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Geschichte allgemein

A. Friedrichs: Das Empire als Aufgabe des Historikers

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):
Titel:Das Empire als Aufgabe des Historikers. Historiographie in imperialen Nationalstaaten: Grossbritannien und Frankreich 1919–1968
Ort:Frankfurt am Main
Verlag:Campus Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-59339-481-7
Umfang/Preis:370 S.; € 39,90

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Benedikt Stuchtey, Deutsches Historisches Institut, London
E-Mail: <stuchteyghil.ac.uk>

Anne Friedrichs arbeitet in diesem anregenden Buch über die Frage, wie die Historiographien der imperialen Nationalstaaten Großbritannien und Frankreich zwischen Erstem Weltkrieg und Dekolonisation die Herausforderung annahmen, die koloniale Vergangenheit in die nationale Meistererzählung zu integrieren. Sie plädiert dafür, die analytische Trennung zwischen kolonisierten und nicht kolonisierten Räumen sowie zwischen kolonialen und postkolonialen Verhältnissen aufzubrechen. Damit möchte sie die implizierten Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse auf Brüche und quer laufende Strukturen hin analysieren. Die Rückwirkungen des Kolonialismus auf die Gesellschaften der Kolonialmächte und koloniale Diskurse räumlich und zeitlich außerhalb des realen kolonialen Besitzes rücken dabei näher in den Fokus. Diese Perspektivenerweiterung verspricht, Ähnlichkeiten und Wechselbeziehungen besser einfangen zu können und die Scheidung in koloniale und nicht koloniale Zusammenhänge zu überwinden. Die Erweiterung der ohnehin komplexen imperialen Zusammenhänge auf eine globalgeschichtliche Perspektive birgt die Herausforderung, Konzepte der Kolonialgeschichtsschreibung neu zu überdenken und zum Beispiel Herrschaftspraktiken in einer Phase des allmählichen bis realen Legitimitätsverlusts in einen übernationalen Diskurs von Imperien zu stellen.

Um den langen Zeitraum zwischen 1919 und 1968 zu erfassen, arbeitet Friedrichs in drei Schritten: das erste Kapitel („Ernste ‚Herausforderungen‘ für die Imperien nach 1919“) gibt der Verfasserin die Gelegenheit, ihre wichtigste Quellengattung, historische Handbücher, im Einzelnen zu präsentieren. Der zweite Teil („‚Partnerschaften‘ nach 1945: Überlegenheit oder Gleichwertigkeit“) behandelt im britisch-französischen Vergleich die Frage, wie die Imperien in der neuen internationalen Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg das Spannungsfeld historischer Kontinuitäten in ihre Masternarrative aufzuarbeiten versuchten. Der dritte Teil („Das Ende der Imperien? Neue Positionierungen nach 1956“) geht unter anderem der Frage nach den Zusammenhängen von den politischen und kulturellen Debatten über die europäische Expansion und Prozessen der Nationalisierung und Legitimation des Nationalstaats nach. Die von Friedrichs untersuchten Historiker suchten eine Neupositionierung ihrer Nationalstaaten in der Welt mit der positiven Darstellung der imperialen Vergangenheit zu bekräftigen. Die Zivilisierungsmission und das ‚liberale‘ Imperium fanden ihre Rechtfertigung jenseits der nationalen Kolonialgeschichte, indem sie einer globalen Weltanschauungsgeschichte dienten.

In ihrer Studie stützt Friedrichs sich vornehmlich auf Handbücher, z.B. die Cambridge History of the British Empire und die Histoire des colonies françaises, ebenso auf Fachzeitschriften, und begreift diese wie Institutionen, in denen sich Herrschaftswissen konzentrierte. Gleichzeitig kommen allerdings individuelle Historiker, die ja durchaus direkt Geschichtspolitik und Kulturpolitik betrieben, weniger zu Wort, und statt dessen wird hier mehr von einem großen Apparat ausgegangen, in dem sich Kommunikation und Kooperation bündelten. Wie stark war letztlich das Bedürfnis der Historiker, über Meistererzählungen die imperiale Macht der Vergangenheit zu legitimieren, um die nationale der Gegenwart zu stabilisieren? Gab es tatsächlich eine so mächtige Geschichtslobby, und muss man davon ausgehen, Imperialismus bestehe vor allem aus einer von der Metropole gesteuerten Koloniallobby? Das war ein komplizierter Prozess, denn das Britische Empire war ein sehr heterogener Verband mit vielen unterschiedlichen Formen kolonialer Herrschaft, der nicht leichtfertig auf einen Nenner gebracht werden konnte. Auch für den französischen Reichsverband lässt sich ähnliches sagen. Schließlich stellt sich die Frage, wie weit die „Konstrukteure von Vergangenheitsbildern“ nicht doch eine deutliche politische, soziale und kulturelle Bodenhaftung und dahingehend ein Verständnis für das innere Gefüge der imperialen Staaten besitzen mussten. Das Beziehungsgeflecht zwischen Beobachter und Beobachtetem war dicht, und umso wichtiger ist das Studium des Gegenstands, der realen Geschichte der Empires in der Zeit der Dekolonisation.

ZitierweiseBenedikt Stuchtey: Rezension zu: Friedrichs, Anne: Das Empire als Aufgabe des Historikers. Historiographie in imperialen Nationalstaaten: Grossbritannien und Frankreich 1919–1968. Frankfurt am Main 2011, in: H-Soz-Kult, 04.10.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-013>.

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