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Europäische Geschichte

G. Clemens u.a. (Hrsg.): Städtischer Raum im Wandel

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Matthias Middell <middelluni-leipzig.de>
Titel:Städtischer Raum im Wandel/Espaces urbains en mutation. Modernität – Mobilität – Repräsentationen/Modernités – mobilités – représentations
Reihe:Vice Versa. Deutsch-Französische Kulturstudien 4
Herausgeber:Clemens, Gabriele; El Gammal, Jean; Lüsebrink, Hans-Jürgen
Ort:Berlin
Verlag:Akademie Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-05-004620-4
Umfang/Preis:436 S.; € 59,80

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Thomas Höpel, Vergleichende Kultur- und Gesellschaftsgeschichte, Institut für Kulturwissenschaften, Universität Leipzig
E-Mail: <hoepelrz.uni-leipzig.de>

Der in der Reihe Deutsch-Französische Kulturstudien erschienene Band versammelt Beiträge, die ein breites Themenspektrum behandeln und auch über den geographischen Rahmen der Reihe hinausgehen. Zwar weisen viele Beiträge eine beachtenswerte Qualität auf, Zielstellung und Anliegen des Bandes werden von den Herausgebern aber kaum präzisiert. Den Band lediglich als Beispiel für die Methodenvielfalt der aktuellen Stadtgeschichtsforschung zu präsentieren, verschenkt viel von dem Potential, das den Texten innewohnt. Wenig ambitioniert erscheint auch die Strukturierung des Bandes: die 22 Beiträge werden unter drei großen Überschriften, die auch eine andere Durchmischung zugelassen hätten, präsentiert: Politische Spannungsfelder, Soziale Identitäten und Inszenierungen, Kulturen und Repräsentation. So bleibt es dem Leser überlassen, sich aus den Einzelstudien die für ihn jeweils gewinnbringendsten herauszupicken.

Allerdings lassen sich einige sehr präsente und von mehreren Beiträgen behandelte Themenfelder herausstellen, die Anknüpfungspunkte an aktuelle Diskussionen darstellen oder zentrale Forschungsfelder empirisch bereichern.

Eine Reihe von Texten behandelt Aspekte interurbanen Transfers und interurbaner Netzwerkbildung. Hervorzuheben ist der Beitrag von Rainer Hudemann, der der Vernetzung der Städte und den daraus resultierenden Transfers im 19. Jahrhundert nachgeht, wobei er auch vereinzelt Ausblicke auf das 20. Jahrhundert gibt. Hudemann stellt systematisch Faktoren zusammen, die solche interurbanen Transfers beförderten, beeinflussten und bremsten. Erkennbar wird, und damit schließt Hudemann an jüngere Forschungen unter anderem von Pierre-Yves Saunier an, dass Großstädte auf diese Weise schon im 19. Jahrhundert als Orte der Globalisierung wirkten, weil sie sich transnational an modernen Entwicklungen orientierten, diese adaptierten und auch für spätere nationale Politiken verfügbar machten.

Transfer von kulturellen Modellen wird von Gabriele Clemens thematisiert, die sich dem städtischem Kunstsammeln und Mäzenatentum widmet. Ihre These hierbei ist, dass gerade auch deutsche Großbürger sich an französischen Modellen orientierten und diese kopierten, um einen Aufstieg in die adlige Gesellschaft zu bewerkstelligen. Allerdings nuanciert Clemens ihre These insofern, als sie darauf hinweist, dass diese Investitionen in Kunst und Immobilien zugleich meist wirtschaftlichen Logiken folgten.

Sehr interessant ist die Studie von Aurore Arnaud zur mentalen Grenze im 1870 okkupierten und dem Deutschen Reich unterstellten Straßburg. Arnaud hebt dabei die Brückenfunktion Straßburgs zwischen Deutschland und Frankreich hervor, die in der Stadt seit Ende des 19. Jahrhunderts in zunehmendem Maße zur Ausbildung einer besonderen Straßburger/elsässischen Identität beitrug.

Auch Daniel Reupke wendet sich Städten im deutsch-französischen Grenzraum zu und fragt danach, welche städtebaulichen Prinzipien bei der Stadterneuerung und dem Stadtumbau in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts dominierten: diejenigen des früheren Seine-Präfekten und Paris-Umgestalters Haussmann oder jene des Wiener Architekten Camillo Sitte. Reupke kann zeigen, dass beide Konzepte in unterschiedlicher Mischung Anwendung fanden. Für die seit Ende des Jahrhunderts dann stärkere Position der Sitteschen Prinzipien waren nicht etwa Nationalismus als vielmehr der am Ende des Jahrhunderts dominierende Historismus und der sich durchsetzende Jugendstil verantwortlich.

Das Verhältnis von Modernität und Tradition, amerikanischen Einflüssen und originär deutschen Entwicklungen im Deutschland der Weimarer Republik thematisiert Sabine Steidle anhand der Kinoarchitektur.

Ein zweites von mehreren Texten thematisiertes Feld ist die soziale Gemengelage in der Stadt sowie das Ringen unterschiedlicher sozialer Gruppen um Positionen in der Stadt.

Jean El Gammal skizziert in einem großen Bogen die Ausgangsbedingungen für einen Vergleich des politischen Personals und der politischen Eliten der Großstädte Westeuropas und der USA seit dem 19. Jahrhundert und benennt auf wenigen Zeilen einige allgemeine Entwicklungen. Trotz der zahlreichen Tücken des Vergleichs erkennt er in den Großstädten ähnliche Muster der Übergabe politischer Spitzenämter sowie der (auch sozialen) Rekrutierung und des Klientelismus innerhalb des politischen Personals in der Stadt.

Der Beitrag von Laura Mougel nimmt in den Blick, wie aus den Bildungsbemühungen der Arbeiterklasse in Frankreich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Orte der Volksbildung und Soziabilität in der Stadt entstanden, die sich zum Teil durch eine spezifische Architektur in die städtische Landschaft eingeschrieben haben.

Auch dem Text von Damien Tomasi geht es um die Beherrschung des Stadtraums. Am Beispiel Nancys zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg zeigt er, wie Republikaner und Arbeiterbewegung um die symbolische Besetzung des öffentlichen Raums in der Stadt ringen.

Die Verbindung von Ideologie und städtischer Architektur im DDR-Staatssozialismus behandelt Ulrike Ernst. Sie zeigt, dass die Stadt gerade architektonisch umgeformt wurde, um den Sieg des Sozialismus plastisch zu machen sowie als Bühne staatssozialistischer Repräsentation zu dienen.

Daniel Markonnen befasst sich am Beispiel Berlins mit der Rolle der Metropole im Kontext zunehmender Migrationsbewegungen im Zuge der Globalisierung seit Beginn der 1990er-Jahre. Dabei hebt er besonders auf die zunehmende innere Kontrolle der Migranten in der Stadt ab.

Sozial Marginalisierte stehen auch im Zentrum des Textes von Aurélie Delage. Sie behandelt die Auswirkungen der im Zuge der Globalisierung verstärkten interurbanen Konkurrenz, die sich in Stadterneuerung, Imagekampagnen und der Errichtung neuer Kultur- und Konsumtempel äußert. Am Beispiel der Pennsylvania Station in New York zeigt sie, wie im Zuge des Ausbaus zum öffentlichen Schaufenster zunehmend bestimmte Teile der Stadtbevölkerung, nämlich die Obdachlosen, aus dem Bahnhof und der nun streng kodifizierten Art von Öffentlichkeit herausgedrängt werden.

Dem Thema Stadtmarketing, Stadtimagebildung und Stadtentwicklung über kulturelle Inszenierungen wenden sich Anita Schlögl am Beispiel des Wiener Mozartjahres 2006 und Anna Richter anhand des Kulturhauptstadtjahrs 2008 in Liverpool zu. Dabei werden auch Mechanismen der sozialen Segregation angesprochen. Allerdings wäre es gerade im zweiten Fall sinnvoll gewesen, das Liverpooler Beispiel historisch einzubetten und die allgemein für die britische Stadtentwicklung seit den 1980er-Jahren typischen Merkmale der culture-led urban regeneration herauszuarbeiten, die sich von der Ausgangslage und der Umsetzung dann doch stärker von kontinentaleuropäischen Entwicklungen in den Städten unterscheidet.

Mit der Rolle von Kultur, offizieller und alternativer, bei der Revitalisierung Berlins, insbesondere der einstigen Randzonen von West- und Ostberlin, die sich mit der Wiedervereinigung plötzlich im Zentrum befanden, befasst sich Laure Gravier. Sie weist darauf hin, dass die nach der Wiedervereinigung in den Problemzonen entstandenen alternativen Kulturinseln zur Belebung dieser Viertel beigetragen und letztlich zu einer Gentrifizierung geführt haben, die diese Kulturinseln dann nach und nach verdrängt hat.

Schließlich widmen sich eine Reihe von Texten der Darstellung der Stadt in Film, Fernsehen, bildender Kunst und Literatur. Dabei wird die Nutzung der Stadt als Symbol und Ausdruck einer widersprüchlichen Moderne in der Weimarer Republik und der Nachkriegszeit genutzt und der Rolle herausragender städtischer Symbole wie der Metro und den Passagen in Literatur und Gesellschaftskritik nachgegangen.

Der Band wird ergänzt durch Resümees in Deutsch und Französisch, was einen raschen Überblick ermöglicht, aber das Fehlen einer stärker ordnenden Konzeption und Zielstellung insgesamt nicht ausgleicht.

ZitierweiseThomas Höpel: Rezension zu: Clemens, Gabriele; El Gammal, Jean; Lüsebrink, Hans-Jürgen (Hrsg.): Städtischer Raum im Wandel/Espaces urbains en mutation. Modernität – Mobilität – Repräsentationen/Modernités – mobilités – représentations. Berlin 2011, in: H-Soz-Kult, 04.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-004>.

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