1 / 1 Rezension

Zeitgeschichte (nach 1945)

F. Obermaier: Sex, Kommerz und Revolution

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Classen <classenzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Sex, Kommerz und Revolution. Vom Aufstieg und Untergang der Zeitschrift „konkret“ (1957–1973)
Ort:Marburg
Verlag:Tectum - Der Wissenschaftsverlag
Jahr:
ISBN:978-3-8288-2671-7
Umfang/Preis:228 S.; € 24,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Detlef Siegfried, Department of English, Germanics and Romance Studies, Universität Kopenhagen
E-Mail: <detlefhum.ku.dk>

Nach dem 2006 erschienenen, ebenso reißerischen wie wissenschaftlich unergiebigen Buch von Bettina Röhl zur Geschichte der Zeitschrift „Konkret” greift man hoffnungsvoll zur jüngsten Veröffentlichung zu diesem Thema.[1] „Konkret” spielte in der Geschichte der Bundesrepublik eine bedeutende Rolle – als Organ einer sich als Avantgarde in der Kontinuität der „Weltbühne” verstehenden Gruppe der linken Intelligenz in den 1950er-Jahren, als Medium der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und der linkssozialistischen Strömungen um 1968, als Beispiel für die Verflechtungsgeschichte der beiden deutschen Staaten im Kalten Krieg. Zu Recht hat Obermaier, wie der Titel andeutet, einen Aspekt herausgehoben, der in den vergangenen Jahren einige Aufmerksamkeit gefunden hat – die Spannung von Politik und Kommerz, die das Profil der Zeitschrift zwischen 1964 und 1973 geprägt, ihren Durchbruch begründet und gleichzeitig polarisierend gewirkt hat. Damit bietet „Konkret” einen ergiebigen Gegenstand, um nicht nur mediengeschichtliche Entwicklungen, sondern Wandlungstendenzen in der westdeutschen Gesellschaft als Ganzes exemplarisch in den Blick zu bekommen. Aber es braucht einen scharfen Fokus und gleichzeitig einen weiten Kontext, um hier zu überzeugenden Ergebnissen zu kommen.

Obermaier bearbeitet sein Thema auf einer breiten Quellenbasis, die über das bisher Bekannte hinausgeht. Zu der Zeitschrift selbst, den inzwischen zahlreichen publizierten Aussagen der Akteure und Akten aus der staatlichen Überlieferung von DDR und BRD kommen Interviews, die der Verfasser mit vielen Protagonisten von Klaus Hübotter bis Hermann L. Gremliza geführt hat. Aus all diesen Quellen montiert Obermaier einen Text, der einen Einblick in den Stand der Forschung, aber kein kohärentes Bild ergibt. Mit Ausnahme von Bettina Röhls hyperventilierendem Text, der ihm suspekt ist, orientiert sich der Verfasser allzu stark an den sich zum Teil widersprechenden Thesen der Sekundärliteratur, übernimmt mal die eine, mal die andere Wertung, ohne zu einer eigenen Deutung zu gelangen. So schließt er sich einerseits der These an, am Nasenring „Konkret“ habe die DDR die linke West-Intelligenz herumgeführt, andererseits dem Einwand, der den Eigensinn der westdeutschen „Konkret“-Gründer hervorhebt. Dass das Bild so disparat bleibt, hat auch mit der unklaren Fragestellung zu tun. Der Verfasser, vorgestellt als „Politologe und Journalist“, deutet mal einen kommunikationswissenschaftlichen, mal einen mediengeschichtlichen Ansatz an, will aber die „Fokussierung auf eine einzelne Leitfrage“ vermeiden (S. 16). Im Grunde geht es darum, wie der Umschlag verheißt, die „verworrene und bewegte Geschichte“ der Zeitschrift und ihrer Vorgänger „mit all ihren Kontinuitäten, Brüchen und Konflikten“ zu beschreiben.

Tatsächlich ist es verdienstvoll, diese Geschichte in ihren vielen Facetten zu erzählen. Obermaier bezieht jene kurzlebigen Blätter ein – „Der Untertan“, „Zwischen den Kriegen“, „Das Plädoyer“, „Studentenkurier“ –, die Klaus Rainer Röhl und Peter Rühmkorf gegründet hatten, bevor sie mit „Konkret“ ein langfristig tragfähiges Format fanden. Er beschreibt ihre Entstehung aus einem linksbohemistischen Studentenzirkel, lotet die Konstellation aus, die einen ungewöhnlichen Sponsor auf den Plan rief, beschreibt den Aufstieg von „Konkret“ als bundesweite Studentenzeitschrift Ende der 1950er-Jahre, ihren Durchbruch als Illustrierte für junge Intellektuelle ab 1964 und ihr (vorläufiges) Ende von 1973. Weil Kommerzialität in Gestalt von Werbung, nackter Haut, Beat und Pop in Kombination mit linker Politik das Erfolgsrezept in der Hochzeit der Zeitschrift, den 1960er-Jahren, war, spielt diese scheinbar widersprüchliche Kombination im Buch eine wichtige Rolle, wird aber aufgrund des vorsätzlich unscharfen Fokus nicht wirklich zum Angelpunkt der Analyse.

Ist der breite Ansatz, also der Versuch, die Geschichte der Zeitschrift in die übergeordneten Entwicklungen von Politik und Gesellschaft einzubetten, grundsätzlich zu begrüßen, so gelingt die Umsetzung leider nur begrenzt, weil dann doch das Wissen um den zeitgeschichtlichen Kontext nicht tief genug geht. Nicht selten erscheint das Urteil des Verfassers unsicher, mitunter abwegig. Die These, die „Konkret“-Fraktion habe durch ihre Politik beim Studentenkongress gegen Atomrüstung 1959 „den Grundstein“ für die Selbstauflösung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) 1970 gelegt (S. 74), ist nicht recht nachzuvollziehen, ebenso wenig die Vorstellung, „Konkret“ hätte möglicherweise „zu einem wirklich bedeutenden Blatt der Frauenbewegung“ werden können (S. 136). Keineswegs waren Röhls Zeitschriften „Parteipresse“ (S. 144), wie Obermaier meint, der allzu oft die griffige Formel einer abgewogeneren Terminologie vorzieht. „Studentenkurier“ und „Konkret“ hätten niemals erfolgreich sein können, wenn sie sich mit der Veröffentlichung der Parteidogmatik der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) begnügt hätten. Zu diesem Zweck bezahlte die DDR andere Blätter; aber es lag auch den Gründern der Zeitschrift fern, die Zuspruch fanden, weil sie taten, was sie für richtig hielten. Aus der Tatsache der verdeckten DDR-Finanzierung diesen Schluss zu ziehen, bedeutet, das kultur- und gesellschaftsgeschichtlich eigentlich Bedeutsame aus dem Auge zu verlieren – die Frage nämlich, wie es sein konnte, dass die Mischung aus ätzender Kritik westlicher Politik und der Verachtung bürgerlicher Kultur in der Tradition der Weimarer Linksintelligenz, dargeboten in betont schnodderiger Sprache, auf positiven Widerhall in der westdeutschen Studentenschaft stieß.

So ist das Buch nützlich als Kompendium und Ergänzung der inzwischen vorliegenden Informationen, während manche Deutungen mit Vorsicht zu genießen sind. Nach wie vor enthält das Thema „Konkret“ eine Menge Forschungspotenzial, wenn man es nicht als Selbstzweck begreift, sondern als Spiegel bedeutender Transformationen in der westdeutschen Gesellschaft der 1950er- bis 1970er-Jahre.

Anmerkung:
[1] Bettina Röhl, So macht Kommunismus Spaß. Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret, Hamburg 2006; vgl. Gisela Diewald-Kerkmann: Rezension zu: Röhl, Bettina: So macht Kommunismus Spaß! Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret. Hamburg 2006, in: H-Soz-u-Kult, 15.03.2007, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-1-177> (30.09.2012).

ZitierweiseDetlef Siegfried: Rezension zu: Obermaier, Frederik: Sex, Kommerz und Revolution. Vom Aufstieg und Untergang der Zeitschrift „konkret“ (1957–1973). Marburg 2011, in: H-Soz-Kult, 10.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-031>.

Copyright (c) 2012 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.

 
1 / 1 Rezension