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Mittelalterliche Geschichte

K. Görich: Friedrich Barbarossa

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Lioba Geis <lioba.geisuni-koeln.de>
Autor(en):
Titel:Friedrich Barbarossa. Eine Biographie
Ort:München
Verlag:C.H. Beck Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-406-59823-4
Umfang/Preis:pb.; 782 S., 50 Abb., 11 Karten; € 29,95

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Alheydis Plassmann, Institut für Geschichtswissenschaften, Rheinische-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
E-Mail: <a.plassmannuni-bonn.de>

Biografien haben Konjunktur. Obwohl sie ein Feld sind, mit dem sich Forscher nicht unbedingt leicht tun, erfreuen sie sich beim Publikum und damit auch den Verlagen großer Beliebtheit. Knut Görich hat selbst grundlegende Überlegungen angestellt, inwieweit das Schreiben von Biografien heute dadurch erschwert wird, dass die Kontingenz zu ihrem Recht kommt und nicht mehr ein „Lebensweg“ beschrieben werden kann, sondern eine Vielzahl von möglichen Verästelungen und Scheidewegen aufzuführen ist.[1] So konnte man seine Barbarossa-Biografie mit Spannung erwarten, zumal die letzte wissenschaftliche Biografie des Kaisers von Johannes Laudage aufgrund seines tragischen Unfalls unvollständig geblieben ist.[2]

Das „Denkmal“ Barbarossa stellt Knut Görich an den Anfang (Denkmalsenthüllungen, S. 11–25) und macht so deutlich, dass er sich von den überkommenen Barbarossa-Bildern lösen möchte und einen unverstellten Blickwinkel aus Barbarossas eigener Zeit heraus einnehmen möchte. Am Ende schlägt er den Bogen zurück und betont, dass ein traditionsstiftendes Erinnern des Kaisers nicht mehr geboten ist und der Instrumentalisierung in der einen oder anderen Richtung eine neutrale „Besichtigung“ entgegenzusetzen ist (Besichtigungen, S. 649–664).

Timothy Reuter hat den Vorschlag gemacht, jede Barbarossa-Biografie einem „Otto-von-Freising-Test“ zu unterwerfen: „Man schlage das Buch etwa in der Mitte auf: Befindet man sich noch im Jahr 1159 oder 1160, dann hat der Vf. sich von der Perspektive der Gesta Friderici nicht befreien können“.[3] Der Otto von Freising-Test ist bei Knut Görich indes nicht anwendbar, weil zum einen sowohl die Vorgeschichte der Staufer (Anfänge, S. 27–57) als auch Barbarossas Leben vor der Krönung (Herzog von Schwaben und Neffe des Königs, S. 59–91) eine ausführliche Behandlung erfahren, und zum anderen die Grundbedingungen von Hof und Herrschaftspraxis erörtert werden (Hof und Herrschaftspraxis, S. 145–220), ein Kapitel, das weit über Barbarossa selbst hinausweist und gerade Studierenden ans Herz gelegt sei, weil sich hier die in der heutigen Forschung gültigen Deutungsmuster in abgewogener Darstellung finden. Auf der Mitte des Buches befindet man sich so wirklich noch auf dem zweiten Italienzug, es kann aber nicht die Rede davon sein, dass sich Görich die Sichtweise des Freisinger Bischofs zu eigen gemacht hätte, vielmehr hat er den grundsätzlichen Rahmen anschaulich abgesteckt.

Tatsächlich ist es Knut Görich häufig ein Anliegen, das Handeln des Kaisers nicht aus der denkmalmotivierten Rückschau auf „Resultate“ mit Zielen und Motiven aufzuladen, sondern es nach Möglichkeit aus dem Konnex mit späteren, zum Teil zufällig und nicht willentlich herbeigeführten Ereignissen zu lösen. Die Erhebung Wichmanns zum Erzbischof von Magdeburg mag ein gutes Beispiel abgeben (S. 118–126). Die Vertrauensstellung, die Wichmann bei Barbarossa genoss, darf nicht vergessen lassen, dass bei der Bewerkstelligung seiner Wahl seine Zusammenarbeit mit Barbarossa keinesfalls im Vordergrund stand, sondern eine Dankesschuld an die Wettiner abzutragen war. In dieselbe Kerbe schlägt Görich, wenn er skeptisch ist, inwieweit die kaiserlichen Legaten in Italien den Willen des Kaisers ausführen konnten oder gar wollten (S. 352ff.), wenn er Barbarossas Handlungen vor 1152 konsequent aus der Interessenlage des Herzogs erklärt (S. 64–73) oder wenn er berechtigterweise darauf hinweist, dass die Situation nach dem Tod Konrads III. keine Präzedenzfälle aufzuweisen hatte und von daher auch nicht von einer „Usurpation“ des Thrones durch Barbarossa die Rede sein kann (S. 93–97). Diese Herangehensweise, die häufig erfrischend neue Perspektiven eröffnet, wird selten nicht angewandt. In Bezug auf das staufisch-zähringische Verhältnis etwa scheint für Knut Görich die konsequente Herabsetzung der Zähringer wegen der süddeutschen Rivalität nahe zu liegen (S. 135ff.), auch wenn er sich nicht festlegen möchte, ob Barbarossa damit rechnete, dass Berthold von Zähringen den Vertrag von 1152 nicht einhalten konnte. Auch im Fall des welfisch-babenbergischen Ausgleiches von 1156 bewegt Görich sich im Rahmen gängiger Interpretationen, betont aber, dass für die Überlebensdauer des Kompromisses nicht nur die Planungen des Kaisers, sondern auch die Zufriedenheit der Beteiligten mit dem Ergebnis entscheidende Faktoren für den dauerhaften Erfolg waren (S. 131ff.).

Dass Knut Görich sein spezielles Augenmerk auf die Italienpolitik Barbarossas richtet (Unbewältigte Herausforderungen: Der erste Italienzug S. 224–263; Behauptungsversuche in Oberitalien, S. 283–323; Siege und Niederlagen in Oberitalien, S. 325–387) ist angesichts seiner intensiven und einschlägigen Beschäftigung mit der Problematik nicht verwunderlich. Görich benutzt den zeitgenössischen honor imperii als Erklärungsmuster für die Handlungen des Kaisers, der zuvorderst darauf achtete, ob das Ehrgefühl und der eigene Status und damit der des Reiches verletzt oder respektiert wurde. In vielen Situationen kann Görich so die Zwangsläufigkeit von Reaktionen Barbarossas ausmachen, dem manche modern aufgezeigten Handlungsoptionen nicht offen standen. Die Möglichkeit anderer Erklärungen wird von Görich angesprochen und nur sehr selten explizit ausgeschlossen (so etwa S. 323 in Bezug auf wirtschaftspolitische Motive der Italienpolitik), so dass sich bei aller Betonung des honor ein ausgewogenes Bild ergibt.

Den Frieden von Venedig 1177 versteht Görich nicht als eine Niederlage des Kaisers, zumal die Frage nach den Zielsetzungen Barbarossas von Görich grundsätzlich mit Vorsicht angegangen wird. Vielmehr sieht er den Ausgleich mit dem Papst als „Rückkehr zum Konsens“ (S. 441–502) und macht in der Zeit nach dem Frieden von Konstanz gar „erweiterte Handlungsspielräume“ aus (S. 505–548). Gegen Johannes Laudage sieht er den Frieden von Venedig als Voraussetzung einer neuen Geschlossenheit (S. 460). Görich kommt durchaus auf die Verschlechterung des Verhältnisses zu Erzbischof Philipp von Köln zu sprechen, das die letzten Jahre von Barbarossas Regierungszeit überschattete, sieht aber insgesamt den Kaiser in einem so weiten Feld von „Mitspielern“ agieren, dass er von einem Niedergang keinesfalls sprechen möchte. Tatsächlich spricht gerade das geschlossene Agieren des Reichsepiskopates für Interessen des Kaisers gegenüber dem Papst eine deutliche Sprache der Akzeptanz.

Ein letztes chronologisches Kapitel ist dem Zug ins Heilige Land gewidmet (S. 549–600), bevor Görich abrundend das Problem der Absichten des Kaisers, der Wahrnehmung dieser Absichten durch die zeitgenössischen Quellen und unserer Interpretation seiner Pläne und Handlungen anhand der Zuschreibungen als amator legum, amator bellorum und amator ecclesiarum aufgreift (S. 601–648).

Knut Görich ist es gelungen, ein Buch vorzulegen, in dem die Quellen immer wieder lebendig in den Vordergrund treten, die Forschungsdiskussion einbezogen wird, aber auch die zum Teil belastete Rezeptionsgeschichte stets im Blick bleibt und das sich zusätzlich noch überaus leicht, ja sogar spannend liest. Urteile fällt Görich in strittigen Forschungsfragen nach sorgfältiger Abwägung oder lässt sie wie im Falle des Cappenberger Barbarossakopfes gar mit skeptischem Unterton offen (S. 642–648). Dass die Forschungsdiskussion und -auseinandersetzung für den Uneingeweihten nicht immer leicht nachzuvollziehen ist, ist nicht dem Autor anzulasten, der sogar eigene Meinungen revidiert (S. 421), sondern dem Verlag, der offenbar auf den forschungsunfreundlichen Endnoten bestand. Ob Fußnoten den interessierten Laien wirklich abhalten, ein gut geschriebenes Buch zu lesen, dafür wäre der Beweis eigentlich erst noch zu erbringen.

In vielen Fällen hält sich Görich mit einer Meinung über persönliche Charakterzüge des Kaisers deutlich zurück, etwa was die Frage angeht, ob Barbarossa bei öffentlichen Auftritten gelegentlich zur Durchsetzung eigener Ziele „geschauspielert“ habe (S. 214–220), und dennoch haben Leserinnen und Leser am Ende des Buches sicher das Gefühl, Friedrich Barbarossa ein klein wenig besser zu kennen.

Anmerkungen:
[1] Knut Görich, Versuch zur Rettung von Kontingenz. Oder: Über Schwierigkeiten beim Schreiben einer Biographie Friedrich Barbarossas, in: Frühmittelalterliche Studien 43 (2009), S. 179–197.
[2] Johannes Laudage, Friedrich Barbarossa (1152–1190). Eine Biografie, hg. von Lars Hageneier und Matthias Schrör, Regensburg 2009.
[3] Rezension zu Franco Cardini, Friedrich I. Barbarossa. Kaiser des Abendlandes, Graz 1990, in: Deutsches Archiv 51 (1995), S. 289.

ZitierweiseAlheydis Plassmann: Rezension zu: Görich, Knut: Friedrich Barbarossa. Eine Biographie. München 2011, in: H-Soz-u-Kult, 09.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-015>.

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