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Theoretische und methodische Fragen

H. Fassmann u.a. (Hrsg.): Migrations- und Integrationsforschung

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Titel:Migrations- und Integrationsforschung: multidisziplinare Perspektiven. Ein Reader
Reihe:Migrations- und Integrationsforschung 1
Herausgeber:Fassmann, Heinz; Dahlvik, Julia
Ort:Göttingen
Verlag:V&R unipress
Jahr:
ISBN:978-3-89971-845-4
Umfang/Preis:318 S.; € 19,90

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Theresa Beilschmidt, Universität Giessen
E-Mail: <theresa.beilschmidtgcsc.uni-giessen.de>

Migration und Integration sind Themen, die in Politik, Medien, Wissenschaft und darüber hinaus viel und heftig diskutiert werden. Dies hat dazu geführt, dass es nicht nur viele verschiedene Meinungen dazu gibt, sondern auch genauso viele unterschiedliche Definitionen und Konzeptionen. Der Reader Migrations- und Integrationsforschung – multidisziplinäre Perspektiven,herausgegeben von Heinz Fassmann, Professor für Angewandte Geographie, Raumforschung und Raumordnung und Julia Dahlvik, Universitätsassistentin und Koordinatorin der Forschungsplattform Migration and Integration Research an der Universität Wien, tritt laut Klappentext an mit dem Anspruch, dieses begriffliche Dickicht zu lichten und die Migrations- und Integrationsforschung disziplinär zu re-integrieren.

Das Ergebnis einer Ringvorlesung an der Universität Wien richtet sich vor allem an „Studierende, aber auch an ein breiteres Publikum“ (S. 8) und umfasst 14 Beiträge aus so diversen Disziplinen wie Sozialwissenschaften, Geografie, Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften, Sprach-, Literatur- und Kommunikationswissenschaften, Psychologie, Politikwissenschaften, Rechtswissenschaften sowie Religionswissenschaft und –soziologie. Diese sind in vier Bereiche aufgeteilt: A Gesellschaft und Raum: sozialwissenschaftliche Sichtweisen, B Historische Perspektiven, C Kommunikation, Schule und Kulturalität, D Politik, Recht und Religion. Diese Aufteilung ist an manchen Stellen in ihrer Zusammenstellung sowie Namensgebung nicht ganz überzeugend, was aber wohl an dem nachvollziehbaren Wunsch liegt, die Beiträge der Ringvorlesung für die Veröffentlichung zu strukturieren. Die einzelnen Beiträge des Bandes widmen sich Themen, die in der jeweiligen Disziplin vornehmlich behandelt werden. Auf einzelne Beiträge soll in der Folge näher eingegangen werden.

Zur Einordnung der Begriffe Migration und Integration dient der Text von Christoph Reinprecht und Hilde Weiss mit dem Titel Migration und Integration: Soziologische Perspektiven und Erklärungsansätze, der einen guten Überblick über die sozialwissenschaftliche Migrations- und Integrationsforschung gibt. Hier und auch in einigen anderen Artikeln hätte man sich jedoch an manchen Stellen einen differenzierteren Umgang mit Begriffen und Konzepten der aktuellen Forschung gewünscht. So hätte die Problematik hinter dem Begriff der Integration und dessen unterschiedlichen Interpretationen stärker hervorgehoben werden können. Auch bleiben Konzepte wie Transnationalismus, Kultur und Identität schwammig und werden nicht kritisch hinterfragt.

Dies ist erfreulicherweise nicht der Fall bei der Kultur- und Sozialanthropologin Sabine Strasser, die mit ihrem Beitrag Über Grenzen verbinden: Migrationsforschung in der Sozial- und Kulturanthropologie eine kritische Auseinandersetzung des Begriffs der Ethnizität im Migrationskontext liefert. Nach einem Überblick über die Forschung der Kultur- und Sozialanthropologie zu Migration widmet sich Strasser der Kritik des Ethnizitätsbegriffes und fordert in diesem Zusammenhang auch „dynamische Konzepte von Kultur, Territorium und Zugehörigkeit“ (S. 41). Strasser wendet sich hiermit gegen Essenzialisierungen, beurteilt aber gleichzeitig eben diese als „unvermeidbare Erfahrungen in sozialen Prozessen […], die als Grenzziehungen neben Transformationen und Abweichungen nicht einfach zurückgewiesen werden können, sondern in ihrer Komplexität untersucht werden müssen“ (S. 49). Abschließend gibt die Autorin kritische Denkanstöße für zukünftige Forschungsansätze.

Der recht kurze Teil Historische Perspektiven besteht aus einem allgemeineren Überblick über die historische Migrationsforschung von Josef Ehmer und einem Beitrag von Jürgen Nautz zu Frauenhandel als einer spezifischen Form der internationalen Migration. Dieser widmet sich zwar einem wichtigen und eher vernachlässigten Kapitel der Migrationsforschung, ist aber in seiner Spezifität zu sehr fokussiert auf die Geschichte und Organisation des Frauenhandels, als diesen im Rahmen der Migrationsforschung zu analysieren.

Im Teil Kommunikation, Schule und Kulturalität beschreibt unter anderem Mikael Luciak den Zusammenhang von Integration, Schule und Macht. Interessant ist daran, dass die Daten zu Sprachkenntnissen, Schulerfolg von SchülerInnen mit Migrationshintergrund und den Bildungsansprüchen von Eltern in Österreich entsprechenden Statistiken aus Deutschland ähneln. Einen Schwerpunkt auf die Thematisierung von Migration(serfahrungen) und Integration in der Literatur von und über Menschen mit Migrationsgeschichte setzt dann der Beitrag von Wiebke Sievers, betitelt Zwischen Ausgrenzung und kreativem Potenzial: Migration und Integration in der Literaturwissenschaft. Theoretisch fundiert und umfassend informiert der Text über die Entwicklung der „Gastarbeiterliteratur“ zur „Migrationsliteratur“ bzw. zu einer Literatur jenseits von Klassifikationen dieser Art.

Im letzten Teil Politik, Recht und Religion sind vor allem die beiden Beiträge zu Religion und Integration bzw. Migration erwähnenswert. Richard Potz gibt mit seinem Text Religionspolitische und religionsrechtliche Herausforderungen in einer multikulturellen Gesellschaft eine gute und konzise Einführung in die verschiedenen Religionspolitiken von (westeuropäischen) Einwanderungsländern und geht dabei auch auf wichtige Theoretiker wie Will Kymlicka und Charles Taylor ein. Allerdings hätte man bestimmte Politiken Österreichs, wie die frühe staatliche Anerkennung des Islams im Jahr 1912 stärker herausarbeiten können, um hier seine Besonderheiten, und im Zuge dessen, die Unterschiede zwischen Einwanderungsländern im Umgang mit den Einwanderern und ihren Religionen, mehr zu betonen. Außerdem fehlt auch hier manchmal ein kritischerer Umgang mit Konzepten. Überzeugender gelingt dies der katholischen Theologin Regina Polak, die in ihrem Beitrag Religion im Kontext von Migration: mehr als ein Integrationsfaktor eine Lanze für die Thematisierung von Religion in der Migrationsforschung sowie umgekehrt für die Thematisierung von Migration in Theologie und Religionssoziologie bzw. –wissenschaft bricht. Dies tut sie, indem sie hervorhebt, wo die beiden Bereiche miteinander verbunden sind und wie sie voneinander profitieren könnten, wenn sie sich gegenseitig mehr wahrnehmen würden. Dabei nimmt sie vor allem die Kirchen als Akteure im Migrationsprozess in die Pflicht.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die multidisziplinäre Perspektive des Readers gut und wichtig ist, da sie erlaubt, die Thematik Migration und Integration von mehreren Seiten zu beleuchten. Es wäre jedoch zu wünschen gewesen, die Beiträge mehr aufeinander zu beziehen. So stehen sie weitgehend isoliert, was keinen fruchtbaren Austausch zwischen den Disziplinen ermöglicht. Der Ansatzist daher kein ganzheitlicher, welcher auch berücksichtigt, wie man das Thema in Zukunft fächerübergreifend an der Universität lehren und erforschen und in der Praxis behandeln könnte. Dies wird besonders deutlich an den Beiträgen des Geografen und Herausgebers Heinz Fassmann und des Bildungswissenschaftlers Mikael Luciak: Während Fassmann sich gegen den Begriff „Migrant“ wendet und andere vorschlägt (Personen mit Migrationshintergrund, -geschichte oder -erfahrung, S. 65), nimmt Luciak diese konzeptuelle Kritik nicht auf und verwendet Migrant und „mit Migrationshintergrund“ synonym. Hier wäre mehr Kohärenz zwischen den Beiträgen wünschenswert gewesen. Gleichzeitig muss aber bedacht werden, dass dies wahrscheinlich dem ursprünglichen Aufbau der Ringvorlesung geschuldet ist, in welcher die einzelnen Vorträge voneinander getrennt und in einem zeitlichen Abstand gehalten wurden.

Gemeinsam ist einigen Beiträgen auch, dass ein kritischer Umgang mit zentralen Begriffen und Konzepten der Migrations- und Integrationsforschung fehlt, da sie oft nur oberflächlich erklärt und in der Folge wenig differenziert behandelt werden. Dies gilt zum Beispiel für Integration, Kultur(kreis), Identität o.ä. Gerade bei einem einführenden Reader für Studierende wäre dies wichtig gewesen. Dennoch gibt dieser Sammelband einen guten Überblick über verschiedene disziplinäre Perspektiven zur Migrations- und Integrationsforschung. Da er den ersten Band der neuen Reihe Migrations- und Integrationsforschung bei der Vienna University Press darstellt, ist er ein guter Ausgangspunkt für weitere Beiträge zu diesem hochaktuellen Thema – vielleicht auch aus interdisziplinärer oder sogar transdisziplinärer Perspektive.

ZitierweiseTheresa Beilschmidt: Rezension zu: Fassmann, Heinz; Dahlvik, Julia (Hrsg.): Migrations- und Integrationsforschung: multidisziplinare Perspektiven. Ein Reader. Göttingen 2011, in: H-Soz-Kult, 16.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=17267>.

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