniale System mit, sondern halfen auch mit das Kolonialregime aufzubauen bzw. zu erweitern. So waren Schweizer durchaus an der konkreten Realisierung kolonialer Herrschaft beteiligt und nutzten die rechtlichen Privilegien, die ihre Position in der kolonialen Gesellschaft mit sich brachten. Als Angehörige der europäischen Oberschicht waren sie schließlich Teil der kolonialen Kultur.

Kritisch anzumerken wäre an dieser Stelle noch, dass sich die Studie streckenweise in sehr detaillierten Schilderungen von Entwicklungen einzelner Unternehmen verliert und manchmal weniger mehr gewesen wäre. Andererseits geben die Auszüge aus Briefen von schweizer Kaufleuten einen sehr interessanten Einblick in das Sozialleben mit seinen Vorzügen und Problemen, eben auch gerade als Schweizer in Kolonien unter fremder Kolonialherrschaft zu leben und zu arbeiten. Neben einigen Schreibfehlern und der Uneinheitlichkeit bei den Literaturangaben verwundern insbesondere die beiden Veweis auf Wikipedia (S. 17 und 47). Sollte man doch meinen, dass bei einer wissenschaftlichen Arbeit auf seriösere Nachschlagewerke zurückgegriffen wird.

Trotz dieser kleinen Mängel, bietet die vorliegende Studie einen interessanten und weitgefächerten Blick auf die Tätigkeit von Schweizern im kolonialen Wirtschaftssystem und den diversen Rückwirkungen auf ein Land ohne Kolonien. Damit hat Zangger einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Kolonial- bzw. Globalgeschichte der Schweiz geliefert.

Anmerkung:
[1] Ruth Hagen, Expeditionen in den „dunklen Kontinent“. Die geographischen Gesellschaften der Schweiz und die wissenschaftliche Erforschung Afrikas, Bern 2003; Thomas David / Bonda Eternad u.a., Schwarze Geschäfte. Die Beteiligung von Schweizern an Sklaverei und Sklavenhandel im 18. und 19. Jahrhundert, Zürich 2005; Andrea Franc, Wie die Schweiz zur Schokolade kam. Der Kakaohandel der Basler Handelsgesellschaft mit der Kolonie Goldküste (1893-1960), Basel 2008; Patrick Minder, La suisse coloniale. Les représentations de l’Afrique et des Africaines en Suise au temps des colonies (1880-1939), Bern 2001; Patricia Purtschert (Hrsg.). Postkoloniale Schweiz. Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien, Bielefeld 2012.

ZitierweiseDorothee Rempfer: Rezension zu: Zangger, Andreas: Koloniale Schweiz. Ein Stück Globalgeschichte zwischen Europa und Südostasien (1860-1930). Bielefeld 2011, in: H-Soz-Kult, 19.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=17795>.

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