1 / 1 Rezension

Europäische Geschichte

T. Kinnunen u. a. (Hrsg.): Finland in World War II

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Alexander Korb <ak368le.ac.uk>

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedensforschung. (Redaktionelle Betreuung: Alexander Korb und Christoph Laucht) www.akhf.de/

Titel:Finland in World War II
Reihe:History of Warfare 69
Herausgeber:Kinnunen, Tiina; Kivimäki, Ville
Ort:Leiden
Verlag:Brill Academic Publishers
Jahr:
ISBN:978-9-00420-894-0
Umfang/Preis:608 S., 38 Abb. und Karten; € 177,00 / $ 243.00

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von:

Jan Hecker-Stampehl, Nordeuropa-Institut, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <Jan.Hecker-Stampehlstaff.hu-berlin.de>

Wer sich mit der Geschichte Finnlands nicht häufiger auseinandersetzt, mag den Titel dieses Sammelbandes kaum als außergewöhnlich empfinden. Gleichwohl bricht er mit einer bis heute präsenten Interpretation: Die bereits im Krieg vorgebrachte Sonderkriegsthese sollte glauben machen, die Finnen seien nicht Teil des globalen Kriegsgeschehens, sondern spielten eine besondere Rolle. In der Tat: Die Verwicklung Finnlands in den Zweiten Weltkrieg weist mehrere Eigenheiten auf. Finnland kämpfte im Winterkrieg zwischen November 1939 und April 1940 allein gegen die UdSSR, nach dem so genannten Zwischenfrieden ab Juni 1941 an der Seite des Deutschen Reichs gegen die Sowjetunion (in Finnland als „Fortsetzungskrieg” bezeichnet), sowie 1944/45 im so genannten Lapplandkrieg allein gegen Deutschland, um die Wehrmachtstruppen zu vertreiben, wie eine der Auflagen des Waffenstillstands mit der UdSSR vom September 1944 lautete. Finnland wurde nicht okkupiert und nicht zur sozialistischen Volksdemokratie (letztlich auch, weil für Stalin der „Wettlauf nach Berlin” wichtiger war). Dieser Band ordnet das Geschehen in und um Finnland stärker in den Gesamtzusammenhang des Zweiten Weltkriegs ein und bezieht dabei verschiedenste Ansätze mit ein. Wie allein schon der Abschied von der üblichen Periodisierung andeutet, sind die Autoren keineswegs gewillt, die traditionelle Sichtweise einfach fortzuschreiben, sondern geben durchweg Anlass zur Diskussion. Wie kontrovers diese ausfallen wird, bleibt abzuwarten. Die Mehrzahl der Beiträge analysiert Finnlands Lage aus ideologiekritischer, sozialgeschichtlicher oder historiographiegeschichtlicher Perspektive. Hinzu kommen Überblicksbeiträge und Analysen der Beziehungen zu den Großmächten aus dem Blickwinkel der neuen Diplomatiegeschichte. Die Erinnerungskultur spielt eine weitaus größere Rolle als die militärische Faktengeschichte. Statt die einzelnen Beiträge hier zu referieren, sollen die Kernaussagen des Bandes zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden.

Der trotz Verlusten glimpflich ausgegangene Winterkrieg wurde durch seine einigende Wirkung und das „Wunder”, dem großen Nachbarn Einhalt geboten zu haben, zum Gründungsmythos der finnischen Nachkriegsrepublik. Das komplizierte Verhältnis zur Sowjetunion im Kalten Krieg verhinderte aber über Jahrzehnte eine Auseinandersetzung mit den Schattenseiten des Krieges. Erst in den letzten Jahren hat die Forschung die Kooperation mit dem „Dritten Reich” einer kritischeren Prüfung unterzogen und anerkannt, dass der nordeuropäische Kleinstaat Teil eines globalen Konflikts war. Die zu Beginn der Operation Barbarossa noch virulenten Eroberungspläne zur Schaffung eines „Groß-Finnlands”, die Auslieferung zahlreicher Kriegsgefangener an das Deutsche Reich, Erschießungen sowjetischer Kriegsgefangener, die Frage, inwiefern das westlich-demokratische Regime in Finnland doch von der Kooperation mit der NS-Diktatur korrumpiert wurde – damit wären allein die wichtigsten neuen Themen genannt, die hier auch in verschiedenen Aufsätzen behandelt werden.

Es wird deutlich, dass Finnland in deutschen Augen durchaus erheblichere Bedeutung beigemessen wurde, als gemeinhin angenommen. Finnland genoss privilegierten Status unter Hitlers Verbündeten, die Finnen wurden als moralisch und rassisch höherwertiger als die osteuropäischen Vasallen angesehen. Der Mythos des Winterkriegs wirkte sich auch auf die deutsche Wertschätzung der finnischen Streitkräfte aus. Die Wehrmacht war zudem in Finnland nicht Besatzungsarmee, sondern Waffenbruder, wie man die (niemals völkerrechtlich fixierte) Zusammenarbeit nannte. Die bis zum Lapplandkrieg guten Beziehungen zwischen deutschen Soldaten und finnischer Zivilbevölkerung sind in dieser Hinsicht bemerkenswert. Weitgehend unbearbeitet sind Themen wie die lange verschwiegene Traumatisierung der Zivilbevölkerung und der Frontsoldaten, aber auch der evakuierten Kinder und Jugendlichen; ebenso neu ist die Deutung der Kriegszeit als Experimentierfeld für den nach dem Krieg geschaffenen Wohlfahrtsstaat. Ein gewisser Schwerpunkt liegt auf der wissenschaftshistorischen Aufarbeitung und deren Rezeption in der Öffentlichkeit, mediale Diskurse oder künstlerische Aufarbeitungsprozesse werden allenfalls gestreift. Eine gesellschaftskritische Deutung der Folgen des Krieges würde interessantes Potenzial bieten: Die nach wie vor hohe Wertschätzung des Militärs und der Wehrpflicht, das lange durch Heroisierung und soldatische Werte geprägte Männlichkeitsbild oder auch die Frage, die Überhöhung des Kriegs als Verteidigungskampf für die finnische Selbstständigkeit bei gleichzeitiger Verdrängung der zeitweilig geführten Expansionspolitik. Es gehört bei einer Rezension natürlich dazu, auf etwaige blinde Punkte oder Übersehenes hinzuweisen. Dennoch sei gesagt, dass es mehr als genug an neuen Sichtweisen, bisher unbearbeiteten Themen und Neukontextualisierungen in diesem Band gibt.

Finnland gelang es, sich noch vor Kriegsende vom Deutschen Reich zu lösen. Den Ausgang des Winterkriegs hatte man mit dem Euphemismus „Verteidigungssieg“ umschrieben: Es war gelungen, die Rote Armee lange genug hinzuhalten, um einer Okkupation zu entgehen. Der „Fortsetzungskrieg” endete ebenfalls mit der Wahrung der Selbstständigkeit, des höchsten Gutes des jungen Nationalstaates. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wurde aber lange durch den Winterkrieg und dessen patriotische Deutung bestimmt. Die Kriegsschuldigenprozesse, die von der sowjetisch dominierten alliierten Kontrollkommission (die es auch ohne Besetzung gab) angestrengt wurden, lehnten weite Teile der Bevölkerung ab. Die Erinnerung wurde anfangs durch die Sicht der Veteranen geleitet, die den Krieg als heldenhaften Überlebenskampf stilisierten. Dieser Blick des einfachen Soldaten wurde von Literatur und Wissenschaft noch weiter verstärkt, etwa durch die so genannte Treibholztheorie, laut der die Kriegswirren das kleine Finnland wie ein Stück Treibholz in den Mahlstrom des Kriegs mitgerissen hätten. Wie im Fall Deutschlands kamen wichtige Impulse für eine kritische Aufarbeitung von außen, und auch hier wesentlich von amerikanischen Historikern. Nach zunehmenden Kontroversen über die Deutung des Kriegs in den folgenden Jahrzehnten machte sich nach dem Ende des Kalten Krieges zunächst wieder eine neopatriotische Interpretation breit. Die lange Zeit des Schweigens gerade über den Fortsetzungskrieg war vorüber. Erst in der jüngsten Zeit hat man in der Öffentlichkeit Schuldfragen und negative Aspekte stärker diskutiert.

Wie wohl in keinem anderen Land, das zur Verliererseite des Zweiten Weltkriegs gehörte, ist der Krieg nach wie vor so positiv besetzt. Gleichzeitig überlagert er die Erinnerung an andere Phasen der finnischen Geschichte. Am finnischen Nationalfeiertag, der auf die Unabhängigkeitserklärung am 6.12.1917 rekurriert, wird kaum des eigentlichen Ereignisses, sondern vielmehr der Verteidigung der nationalen Souveränität im Zweiten Weltkrieg gedacht. Die Durchhaltekraft und Zähigkeit der finnischen Soldaten wird von vielen als Manifestierung der besten nationalen Qualitäten verstanden. Dass Finnland ab 1941 an der Operation Barbarossa teilnahm, einen aggressiven Eroberungskrieg an der Seite des Deutschen Reiches führte und Besatzungsmacht im sowjetischen Teil Kareliens war, steht dabei nicht im Mittelpunkt. Finnische Wissenschaftler versuchten, die kulturelle und ethnische Verbundenheit dieser Landschaft mit Finnland durch Feldforschungen zu untermauern. Der sowjetische Teil Kareliens sollte mit dem in Finnland gelegenen Teil zusammengefasst und „ethnisch homogenisiert” werden. Die Zwangsinternierung der lokalen Bevölkerung und die Versuche, sie zu finnisieren, waren von einer seit dem 19. Jahrhundert existierenden Fixierung auf Karelien als Wiege der finnischen Kultur geleitet. Von all diesen und vielen anderen Dingen wollte man lange Zeit nichts wissen. Das Überleben des kleinen Finnland im Kalten Krieg wurde gewissermaßen als verlängerte Nachkriegszeit empfunden, in der es galt, die schon in den Kriegsjahren bedrohte Souveränität weiterhin zu verteidigen. An dem patriotischen Bild vom Krieg wollte man daher keine Kratzer zulassen.

Die Autorinnen und Autoren des Bandes stammen allesamt aus der finnischen Forschungslandschaft, der einzige ausländische Autor hat seine Dissertation an der Universität Helsinki angefertigt und verteidigt. Internationale Perspektiven fehlen indes nicht, auch wenn man sich für künftige Arbeiten stärker transnationale Ansätze wünschen könnte. Die Autorinnen und Autoren gehen durchweg kritisch zu Wege und stellen viele unbequeme Fragen. Erfreulich ist die große Anzahl jüngerer Forscherinnen und Forscher, die Beiträge basieren überwiegend auf eigenen Forschungsarbeiten. Es gibt zwar einige „etablierte“ Namen unter den Autorinnen und Autoren, doch sind die meisten Beiträge aus dem Feld der Nachwuchsforschung. Dass Vertreter der jüngeren Forschungsgeneration mit einem so prominent platzierten Band so früh internationale Aufmerksamkeit erhalten, ist sehr zu begrüßen, zeigt aber auch auf, dass die Forschung zu Finnlands Schicksal im Zweiten Weltkrieg insgesamt im Umbruch ist. Man muss nicht unbedingt das Wort vom Paradigmenwechsel bemühen. Eher handelt es sich um das Ergebnis einer im Laufe des letzten Jahrzehnts zunehmend kritischeren Sicht auf die Kriegszeit. Die Aufsätze dieses Bandes stellen derzeit die Höhe der Forschung zu diesem Themenkomplex im Sinne einer Re-Interpretation dar, sie lösen sich von lange etablierten Deutungen. Überzeugend ist die Integration erinnerungskultureller Methoden. Es ist schlüssig und begrüßenswert, den Band in englischer Sprache zu publizieren. Allerdings stellt sich die Frage, ob viele potenzielle Leserinnen und Leser in Finnland dieses Werk als eines abtun, das sich eben nicht an sie richtet. Das wäre ob des Potenzials, das dieser Band zu einer umfassenden kritischen Neubewertung der finnischen Politik im Zweiten Weltkrieg in sich birgt, fatal. Der Verbreitung des Bandes steht jedoch vor allem der skandalös hohe Preis von 177 Euro entgegen. Dieser ist das größte Ärgernis bei diesem inhaltlich vollauf überzeugenden Band.

ZitierweiseJan Hecker-Stampehl: Rezension zu: Kinnunen, Tiina; Kivimäki, Ville (Hrsg.): Finland in World War II. Leiden 2011, in: H-Soz-u-Kult, 24.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-055>.

Copyright (c) 2013 by H-Soz-u-Kult (H-Net) and Arbeitskreis Historische Friedensforschung, all rights reserved.
This work may be copied for non-profit educational use if permission is granted by the author and H-Soz-u-Kult. Please contact hsk.redaktiongeschichte.hu-berlin.de.

 
1 / 1 Rezension