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Europäische Geschichte

P. Messana: Soviet Communal Living

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Robert Kindler <robert.kindlerstaff.hu-berlin.de>
Titel:Soviet Communal Living. An Oral History of the Kommunalka
Reihe:Palgrave Studies in Oral History
Herausgeber:Messana, Paola
Ort:New York
Verlag:Palgrave Macmillan
Jahr:
ISBN:978-0-230-11016-8
Umfang/Preis:geb.; xvi, 168 S.; $ 80.00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Benedikt Vogeler, Sonderforschungsbereich 640, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <vogelebestaff.hu-berlin.de>

Paola Messanas Interviewsammlung „Soviet Communal Living“ ist ein Glücksfall für jeden, der einen Blick in die sowjetische Lebensform der ‚Kommunalka‘ werfen möchte. Sie beleuchtet jene Gemeinschaftswohnung, die nach der Revolution 1917 und der Umverteilung des Wohnraums durch die Bolschewiki in der Sowjetunion zur dominierenden urbanen Wohnform wurde und bis heute vielfach in russischen Metropolen anzutreffen ist. Wer dieses Buch liest, bekommt ein Gefühl dafür, was es bedeutete, mit der gesamten Familie in einer kommunalen Wohnung zu leben, ein einziges Zimmer zu bewohnen und mit Fremden Küche, Bad und Toilette teilen zu müssen. In den 30 Interviews zeigt sich das Inventar einer Kommunalka: Prostituierte, Alkoholiker und Gewalttäter finden in ihr genauso Platz wie Freunde, Familie und Liebhaber. Das Ziel der Autorin, die „Geschichte eines Landes [...] durch die Narrative der Bewohner von Kommunalwohnungen“ (S. 3) zu erzählen, gelingt jedoch nicht. Zu schmal scheint der Grat zwischen Fiktion und Wahrheit, auf dem die einzelnen Befragten in ihren Lebensgeschichten wandeln; zu lose ist das chronologische Band geknüpft, das die einzelnen Erzählungen zusammenhält. Man kann es der französischen Journalistin Messana kaum vorwerfen, aber es stellt sich die Frage, ob hier nicht mehr über ritualisierte post-sowjetische Erinnerungen als über authentische Kommunalkaerfahrungen zu lesen ist.

Die meisten Interviews hat Paola Messana zwischen 1992 und 1995 hauptsächlich in Moskau geführt. Schon 1995 ging aus diesem Material eine erste Veröffentlichung hervor.[1] Bei der hier zu besprechenden Publikation handelt es sich um eine erweiterte Fassung dieser ersten Ausgabe, die um einige im Jahre 2008 geführte Interviews ergänzt wurde.

Was die Kommunalka war und ist, hat seit dem Ende der 1990er-Jahre viele Forscher beschäftigt. Manche Historiker haben in ihr eine Strategie zur Lösung des Wohnraumproblems und ein soziales Disziplinierungsinstrument gesehen.[2] Paola Messanas Beitrag zeigt jedoch, dass die Bedeutung einer Kommunalka vom Kontext abhängt, aus dem ihre Bewohner kommen. Für einen aristokratischen Hausbesitzer, der seit der Revolution seine Wohnung mit fremden Menschen teilen musste, war diese Wohnform eine „tägliche Demütigung“ (S. 11). Für einen einfachen Arbeiter fühlte sich der Einzug in ein Zimmer der bourgeoisen Häuser wie die Ankunft in einem „Palast“ (S. 19) an.

Nicht nur der Kontext der Bewohner, sondern auch der zeitliche Rahmen ist wichtig für die Kommunalkaerfahrungen. So wird in einer Episode deutlich, dass man 1963 für das Basteln einer Toilettensitzunterlage aus einer Zeitung mit dem Abbild Chruschtschows zwar noch denunziert werden, im darauf folgenden Verfahren aber mit einer gerichtlichen Verwarnung davon kommen konnte. Zwei Jahrzehnte zuvor hätte dieser Vorfall sicherlich anders geendet. Eine stalinistische Kommunalka unterschied sich drastisch von einer Gemeinschaftswohnung zur Zeit Chruschtschows.

Man hört den vielen Stimmen gespannt zu, die den „Kommunalka Blues“ in verschiedenen Variationen darbieten: Von dunkel bis absurd. Dunkel erklingt z. B. die Geschichte einer 75-jährigen Frau, die seit 40 Jahren das gleiche Bad und dieselbe Küche mit jenem Mann teilen muss, dessen Denunziation im Jahr 1937 ihrem Vater den Tod brachte. Absurd erscheint die Erzählung eines blinden Alkoholikerpaares, die Wodka von ihrer Arbeitsstelle in einer Alkoholfabrik schmuggeln, um sich damit in ihrem Kommunalkazimmer derart zu betrinken, dass die Eheleute einander mit der Axt durch Korridor und Treppenhaus jagen.

Die Grundtonart der Erzählungen ist Moll. Daran lassen die kurzen Kapitelüberschriften keinen Zweifel: „The Denunciation“, „Jewish Poison in the Pots“, „The Prostitute“. Mehr noch: „In einer Kommunalka [...] stinkt es.“ (S. 85). Die beschriebenen Gerüche reichen dabei von Kohlsuppe, angebratenen Zwiebeln über frittierten Fisch hin zu stinkenden Schuhen und ungewaschenen Mitbewohnern. Eine Erzählerin konstatiert, dass sie ihre Nachbarn vor allem aufgrund ihres Gestanks verabscheute.

Der Eindruck drängt sich auf, dass die Kommunalka tatsächlich „ein Ort des permanenten Kriegs aller gegen alle“[3] ist, und es kommen nur wenige Erzähler in dem Buch zur Wort, die über anderes als den Hobbes’schen Zustand des „jeder gegen jeden“ zu berichten haben. Nur in ihren Kindheitserinnerungen schreiben sie den Kommunalki mit ihren langen Korridoren und Gemeinschaftsküchen eine andere Bedeutung zu. Spielkameraden, gemeinsame Feste und die Betriebsamkeit in der Gemeinschaftsküche kommen hier zur Sprache. Und wenn von einem KGB-Mitarbeiter die Rede ist, der seine Mitbewohner beim Osterfest und dem gemeinschaftlichen Backen des Osterkuchens ignoriert, dann scheint nicht jede Geschichte zwangsläufig mit einer Denunziation enden zu müssen.

Den historischen Wandel anhand der Lebenszeugnisse der Bewohner nachvollziehbar zu machen, ist das große Verdienst der Publikation. Eine Typologie des kommunalen Wohnraums haben dagegen andere Autoren differenzierter vorgelegt. Bei ihnen lässt sich nachlesen, wie disziplinierend die Toilettenschlange wirkt und wie mittels Trennwänden und Vorhängen selbst in Kommunalki ein Minimum an Privatsphäre geschaffen wird.[4] Einen solchen analytischen Anspruch besitzt „Soviet Communal Living“ nicht, was auch die Herausgeber der Reihe “Studies in Oral History” im Vorwort feststellen: „[It is] less about method and more about the interview process’s ability to capture human interest and dramatize the everyday life that nurtured Soviet communal living“ (S. xi).

Dennoch: Man hätte gern mehr über die Entstehung der Befragungen gelesen, denn ihr genauer Zeitpunkt, Ort und Hintergrund bleiben ungenannt. Vor allem ist der hohe Anteil an interviewten Frauen aus der Intelligenzija auffällig. Dass diese Frauen mit einer dezidierten Sichtweise auf die Kommunalka zurückblicken, wird jedoch an keiner Stelle kritisch reflektiert. Es überrascht daher, dass eine solche kontextuelle Einordnung in einer Reihe fehlt, die sich der ‚Oral History‘ verschrieben hat.

Gemessen an wissenschaftlichen Maßstäben weist Paola Messanas Buch erhebliche Schwächen auf. Gleichwohl wiegt ein solcher Einwand nicht schwer, wenn man ihn an eine Journalistin richtet, die vor rund 20 Jahren den Versuch unternahm, dem Phänomen der Kommunalka im Gespräch mit seinen Bewohnern einen Sinn zu geben. Wichtiger ist wohl die Frage, warum ein Buch nach fast zwei Jahrzehnten ein weiteres Mal veröffentlicht wird, wenn die Neuauflage lediglich um zwei Interviews erweitert wurde. Dafür spricht sicherlich der Umstand, dass mit der englischen Ausgabe ein größeres Publikum erreicht werden kann. Doch hätte man die Chance genutzt und umfangreicheres Material an die Seite der in den 1990er-Jahren durchgeführten Interviews gestellt, wäre auch der Wandel innerhalb des Erinnerungsdiskurses über die Kommunalka abbildbar geworden. Denn eine Frage bleibt offen: Welche Geschichte der Sowjetunion wird erzählt, wenn die Befragten sie zu einer Zeit erzählen, als es die UdSSR schon nicht mehr gab? Dass sich die Narrative von 2008 deutlich von den gesammelten Geschichten der 1990er-Jahre unterscheiden, wird bereits durch die neuen Interviews deutlich. Hier hätte man gerne mehr gelesen.

Ungeachtet dieser Einwände ist Paola Messana für dieses sehr lesenswerte Buch zu danken. Es ermöglicht hinter den Wohnungsverordnungen und Mindestquadratmeterzahlen menschliche Schicksale und Geschichten zu erkennen.

Anmerkungen:
[1] Paola Messana, Kommunalka. Une histoire de l’Union Sovietique a travers l’appartment communitaire, Paris 1995.
[2] Svetlana Boym, Common Places. Mythologies of everyday life in Russia, Cambridge 1995; Ekaterina Gerasimova, Public Privacy in the Soviet Communal Apartment, in: David Crowley (Hrsg.), Socialist spaces. Sites of everyday life in the Eastern Block, Oxford / New York 2002, S. 207–230; Ilja Utechin, Die Wohngemeinschaft als Schicksal. Kommunalwohnungen in St. Petersburg, in: Karl Schlögel u. a. (Hrsg.), Sankt Petersburg. Schauplätze einer Stadtgeschichte, Frankfurt am Main 2007, S. 349–369.
[3] Karl Schlögel, Kommunalka – oder Kommunismus als Lebensform. Zu einer historischen Topographie der Sowjetunion, in: Historische Anthropologie 6 (1998), S. 329–346, hier S. 332.
[4] Ekaterina Gerasimova, Sovetskaja kommunal‘naja kvartira kak social‘nyj institut. Istoriko-sociologičeskij analiz, Petrograd-Leningrad 1917–1991, St. Petersburg 2000; Ilja Utechin, Očerki kommunal‘nogo byta, Moskau 2001; Philipp Pott, Moskauer Kommunalwohnungen 1917 bis 1997. Materielle Kultur, Erfahrung, Erinnerung, Zürich 2009.

ZitierweiseBenedikt Vogeler: Rezension zu: Messana, Paola (Hrsg.): Soviet Communal Living. An Oral History of the Kommunalka. New York 2011, in: H-Soz-Kult, 21.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-156>.

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