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Zeitgeschichte (nach 1945)

J. Isaac: Working Knowledge

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Eckhardt Fuchs <fuchsgei.de>
Autor(en):
Titel:Working Knowledge. Making the Human Sciences from Parsons to Kuhn
Ort:Cambridge, Mass.
Verlag:Harvard University Press
Jahr:
ISBN:978-0-674-06574-1
Umfang/Preis:314 S.; € 39,47

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Julian Bauer, Universität Konstanz
E-Mail: <julian.baueruni-konstanz.de>

„I had this extraordinary experience [...] of being asked by Conant to assist in his course. Who the hell wouldn’t have taken the chance to work with Conant for a semester? [...]
Here I was [...] being asked to go out and do a case study on history of mechanics for this course? Wow! [...] So I started preparing for the course, that got me to the reading of Aristotle, and I taught with Conant [...] for one semester. At the end of that time I knew what I wanted to do. I wanted to teach myself enough history of science to establish myself there in order to do the philosophy. [...]
[A]t this time there was no Department of History of Science at Harvard. [...] There really wasn’t a group [...] I could have learned a lot of data from Sarton but I wouldn’t have learned any of the sorts of things I wanted to explore.“[1]

In diesem Zitat Thomas Kuhns klingen wesentliche Themen von Joel Isaacs meisterhafter Monographie mit dem Titel „Working Knowledge. Making the Human Sciences from Parsons to Kuhn“ an. Isaac rekonstruiert im Sinne einer Mikro- und Praxisgeschichte des Wissens[2] die dinglichen, lokalen Bedingungen der Genese sozial- und geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse an der Harvard University im 20. Jahrhundert. Neben Kuhn beleuchtet Isaac zu diesem Zweck sowohl Personen wie Percy Williams Bridgman, Talcott Parsons und W. V. O. Quine als auch Institutionen wie den Harvard Pareto Circle, die Society of Fellows oder das Department of Social Relations. Isaacs Kernanliegen besteht darin, durch eine tiefgehende Historisierung zentraler Gründungstexte der Humanwissenschaften die polemischen Frontstellungen der jüngeren ‚science wars‘ zu durchbrechen.[3]

Zu den Hauptergebnissen zählen folgende drei Einsichten:

1. Die wissenschaftsphilosophischen Positionen in Harvard zwischen 1920 und 1960 liegen quer zu gängigen Periodisierungen der Theoriegeschichte, die Formalisten gegen Hermeneutiker, Positivisten gegen Metaphysiker usw. ausspielen, und zeichnen sich durch bislang unterschätzte praktische und pädagogische Bezüge aus.

2. Philosophiehistorisch knüpfen die nordamerikanischen Autoren an pragmatische und konventionalistische Strömungen des späten 19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts an und überführen diese Tendenzen in praxisorientierte, konstruktivistische Epistemologien, wie zum Beispiel Bridgmans Operationalismus.

3. Ein zentraler Faktor der Entwicklungen ist die lokale, institutionell dynamische Situation. Sämtliche Akteure nehmen an offenen Arbeitsgruppen und Diskussionszirkeln teil, arbeiten an disziplinär uneingeschränkten Orten oder wirken an fächerübergreifenden Initiativen mit, die ein Denken jenseits eingefahrener Spezialgebiete ermöglichen und fördern – freilich ohne es direkt kausal zu bedingen. Isaac nennt diesen losen organisatorischen Nexus „interstitial academy“ (ungefähr: ‚Akademie des Zwischenraums‘; siehe beispielsweise S. 23).

Neben zwei rahmenden Kapiteln, die sich kritisch mit den ideologisch aufgeladenen Erzählungen polarer Wissenschaftskulturen auseinandersetzen, besteht das Buch aus sechs chronologischen Hauptkapiteln, die eng aus Primär- und Archivmaterialien sowie einem breiten Fundus einschlägiger Forschungsliteratur entwickelt werden. Das erste Kapitel erörtert die universitätsgeschichtlichen Hintergründe der ‚interstitial academy‘ seit 1800. Isaac arbeitet heraus, inwiefern Harvard vornehmlich auf äußeren Druck von verschiedenen Seiten reagiert. In diesem Spannungsfeld agiert Abbott Lawrence Lowell (Präsident von Harvard: 1909–1933), der als erklärter Gegner der Ausdifferenzierung universitärer Forschung ganze Departments auflöst. Am Ende seiner Präsidentschaft hinterlässt Lowell der Universität zwei Millionen Dollar zur Gründung der Society of Fellows. Noch unter der Ägide von James Bryant Conant (1933–1953) ändert sich an diesen Schieflagen vergleichsweise wenig.

Im zweiten Kapitel steht der Biochemiker und Gründer des Paretozirkels Lawrence J. Henderson im Mittelpunkt. Der klangvoll besetzte Arbeitskreis ist für die Geschichte der US-amerikanischen Humanwissenschaften von höchstem Belang. Über die Lektüre Paretos und Hendersons hegemonialer Deutung seiner Schriften verbreitet sich erstens ein formalistisches, pragmatisches und konstruktivistisches Verständnis wissenschaftlicher Forschung, das spätere Klassiker der Sozialtheorie wie „The Structure of Social Action“ (1937) von Talcott Parsons oder William Dickson und Fritz Roethlisbergers „Management and the Worker“ (1939) prägt. Zweitens nutzt der vorzüglich vernetzte Henderson weitere Kanäle, um seine Vorstellungen tief in den Organisationsstrukturen Harvards zu verankern. Dazu zählen sowohl die Society of Fellows als auch die Graduate School of Business Administration und vor allem das Curriculum des Harvard College. Seit den mittleren 1930er-Jahren unterrichtet Henderson einen Kurs „Sociology 23“, dessen spätere Bezeichnung, „Concrete Sociology: A Study of Cases“, auf eines der stärksten Resultate des Buchs hinweist: Henderson arbeitet in der Veranstaltung mit einem fallbasierten Ansatz, der auf die an der Law School um 1870 durchgesetzten Reformen der Anwaltsausbildung zurückgeht und wenig später zuerst in der Medical School sowie nach 1918 in der Graduate School of Business Administration aufgegriffen wird. Im Umgang mit Fallbeispielen konvergieren, so Isaac, nicht bloß Lehre, Forschung und Professionalisierungsprozesse, sondern hier kristallisiert sich die mikrohistorische Genealogie des kuhnschen ‚Paradigmas‘ heraus. Conant übernimmt diese Herangehensweise in der Nachkriegszeit im Rahmen von wissenschaftshistorischen Einführungskursen, die er gemeinsam mit Thomas Kuhn anbietet. Kuhn verewigt die Arbeit an Fällen schließlich im Begriff des Paradigmas in „The Structure of Scientific Revolutions“ (siehe auch vertiefend, zum Teil fast editionsphilologisch Kapitel 6, S. 191–226).

Weniger auf lokalgeschichtlicher als auf theoriehistorischer Ebene funktionieren die folgenden zwei Kapitel. Im dritten Teil rekonstruiert Isaac die Rezeption des Operationalismus von Bridgman innerhalb der nordamerikanischen Psychologie. Isaac kann zwar nachweisen, dass die ersten Impulse von Stanley Smith Stevens ausgehen, einem Günstling Edwin G. Borings aus Harvard, jedoch die weitere Debatte von anderen Akteuren und Universitäten maßgeblich bestimmt wird. Das vierte Kapitel rückt die frühe Laufbahn W. V. O. Quines in den Fokus. Ein Teilaspekt dieser Vorkommnisse bildet das Schicksal des ehemaligen Wiener Kreises.[4] Weist dieser Nebenschauplatz bereits eine nationale Reichweite auf, so eignet sich auch Quines intellektuelle Biographie kaum für eine rein ortsbezogene Argumentation, insofern als dass die wichtigsten Weichen seiner Philosophie in den Lehrjahren am Oberlin College gestellt werden. Man sieht in diesem Kapitel nicht, wie Kräfte, oder auch: Zufälle, in Harvard Wissenschaftler prägen, sondern eher, wie Quine mal in Ignoranz, mal unter Zuhilfenahme lokaler Gegebenheiten zielstrebig an der eigenen Karriere arbeitet.

Das fünfte Kapitel schildert den Aufstieg und Zerfall des Carnegie Project on Theory (1949–1950). Zwei Ergebnisse ragen hervor: So beschreibt Isaac im ersten Schritt, wie unterhalb landesweiter Veränderungen Verbindungen und Verhaltensweisen aus dem hendersonschen Paretokreis in einer informellen Arbeitsgruppe, den „Levellers“, fortgeführt werden und in der Gründung des Department of Social Relations münden. Dieser Zusammenhang bildet zugleich eine schwere Hypothek, da es den Führungsmitgliedern nicht gelingt, die theoretischen Schnittpunkte aus der informellen Sphäre in ein fest institutionalisiertes Lehr- und Forschungsprogramm umzuwandeln. Eine zweite Argumentationslinie des Kapitels verfolgt die materielle Praxis soziologischer Theoriebildung bei Parsons. Isaac stellt einleuchtend heraus, dass Tabellen und Diagramme – besonders prominent in Form der „pattern variables“ – nicht abstrakte Theorien lediglich illustrieren, sondern verkörpern, mit Evidenz versehen und forcieren.

Gibt es dennoch Schwächen im Buch? Das lokalhistorische Kalkül Isaacs geht, denke ich, erstens nicht an allen Stellen auf. Die externen Einsätze in den Debatten über Bridgmans Operationalismus und die Rückwirkungen von außen auf die ‚interstitial academy‘ im Falle Quines sind hier zu nennen; vergleichbare Überlegungen zu Henderson, Parsons oder Kuhn wären wünschenswert. Zweitens werden die Geschichten Isaacs meist von großen und aufstrebenden Männern vorangetrieben. Es gibt wenig heterodoxe Figuren und es fehlt eine diskursgeschichtliche Sensibilität, die es ermöglichen könnte, eine Geschichte des Sag- und Denkbaren zu betreiben, die nicht sämtliche Handlungen als kühl kalkulierte Schachzüge erscheinen lässt. Drittens ließe sich so die Frage beantworten, wie weit die Wurzeln vieler Geschehnisse ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Ernst Mach, Henri Poincaré oder William James geistern durch alle Kapitel, werden allerdings nur flüchtig besprochen. Handelt es sich aber bei Persönlichkeiten wie Henderson, Conant oder B. F. Skinner womöglich um letzte Ausläufer dieses älteren Gelehrtentypus bzw. seither gängiger Sprechweisen?

Dadurch wird der große Gewinn der Studien Isaacs schwerlich geschmälert. Das Buch zeigt sowohl, dass viele der großen Theoriegebäude des 20. Jahrhunderts einem spezifischen institutionellen Arrangement entspringen und einer intellektuellen Konjunktur folgen, als auch, dass sie in konkreten epistemischen und pädagogischen Praktiken wurzeln. Wer sich fragt, was Theorie war oder, allgemein, wie Geschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften zu schreiben ist, findet zahlreiche quellennahe, bestechende Antworten bei Joel Isaac.

Anmerkungen:
[1] Aristides Baltas / Kostas Gavroglu / Vassiliki Kindi, A Discussion with Thomas S. Kuhn [1997], in: Thomas S. Kuhn, The Road Since Structure. Philosophical Essays, 1970–1993, with an Autobiographical Interview, hrsg. V. James Conant und John Haugeland, Chicago 2000, S. 255–323, 273f. (Abs. 1), 275f. (Abs. 2), 281f. (Abs. 3).
[2] Siehe z.B. Peter Becker / William Clark (Hrsg.), Little Tools of Knowledge. Historical Essays on Academic and Bureaucratic Practices, Ann Arbor 2001; Frederic L. Holmes / Jürgen Renn / Hans-Jörg Rheinberger (Hrsg.), Reworking the Bench. Research Notebooks in the History of Science, Dordrecht 2003; Lorraine Daston (Hrsg.), Things that talk. Object Lessons from Art and Science, New York 2004.
[3] Siehe zu diesem Thema äußerst urteilsfreudig John H. Zammito, A Nice Derangement of Epistemes. Post-Positivism in the Study of Science from Quine to Latour, Chicago 2004, und die ausgewogenere Fallstudie von Philipp Sarasin, Darwin und Foucault. Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie, Frankfurt am Main 2009, sowie jüngst die Skizzen in Ulrich Raulff / Stephan Schlak (Hrsg.), Droge Theorie (= Zeitschrift für Ideengeschichte, Bd. 6.4), München 2012.
[4] Siehe dazu weiterführend George A. Reisch, How the Cold War Transformed Philosophy of Science. To the Icy Slopes of Logic, Cambridge 2005.

ZitierweiseJulian Bauer: Rezension zu: Isaac, Joel: Working Knowledge. Making the Human Sciences from Parsons to Kuhn. Cambridge, Mass. 2012, in: H-Soz-u-Kult, 26.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-072>.

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