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Zeitgeschichte (nach 1945)

E.W. Becker: Theodor Heuss

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Theodor Heuss. Bürger im Zeitalter der Extreme
Reihe:Mensch - Zeit - Geschichte
Ort:Stuttgart
Verlag:Kohlhammer Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-17-021490-3
Umfang/Preis:184 S.; € 18,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Ines Soldwisch, Historisches Institut, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
E-Mail: <ines.soldwischrwth-aachen.de>

Eine Biografie über Theodor Heuss (1884–1963) zu schreiben, den ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, ist durchaus eine Herausforderung. Der stellvertretende Geschäftsführer der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, Ernst Wolfgang Becker, hat sie zweifelsohne gemeistert. Auf knappem Raum gelingt es ihm, Heuss als Persönlichkeit vorzustellen und ihn im Kontext seiner Zeit kritisch zu analysieren. Beckers Buch ist ohne Pathos geschrieben und zeichnet ein ungeschöntes, ambivalentes Bild des Protagonisten. Neben den wichtigen Aufgaben, die Heuss besonders im Parlamentarischen Rat und in seinem Amt als Bundespräsident wahrnahm, hinterfragt Becker auch Entscheidungen Heuss’ während der NS-Zeit, die zumindest aus heutiger demokratiepolitischer Sicht irritierend seien. Denn der späteren Selbsteinschätzung Heuss’, ein überzeugter Demokrat zu sein, widersprechen einige seiner früheren Handlungen – etwa die Zustimmung zum „Ermächtigungsgesetz“ 1933 oder seine Arbeit für die nationalsozialistische Zeitschrift „Das Reich“.

Doch zum Anfang: Der Band ist in sechs Teile gegliedert, die von einem Prolog sowie den Fragen nach der Relevanz der Heuss-Forschung und der Heuss-Erinnerungskultur umrahmt werden. Im Prolog entwirft Becker ein erstes Bild von Heuss, der Zeit seines Lebens journalistischen, kulturellen und politischen Aktivitäten nachging. „Lebensführung und Werteorientierung [waren] zutiefst bürgerlich geprägt: ein hoher Stellenwert von Selbstständigkeit und Eigenverantwortung, ein regelrechter Bildungs- und Geschichtshunger, ein ausgeprägtes Interesse für Kunst, Literatur und Wissenschaft, ein hohes Arbeits- und Leistungsethos, die Kultivierung des Briefes als Mittel der Kommunikation und Selbstverständigung und nicht zuletzt das Vertrauen darauf, in einem vernunftgeleiteten Diskurs über öffentliche Angelegenheiten entscheiden zu können.“ (S. 9) In der Gesamteinschätzung der Persönlichkeit beruft sich Becker unter anderem auf seinen Kollegen Thomas Hertfelder, den Geschäftsführer der Stiftung, der Heuss als „Figur des Übergangs […] in einer Zeit des beschleunigten Wandels“ bezeichnet (zit. ebd.).

Das erste inhaltliche Kapitel, das sich mit dem jungen Theodor Heuss im Kaiserreich befasst, thematisiert die bürgerliche Erziehung, die Heuss’ Naturell, seine Begeisterung und sein Engagement für die Kultur, sein Demokratieverständnis und seine Politikauffassung durchgängig prägte. Die „politischen Lehrjahre bei Friedrich Naumann“ (S. 18ff.) interpretiert Becker folgerichtig als die für Heuss langfristig maßgebliche Erfahrung. Naumanns Leitvorstellungen sind es, die Heuss verinnerlicht und vertritt. Seinem Mentor blieb er treu: als Wahlhelfer, als Journalist („Die Hilfe“, „Neckar-Zeitung“), als Politiker und als Biograf. Heuss trat 1903 der Freisinnigen Vereinigung bei, war seit 1910 Mitglied in der Fortschrittlichen Volkspartei und 1918 Gründungsmitglied der DDP. Sein politisches und rhetorisches Talent erkennend, versuchte er 1912 in Heilbronn ein Mandat für den württembergischen Landtag zu erlangen, unterlag jedoch. In den folgenden Jahren verdingte er sich weiterhin als Journalist. Als Kommentator des Ersten Weltkriegs in der „Neckar-Zeitung“ vermittelte er ein durchaus ambivalentes Bild – einerseits stellte er sich laut Becker als „selbstbewusster Nationalist“ hinter das Kaiserreich, das „einen gerechten Krieg gegen seine aggressiven Nachbarn führe“, andererseits warnte er vor irrationaler Kriegshysterie (S. 36). Gegen Ende des Kriegs widmete er sich mehr der innenpolitischen Reformdiskussion. So engagierte er sich journalistisch für eine stärkere Zentralisierung des Reichs und eine „intensivere Abstimmung zwischen Reichstag und Reichsleitung“ (S. 41).

Als „Demokrat in der Weimarer Republik“ (S. 42-66) tat sich Heuss anfangs eher schwer, hatte er doch gemeinsam mit Naumann für eine Stärkung des Parlamentarismus innerhalb der Monarchie gestanden. Revolution war seine Sache nicht. Dennoch kämpfte Heuss in den folgenden Jahren für die Republik. Nach seinem erfolglosen Bemühen, in die Nationalversammlung einzuziehen, nach dem Tod seines politischen Fürsprechers Naumann 1919, war Heuss gezwungen, „sich mit der publizistischen Rolle des Kommentators zu begnügen“ (S. 52). Als Redaktionschef der „Deutschen Politik“ und der „Deutschen Nation“ nahm er regen Anteil an der politischen Entwicklung der Republik, konnte aber den Niedergang der beiden Zeitungen nicht verhindern. Neben seiner Arbeit als Verbandsfunktionär im Deutschen Werkbund veröffentlichte er Bücher, biografische Essays, Broschüren und nahm seine politische Bildungsarbeit an der Deutschen Hochschule für Politik auf, die von Naumann als Staatsbürgerschule für linksliberale Nachwuchspolitiker gegründet und von Ernst Jäckh 1920 in eine überparteiliche Einrichtung umgewandelt worden war.

Doch die aktive Politik gab Heuss nicht auf. 1919 zog er in die Schöneberger, 1929 für zwei Jahre in die Groß-Berliner Stadtverordnetenversammlung ein. Der Versuch, über die württembergische Landesliste ein Reichstagsmandat zu erhalten, misslang 1920 erneut. Das Mandat von 1924 blieb ein Intermezzo, denn schon 1928 versagten ihm die württembergischen Parteifreunde ihre Unterstützung. Resignierend kommentierte Heuss: „Ich werde gegenwärtig nach Strich und Faden hereingelegt.“ (S. 58)

Dem wohl bekanntesten Einzelereignis von Heuss’ Politik in der Endphase der Weimarer Republik – der Zustimmung zum „Ermächtigungsgesetz“ – widmet sich unter anderem das dritte Kapitel. Auch hier ordnet Becker das Handeln Heuss’ in den historischen Kontext ein und setzt sich mit möglichen Erklärungsansätzen auseinander, ohne Heuss jedoch von Verantwortung freizusprechen. In der NS-Diktatur führte Heuss dann eine Nischenexistenz. Nicht aktiv am Widerstand beteiligt, widmete er sich, ganz Bildungsbürger, seiner journalistischen und schriftstellerischen Tätigkeit, bis ihm auch hier Grenzen gesetzt wurden. Heuss’ Haltung zum System war durchaus ambivalent. Er zweifelte daran, „dass mit der Diktatur […] die Richtung auf den totalen Staat“ eingeschlagen sei (Heuss im Juli 1933, zit. auf S. 74). Er kritisierte in der „Hilfe“ die Brutalität des Regimes, begrüßte jedoch einzelne Schritte der nationalsozialistischen Revisionspolitik und scheute sich auch nicht, für die Wochenzeitung „Das Reich“ mehrere Texte anzufertigen.

Nach 1945 trug Heuss schwer an seiner intellektuellen Verstrickung in die NS-Vergangenheit. Die beiden letzten Kapitel schildern – durchaus spannend – seinen Weg in die bundesrepublikanische Demokratie. Ihm wurden mehrere Ämter angetragen, die er mehr oder weniger gern ausfüllte. So wirkte er unter anderem als „Kultminister“ (sic) für Württemberg-Baden, als Vorstandsmitglied der DVP und Zweitvorsitzender der zonenübergreifenden DPD, bis er dann Vorsitzender der FDP wurde. Mit der neuen Partei tat sich Heuss etwas schwer, denn „nicht im Liberalismus, sondern beim national-sozialem Naumann sah er seine Wurzeln“ (S. 107). Parteipolitik reizte ihn, war ihm jedoch in ihrer praktischen Ausübung zu ideologisch. Als Vorsitzender der FDP-Fraktion im Parlamentarischen Rat fand er sein eigentliches Betätigungsfeld und verließ dabei immer wieder engere Vorgaben der Partei. 1949 zog Heuss dennoch für die FDP in den Deutschen Bundestag ein.

Die baldige Wahl zum Bundespräsidenten befreite Heuss von der schweren Bürde der Parteipolitik. Sein rhetorisches Talent und sein intellektuelles Naturell prädestinierten ihn für das Amt. Macht gewann er durch die Kraft des Wortes und durch Einmischung, frei von parteipolitischen Zwängen. Allerdings besteht kein Anlass zur Idealisierung, denn Heuss’ Urteilsvermögen war nicht immer treffsicher. Auffallend ist das in manchen Fällen mangelnde historische Gespür (etwa bei der Diskussion über die Nationalhymne) und die Neigung „zur Zurückhaltung“ (Johannes Paulmann, S. 149). So wirkte Heuss trotz seiner zahlreichen, oft kulturpolitischen Initiativen gerade am Ende seiner zweiten Amtszeit (1959) „mitunter wie ein liebenswürdiges Relikt aus überlebten Zeiten, welches der politischen und gesellschaftlichen Dynamik nicht mehr zu entsprechen schien“ (S. 180).

Becker hat in seiner Kurzbiografie ein eindrucksvolles Bild des ersten Bundespräsidenten gezeichnet. Er schildert ihn als typischen Vertreter des Bildungsbürgertums, der seinen eigenen Prinzipien weitgehend treu blieb – mit der Folge mancher Fehlinterpretationen und Fehlentscheidungen. Die Parteilinie interessierte Heuss kaum. Er vertraute viel stärker seinem eigenen Urteil. Geschichte wurde in seiner Wahrnehmung immer noch von Persönlichkeiten gemacht. Zahlreiche ausführliche Zitate aus Reden und Briefen lassen erkennen, wie wenig Heuss bereit war, vorgefertigten Denkschemata zu folgen. Darin war er ein wirklicher Liberaler.

Nachteilig ist, dass Ernst Wolfgang Becker auf Fuß- oder Endnoten verzichtet; Zitate weist er nur spärlich und vereinzelt nach. So ist eine eingehendere Auseinandersetzung und/oder weitere Recherche beinahe unmöglich. Dies mag der Reihe und den Vorgaben des Verlags geschuldet sein, sollte für die Zukunft aber überdacht werden. Die vorliegende Lebensbeschreibung ist als handliche politische Biografie konzipiert und auf jeden Fall lesenswert. Gerade angesichts von Heuss’ breiten kulturellen, journalistischen, essayistischen und biografischen Interessen wäre es jedoch nützlich gewesen, sein intellektuelles Engagement stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Politik, so Becker, bedeutete Heuss viel, aber keineswegs alles (S. 181). In dieser Hinsicht kann auf Joachim Radkau verwiesen werden, der ebenfalls an einer Heuss-Biografie arbeitet. Schon in seinem jüngsten Aufsatz wird deutlich, dass dabei eine Studie zu erwarten ist, die Heuss’ gesamten Habitus stärker in den Vordergrund stellen und dies mit der Mentalitäts- und Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik verbinden wird.[1]

Anmerkung:
[1] Joachim Radkau, Der Kuss des Atoms. Über die zwei Körper des Theodor Heuss, in: Zeitschrift für Ideengeschichte 5 (2011) H. 4, S. 65-80.

ZitierweiseInes Soldwisch: Rezension zu: Becker, Ernst Wolfgang: Theodor Heuss. Bürger im Zeitalter der Extreme. Stuttgart 2011, in: H-Soz-u-Kult, 28.02.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-1-137>.

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