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Geschichte allgemein

D. Schwara: Kaufleute, Seefahrer und Piraten im Mittelmeerraum

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Titel:Kaufleute, Seefahrer und Piraten im Mittelmeerraum der Neuzeit. Entgrenzende Diaspora - verbindende Imaginationen
Herausgeber:Schwara, Desanka; Müller, Luise; Krebs, Patrick; Haag, Ivo; Gosteli, Marcel
Ort:München
Verlag:Oldenbourg Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-486-70487-7
Umfang/Preis:592 S.; € 72,80

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Wolfgang Gruber, Universität Wien
E-Mail: <wolfgang.gruberunivie.ac.at>

Der vorliegende Sammelband ist die Sammlung der Ergebnisse eines von 2005 bis 2010 währenden Projekts der SNF-Förderungsprofessur an der Universität Bern mit dem Titel „Entgrenztes Europa: Die Diasporas als transkulturelle und gebietsübergreifende Verbindungselemente 1492-1918.“ In der Projektbeschreibung ist dabei folgendes zu lesen: „Ziel des Projekts ist die Suche nach Diasporas in ihrem Lebensumfeld, die Erforschung von Interaktions-, Aufnahme- bzw. Exklusions- und den damit verbundenen Gefühlsmustern.“[1]

In insgesamt sechs Kapiteln versuchen die AutorInnen transnationale Geschichte anhand von „Lebensumfeld, Lebensstile und habituelle[n] Eigenarten in einer grenzübergreifenden historischen Raum-Konzeption“ zu beschreiben. (S. 19) Die angewandten vergleichend ausgelegten Lokalstudien untersuchen dabei Lebensformen, transterritoriale Strukturmerkmale, wie Mobilität, Kommunikation, kulturelle Codes, Kulturtransfer und Interaktionsmodelle verschiedener Diasporagruppen. (S. 18) Geographisch werden dabei vor allem jeweils zwei Städte auf den drei Halbinseln des Mittelmeerraums (Iberische-, Apennin- und Balkanhalbinsel) unter die Lupe genommen, wobei große Teile der neuzeitlichen Geschichte erfasst sind. Der Spagat zwischen Detailwissen und Allgemeingut ist die Hauptschwierigkeit dieses Sammelbandes und demnach sind auch die unterschiedlichen Kapitel von teils stark wechselnder Qualität. Ein ausführlicheres Einleitungskapitel hätte viele der Begriffsdefinitionen und Kontextualisierungen vorab klären können, den AutorInnen mehr Platz für ihre speziellen Vergleichsfelder gewährt und gleichzeitig dabei geholfen unerwünschte Wiederholungen zu vermeiden.

Desanka Schwara, Luise Müller, Patrick Krebs, Marcel Gosteli und Ivo Haag waren alle MitarbeiterInnen des genannten Projektes, wobei Schwara die verantwortliche Leitung innehatte, die AutorInnen Müller, Krebs und Haag als DoktorandInnen beschäftigt waren und Gosteli als Hilfsassistent in der zweiten Hälfte des Projektes beteiligt war. Schwara beschäftigte sich bisher viel mit dem Bereich der interkulturellen Kommunikation und Migration, sowie mit transkulturellen Phänomenen. Das Projekt war ursprünglich auch dazu gedacht Promotionsvorhaben zu unterstützen, was im Falle von Müller und Krebs auch gelang, das Projekt von Haag ist derzeit ruhend, wobei dies auch im Beitrag sichtbar ist. Seine bisherigen Ergebnisse wurden in den Sammelband integriert, ohne dass er selber für die Unterfertigung des Beitrages verantwortlich ist. Irritierend erscheint bei der vordergründigen Betrachtung (auf dem Cover des Buches ist Schwara einzige Autorin) der Stellenwert, der den JungwissenschaftlerInnen eingeräumt wird, da sie nicht als gleichrangige AutorInnen genannt werden, sondern unter der Floskel „unter Mitarbeit von“ geführt werden, obwohl speziell Müller und Krebs unter anderem auch eigene Beiträge verfasst haben.

Allgemeine Charakteristika des Sammelbandes sind die teils höchst umfangreichen wissenschaftlichen Handapparate einzelner Kapitel, welche sich zum Teil störend auf den Lesefluss auswirken, worin auch andere Rezensenten des Buches übereinstimmen.[2] Zusätzlich dazu waren auch einige „handwerkliche“ Probleme erkennbar, da teilweise nicht zitierte Primärquellen vor allem im Kapitel V (bspw. S. 436, 462) aufgefallen sind, die Seitenangaben in den Fußnoten nicht immer vorhanden waren und manches Mal ein genaueres Lektorat notwendig gewesen wäre. Hervorzuheben ist hierbei die Passage beginnend mit dem griechischen Händler Anastago im Kapitel II (S. 123-127), wo ganze Absätze unabsichtlich verdoppelt wurden. Leider fiel auch die teilweise unsensible Verwendung von Begriffen auf, wo mehrfach von Zigeunern die Rede ist (S. 178f. ) Auf die Verwendung von gendergerechter Sprache wurde ohne Angaben von Gründen ebenfalls verzichtet. Positiv zu erwähnen ist die Erstellung eines umfangreichen Glossars und eines rudimentären Registers. Wünschenswert wäre sicherlich auch die Integration von verschiedenen Karten oder Visualisierungen gewesen, worauf fast völlig verzichtet worden ist.

Um den LeserInnen einen kurzen Einblick in die jeweiligen Kapitel zu gewähren, sei hier erlaubt jeweils in wenigen Sätzen die Essenzen der jeweiligen Kapitel einzufangen.
Im ersten Kapitel „Zwischen Lissabon und Istanbul“ von Schwara, Müller und Krebs wird als gemeinsame Einleitung ein Einblick in das Forschungsfeld gegeben, die Ziele dieser Studie und auch die Grenzen des Projektrahmens in zeitlicher und räumlicher Perspektive abgesteckt. Im zweiten Kapitel „Italia felix für Händler: Maritim-urbane Gravitationszentren auf der Apenninhalbinsel“ von Krebs stehen die beiden Hafenstädte Ancona und Livorno im Fokus der Aufmerksamkeit und es gelingt dem Autor ein spannend vergleichendes Bild der beiden doch sehr unterschiedlichen Port Cities zu entwerfen. Im dritten Kapitel „Das Spiel mit der Sichtbarkeit. Präsenz, Aktion und Interaktion im öffentlichen Raum der Balkanhalbinsel“ von Haag, Schwara und Gosteli wird die Balkanhalbinsel mit Ragusa und Belgrad in den Blick genommen, wobei hier die Fusion der drei beteiligten AutorInnen sich tendenziell nachteilig auf die Konsistenz dieses Beitrags auswirkte. Im vierten Kapitel „Formen der Abgrenzung und ihre Funktion: Maritime Quarantäne auf der Iberischen Halbinsel“ von Müller werden Cádiz und Lissabon auf der Iberischen Halbinsel beleuchtet, wobei hier besonders das Thema der Quarantäne im Fokus steht.

Im vorletzten Kapitel von Schwara „Fakt und Fiktion: Die Piraterie als politisch-wirtschaftlicher Faktor und als Projektionsfläche rund um die Maltesischen Inseln“ wird nicht nur Malta in den Fokus gerückt. Vielmehr versucht die Autorin ein teilweise oberflächliches Bild über die gesamte neuzeitliche Entwicklung des zentralen Mittelmeerraums bereitzustellen, was bei bisher detailvorbelasteten LeserInnen zu dementsprechender Verwirrung führt und sich auch im wissenschaftlichen Handapparat des betreffenden Kapitels widerspiegelt, der streckenweise wesentlich dünner als bei vorigen Kapiteln ausfällt. Die oberflächliche Behandlung des Themas der Piraterie, welche zum Teil weit von der Mediterrane wegführt, kann leider nicht überzeugen, wobei auch festgestellt werden muss, dass der vorliegende Band im Gegensatz zu anderen aktuellen Sammelbänden [3] sich auch nicht ausschließlich mit Piraterie beschäftigt.

Zusätzlich werden auch einige inhaltlich problematische Fragen aufgeworfen: Schwara betont beispielsweise, dass bestimmte britische Konsuln (gemeint ist Oglander 1816) nicht bereit waren sich herrschenden diplomatischen Verhaltensregeln im nordafrikanischen Raum zu beugen (gemeint ist ein Handkuss) und dies als „ungeschicktes Verhalten“ bezeichnet wurde. (S. 443) Es sei an dieser Stelle daran erinnert, dass es bereits zu früheren Zeitpunkten wesentlich drastischere Verweigerungen von Ehrerbietung in anderen Kontexten ebenfalls britischer Würdenträger gab, wie die berühmte Mission von Lord Macartney an den chinesischen Kaiserhof 1793. Es wird daher in Frage gestellt, ob die Situation im Mittelmeerraum tatsächlich so anders war, als in anderen Einfluss- und Kolonialgebieten Großbritanniens. Der Aussage „man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die militärische Eskalation in Nordafrika nicht zuletzt der Arroganz und mangelndem diplomatischen Geschick verschiedener Konsuln geschuldet war“ (S. 446) ist insofern zuzustimmen, da tatsächlich die sogenannten Men on the Spot vor allem des 19. Jahrhunderts viel Macht besaßen und diese teils ungeschickt einsetzten.
Damit zusammenhängend ist die Frage nach dem Sklavenhandel und der Piraterie von nordafrikanischen Herrschaftsgebilden. Schwara schreibt beispielsweise: „England hingegen erwartete völlige Anpassung an das für alle großen Seefahrtsnationen relativ neue Gedankengut, wonach sich Seeraub nicht schickte. Einzigartig ist die Erwartung an andere, sie müssten diese Neuerungen selbstredend teilen und unterstützen, möglichst ohne viel Worte und schon gar nicht aufgrund von Instruktionen oder auf ausdrückliches Ersuchen Englands hin.“ (S. 453) Dies ist insofern zurückzuweisen, da Großbritannien bedingt durch die Niederringung des französischen Hauptrivalen im Zuge der napoleonischen Kriege nun endlich freie Hand hatte und die Bedingungen des Seehandels und des Seekriegs in seinem Sinn umzuwandeln begann (siehe dazu auch die britischen Einschränkungen des Sklavenhandels ab 1807 und das grundsätzliche Verbot des Sklavenhandels nach 1815 einseitig durch Großbritannien ausgesprochen). Es war dies Zeichen einer imperialen Haltung und passte insofern stimmig in das Gesamtbild, in dem es die Regeln selber bestimmt und mit zweierlei Maß Recht und Unrecht bestimmte.[4]

Ragusa wird bei Schwara als Stadtstaat zwischen Christen und Muslimen bezeichnet, der immer neutral gewesen war (S. 409), jedoch wird nicht erwähnt, dass es seit 1458/1481 ein ständiges Tributverhältnis zum Osmanischen Reich gab. Schwara verweist letztlich zurecht auf die Forschungen von Salvatore Bono, der das bisherige Stereotyp der christlichen Korsaren als Beschützer und der muslimischen Kaperer als Gewinnmaximierer in Frage stellt. (S. 411)

Das letzte Kapitel „Entgrenzende Diaspora-verbindende Imaginatione: ein Fazit“ von Schwara, Müller und Krebs greift die verschiedenen losen roten Fäden des Sammelbandes auf und versucht diese in Form zu bringen. Hier wird noch einmal sichtbar was der Sammelband für eine vollkommene harmonische Abrundung benötigt hätte, mehr Absprache und Kommunikation zwischen den AutorInnen, um einige wenige Punkte und nicht das weitgefasste zu Anfang erwähnte Bündel an Entwicklungen zu behandeln.

Abschließend ist zum Sammelband festzuhalten, dass er grosso modo eine spannende Beschäftigung mit dem Feld der transnationalen Geschichte darstellt. Die hier besprochenen Mängel des Buches sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Buch eine wertvolle Lektüre darstellt. Das nicht weiter identifizierte Zielpublikum kann nach Meinung des Rezensenten zwischen interessiertem Laienpublikum und universitärer Lehre zu suchen sein. Wünschenswert wäre allgemein eine weitere Beschäftigung mit dem Forschungsfeld der transnationalen Geschichte und der Akkulturation [5], denn sie beweist, wie auch diese Studie, die Verwobenheit der verschiedenen historischen Kontexte.

Anmerkungen:
[1] Desanka Schwara, www.hist.unibe.ch/content/forschungsprojekte/archiv/entgrenztes_europa/index_ger.html, Zugriff am 15.06.2013.
[2]Michael Kempe, Rezension von: Desanka Schwara, Kaufleute, Seefahrer und Piraten im Mittelmeerraum der Neuzeit. Entgrenzende Diaspora - verbindende Imaginationen, München 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 9 [15.09.2012], URL: www.sehepunkte.de/2012/09/19761.html, Zugriff am 15.06.2013.
[3] Andreas Obenaus / Eugen Pfister / Birgit Tremml, Schrecken der Händler und Herrscher: Piratengemeinschaften in der Geschichte, Wien 2012.
[4] Alfred P. Rubin, The Law of Piracy, Newport, Rhode Island 1988.
[5] Peregrine Horden / Nicholas Purcell, The corrupting Sea. A Study of Mediterranean History, Oxford 2000.

ZitierweiseWolfgang Gruber: Rezension zu: Schwara, Desanka; Müller, Luise; Krebs, Patrick; Haag, Ivo; Gosteli, Marcel (Hrsg.): Kaufleute, Seefahrer und Piraten im Mittelmeerraum der Neuzeit. Entgrenzende Diaspora - verbindende Imaginationen. München 2011, in: H-Soz-Kult, 25.10.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=17275>.

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