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Mittelalterliche Geschichte

A. Fischer: Karl Martell

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Lioba Geis <lioba.geisuni-koeln.de>
Autor(en):
Titel:Karl Martell. Der Beginn karolingischer Herrschaft
Reihe:Urban Taschenbücher 648
Ort:Stuttgart
Verlag:Kohlhammer Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-17-020385-3
Umfang/Preis:278 S.; € 24,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Monika Suchan, Fachbereich Geschichte und Soziologie, Universität Konstanz
E-Mail: <monika.suchanuni-konstanz.de>

Karl Martell scheint dem Gedächtnis der Nachwelt in einem Maß präsent zu sein, wie es für einen Menschen des Frühmittelalters sehr ungewöhnlich ist. Der mit seiner Person verbundene Schlachtenerfolg gegen die Sarazenen bei Tours und Poitiers im Jahr 732, der das weitere Vorrücken des Islams nach Norden zum Stillstand brachte und der ihm den Beinamen Martell, der „Hammer“, eintrug, bietet offensichtlich bis heute ein attraktives Angebot, aus der abendländischen Perspektive Identität in Europa historisch zu verankern. Karl jedenfalls stieg zum mächtigsten Fürsten des Kontinents auf, begründete die Dominanz seiner Familie, der mit dem nach ihm benannten Enkel Karl dem Großen als „Karolinger“ bekannten Dynastie, und legte auf diese Weise auch einen wichtigen Grundstein für die Hegemonie des Frankenreiches, die wiederum die spätere Gestalt Europas maßgeblich beeinflusste. Trotzdem suchte man in der deutschsprachigen Literatur bis zum Buch von Andreas Fischer beinahe über 150 Jahre vergebens nach einer Monografie; eine englische Darstellung aus der Feder von Paul Fouracre (2000)[1] sowie ein Sammelband (1994)[2] bieten zwar anspruchsvolle Ansätze und Analysen, spiegeln aber aufgrund ihrer Ausnahmestellung die fachwissenschaftliche Lücke umso deutlicher.

Diese zu schließen ist das erklärte Anliegen Fischers. Die Erkenntnisse, die die einzelnen Studien über Karl Martell bieten, und die gesicherten wie die umstrittenen Thesen der aktuellen Forschung sollen zusammengefasst und auf der Grundlage der einschlägigen Quellen präsentiert werden. Dabei will Fischer Karls spezifische Art zu regieren, „Herrschaft“ auszuüben, herausarbeiten. Der fränkische Hausmeier hielt zweifelsfrei ein bereits nach damaligen Maßstäben großes Reich zusammen. Darin offenbart sich natürlich auch Persönlichkeit, ohne dass dabei für Karl – und das gilt aufgrund der unzureichenden Quellen bekanntlich für alle Menschen des Frühmittelalters – eine „Charakterstudie“ (S. 12) entworfen werden könnte, wie Fischer betont. Da man also eine Biografie im engeren Sinn eigentlich gar nicht schreiben kann, bettet er, um trotzdem „die Frage zu beantworten, welche Rolle Karl Martell als Gestalter der Ereignisse“ spielte (ebd.), seinen Gegenstand in die Strukturen des Frankenreiches sorgfältig ein.

Fischer gelingt dieser durch die Verlagskonzeption vorgegebene Spagat, eine historische Persönlichkeit in ihrer Zeit zu konturieren, für die ein nach unserem Verständnis dafür ausreichender Quellenfundus nicht vorhanden ist, dort, wo es um „Herrschaft“ geht. Diese ist für ihn Gegenstand und methodisches Paradigma zugleich, um Karl Martell als Führungspersönlichkeit seiner Zeit zu präsentieren. Fischer befindet sich damit zweifelsfrei auf dem Stand der einschlägigen Forschungen, die sich in der Regel ähnlich präsentieren: „Strukturen der Verfassung“ (S. 41) werden auf frühmittelalterliche Verhältnisse heruntergebrochen, so dass der analytische Fokus auf der Familie sowie den mit ihr vielfältig verknüpften sozialen Netzwerken und den darin geübten Formen politischen Handelns, z.B. der Vergabe von Beute oder Geschenken, Heiraten, Freundschaftsbündnissen, dem Erwerb von Kirchen- und Klosterbesitz sowie der Mission, liegt. Fischer bleibt seinem Vorhaben auch insofern treu, als er Herrschaft als theoretisches Konstrukt nicht weiter diskutiert. Dieses erscheint in seiner Darstellung als gleichsam selbstverständlicher Wissensbestand, den man bei einem interessierten wie durchschnittlichen Leser dieser Reihe offensichtlich voraussetzt, so dass ihn der Autor für den hier relevanten Gegenstand, Karl Martell in seinem historischen Kontext, entsprechend auffüllt.

Fischer zeigt auf der Höhe des aktuellen Forschungsstandes, wie Karl Martell mit den so verstandenen zeitgenössischen Politikinstrumenten Herrschaft ausübte: Indem er Gefolgsleute und Familienangehörige durch die Übertragung von Funktionsstellen wie Bischofs- oder Abtswürden an sich band, sich aber auch für den Schutz kirchlichen und klösterlichen Besitzes engagierte und damit für das eigene Seelenheil vorsorgte. An vielen Stellen des Buches erhalten so die Leserinnen und Leser nützliche Einblicke in die jeweiligen Zusammenhänge, die es ihnen erlauben, die Präsentation Karl Martells als Herrscher, der nicht König war, besser nachzuvollziehen.

Der Aufbau der Darstellung wirkt sich hier ausgesprochen positiv aus. Denn die Gliederung enthält chronologische, strukturelle und vor allem regionale Elemente, wobei letzteres nicht selbstverständlich ist für diese Epoche, aber umso gebotener erscheint, weil die Unterschiede zwischen den Regionen des Frankenreiches enorm ausgeprägt waren und nachhaltig auf die Gesamtentwicklung wirkten. Dieser regionale Schwerpunkt des Buches ist insofern zugleich ein inhaltlicher, als in Kapitel 5 die Regionen chronologisch den „Wellen der Expansion“ des Frankenreiches als Gesamtgebilde zugeordnet werden. Einen zweiten, inhaltlich gewichtigen Block repräsentiert das Kapitel 6 über Karls Verhältnis zur Kirche. Diese Kernabschnitte werden durch systematisch-chronologische Kapitel gerahmt, die sich an den wichtigsten politischen Größen der Zeit, den adligen Netzwerken, orientieren. Über die „politischen Strukturen im Merowingerreich“ (Kapitel 2.1) zu handeln, heißt daher zum einen, Karls Einbindung in familiäre, verwandtschaftliche und soziale Strukturen (Kapitel 2), seine „Herkunft“ im engen Sinn (Kapitel 3) und speziell seinen „Kampf um die Herrschaft“ in der so genannten pippinidisch-karolingischen Sukzessionskrise 714–718/23 (Kapitel 4) zu präsentieren. Zum anderen thematisiert Fischer Karls letzte Herrschaftsjahre „ohne König“ sowie die Regelung der Nachfolge (Kapitel 7). Die abschließenden, resümierenden Kapitel, insbesondere über das „Nachleben“ (Kapitel 8), relativieren dezent, aber eindeutig, was am Bild Karls seit dem Mittelalter über Generationen hinweg verändert und genutzt worden ist, um der jeweils eigenen Zeit Botschaften zu vermitteln.

Allerdings übernimmt Fischer mit dem Herrschaftsbegriff auch dessen ausschließlich profan-historische Dimension, wie es in der einschlägigen Mittelalterforschung Ton angebend ist; demzufolge ist Herrschaftsausübung als Machtausübung des Königs (hier des Königsgleichen) um eines politisch höheren Ganzen Willen zu verstehen. Die Kirchen- und „Klosterpolitik“ Karl Martells wird vom Autor daher vor allem auf dessen Verfügung über Besitz bezogen, so dass die dabei aufgebauten „Sakrallandschaften“ – alles etablierte Termini der Forschung – als Instrumente oder Kennzeichen der Herrschaft Karls ausgewiesen werden. Welche religiösen Dimensionen die Sicherung des Kirchen- oder Klosterbesitzes besaß, wird von Fischer – mit Ausnahme der oben erwähnten Heilssorge – nicht thematisiert. Noch deutlicher wird die Dominanz profan-politischer Fragen in dem wichtigen Kapitel über das Verhältnis zwischen Karl und der Kirche. Hier wird zwar ausführlich die in der Forschung geläufige wie unumstrittene Deutung der Mission des Frankenreiches durch Iren und Angelsachsen im 6. bis 8. Jahrhundert als Instrument von Herrschaft erläutert. Es fehlen jedoch die Hinweise auf die spezifischen Eigenarten der irischen wie der angelsächsischen Religiosität, die erst verständlich machen, warum diese eine politische Rolle spielten. Die Missionare sahen die Karolinger ganz analog zu den Königen ihrer Heimat als Beschützer wie als Vorbilder, die dafür einstanden, dass der Glaube ausgebreitet wurde und Gottes Wille in ihrem Reich Gestalt annahm.

Insgesamt beseitigt Andreas Fischer mit seinem Buch das Desiderat einer Monografie über Karl Martell, die dem aktuellen fachwissenschaftlichen Diskussionsstand entspricht und die Materialbasis für weitere Arbeiten bietet. Die gesetzten Schwerpunkte und die mit ihnen einhergehenden Schwächen sind dem Stand der Forschung geschuldet. Insofern wird der Autor seinen eigenen Ansprüchen gerecht und bleibt dem Leser nichts schuldig.

Anmerkungen:
[1] Paul Fouracre, The Age of Charles Martel, Harlow 2000.
[2] Jörg Jarnut / Ulrich Nonn / Michael Richter (Hrsg.), Karl Martell in seiner Zeit, Sigmaringen 1994.

ZitierweiseMonika Suchan: Rezension zu: Fischer, Andreas: Karl Martell. Der Beginn karolingischer Herrschaft. Stuttgart 2012, in: H-Soz-u-Kult, 31.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-091>.

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