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Alte Geschichte

H. Sivan: Galla Placidia

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Galla Placidia. The Last Roman Empress
Reihe:Women in Antiquity
Ort:Oxford
Verlag:Oxford University Press
Jahr:
ISBN:978-0-19-537912-9
Umfang/Preis:X, 224 S.; £ 65,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz
E-Mail: <lambreuni-koblenz.de>

Das Leben der Galla Placidia (ca. 390–450 n.Chr.), Tochter Theodosius’ I., (Halb-)Schwester der römischen Kaiser Arcadius und Honorius, Ehefrau des Gotenkönigs Athaulf (414–415), danach des Heermeisters und späteren Mitkaisers des Honorius, Constantius III. (417–421), vor allem aber Mutter Kaiser Valentinians III. (425–455), ist von bewegten Jahrzehnten des Römischen Reiches gezeichnet. Dennoch erlaubt die Quellenlage kaum, eine Biographie zu schreiben, auch wenn dies schon versucht worden ist[1], und auch eine Monographie, die Galla Placidia in den Mittelpunkt stellt, hat es mit fast unüberwindlichen Schwierigkeiten zu tun. Diese Probleme sind der durch Forschungen zur Spätantike gut ausgewiesenen Autorin Hagith Sivan durchaus bekannt, und sie sucht ihnen durch anderweitige Zugänge zum Thema zu begegnen.

„This book was born from pure temptation“ (S. 1), bekennt Sivan zu Beginn und bekundet damit das Interesse an Galla Placidias Person, das sie zu dieser Darstellung verleitet hat, obwohl es höchstens „a handful of direct references“ (S. 2) gibt, so dass sie Material hinzuziehen muss, das Vergleichsmöglichkeiten zum Leben dieser Kaiserin bietet und Spekulationen erlaubt, die aus anderen Zeiträumen Rückschlüsse auf mögliche Konstellationen zulassen, wie man sie sich auch bei Galla Placidia vorstellen kann. Hierfür ist allerdings ein enger Rahmen gezogen, wenn die Darstellung eine Studie zu Galla Placidia in ihrer Zeit sein und nicht das ganzheitliche Panorama einer zu Ende gehenden Epoche präsentieren will. Sivans Interesse an der Kaiserin ist nicht zuletzt historisch-anthropologisch orientiert[2] und durch die Suche nach Zugängen zur Frauenforschung im Altertum motiviert.

Sivan entfaltet ihr Thema in sechs Kapiteln. „A Wedding in Gaul (414)“ behandelt Galla Placidias Verheiratung mit dem Gotenkönig Athaulf in Narbonne und deren Hintergründe. Sivan stellt diese Frau und ihre Herkunft vor und beleuchtet die Eheschließung anhand der hierzu überlieferten Quellenzeugnisse. Hinzu treten Überlegungen zu alternativen Möglichkeiten von Frauen der Oberschicht in einer Zeit zunehmender Attraktivität christlicher Askese und zu den Gesichtspunkten, die den Goten zu dieser Heirat bewogen haben mochten. Nachgeliefert werden schließlich die politischen Konstellationen, die zu der Hochzeit in Narbonne geführt haben; sie werden mit den möglichen Themen eines für diesen Anlass nicht erhaltenen Hochzeitsgedichts verknüpft, für das das Epithalamium Claudians zur Eheschließung des Honorius mit Stilichos Tochter Maria von 398 als Vergleichsfolie dient. Bündige Inhalte im Interesse eines ganzheitlichen Bildes lassen sich in den Ausführungen dieses und der folgenden, chronologisch voranschreitenden Kapitel nicht angeben, da Sivan von Thema zu Thema wechselt, wie die Quellenlage, ihre Assoziationen und Darstellungsabsichten es vorgeben.

In dieser Weise setzt sich unter Heranziehung, wo immer es möglich ist, von Zitaten aus geeignet erscheinenden, doch teilweise weit hergeholten Quellen der Gedankengang fort. Das Kapitel „Funerals in Barcelona (414–416)“ stellt die kurzzeitige gotische Residenz vor und behandelt den Tod des Säuglings Theodosius, den Galla Placidia ihrem Ehemann zur Welt gebracht hatte, sowie die Ermordung Athaulfs: zwei Todesfälle, die Galla Placidias Stellung bei den Goten und vielleicht auch ihre Haltung diesen gegenüber entscheidend veränderten, ohne dass viele Einzelheiten bekannt wären: „Any generalization of Galla’s state of mind following the two untimely deaths […] must remain beyond the reach of the historian“ (S. 57). Mangels Quellen illustriert Sivan den Tod des jungen Theodosius mit Hilfe von Leichenreden des Ambrosius und Gregors von Nyssa auf Angehörige des Kaiserhauses im späten 4. Jahrhundert. Aus Gallas Eheschließung mit Athaulf und deren Nachgeschichte aber zieht Sivan auch durchaus politische Schlüsse: Sie ordnet diese Heirat als Präzedenzfall ein, der zeige, dass man vom nichtrömischen Partner nicht mehr erwartet habe, er solle sich in einen Römer verwandeln; der römische Partner aber habe zu einem Spielball „in a dangerous game of political alliances“ (S. 59) werden können.

Den durch die Heirat der Witwe mit Constantius III. bedingten Rollenwechsel Galla Placidias behandelt das Kapitel „The Making of an Empress (417–425)“. Die Wiederverheiratung, die Galla Placidia in die kaiserliche Familie reintegrierte und ihr weitreichende Einflussmöglichkeiten eröffnete, ist garniert mit anderen, asketisch-christlichen Antworten auf die Ehe, wie sie auch im ersten Kapitel angesprochen werden (vgl. S. 13f. u. 62–67). Viele Quellenaussagen über Galla Placidia als Ehefrau des zum Mitkaiser des Honorius aufsteigenden Constantius III. gibt es allerdings nicht. An deren Stelle tritt Julians Bild einer tugendhaften Kaiserfrau im Panegyricus auf Eusebia, die Gattin seines Cousins – nicht Onkels (so aber S. 79 u. 96) – Constantius II., kontrastiert mit Nachrichten über Spannungen zwischen Galla Placidia und ihrem Ehemann. Die Ereignisse nach dem Tod Constantius’ III. (421), die Intrigen gegen Galla mit dem Verlust ihrer Stellung und der Tod des Honorius (423) einschließlich seiner Folgen bis zur Proklamation Valentinians III. zum Westkaiser werden kurzgefasst.

Im Kapitel „Restoration and Rehabilitation (425–431)“ behandelt Sivan Galla Placidias Stellung als Regentin, unter anderem ihren angeblichen Beitrag zur Rehabilitierung des älteren Nicomachus Flavianus und die Auseinandersetzungen zwischen den mächtigen Heermeistern, vor allem ihre christliche Patronagetätigkeit im Vergleich zu anderen bedeutenden Kaiserinnen. Eine Wende für die Kaisermutter stellt Valentinians III. Heirat mit Licinia Eudoxia dar, ein Ereignis, das Sivan in dem Kapitel „A Bride, a Book, and a Pope (437–438)“ dazu nutzt, den Ashburnham-Pentateuch als – ihrer Ansicht nach – Gallas Geschenk für die Braut (vgl. S. 133 u. 158) vorzustellen. Das Kapitel „Between Rome and Ravenna (438–450)“ weiß nicht mehr sehr viel zu Galla Placidia mitzuteilen; sie habe für ihre Stellung vorteilhafte Beziehungen zum römischen Senat und zur römischen Kirche unterhalten. Die Umbettung ihres Jahrzehnte zuvor in Barcelona gestorbenen Sohnes Theodosius in die Peterskirche in Rom dient als Beispiel für die Verbindung der von Galla Placidia ausgehenden dynastischen und der von Papst Leo dem Großen erhobenen kirchenpolitischen Ansprüche. Von hier aus streift Sivan das weltliche und das geistliche Machtgeflecht zwischen West- und Ostrom und dessen Veränderungen in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts unter Beteiligung von Senatoren, Heermeistern, Angehörigen der kaiserlichen Familie, darunter besonders der Frauen, nun auch Gallas Tochter Honoria und Valentinians III. Tochter Eudocia; sie illustrieren weitere Veränderungen im Verhältnis Westroms zu verschiedenen Völkerwanderungsverbänden und damit zugleich die innere Entwicklung des Westreiches.

Im Schlusswort bedauert Sivan, dass Galla Placidia in ereignisgeschichtlich orientierten Darstellungen spätrömischer Geschichte und Biographien des Führungspersonals nur eine marginale Rolle spiele. Sie dagegen stilisiert in diesem Buch die Kaiserin zum Musterbeispiel einer Frau der spätrömischen Führungsschicht in ihren politisch und religiös ausgerichteten gesellschaftlichen Rollen. Die über Merobaudes’ panegyrisches Gedicht (carmen 1) fallende Äußerung „women dominate the picture“ (S. 123) gilt gleichermaßen für Sivans Monographie. Dies liegt aber nicht nur an der frauengeschichtlichen Ausrichtung der Studie, sondern auch am Umgang mit dem Quellenmangel, der Sivan häufig dazu bringt, mit Vergleichsmaterialien aus vorausgegangenen Zeitabschnitten zu arbeiten, die keine gesicherten Erkenntnisse, oft nur Mutmaßungen zulassen. Sie sollen aber zur Veranschaulichung eines dennoch unscharf bleibenden Bildes beitragen, das nur exemplarische Einblicke, nicht annähernd aber eine an einem zeitlichen Kontinuum erarbeitete Geschlossenheit präsentiert. Sivan kommt es nicht auf die Rekonstruktion historischer Abläufe, sondern auf die Vorstellung der gesellschaftlichen Stellung einer Frau aus der kaiserlichen Familie und deren Entwicklung an, mit den Möglichkeiten, die sich dieser im 5. Jahrhundert boten, und den Zwängen, denen sie sich, je nach Umständen, beugen musste. Die Zeitläufte bilden nur den Hintergrund für die Entwicklung eines als „paradigmatic“ (S. 172) vorgestellten Frauenbildes, das Sivan in immer neue, doch nur umrisshaft skizzierfähige, nicht ausgeführte Zusammenhänge stellt, so dass es von der Ereignisgeschichte zwar nicht an den Rand gedrängt wird, andererseits aber auch nicht die Anschaulichkeit gewinnt, die Sivan ihr mit der gewählten Verfahrensweise wohl zugedacht hatte. Mit dem verwendeten Material als Ausgangsbasis hätte Sivan gewiss wichtige Elemente des Selbstverständnisses der Kaiserfrau in der Spätantike darstellen, nicht aber das einer Einzelperson wie Galla Placidia in den Mittelpunkt rücken können – es bleibt Flickwerk, mehr lässt der Quellenmangel offenbar nicht zu, wenn man den Gedankengang nicht vorzugsweise von politischen Aspekten tragen lassen will.

Anmerkungen:
[1] Verpflichtet weiß sich Sivan besonders Stewart Irvin Oost, Galla Placidia Augusta. A Biographical Essay, Chicago 1968.
[2] Vgl. die ausdrückliche Bezugnahme auf Peter Brown, The Body and Society. Men, Women, and Sexual Renunciation in Early Christianity, New York 1988.

ZitierweiseUlrich Lambrecht: Rezension zu: Sivan, Hagith: Galla Placidia. The Last Roman Empress. Oxford 2011, in: H-Soz-Kult, 02.04.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-2-001>.

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