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Geschichte allgemein

P. S. Spalding: Lafayette

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Matthias Middell <middelluni-leipzig.de>
Autor(en):
Titel:Lafayette. Prisoner of State
Ort:Columbia
Verlag:University of South Carolina Press
Jahr:
ISBN:978-1-57003-911-9
Umfang/Preis:392 S.; $ 59.95

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Friedemann Pestel, Historisches Seminar, Albert-Ludwig-Universität Freiburg
E-Mail: <friedemann.pestelgmx.de>

Paul S. Spaldings empiriegesättigte wie flüssig geschriebene Studie zeigt den „Héros des deux mondes“ zweifelsohne am Tiefpunkt: Zwischen 1792 und 1797 war Gilbert du Motier, Marquis de La Fayette (1757–1834) nicht nur einer der französischen Helden des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges sowie einer der umstrittenen hochadligen Hauptakteure der Französischen Revolution bis zum Sturz der Monarchie, sondern auch Europas berühmtester und wohl bestdokumentierter Häftling. Nach seiner Desertion als General der französischen Nordarmee im September 1792 wurden La Fayette und eine Reihe seiner ihn begleitenden Offiziere von der preußischen Armee festgenommen. Es folgte eine fünfjährige Haft in preußischen und österreichischen Gefängnissen, von Magdeburg über Neiße nach Olmütz, wo sich schließlich auch La Fayettes Ehefrau und die beiden Töchter aus Solidarität und als Druckmittel mit einsperren ließen.

Spaldings Interpretationsansatz beschreibt La Fayettes Status als „Staatsgefangenen“ und damit als einen Fall, der die unmittelbaren Interessen zweier europäischer Großmächte im Ersten Koalitionskrieg berührte, wobei der Schwerpunkt nach dem baldigen preußischen Rückzug aus dem aktiven Kriegsgeschehen auf der österreichischen Seite liegt. Auf einem beispielhaften empirischen Fundament – die Bestände der knapp drei Dutzend Archive in Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Österreich, Ungarn, Polen, Tschechien und den USA sowie die Sprachkenntnis des Autors fördern Material in neuer Größenordnung zutage – präsentiert Spalding La Fayettes Staatsgefangenschaft als „dichte Beschreibung“ von außerordentlicher Detailfülle. Der Leser folgt, auch durch Pläne und Karten im Text bestens orientiert, Protagonist und Autor von Kerker zu Kerker, lernt Tagesabläufe kennen, bekommt von den Beleuchtungs- und Belüftungsverhältnissen, dem Speiseplan über die Lebenswelten von Gefängnisdirektoren, Garnisonsärzten und Kerkermeistern bis hin zum aktuellen Gesundheitszustand einen plastischen Eindruck des Kontrasts zwischen Versailler Hoftagen, Pariser Revolutionsenthusiasmus und mährischer Gefängnisöde in einer zweisprachigen Grenzregion. Dieses induktiv aus Abgrenzungen und Kontakten heraus entwickelte Panorama findet sodann eine Erweiterung um die Unterstützernetzwerke, die sich um den Häftling auf Basis familiärer, ständischer, freundschaftlicher, militärischer und politischer Beziehungen herausbildeten.

Diese Zirkel aus amerikanischen Diplomaten und Kaufleuten, britischen Foxite Whigs, französischen Emigranten und deutschen „Demokraten“ erschlossen in den 1790er Jahren im transatlantischen Raum finanzielle Ressourcen, eröffneten unter teils abenteuerlichen Bedingungen Kommunikationswege, mobilisierten nationale und transnationale Öffentlichkeiten und unternahmen mit erheblichen persönlichen Risiken Befreiungsversuche. In diesem Teil der Untersuchung liegt das Hauptverdienst der Arbeit: Hier wird einerseits sichtbar, wie der qua Haft meistens schweigende La Fayette als symbolische Projektionsfläche in unterschiedliche Räume hineinwirkte, politisch für demokratische bis zu konstitutionell-monarchischen Sympathisanten anschlussfähig war und durch seine eigene Biografie paradigmatisch für die europäisch geweiteten französisch-britisch-amerikanischen Beziehungen im Revolutionszeitalter instrumentalisiert wurde, nicht zuletzt, weil La Fayette nicht nur Franzose, sondern auch amerikanischer Staatsbürger war. Auf der anderen Seite wirft Spalding neues Licht auf die politischen Rollen der Unterstützerkreise. Ihren Kern bildeten europaweit verstreute Emigrantengruppen, die als Vermittler, Agenten und Lobbyisten, als omnipräsente, bestens vernetzte und dadurch auch relevante Akteure profiliert werden. Ihre Marginalisierung infolge der sich radikalisierenden Revolution suchten sie zu kompensieren, indem sie französische Interessen nach ihrem eigenen Verständnis aus dem Exil heraus offensiv vertraten.[1] Darüber hinaus tritt auch eine ganze Reihe mehr oder weniger prominenter Politiker, Journalisten und Abenteurer als Aktivisten in Erscheinung, die hier – wie Johann Wilhelm von Archenholz oder Justus Erich Bollmann – gleichfalls in ihren transnationalen Aktionsräumen umrissen werden.

Dieser Überblick deutet zumindest an, dass Spalding virtuos zwischen verschiedenen Räumen und Zeitschichten wechselt, kommunikative Abläufe anhand von Namensketten und Itineraren rekonstruiert und anhand einzelner Aktionen, wie einer immerhin einige Stunden währenden Befreiung La Fayettes im November 1794, aus den Quellen heraus tatsächlich bis zu geradezu filmisch erzählten Zeit-Raum-Konstellationen von wenigen Stunden und Kilometern, ja Minuten und Metern vorstößt. Allerdings verschenkt der Religionswissenschaftler Spalding Erklärungspotenzial, indem er seine Ergebnisse nicht systematischer analytisch befragt; auch wird die konzeptionelle Anschlussfähigkeit der Fallstudie von La Fayettes Gefangenschaft für aktuelle Problemfelder der Revolutionshistoriografie nicht immer sichtbar, zumal die Literaturbasis gegenüber der Quellensättigung schmal bleibt und mit Blick auf jüngere Arbeiten blinde Flecken aufweist. Zudem sei nachgetragen, dass sich die Untersuchung – Spalding ist Officer der American Friends of Lafayette – auch memoriell verorten lässt.

In drei Bereichen wäre eine systematischere Kontextualisierung zwischen der Makroebene der internationalen Beziehungen und den Akteursschicksalen auf der Mikroebene vielversprechend gewesen: Erstens verkörpert La Fayette in exemplarischer Weise die transatlantischen Zusammenhänge des Revolutionszeitalters, in dem nicht nur Ideen und Güter zirkulierten, sondern sich auch Akteure bewegten und an zum Teil überraschenden Orten, in Wien wie in Plön, die Frage nach Peripherien und Zentren neu aufwarfen.[2] Zum Zweiten lassen sich anhand einer kontroversen Figur wie La Fayette unter den Umständen einer Gefangenschaft, bei denen externe Zuschreibungen eine konstitutive Funktion erhalten, über seine Unterstützer wie seine Feinde die Konfliktlinien und Durchlässigkeiten innerhalb des Spektrums europäischer Reaktionen auf die Französische Revolution aufzeigen, gerade mit Blick auf die Emigranten.[3] Drittens bildet die Causa La Fayette eine aufschlussreiche Sonde zur Untersuchung des „Kommunikationsereignisses Französische Revolution“ mit sich erweiternden Öffentlichkeiten in- und außerhalb Frankreichs, medialer Pluralisierung und sich beschleunigender und intensivierender Nachrichtenzirkulation an verschiedenen Umschlagplätzen. La Fayette könnte hier zeigen, wie politische Interessen in mediale Repräsentationen hinein- und wieder auf die politische Sphäre zurückwirkten, wie es gerade bei kontroversen Figuren auf Imagebildung ankam und wie sehr sich bei allen Verdichtungsprozessen immer wieder amerikanisch-europäische Phasenverschiebungen herausbildeten, etwa als man an George Washingtons Geburtstag 1795 den Fluchtversuch noch als erfolgreich feierte, obwohl er dreieinhalb Monate zurücklag (S. 124).[4]

Insgesamt dominiert eine schattenlos positive Perspektive auf den Protagonisten als liberal-demokratischer Antidespot, die durch die Innensicht seiner Unterstützer wie mediale Repräsentationen zeitgenössisch gestützt wird. Durch diesen Fokus auf eine nicht konsequent historisierte Heroisierung bleibt die Gegenseite mit ihren Vorwürfen gegenüber La Fayette unterbelichtet und erscheint in der Tendenz in ihrem Handeln irrational bis unverständlich und eindimensional repressiv. Dass etwa Edmund Burke La Fayette im Gefängnis seiner gerechten Strafe zugeführt sah und die kaiserliche Administration in Wien gegenüber dem Gefangenen Härte walten ließ, hing damit zusammen, dass auf ihn immer auch die Revolution als solche projiziert werden konnte und die Gemengelage an Interessen komplexer war, als es die einzelnen Akteurshorizonte vermuten lassen, was auch für die im Epilog übernommene Selbststilisierung La Fayettes zum globalen Freiheitsmissionar gilt (S. 232–235). In gewisser Weise erhält Spaldings Perspektive letztlich durch die von ihm betrachteten Akteure Recht: Mit der Freilassung der Gefangenen auf französischen Druck in den Friedensverhandlungen 1797 mussten, wie der aus Wien nach Olmütz entsandte kaiserliche Vertreter konstatierte, auch erklärte Revolutionsgegner die „Droits de l’homme“ zumindest tolerieren (S. 213). Am Ende seiner Gefangenschaft galt La Fayette vor allem deshalb nicht mehr als gefährlich, weil die mit ihm assoziierte politische Programmatik für Frankreich in den Grundprinzipien vorerst irreversibel erschien. Doch entzieht sich auch hier seine weitere Biografie klaren Kategorien: Aus dem freigelassenen und im Triumphzug nach Hamburg geleiteten Staatsgefangenen La Fayette wurde zunächst ein Emigrant, der bis zum Brumaire-Staatsstreich in Holstein als Landedelmann lebte und nach seiner Rückkehr im bonapartischen System auf eigenen Wunsch isoliert blieb.

In der Gesamtschau stützt Paul Spaldings Buch eindrücklich Mara Jasanoffs Plädoyer, vermeintlichen Revolutionsverlierern neues Interesse zuzuerkennen, da sie ein wichtiges Korrektiv zur Bewertung des Gesamtphänomens bilden.[5] Wie der ausführliche Anmerkungsapparat ausweist, lassen sich dabei auch noch substanzielle empirische Entdeckungen machen. Dass sich dadurch spannende Geschichten erzählen lassen, stellt gleichfalls nicht den geringsten Gewinn dar. Erst auf Basis eines solchen Fundaments werden dann die vielschichtigen wie dynamischen Akteursbeziehungen in ihrer Komplexität und Eigenlogik fassbar und darstellbar.

Anmerkungen:
[1] DieseThese hat Spalding jüngst noch einmal unterstrichen: Germaine de Staël’s role in rescuing Lafayette 1792–1797, in: Karyna Szmurlo (Hrsg.), Germaine de Staël: Forging a Politics of Mediation, Oxford 2011, S. 35–46.
[2] So etwa David Armitage / Sanjay Subrahmanyam (Hrsg.), The Age of Revolutions in Global Context, c. 1760–1840, Basingstoke 2010.
[3] Wichtige Anregungen liefert hier Karine Rance, Contre-Révolution, réseaux et « exopolitie », in: Philippe Bourdin (Hrsg.), La Fayette, entre deux mondes, Clermont-Ferrand 2009, S. 111–128.
[4] Dazu u.a. Hans-Jürgen Lüsebrink / Rolf Reichardt (Hrsg.), Kulturtransfer im Epochenumbruch. Frankreich–Deutschland 1770 bis 1815. Transfer. Deutsch-Französische Kulturbibliothek 9, Leipzig 1997; und Rolf Reichardt, Das Blut der Freiheit. Französische Revolution und demokratische Kultur. Europäische Geschichte, 3. Aufl., Frankfurt am Main 2002.
[5] Maya Jasanoff, Revolutionary Exiles. The American Loyalist and French Émigré Diasporas, in: Armitage / Subrahmanyam (Hrsg.), The Age of Revolutions, S. 37–58, bes. S. 40.

ZitierweiseFriedemann Pestel: Rezension zu: Spalding, Paul S.: Lafayette. Prisoner of State. Columbia 2010, in: H-Soz-Kult, 19.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-3-167>.

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