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Theoretische und methodische Fragen

L. Fleck: Denkstile und Tatsachen

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Eckhardt Fuchs <fuchsgei.de>
Autor(en):
Titel:Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse, hrsg. v. Sylwia Werner und Claus Zittel
Reihe:Taschenbuch Wissenschaft 1953
Ort:Berlin
Verlag:Suhrkamp Taschenbuch Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-518-29553-3
Umfang/Preis:682 S.; € 20,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Jan Surman, Herder-Institut Marburg
E-Mail: <jan.surmanunivie.ac.at>

Der Mikrobiologe und Wissenschaftstheoretiker Ludwik Fleck hatte ein äußerst wechselvolles Schicksal. Er wurde im habsburgischen Lemberg geboren, wuchs im polnischen Lwów auf, übersiedelte nach dem Zweiten Weltkrieg, als aus Lwów L’viv wurde, nach Lublin und dann nach Warschau und emigrierte schließlich nach antisemitischen Hetzen in Polen 1957 nach Israel. Ein ähnlich wechselvolles Schicksal ereilte sein 1935 auf Deutsch erschienenes Hauptwerk Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Nachdem das Buch zuerst wohlwollend aufgenommen wurde, geriet es nach 1945 in Vergessenheit und erfuhr erst infolge der durch eine Fußnote in Thomas Kuhns Struktur wissenschaftlicher Revolutionen initiierten englischen Übersetzung 1979 und der deutschen Neuausgabe 1980 eine breite Rezeption, die das Oeuvre Flecks in den letzten Jahren eine Stellung als Standardwerk verlieh.[1] Mit Denkstile und Tatsachen soll der gegenwärtigen Rezeption Flecks eine neue Grundlage verliehen werden. Die bis dato auf Deutsch verfügbaren Texte boten nur ein Fragment seiner umfangreichen Textproduktion[2], die sonst mehrheitlich auf Polnisch verfügbar war.

Der Band setzt sich aus drei Teilen zusammen. In „Epistemologie und Wissenschaft“ werden Texte, die Fleck vor dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte, gesammelt – und zwar nicht nur wissenschaftstheoretische, sondern auch medizinische Texte. Dies ist zu begrüßen, denn es verdeutlicht die Transdisziplinarität, die dem Werk und dem Leben Flecks innewohnte. Der zweite, kürzere Teil, setzt sich mit Zeugnissen über die Biographie Flecks auseinander. Das Buch schließt mit einigen Photographien des Protagonisten, einer Zeittafel sowie einer Bibliografie. Insgesamt handelt es sich um eine Auswahl von Dokumenten, die eine Einführung in Flecks Denkraum geben soll; der Anspruch auf Vollständigkeit wird hier nicht erhoben.

Im Vergleich zu den bis dato auf Deutsch verfügbaren wissenschaftstheoretischen Texten aus Erfahrung und Tatsache, die hier mit Übersetzungskorrekturen ebenfalls aufgenommen wurden, bietet der Band einige spannende Ergänzungen an, die durch die von den Herausgeber/innen sehr gut gesetzten Querverweise in den Endnoten sichtbar gemacht werden. So liefert der 1934 erschienene Artikel zur Wasserman-Reaktion Flecks erkenntnistheoretische Position, die in Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache konkretisiert wird. In „Wissenschaft und Umwelt“ (1939) hingegen distanziert sich Fleck von dem ihm gegenüber nicht selten erhobenen Vorwurf des Relativismus. Die Idee einer starken Abhängigkeit wissenschaftlichen Wissens von der Umwelt/der Epoche wird seines Erachtens durch politische und ideologische Vereinnahmungen missbraucht, etwa die Idee „eines sozialen, klassenbedingten Wissens“ oder den „National- und Rassengeist“ (S. 329). In diesem Artikel zeigen sich ein gewisser Rückzug zur Normativität und eine verstärkte Reflexion über das negative Potential der Wissenschaft, das bei Fleck nach 1945 noch deutlicher wurde. Die medizinischen Artikel nähern sich nicht nur Flecks Praxis vor und nach dem Zweiten Weltkrieg an (z.B. Leukergie), sondern verdeutlichen auch bestimmte Bezüge in seinen Schriften. So werden z.B. die Aufsätze „Über den Begriff der Art in der Bakteriologie“ (S. 91–125) und „Zur Variabilität der Streptokokken“ (mit Olga Elster, S. 126–171), auf die Fleck in Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache verwies, abgedruckt. Außerdem zeigen die Artikel nicht-theoretische Interessenpositionen des Autors, etwa sein Engagement für medizinische Aufklärung in Polen oder sein Verhältnis zur Religion.

Der Band beinhaltet nicht nur wissenschaftstheoretische und medizinische Texte, sondern schließt eine breite Auswahl an Dokumenten ein, die Texte von Fleck in Kontext setzen und helfen, sein Denken zu historisieren und durch den Rekurs auf seinen eigenen Denkkollektiv, die Lemberger Moderne (S. 24), soziologisch zu beleuchten. Für die Zeit vor 1945 handelt es sich neben wissenschaftstheoretischen Diskussionen mit Izodora Dąbska, Tadeusz Bilikiewicz und Ludwik Hirschfeld um Rezensionen von Leon Chwistek oder Jan Dembowski und den äußerst kurzen aber belangvollen Briefwechsel mit Moritz Schlick. Für die Zeit nach 1945 werden auch ausführlich die Stellungsnahmen zu seinen kontroversen Arbeiten während des Zweiten Weltkriegs, inklusive Fragen nach den Menschenexperimenten, die unlängst für Diskussionen sorgten, hineingezogen.[3] Ebenso befinden sich in dem Band Erinnerungen von Hugo Steinhaus, in denen er den wachsenden Antisemitismus als Grund für die Ausreise Flecks aus Polen nennt (S. 635–640), sowie Briefe, in denen Fleck nach der Emigration über seine Lage in Israel berichtet (S. 597–605). Doch die Herausgeber/innen gehen nicht hagiographisch vor. So findet man in der Auswahl auch den posthum erschienenen Artikel zum Latex-Agglutinationstest, der Flecks „militärnahe Forschungen“ resümiert (S. 32, zu Erklärung S. 482f.).

Die ausführlichen Texterklärungen und Kommentare, die in den Endnoten untergebracht sind, stellen für Fleck-Interessierte eine wahre Fundgrube dar. Dabei bieten die Herausgeber/innen nicht nur Erklärungen bestimmter Begriffe, Kurzbiographien der zitierten Personen sowie Ausführungen zu der von Fleck verwendeten Literatur. Oft wird in der ersten Fußnote die Auswahl des Textes reflektiert. Der Text selbst wird in Flecks Denkstil eingeordnet. Zu wichtigeren Konzepten und Personen wird außerdem weiterführende Literatur angegeben. Veränderungen im Vergleich zu früheren Übersetzungen werden ebenfalls angemerkt. Die in den Endnoten untergebrachten kürzeren oder längeren Textfragmente verdeutlichen Flecks Bezugspunkte, verweisen aber auch teils auf Weiterführung oder Rezeption seines Denkens. Diese Textfragmente sind gut gewählt, bedürften allerdings eines eigenen Verzeichnisses. Nur jemand, der die Endnoten zum Aufsatz „Wissenschaftstheoretischen Probleme“ liest, wird auf den überaus interessanten längeren Text von Stanisław Lem stoßen – dessen Name übrigens auch nicht im Namensindex vorkommt. Auch Flecks Diskussionsbeitrag zum Vortrag von Jerzy Łoś „Über die Möglichkeiten metasystemischer Untersuchungen der physikalischen Sprache“ (1948), in dem seine Kritik an Protokollsätzen ausformuliert wird, befindet sich in einer Endnote (S. 235) bzw. es wird auf ihn in der Einleitung in einer Fußnote verwiesen (S. 29).

Genau diese Text-Zentriertheit macht den Band als Buch problematisch, denn die Fülle der Informationen wird in Endnoten unter die jeweiligen Texte gruppiert und die Herausgeber/innen machen es einem nicht unbedingt leicht, den Überblick zu behalten. Wenn etwa bei der Diskussion des Beitrags „In der Frage ärztlicher Experimente an Menschen“ (S. 538–544, hier S. 543) auf Endnote 1 eines anderen Textes verwiesen wird, so wäre auch eine entsprechende Seitenangabe mehr als angebracht. Ebenso wäre es leserfreundlich, in dem Index kenntlich zu machen, auf welcher Seite sich biographische Angaben befinden, denn bei vielen Personen kommen sie nicht bei der ersten Nennung im Text vor. Es wäre ferner nötig, neben dem Namensindex (der unbedingt korrigiert werden sollte, den Lem ist nicht die einzige Auslassung) einen Sachindex zu erstellen, denn dadurch wäre gerade das, was die Herausgeber/innen beanspruchen, das Verbindende in Flecks Texten und Leben, Medizin und Erkenntnistheorie, sichtbar gemacht und dadurch dem Leser einfacher erschließbar.

Trotz solcher editorischen Mängel, ist dem Buch eine breite Leserschaft zu wünschen. Nicht nur wegen der Person Fleck, der seit langem aus dem Schatten Kuhns heraus zu einem Klassiker avanciert ist. Die Herausgeber/innen haben eine kühne Aufgabe unternommen, nicht nur die Texte zu kommentieren, sondern auch eine Vielzahl von Texten aus dem Polnischen zu übersetzen – eine Leistung, an der auch bei einem genaueren Vergleich der Texte in beiden Sprachen nichts auszusetzen ist. So wird der Band Erfahrung und Tatsache nicht nur ersetzt sondern überschrieben, denn die Änderungen in den Texten reichen von kleineren Finessen, Vereinheitlichungen (z.B. Gattung = Art) bis zur Wiederherstellung entlaufener Sätze.

Anmerkungen:
[1] Ludwik Fleck, The Genesis and Development of a Scientific Fact, hrsg. von Thaddeus J. Trenn und Robert K. Merton, mit einem Vorwort von Thomas Kuhn, Chicago 1979; ders., Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv, hrsg. von Lothar Schäfer und Thomas Schnelle, Frankfurt am Main 1980.
[2] Ludwik Fleck, Erfahrung und Tatsache. Gesammelte Aufsätze, hrsg. von Lothar Schäfer und Thomas Schnelle, Frankfurt am Main 1983.
[3] Vgl. Eva Hedfors, Medical Science in the Light of Holocaust: Departing from a Postwar Paper by Ludwik Fleck, in: Social Studies of Science 38 (2008) 2, S. 259–283; Olga Amsterdamska u.a., Medical Science in the Light of a Flawed Study of the Holocaust, in: Social Studies of Science 38 (2008) 6, S. 937– 944.

ZitierweiseJan Surman: Rezension zu: Fleck, Ludwik: Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse, hrsg. v. Sylwia Werner und Claus Zittel. Berlin 2011, in: H-Soz-Kult, 14.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-194>.

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