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Neuere Geschichte

D. Gessner: Weimarer Republik

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Ewald Frie <ewald.friehistsem.uni-tuebingen.de>
Autor(en):Gessner, Dieter
Titel:Die Weimarer Republik
Reihe:Kontroversen um die Geschichte
Ort:Darmstadt
Verlag:Wissenschaftliche Buchgesellschaft
Jahr:2002
ISBN:3-534-14727-8
Umfang/Preis:kart.; 131 S.; € 16.50

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Claus-Christian Werner Szejnmann, School of History and Politics, Middlesex University
E-Mail: <CCWS1LE.AC.UK>

Die Forschung über Weimar ist in den letzten zwanzig Jahren keineswegs stehen geblieben, auch wenn die „großen Debatten“ über Weimar größtenteils abgeflaut sind, weil sich Forscher mehr und mehr auf die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur und der deutschen Geschichte nach 1945 konzentriert haben. Deshalb wird man Gessner sehr dankbar sein, dass er eine ganz beachtliche Anzahl neuer Erkenntnisse, Debatten und komplizierter Sachverhalte aus der Forschung über die Weimarer Republik zusammengefasst, kommentiert und damit auch für Nicht-Experten zugänglich gemacht hat: knapp 500 der wichtigsten Beiträge sind laut Literaturverzeichnis verarbeitet. Zusammen mit dem immer noch unübertroffenem, aber teilweise veralteten Standardwerk von Eberhard Kolb, wird es Interessierten einen sehr soliden Einstieg und Überblick in die Weimarer Republik erlauben. [1]

Wie alle Bände der Reihe „Kontroversen um die Geschichte“ folgt der Aufbau einem einheitlichen Prinzip: Einer kurzen Einleitung folgt ein Überblick, der anschließende Hauptteil umfasst eine Reihe Forschungsprobleme und Schlüsselfragen. Eine Bilanz des Forschungsstandes und eine Bibliographie der wichtigsten Werke beschließen den Band.

Der Überblick befasst sich in drei Teilkapiteln mit den etablierten Phasen der Republik (1918-1923, 1923-1930 und 1930-1933), „begründet die Auswahl der behandelten Deutungskontroversen und ordnet diese in den Gesamtrahmen ein“ (VII). Gessner untersucht im ersten Teil fast ausschließlich die politische Entwicklung, um anschließend Inflation und Reparationen zu analysieren. Seine Bilanz lautet: „Kein anderes Problem als die von Deutschland geforderten Wiedergutmachungszahlungen hat die deutsche Innenpolitik und das friedliche Zusammenleben der ehemaligen Kriegsgegner in der Zwischenkriegszeit bis 1932 mehr belastet.“ (19) Das letzte Teilkapitel beschreibt den „konservativen Schwenk“ und versucht zu zeigen, wie die „behutsame deutsche Revisionspolitik ... nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise und dem Rückzug der USA aus Europa in einen deutlich aktiveren und schließlich aggressiven Revisionismus über[ging].“ (20) Insgesamt erscheint dieser Überblick zu sehr auf wirtschaftliche Gesichtspunkte fixiert und vermittelt eine fast schon zu vorprogrammierte Abkehr von Versailles und damit von der Demokratie. Außerdem sucht man hier vergeblich nach direkten Zusammenhängen zu späteren Themen wie dem verstärkten Antisemitismus, der Auflösung des Mittelstandblocks oder dem Aufstieg des Nationalsozialismus.

Die Diskussion der acht Forschungsprobleme, die auf Einleitung und Überblick folgt, ist sehr ertragreich und gelungen. Folgende Themen werden berücksichtigt: 1) Die deutsche Arbeiterbewegung zwischen 1918 und 1933
2) Die Wirtschaftskrisen der Zwischenkriegszeit
3) Die Weimarer Republik – Ort der „Klassischen Moderne“
4) Juden und Antisemitismus in Deutschland vor 1933
5) Der Streit um den Mittelstand
6) „Die Krise vor der Krise“ (Die Borchardt-Kontroverse)
7) Wer wählte die NSDAP?
8) Das Ende der Weimarer Republik

Es geht also um „klassische“ Debatten, mit denen sich bis vor zehn, zwanzig Jahren teilweise umfangreiche Gruppierungen von Experten auseinandergesetzt haben. Seitdem wurde unser Wissen über diese Themen - wenn überhaupt - eher von Einzelstudien bereichert. Beispielsweise spricht Gessner bei dem Themenkomplex „Revolution und Räte“ von einem „eingefrorenen Forschungsstand“, der eine Klärung vieler offener Fragen verhindert (24-25). Dies erklärt auch, wieso der Hauptteil in nicht unbeträchtlichem Maße aus einer Zusammenfassung wichtiger neuere Werke, wie zum Beispiel Heinrich August Winklers dreibändiger „Geschichte der Arbeiter und Arbeiterbewegung“ besteht. In diesem Sinne wäre auch eine Diskussion der zahlreichen allgemeinen Geschichten über die Weimarer Republik, die in den letzten Jahren von führenden Experten vorgelegt worden sind, sehr nützlich gewesen [2].

Die ersten zwei Kapitel über die Arbeiterbewegung und die Wirtschaftskrisen können nicht ganz so überzeugen wie die folgenden sechs. So wird der wichtigen Diskussion über die Auflösung der Milieus der Arbeiterbewegung erstaunlich wenig Platz gewidmet (32-33). Das Teilkapitel „Wirtschaftskrise und die nationalsozialistische Überwältigung“ erwähnt die Nationalsozialisten überhaupt nicht. Gessner beschäftigt sich dann sehr ausführlich mit der Inflation (Bedeutung, Ursachen, Folgen, Nachwirkungen) und dann mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 und ihre Auswirkungen auf Deutschland. Sehr gut bezieht er die oft vernachlässigte internationale Dimension mit ein, doch sind diese Ausführungen sehr anspruchsvoll und lang. Studenten könnten überfordert sein. Schließlich wird auch die menschliche Dimension der Wirtschaftskrisen kaum erörtert und nur partiell im Kapitel über den Mittelstand beleuchtet.

In den folgenden sechs Kapitel des Hauptteils gelingen Gessner informative und klare Zusammenfassungen, interessante Kommentare und Ausblicke. Kritikpunkte sollen hier nur am Rande erwähnt werden, wie diverse Fehler bei Daten (z. B.: die „Deutsche Arbeiterpartei“ wurde in München nicht im Mai 1918, sondern am 5. Januar 1919 gegründet [88]; die Nummern der Literaturhinweise sind teilweise verrutscht [besonders Kapitel III, 7]). Bedauerlicher erscheint jedoch, dass Gessner bei der Auswahl der Forschungsprobleme nicht mehr neueren Fragestellungen nachgegangen ist, um beispielsweise Aspekte wie die Rolle der Frauen, die Jugend, Alltagsgeschichte, anti-demokratisches Denken, Modernisierung im weiteren Sinne, oder das Thema „Zentrum und Peripherie“ zu behandeln. In diesem Sinne erscheint gerade das Kapitel über „Juden und Antisemitismus“ besonders gelungen und aktuell.

Gessner rundet diesen insgesamt begrüßenswerten Band im Schlussteil mit einer treffenden Beobachtung über die fortschreitende Fragmentierung der Forschung ab: „Mit Blick auf die jüngste Forschung scheint es, als würden die unterschiedlichen politik-, wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Fragestellungen und angewandten Methoden in die eine Geschichtsschreibung einmünden, in der alle Widersprüche in einem ‚höheren’ kulturgeschichtlichen Sinne aufgehoben sind. Die Ergebnisse kurzfristiger Analysen erhalten erst in ihr eine längerfristige Einordnung und abschließenden Bewertung. Alles hat seinen Preis!“ (109).

Anmerkungen
[1] Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik, 6. Auflage, München 2002.
[2] Siehe Andreas Wirsching: Die Weimarer Republik. Politik und Gesellschaft, München 2000; Detlev Lehnert: Die Weimarer Republik. Parteienstaat und Massengesellschaft, Stuttgart 1999; Peter Longerich: Deutschland 1918-1933. Die Weimarer Republik. Handbuch zur Geschichte, Hannover 1995; Heinrich-August Winkler: Weimar 1918-1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie, München 1993; Hans Mommsen: Die verspielte Freiheit. Der Weg der Republik von Weimar in den Untergang 1918-1933, Berlin 1989.

ZitierweiseClaus-Christian Werner Szejnmann: Rezension zu: Gessner, Dieter: Die Weimarer Republik. Darmstadt 2002, in: H-Soz-u-Kult, 16.09.2002, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/NG-2002-087>.

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