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Neuere Geschichte

G. Gaugusch: Wer einmal war

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Stachel <peter.stacheloeaw.ac.at>
Autor(en):
Titel:Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938 A-K
Reihe:Jahrbuch der Heraldisch-Genealogischen Gesellschaft "Adler"-Wien
Ort:Wien
Verlag:Amalthea Signum
Jahr:
ISBN:978-3-85002-750-2
Umfang/Preis:1649 S.; € 128,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Dieter J. Hecht, Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, Österreichische Akademie der Wissenschaften
E-Mail: <dieter.hechtoeaw.ac.at>

Seit den „Nürnberger Rassegesetzen“ und den „Ariernachweisen“ ist Genealogieforschung für viele Juden und Jüdinnen ein negativ besetztes Thema. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert hingegen erfreute sich Genealogieforschung bei jüdischen Familien großer Beliebtheit, sowohl bei großen Rabbinerdynastien als auch in wohlhabenden bürgerlich-städtischen Kreisen. Im Rahmen von Familiengeschichte diente das Familienkollektiv als wichtigste Verortungsebene für die Weitergabe jüdischer Traditionen.[1] Meistens trat ein Familienmitglied dabei als Historiograf auf, dem als einem Glied in der Ahnenreihe die Aufgabe der Verschriftlichung zufiel. Bei der Ausarbeitung eines Stammbaums nahm dieses Familienmitglied die Rolle des Familiengenealogen ein. Beispiele hierfür finden sich in Archiven und Bibliotheken. So publizierten etwa die Gebrüder Zweig im Jahr 1932 mit Hilfe von Verwandten, Bekannten, Rabbinern und Archivaren einen Stammbaum, dessen Ziel es war, die umfangreiche Nachkommenschaft von Moses Zweig (1750-1840) aus Prossnitz nachzuweisen.[2]

Das Vorwort der Gebrüder Zweig verweist dabei auf die Spannung zwischen genealogischer Forschung und Familiengeschichte: „Dieser Stammbaum ist noch keine Familiengeschichte. Er kann ihr bloss Rückgrat sein, die erste Voraussetzung dafür bilden. Denn diese Geschichte hat das Leben und Wirken der Familienmitglieder und Gruppen aufzuzeichnen und, höheren Flugs, die Familienschicksale in ihrer lebendigen Verflechtung mit der physischen und geistigen Umwelt, mit den nationalen und religiösen Gemeinschaften, den politischen und Wirtschaftsverbänden, mit den sozialen und kulturellen Bestrebungen der Zeitgenossen zur Darstellung zu bringen.“[3] Das Erstellen eines Stammbaums mit sozialhistorischem Hintergrund bietet also wertvolle kulturwissenschaftliche Ansatzpunkte für die Erforschung der jüdischen Geschichte.

Einen solchen Ansatzpunkt bietet auch Georg Gauguschs ambitioniertes Buch über das jüdische Großbürgertum in Wien. Dafür recherchierte er tausende von Daten in Archiven und Museen, in Matrikenämtern und auf jüdischen Friedhöfen, auch über das Gebiet der Habsburgermonarchie hinausgehend, wie zum Beispiel in London und New York. Zur Organisation dieser Information ist das Buch mit einem ausführlichen Anmerkungsapparat ausgestattet: Neben einer genealogischen Anleitung finden sich ausführliche Quellenangaben; einem umfangreichen Abkürzungsverzeichnis folgen häufige Sterbeadressen (Spitäler und Sanatorien in Wien), die im Rahmen genealogischer Forschungen immer eine wichtige Rolle spielen. Bei so einem umfangreichen Werk ist ein Namensregister unerlässlich. Für den ersten Band ist dieses online verfügbar.[4] Ein vollständiges Namensverzeichnis wird mit dem zweiten Band (L-Z), der für 2013 geplant ist, erscheinen.

Sein Ziel formulierte Gaugusch im Vorwort folgendermaßen: „Dieses Buch versucht, durch das detaillierte genealogische Rekonstruieren der tragenden jüdischen Familien Mitteleuropas die handelnden Personen und ihr familiäres Verhältnis zueinander zu dokumentieren. Es geht hier um Individuen und deren Leistungen, eingebettet in ein großes Netzwerk.“ (S. IX)

Gaugusch beschreibt in seinem Buch sowohl bis heute prominente, als auch weniger bekannte jüdische Familien im Zeitraum von 1800 bis 1938. Anhand seiner Beschreibungen werden die soziale Mobilität jüdischer Familien, ihre Verschwägerung und Vernetzung über den geografischen Raum der Habsburgermonarchie hinaus sichtbar. Um in das vorliegende Buch aufgenommen zu werden, mussten die Familien im Beschreibungszeitraum verschiedene Kriterien erfüllen, etwa über ökonomisches bzw. intellektuelles Potential sowie familiäre Netzwerke verfügen, nobilitiert sein oder Präsenz im öffentlichen Leben zeigen. Als Ausgangskriterium galt, dass die Familienmitglieder „im Zeitraum 1800 bis 1890 überwiegend der jüdischen Religionsgemeinschaft angehört haben“ mussten (S. XIII). Damit thematisiert Gaugusch unter anderem die Zuordnung von Familien zum Judentum, von denen sich alle bzw. Teile taufen ließen. Ein prominentes Beispiel bietet die Familie Hofmann von Hofmannsthal. Als „Stammvater“ der Wiener Familie gilt Isak Löw Hofmann (1749 Prostibor – 1849 Wien), der als Seidenfabrikant zu einem der einflussreichsten und wohlhabendsten jüdischen Großhändler avancierte und am 13. 8. 1835 mit dem Prädikat „von Hofmannsthal“ in den erblichen Adelstand erhoben wurde. Mit den Namen Hofmannsthal verbinden die meisten heute die Familie seines jüngsten Sohnes Baruch (August) Hofmannsthal (1815-1881) und vor allem dessen Enkel, den Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal (1874-1929).

Die Tatsache, dass Isak Löw Hofmann 13 Kinder hatte (fünf Töchter und acht Söhne) ist heute nur wenigen bekannt. Weitgehend unbekannt ist auch, dass – bis auf den jüngsten Sohn Baruch/August – alle Kinder dem Judentum treu blieben und in bedeutende jüdische Familien einheiraten. Gaugusch bietet seiner Leserschaft zu jeder Familie eine kurze sozialhistorische Familiengeschichte, Angaben zu zumindest den wichtigsten ProtagonistInnen, eine umfassende Genealogie, ausführliche Quellenangaben und bei nobilitierten Familien eine Beschreibung des Wappens.

Die Beschreibung der Adelswappen ist deshalb wichtig, da das Wappen stets große symbolische Aussagekraft für das familiäre Selbstverständnis hatte. Bei jüdischen Familien lässt sich daran auch ein nach außen hin gezeigtes jüdisches Bewusstsein feststellen. Ein Beispiel dafür ist die wahrscheinlich für den Band L-Z zu erwartende Familie des Textilindustriellen Bernhard Pollack von Parnau (1847-1911): Im Adelswappen von 1907 finden sich vier goldene Davidssterne, die im familienhistorischen Kontext als Symbol für seine vier Kinder gedeutet werden können.[5] Bereits der erste jüdische Regierungsbeamte in der Habsburger Monarchie, Israel Hönig von Hönigsberg (1724-1808), der 1789 geadelt wurde, verwendete in seinem Wappen die Umsetzung eines Bibelzitats aus Schimschons Kampf, einen auf dem Rücken liegenden Löwen aus dem Bienen aufsteigen (Ri 14, 5-14).[6] Mit der Familie Hönigsberg, aber auch mit Nathan und Fanny von Arnstein, fehlen zwar zwei prominente Familien an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stellung zweifellos zur Elite gehörten. Aufgrund der Fülle der dargebotenen Informationen über führende jüdische Familien in Wien tut dies der Leistung des Autors letztendlich aber keinen Abbruch.

Gaugusch baut sein Buch auf einer textbasierten Darstellung auf, weil es ihm unmöglich erscheint genealogische Verhältnisse in einem Netzwerk zweidimensional übersichtlich darzustellen (S. XVII). Einen bedeutenden Abschnitt widmete er der Problematik der Namensschreibung und Änderung von Vor- und Nachnamen. Die Vereinheitlichung gilt als Errungenschaft des späten 19. Jahrhunderts. Zuvor bestanden häufig große Unterschiede zwischen privaten Angaben verschiedener Familienmitglieder und der Schreibweise der Behörden, wobei letztere die Schreibweise vorgab. Im weitläufigen geografischen Raum der Habsburgermonarchie trugen Sprachgrenzen das ihre zur uneinheitlichen Schreibweise von Namen bei. Im Sinn der Lesbarkeit normierte Gaugusch Familiennamen meist auf die häufigste Variante; damit können natürlich Fehler verbunden sein.

Etwaigen Fehlern widmete Gaugusch ein ganzes Subkapitel. „Bei jeder Art der genealogischen Arbeit muss man sich im Vorhinein darüber im Klaren sein, dass Vollständigkeit nicht zu erzielen ist. Man kann nicht zu allen Personen jedes Eckdatum im beliebiger Präzision bestimmen.“ (S. XXXIV) Bei seinen Berechnungen gewichtet er verschiedene Daten unterschiedlich. Wichtig ist unter anderem die Feststellung der Vernetzung (Verheiratungen), Nachkommen, Bestimmung der genealogischen Zugehörigkeit der Schwiegereltern, Bestimmung des Sterbedatums und -ortes, Begräbnisses, Geburtsdatum und -ort. Das Geburtsdatum ist eher fehleranfällig, da es „auch am unwichtigsten ist. Aus der Geburt eines Kindes entstehen keine unmittelbaren Rechtsfolgen – aus seiner Existenz schon.“ (S. XXXIV) Hinzu kommt, dass der Zeitpunkt der Meldung der Geburt bei den Behörden oft unsicher ist. Relevant ist das Geburtsdatum hinsichtlich Militärdienst, Großjährigkeit bzw. Reihenfolge der Kinder. Eine ungleich größere Datenschärfe birgt laut Gaugusch das Sterbedatum. Dies ist das wichtigste Datum in der genealogischen Forschung, weil gerade bei vermögenden Personen der Staat aus monetären Gründen daran Interesse hat. Nach den Berechnungen von Gaugusch ergeben sich bei 100 Personen im Schnitt ca. 16. Fehler. (S. XXXV-VI)

Bei der Fülle an Informationen ist diese Fehleranzahl wie auch das Fehlen einzelner Familien vernachlässigbar. Wichtiger sind das Problembewusstsein im Umgang mit genealogischen Daten und ihre Anwendbarkeit für die historische Forschung. Mit seinem Buch hat Georg Gaugusch eindrucksvoll das soziale Familien-Netzwerk jüdischer Familien in Wien von 1800 bis 1938 für die Forschung erschlossen. Durch diese Arbeit wird jüdische Genealogieforschung wieder Teil des wissenschaftlichen Diskurses im deutschsprachigen Raum.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Miriam Gebhardt, Das Familiengedächtnis. Erinnerungen im deutsch-jüdischen Bürgertum 1890-1932, Stuttgart 1999, S. 65-79.
[2] Dieter J. Hecht, Der Weg des Zionisten Egon Michael Zweig. Olmütz-Wien-Jerusalem, Baram 2012, S. 19. Ein weiteres Beispiel ist der Stammbaum der Familie Josephthal aus Ansbach: Hans Josephthal (Hrsg.), Stammbaum der Familie Josephthal, Berlin 1932.
[3] Felix Zweig (Hrsg.), Stammbaum der Familie Zweig, Olmütz 1932, S. 6.
[4] Vgl. <www.genteam.at> und <www.jewishfamilies.at>.
[5] ÖStA, Adelsakt, Bernhard Pollack von Parnau, 1907.
[6] Louise Hecht, Von jüdischen Tabakbaronen und Trafikanten: Aspekte einer Kulturgeschichte des Tabaks in Böhmen und Mähren, in: brücken Neue Folge 18/1-2 (2010), S. 203-223, hier S. 219-221.

ZitierweiseDieter J. Hecht: Rezension zu: Gaugusch, Georg: Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938 A-K. Wien 2011, in: H-Soz-u-Kult, 19.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-057>.

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