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Mittelalterliche Geschichte

J.-C. Herrmann: Der Wendenkreuzzug von 1147

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Wolfgang Eric Wagner <wolfgang-eric.wagneruni-muenster.de>
Autor(en):
Titel:Der Wendenkreuzzug von 1147
Reihe:Europäische Hochschulschriften. Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 1085
Ort:Frankfurt am Main
Verlag:Peter Lang/Frankfurt am Main
Jahr:
ISBN:978-3-631-60926-2
Bemerkungen:zahlr. Abb.
Umfang/Preis:Pb.; 261 S.; € 49,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Kristin Skottki, Theologische Fakultät, Universität Rostock
E-Mail: <kristin.skottkiuni-rostock.de>

Betrachtet man die Vielzahl an Publikationen, die in den letzten Jahren zu den Kreuzzügen erschienen ist, so ergibt sich ein zweifacher Befund: Erstens lohnt es sich auch heute noch, neue Überblicks- und Einführungsdarstellungen zu den Kreuzzügen zu schreiben, da die älteren Standardwerke heutigen Ansprüchen in mancherlei Hinsicht nicht mehr genügen – sei es angesichts des veralteten Stils (wie bei Runciman) oder aufgrund der Beschränkung auf die Orientkreuzzüge (wie bei Mayer).[1] Dies hängt unmittelbar mit dem zweiten Befund zusammen, denn tatsächlich scheint sich in der Kreuzzugsforschung mehrheitlich die „pluralistische Sichtweise“ durchgesetzt zu haben, der zufolge eben nicht nur die klassischen Orientkreuzzüge als „echte“ Kreuzzüge gelten können, sondern auch solche gegen innere und andere äußere „Feinde des Christentums“, die teilweise bis in die Frühe Neuzeit hineinreichen.[2]

Umso mehr erstaunt es, dass dem Wendenkreuzzug von 1147 seit der Arbeit von Friedrich Lotter aus dem Jahre 1977 keine Monographie mehr gewidmet wurde.[3] Auch die skandinavische Kreuzzugsforschung, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel zum Verständnis der nordischen Kreuzzüge beigetragen hat, behandelt ihn zumeist nur am Rande.[4] In der deutschen Forschung hat sich zuletzt vor allem Hans-Dietrich Kahl mit dem Wendenkreuzzug auseinandergesetzt, jedoch vorwiegend unter der spezifischen Fragestellung nach den eschatologischen Dimensionen des „Heidenkrieges“ bzw. der „Heidenmission“.[5] Daher ist es nur zu begrüßen, dass Jan-Christoph Herrmann in seiner an der Fernuniversität Hagen eingereichten Dissertation aus dem Jahre 2010 versucht hat, den Wendenkreuzzug einmal in all seinen Dimensionen zu erfassen, und ihn, wie er selbst angibt, in den breiteren Zusammenhang der Kreuzzugsbewegung zu stellen (S. 21).

Wie eingangs erwähnt, spiegelt Herrmanns Befund, dass es sich bei diesem Unternehmen um einen „echten“ Kreuzzug gehandelt habe (S. 223), den heutigen Forschungskonsens wider. Dass es daran je Zweifel gegeben hat, erscheint allein deshalb unverständlich, da Papst Eugen III. in seinem Schreiben vom 11. April 1147 ausdrücklich Bezug auf den Ersten Kreuzzug nahm, und den von Papst Urban II. für den Jerusalemzug versprochenen Ablass auch den Teilnehmern dieses Zuges in Aussicht stellte. Diese zentrale Quelle und drei weitere hat Herrmann dankenswerterweise in Latein und Deutsch seiner Arbeit beigefügt (S. 237–254).

Um seinem eigentlichen Anliegen, eine umfassende Darstellung des Wendenkreuzzuges zu liefern, gerecht zu werden, hat Herrmann seine Arbeit wie folgt gegliedert: Auf die Einleitung folgt das Kapitel „Vorgeschichte“ (S. 24–43), in dem es neben allgemeinen Überlegungen zu den Kreuzzügen vor allem um die Aufrufe Bernhards von Clairvaux und Papst Eugens geht. Dann folgt ein längerer Abschnitt (S. 44–80), in dem Herrmann das Leben der Wenden vor dem Kreuzzug zu beschreiben versucht, wobei er der westslawischen Religion besonders viel Aufmerksamkeit schenkt (S. 63–78). Anschließend zeichnet er in drei Schritten das wechselvolle Verhältnis der verschiedenen christlichen Nachbarn zu den Lutizen nach (S. 81–121). Erst in der zweiten Hälfte des Buches geht es dann tatsächlich um den Wendenkreuzzug, vor allem um die verschiedenen Teilnehmer und deren Motive und Ziele. Darauf folgt ein Exkurs zu einer der wichtigsten Quellen, der Slawenchronik Helmolds von Bosau (S. 183–199), bevor die Untersuchung in einem Kapitel zur „Bewertung des Wendenkreuzzuges“ mündet (S. 200–222), an das sich schließlich noch ein Fazit und Ausblick (S. 223–227) anschließen.

Am Aufbau der Arbeit wird der Versuch des Verfassers deutlich, tatsächlich alle relevanten Dimensionen dieses historischen Phänomens einzufangen, doch werden an ihm auch zugleich die Probleme dieser Studie ersichtlich. Da es sich hierbei um die erste Qualifikationsarbeit des Verfassers handelt, kann er nicht auf ein großes Œuvre eigener Spezialstudien zurückgreifen, sondern muss sich für die einzelnen Teilaspekte sehr stark auf die Sekundärliteratur verlassen. Sie wird allerdings zumeist affirmativ mit in die Interpretation des Quellenmaterials einbezogen, so dass es zu keiner wirklichen Auseinandersetzung mit dem bisherigen Forschungsstand kommt. Gerade weil es ein Hauptanliegen dieser Arbeit ist, den Wendenkreuzzug als Teil der allgemeinen Kreuzzugsbewegung darzustellen, hätte diese Einordnung sich nicht nur auf das Kapitel „Vorgeschichte“ beschränken dürfen, und es wäre dafür auch eine wesentlich intensivere Auseinandersetzung mit der aktuellen Kreuzzugsforschung (nicht nur über den Wendenkreuzzug) notwendig gewesen.

Dies hängt unmittelbar mit dem Problem zusammen, dass Herrmann keine spezifische Fragestellung entwickelt, so dass er der bereits vorhandenen Forschungsliteratur im Großen und Ganzen keine eigenen, neuen Ergebnisse oder Sichtweisen entgegen stellen kann. Dabei bietet er an einigen Stellen interessante Beobachtungen, wie beispielsweise zur möglichen Adaption christlicher Sitten durch die Wenden (S. 69), die er jedoch meist nicht weiter verfolgt, da er sich sogleich einem anderen Themenbereich zuwendet. Immerhin gelingt es Jan-Christoph Herrmann, sich wenigstens von einer bis heute vorherrschenden Interpretation des Wendenkreuzzugs zu lösen. So kann er deutlich zeigen, dass die negative Beurteilung des Kreuzzugs als „Farce“ oder Misserfolg (die sich schon in den mittelalterlichen Quellen findet) zu kurz greift, da die Ziele und Motivationen der verschiedenen Promulgatoren und Teilnehmer auf je unterschiedliche Weise und mit je unterschiedlicher Langzeitwirkung erreicht oder befriedigt wurden (siehe dazu das Kapitel „Zur Bewertung des Wendenkreuzzuges“).

Lobenswert ist zudem der Versuch, die Wenden stärker in die Betrachtung miteinzubeziehen. Dabei ergibt sich jedoch eine auffällige Diskrepanz – widmet Herrmann ihnen anfangs ganze 36 Seiten, kommt er am Ende doch zu dem Schluss: „Wir wissen im Grunde genommen sehr wenig über die Wenden.“ (S. 225) Was er über die Kultur, die Politik und die Religion der Wenden sagen kann, ist fast ausschließlich den christlichen Autoren wie Helmold von Bosau und Thietmar von Merseburg entnommen, deren Darstellungen der „Anderen“ bereits ausführlich von Volker Scior und David Fraesdorff untersucht wurden.[6] Beide Arbeiten nennt Herrmann auch zu Beginn (S. 20f.), ohne jedoch deren Einsichten zur Identitäts- und Alteritätskonstruktion wirklich zu rezipieren. Das ist umso bedauerlicher, da diese Einsichten natürlich auch für die Auseinandersetzung mit anderen hier benutzten Quellen wichtig wären. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls kritisch zu bemerken, dass sich Herrmann auch im weiteren Verlauf der Arbeit zu oft auf die Suggestivkraft der vielen Quellenzitate verlässt und sie nur selten noch einmal kritisch kontextualisiert und interpretiert (vgl. zum Beispiel S. 194f.). Nimmt man zudem die Problematik der Darstellungen der „Anderen“ in diesen Quellen ernst, so hätte das Kapitel über die Wenden sicher nicht an den Anfang gehört, denn nun erweckt es den Anschein, als könne Herrmann tatsächlich gesicherte, „objektive“ Informationen über die Wenden vor dem Kreuzzug liefern. Freilich verweist er immer wieder auf die verzerrte Darstellung in den christlichen Quellen, versucht aber dennoch „den wahren Kern“ (siehe etwa S. 195) zu extrahieren. Gleiches gilt auch für den Exkurs zu Helmolds Slawenchronik, der vermutlich besser zu dem Kapitel über die Wenden gepasst hätte, als zwischen den Kapiteln zu den Teilnehmern und der Bewertung des Kreuzzugs in gewisser Weise unterzugehen.

Es mag nun eine Frage des historiographischen Ansatzes sein, ob und inwieweit man von solchen Alteritätsdarstellungen auf eine historische Faktizität hinter den Quellen schließen kann oder möchte. Deutlich problematisch wird dieser Ansatz allerdings, wenn Herrmann in seinem Fazit mehrmals von der kulturellen Assimilierung der Wenden spricht und sogar einen Wandel des Heidenbildes als ein Ergebnis des Wendenkreuzzuges postuliert (S. 226). Den Nachweis dieser beiden Veränderungen bleibt er jedoch schuldig und sie spielen in seiner Darstellung auch nur eine sehr untergeordnete Rolle. Dies korreliert wiederum mit dem bereits benannten Problem der fehlenden Fragestellung, denn um die Auswirkungen des Wendenkreuzzuges auf die Wenden selbst und auf die Wahrnehmung dieser slawischen Gruppen bei den christlichen Zeitgenossen zu untersuchen, hätte es sicherlich eines stärker kulturwissenschaftlich oder literaturwissenschaftlich geprägten Zugriffes bedurft.

Ebenfalls sind einige handwerkliche Mängel anzumerken. Da die Kapitel und Unterkapitel nicht nummeriert sind, lässt sich das Verhältnis der einzelnen Unterpunkte zu einander nur sehr mühsam bestimmen, was es dem Leser sehr schwer macht, den roten Faden zu finden.[7] Der Fußnotenapparat ist ebenfalls sehr unübersichtlich gestaltet: Nicht nur variiert die Zitationsweise in den Anmerkungen immer wieder, zahlreiche Titel lassen sich auch überhaupt nicht auflösen, da sie einerseits nicht im Literaturverzeichnis vorkommen (das sich lediglich auf drei Seiten „Häufig zitierte Literatur“ beschränkt), und andererseits auch nicht auf die Erstzitation in den Anmerkungen zurückverwiesen wird. Auch hätte die Arbeit noch einmal gründlich lektoriert werden müssen (Leerzeichen, Satzzeichen, fehlende und überflüssige Wörter etc.).

Das Resümee muss entsprechend zwiespältig ausfallen: Jan-Christoph Herrmann hat eine große und wichtige Aufgabe in Angriff genommen und seine Arbeit wird sicherlich zu einem wichtigen Referenzwerk werden, da es eben die einzige umfassende Darstellung zum Wendenkreuzzug ist. Doch macht er es seinem Leser nicht gerade leicht. Für eine Überblicksdarstellung hätte das Material wesentlich stringenter und logischer geordnet werden müssen. Auch hätte man sich gewünscht, dass Herrmann als Erzähler oder eben als Historiker deutlicher hervortritt und seine Darstellung nicht so stark von den Quellenzitaten und Forschungsmeinungen anderer dominieren lässt. Wer sich davon jedoch nicht entmutigen lässt, wird immerhin dank dieser Arbeit feststellen können, dass unser Bild vom Phänomen Kreuzzug nach wie vor weiter vervollständigt werden muss. Im Wendenkreuzzug spielen eben nicht die in letzter Zeit so häufig betonten Motive wie Bußwallfahrt oder kulturelle Auseinandersetzung zwischen Islam und Christentum eine Rolle, sondern Motive wie die eschatologisch geprägte Heidenmission, territorialer Machtgewinn und schließlich auch die in der Kreuzzugsforschung so umstrittene Verbindung von Kreuzzug und Kolonisierung. Auch wenn Jan-Christoph Herrmann all dies nur am Rande behandelt, ist hierin sicherlich der größte Gewinn seiner Arbeit für die Kreuzzugsforschung zu sehen – der Wendenkreuzzug muss zukünftig noch viel deutlicher, als bisher geschehen, in allgemeine Überlegungen zur Entwicklung der Kreuzzugsidee miteinbezogen werden.

Anmerkungen:
[1] Steven Runciman, Geschichte der Kreuzzüge, 6. Aufl., München 2012 (Engl. Original in 3 Bänden 1951–1954); Hans Eberhard Mayer, Geschichte der Kreuzzüge, 10. überarb. u. erw. Aufl., Stuttgart 2005 (1. Aufl. 1965). - Die Neuauflagen zeigen allerdings, dass beide Werke nach wie vor populär sind.
[2] Vgl. nur den „pluralistischen“ Klassiker: Norman Housley, The later crusades 1274–1580. From Lyons to Alcazar, Oxford 1992. Als Beispiele für neuere Überblickswerke mögen diese beiden genügen: Nikolas Jaspert, Die Kreuzzüge, 5., bibliogr. aktual. Aufl., Darmstadt 2010 (1. Aufl. 2003); Jonathan Phillips, Heiliger Krieg. Eine neue Geschichte der Kreuzzüge, München 2011 (Engl. Original 2009).
[3] Friedrich Lotter, Die Konzeption des Wendenkreuzzugs. Ideengeschichtliche, kirchenrechtliche und historisch-politische Voraussetzungen der Missionierung von Elb- und Ostseeslawen um die Mitte des 12. Jahrhundert, Sigmaringen 1977.
[4] Vgl. etwa: Ane L. Bysted / Carsten Selch Jensen / Kurt Villads Jensen u.a. (Hrsg.), Jerusalem in the North. Denmark and the Baltic Crusades 1100–1522, Turnhout 2010 (Dän. Original 2004); Iben Fonnesberg-Schmidt, The popes and the Baltic Crusades. 1147–1254, Leiden 2007; Eric Christiansen, The Northern Crusades, 2. Aufl., London 1997 (1. Aufl. 1980).
[5] Vgl. etwa die Aufsatzsammlung: Hans-Dietrich Kahl, Heidenfrage und Slawenfrage im deutschen Mittelalter. Ausgewählte Studien 1953–2008, Leiden 2011.
[6] Volker Scior, Das Eigene und das Fremde. Identität und Fremdheit in den Chroniken Adams von Bremen, Helmolds von Bosau und Arnolds von Lübeck, Berlin 2002; David Fraesdorff, Der barbarische Norden. Vorstellungen und Fremdheitskategorien bei Rimbert, Thietmar von Merseburg, Adam von Bremen und Helmold von Bosau, Berlin 2005. – Von Herrmann nicht berücksichtigt, aber ebenso wichtig: Thomas Foerster, Vergleich und Identität. Selbst- und Fremddeutung im Norden des hochmittelalterlichen Europa, Berlin 2009.
[7] Vielleicht ist dies aber auch einem Fehler bei der Drucklegung zuzurechnen, denn auf S. 199 verweist Herrmann auf Kapitel 10.2, das nun aber gar nicht zu identifizieren ist.

ZitierweiseKristin Skottki: Rezension zu: Herrmann, Jan-Christoph: Der Wendenkreuzzug von 1147. Frankfurt am Main 2011, in: H-Soz-u-Kult, 19.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-3-166>.

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