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Zeitgeschichte (nach 1945)

C. Lotz: Die anspruchsvollen Karten

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Frank Hadler <hadleruni-leipzig.de>
Autor(en):
Titel:Die anspruchsvollen Karten. Polnische, ost- und westdeutsche Auslandsrepräsentationen und der Streit um die Oder-Neiße-Grenze (1945-1972)
Ort:Magdeburg-Leipzig
Verlag:Meine Verlag e.K.
Jahr:
ISBN:978-3-941305-27-4
Umfang/Preis:108 S.; € 15,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Jörn Happel, Departement Geschichte, Universität Basel
E-Mail: <joern.happelunibas.ch>

Was zeichnet anspruchsvolle Karten aus? Die Beschreibung, der Inhalt, der zeitliche oder geographische Kontext? Die von Christian Lotz in seinem kleinen Buch präsentierten Karten erhoben zu ihrer Zeit stets den Anspruch, Geschichte und Gegenwart für ein anspruchsvolles Publikum abzubilden. Sie demonstrieren heute die Auseinandersetzung um eine jahrzehntelang umstrittene Grenze in Europa – die Grenze entlang der Flüsse Oder und Neiße zwischen „Deutschland“ und Polen. Nach dem Zweiten Weltkrieg der eigenen Ostgebiete beraubt, wurde Polen nach Westen verschoben und mit den ehemaligen deutschen Ostgebieten „entschädigt“. Über diese Grenzziehung wurde vor allem in der Bundesrepublik gestritten, in politischen Diskussionen, in Zeitungen aber auch auf Karten. Christian Lotz hat zahlreiche Karten aus der alten Bundesrepublik, der DDR und Polen in der Zeit nach dem Krieg bis zur „Neuen Ostpolitik“ der Regierung Brandt/Scheel zusammengestellt und demonstriert eindrucksvoll, wie politische Ansprüche ins Bild gesetzt werden können.

Die liebevoll gestaltete Publikation hat zum einen den Anspruch, die griffige These Johannes Paulmanns, die bundesdeutsche auswärtige Kulturpolitik sei mit einer „Haltung der Zurückhaltung“ aufgetreten, zu relativieren. Zum anderen sollen Karten nicht national, sondern in einem transnationalen Rahmen untersucht werden (S. 8). Beides gelingt Christian Lotz. Die Werbekarten der BRD für Messen im Ausland sind alles andere als zurückhaltend in ihren Grenzbeschreibungen, sondern betonen die Gestalt Deutschlands in den Grenzen von 1937. Der transnationale Vergleich von drei national-unterschiedlichen Kartographien ein und derselben Grenze erlaubt zudem eine gelungene Kontrastierung – Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Darstellungsformen treten hervor. Eine weitere Stärke von Christian Lotz‘ Ansatz ist die Verbindung von Karten und Archivdokumenten, wodurch die Karten in ihrer Zeit verortet und mit zahlreichen Aussagen kontextualisiert werden können. Doch scheint es, die Karten könnten über das Gesagte hinaus noch weitere Erkenntnisse liefern. Man hätte durch eine dichte Beschreibung des Dargestellten (Symbole, Farben usw.) die Karten zunächst selbst „sprechen“ lassen können. Und was ist mit den Menschen und Institutionen hinter den Karten?[1] Beides bleibt leider blass, dürfte aber die Argumentation ab und an gestärkt haben. Hierbei hätte Christian Lotz sein umfangreiches Wissen über die europäischen Karten ähnlich ausspielen können, wie bei seiner gelungenen Interpretation von Inselkarten. So wurde der DDR-Kartographie vorgeworfen, sich durch Inselkarten von der BRD abgrenzen zu wollen. Von Lotz in einen gesamteuropäischen Kontext gesetzt (S. 25-30), kann bilanziert werden, dass sehr viele Staaten sich dieser Darstellungen bedienten und bedienen. Somit wird generell ein genaueres Abwägen von politischen und gestalterischen Faktoren benötigt, die auf das Kartenbild Einfluss nahmen.

Immer wieder dreht sich die dargestellte Geschichte um die Auslandsrepräsentationen, die Zusammenkünfte auf internationalen Touristikmessen, bei denen allzu oft die polnischen Vertreter gegen die deutschen, revanchistischen Karten anfangs erfolglos, ab den 1960er-Jahren mit mehr Erfolg protestierten. Eine Episode zeigt vielleicht auch, wie marginal das deutsch-polnische Problem im Ausland späterhin wahrgenommen worden ist. In Brüssel hatte 1965 die Aufschrift „Deutschland“ auf einer bundesdeutschen Karte in den Grenzen von 1937 die polnischen Diplomaten erbost. Sie protestierten, doch der belgische Außenminister konnte nur scherzen, es sei doch gut, habe die deutsche Seite hinter „Deutschland“ nicht auch noch „über alles“ geschrieben (S. 56f.). Verstand man im (westlichen) Ausland überhaupt die Sensibilität der Auseinandersetzung? Auch wenn Christian Lotz überzeugend zeigen kann, wie der Westen in den 1960er-Jahren aufgrund der Entspannungspolitik diese Grenzthematik nicht mehr thematisieren wollte, würde es schon interessieren, wie die jeweilige Öffentlichkeit mit den angesprochenen Kartenrepräsentationen umging, ob darüber in Brüssel oder an anderen Orten überhaupt berichtet worden ist.

Während die bundesdeutsche Politik vor allem aufgrund der Lobbyarbeit durch die Vertriebenenverbände darauf achtete, die Ostgebiete in den Karten nicht vollkommen zu vergessen, hatten die Verantwortlichen in Polen ganz andere Probleme. Sie mussten sich des neuen Raums im Westen annehmen, fanden neue, polnische Namen für Dörfer, Städte, Landschaften und wollten auf den Karten suggerieren, die Gebiete seien urpolnisch. Dabei fanden sie einen Weg: Im kartographischen Polen waren nur polnische Namen und Bezeichnungen zu finden, aber jenseits der Grenzen wurden die Namen der Städte in den jeweiligen Landessprachen gedruckt (S. 35). Was für die DDR und die Tschechoslowakei einfach erschien, war im Osten politisch brisant: Wie sollte man die kyrillischen Buchstaben umschreiben? Oder sollte man etwa die Bezeichnung Lwów aufnehmen und somit auf die polnische Vergangenheit der nun in der sowjetischen Ukraine (L’viv/L’vov) liegenden Stadt hinweisen? Oftmals entschieden sich die Kartenmacher, die polnischen Namen in den ehemals polnischen Ostgebieten zu verzeichnen. Sie taten somit genau das, was ihre Regierung den deutschen Kartengestaltern vorwarf – eine paradoxe Geschichte. Und im Gegensatz zur BRD findet sich in den Archiven auch kein Hinweis darauf, dass die Polen mit den polnischen Namen auf Sowjetgebiet international Anstoß erregten (S. 41).

Mit höchst interessanten Karten, die Christian Lotz in den Kontext seiner Fragestellung stellt, lassen sich auch einige Ideen zum weitergehenden Arbeiten formulieren. Auf den polnischen Karten suchte man vergebens eine deutsche Ortsbezeichnung in den ehemaligen deutschen Gebieten. Das änderte sich bei Karten, die auf die nationalsozialistische Terrorherrschaft verwiesen. Unter den Namen der Konzentrationslager steht auf einer polnischen Karte von 1965 auch die deutsche Ortsbezeichnung (etwa Groß-Rosen, Stutthof oder Auschwitz-Birkenau; S. 59-62). Christian Lotz vermerkt zwar diesen Bruch in der polnischen Karten-Politik, die deutsche Sprache eigentlich vermeiden zu wollen, doch eine dichte Kartenbeschreibung hätte erkannt, dass die Namen in gotischer Schrift verzeichnet sind: Es ist das alte Deutschland, Nazi-Deutschland, das auf der Karte auf diese Art und Weise eingezeichnet wurde – somit eine Zeit, die besiegt war. Ebenso fällt das Todeslager-Symbol auf dieser Karte auf. Wohl ein Krematorium darstellend, verweist das Symbol auf die Orte des Mordens an Juden und Polen während des Kriegs. Wie wurde dieses Symbol gefunden und von wem? Auch bei anderen Karten überrascht, dass Christian Lotz nicht auf die einzelnen Symbole eingeht oder die Farben interpretiert, mit denen bestimmte Aussagen getroffen wurden (Länderfarben, Landschaftsfarben). Vielleicht wurde manchmal zu sehr dem aus Archivdokumenten entwickelten Kontext geglaubt und dadurch den Karten lediglich illustrative Funktionen zugeschrieben. Es hätte sich angeboten, hier und da den Spieß herumzudrehen.

Christian Lotz verweist in seiner Studie auf die „mental maps“ bei Zeichnern und Betrachtern der Karte. Seine Analyse der Raumvorstellungen überzeugt in jedem Kapitel. Man kann mit Lotz die Oder-Neiße-Grenze abwandern – in den politischen Diskussionen um ihre kartographische Darstellung. Dafür ist ihm ebenso zu danken wie für sein umfangreich kommentiertes Literaturkapitel und für die Zusammenfassungen in polnischer und englischer Sprache.

Anmerkung:
[1] Vgl. unter anderem die Beiträge von Annina Cavelti, Antje Kempe und Tobias Weger in: Jörn Happel / Christophe von Werdt (Hrsg.), Osteuropa kartiert – Mapping Eastern Europe. Unter Mitarbeit von Mira Jovanovic, Berlin u.a. 2010.

ZitierweiseJörn Happel: Rezension zu: Lotz, Christian: Die anspruchsvollen Karten. Polnische, ost- und westdeutsche Auslandsrepräsentationen und der Streit um die Oder-Neiße-Grenze (1945-1972). Magdeburg-Leipzig 2011, in: H-Soz-u-Kult, 16.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-047>.

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