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Alte Geschichte

G. Clark: Late Antiquity

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Late Antiquity. A very short Introduction
Reihe:Very short Introductions 258
Ort:Oxford
Verlag:Oxford University Press
Jahr:
ISBN:978-0-19-954620-6
Umfang/Preis:XVII, 128 S.; £ 7,99

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Raphael Brendel, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
E-Mail: <raphaelbrendelarcor.de>

„Very short introductions“ gibt es überall und zu nahezu jedem Thema. Ein kurzer Blick in die Verlagsprogramme der einschlägigen Reihen, die sich konstant einer hohen Beliebtheit erfreuen, macht dies deutlich. Der neue schmale Band von Gillian Clark zur Spätantike kann folglich auf eine Vielzahl von Vorgängern zurückblicken.[1] Beim Vergleich mit den Vorgängern fällt indes auf Anhieb die unterschiedliche Gliederung auf: Downey und Brandt referieren die Ereignisgeschichte von Diokletian bis Justinian, Palanque kombiniert wie viele größere Spätantike-Handbücher sowohl ereignisgeschichtliche als auch systematische Kapitel. Clark verzichtet dagegen, zumindest auf den ersten Blick, auf die Ereignisgeschichte.

Das erste Kapitel stellt die Frage, was und wann die Spätantike war (S. 1–12). Die Frage nach dem „Was?“ beantwortet Clark – zu stark vereinfachend – mit den verschiedenen „neuen“ Elementen ethnischer, religiöser und bürokratischer Art und nennt als bedeutende Charakteristika den Dominat, das Anwachsen des Verwaltungsapparates und die sinkende Bedeutung der Stadt Rom. Die Frage nach dem „Wann?“ diskutiert die Autorin unkonventionell: Für das (umstrittene) Enddatum der Spätantike nennt sie lediglich das Jahr 800 (was sie aber nicht als allgemeine Lösung präsentiert und zudem für den Osten als unzureichend darstellt); für den meist auf 284 angesetzten Beginn erwägt sie hingegen mehrere Daten, die von Marc Aurel bis Konstantin reichen. Bei der Frage nach den Gründen für den Untergang Roms (S. 6–9) und dem „Who belongs where?“ (S. 9–12) – dies meint hier ebenso eine Zugehörigkeit zur Epoche wie zum römischen Reich – hebt Clark die lokalen Unterschiede hervor, die eine einfache Antwort unmöglich machen.

Das zweite Kapitel befasst sich mit der Reichsverwaltung (S. 13–29). Nach den wichtigsten Verwaltungsmaßnahmen von Diokletian bis Justinian (S. 13–18) geht Clark auf die Bedeutung des Kaisers bei den Spielen (S. 18–21) und die Zivilverwaltung (S. 21–25) näher ein und stellt fest, dass der schlechte Ruf der spätrömischen Bürokratie unbegründet sei, da diese für die Verwaltung unverzichtbar gewesen sei. Ein weiteres Unterkapitel mit dem etwas irreführenden Titel „Equity“ (S. 25–29) befasst sich mit den Steuer- und Wirtschaftsreformen Diokletians sowie mit dem Phänomen der Korruption. Problematisch erscheint die Aussage „Rhetoric, in such ceremonial performances, was not expected to persuade: it was used to reaffirm consensus“ (S. 18), da das als Beleg angeführte Beispiel des minderjährigen Valentinian II. wenig repräsentativ ist.[2]

Mit „Law and welfare“ (S. 30–40) behandelt Clark im dritten Kapitel zwei Themenbereiche, deren Konnex weder erkennbar ist noch genauer begründet wird. In den Abschnitten zum Gesetz und seiner Durchsetzung (S. 30–36) hebt Clark die staatliche Gewaltausübung als wesentliches Element des spätantiken Staates hervor (S. 30), was in der neueren Forschung nicht unumstritten ist[3]; dabei versäumt sie es jedoch nicht, darauf hinzuweisen, dass durch die bessere Quellenlage auch mehr Nachrichten überliefert sind (S. 32). Weitere Themen sind die Formen lokaler Gerichtsbarkeit und die großen Rechtskodifizierungen der Spätantike. Korrekturbedürftig dürfte allerdings die Aussage sein, dass häufige Gesetzeswiederholungen nicht das Scheitern der Gesetze, sondern die Verdeutlichung einer Nulltoleranzpolitik bedeutet hätten.[4] Den zweiten großen Themenbereich des Kapitels bildet die Wohltätigkeit (S. 36–40), worin Clark die vorwiegend christlichen Diskurse und praktischen Maßnahmen von kirchlicher und staatlicher Seite behandelt.

Das vierte Kapitel befasst sich mit der Religion (S. 41–57). Nach einer allgemeinen Einführung in die römische Religion (S. 41–46) nennt Clark als wichtigste Etappen der religiösen Konflikte (S. 47–53) die Christenverfolgungen, die Konflikte unter Konstantin und den Monophysitenstreit. Zu Recht weist sie darauf hin, dass Heidenverfolgungen über lokale Ereignisse nie hinausgingen. Des Weiteren diskutiert sie den Einfluss des Christentums auf kaiserliches Handeln und das alltägliche Leben (S. 53–57). Im fünften Kapitel werden die christliche und die pagane Philosophie erörtert (S. 58–77). Hierzu stellt Clark zunächst ausführlich die unterschiedlichen Richtungen der griechischen Philosophie vor (S. 58–66) und wendet sich dann unterschiedlichen Aspekten im Rom des Jahres 384 zu (S. 66–77), wobei der Schwerpunkt auf dem Streit um den Victoriaaltar und den damit verbundenen Diskursen liegt. Der Usurpator Eugenius war allerdings bei aller Zusammenarbeit mit den paganen Kreisen Roms selbst kein Heide, wie Clark (S. 75) unterstellt.

Das insgesamt weniger gelungene sechste Kapitel (S. 78–90) wendet sich den „Barbaren“ zu. Auch wenn Clark in den einleitenden Bemerkungen (S. 78–83) (nicht vollkommen korrekt) das Fehlen von literarischen Selbstzeugnissen der Barbaren bemerkt, so verbleibt dennoch das Bild von zerstörerischen und unzivilisierten Horden (besonders S. 80), was zweifellos als überholt gelten kann. In dem Kapitel zur Schlacht von Adrianopel (S. 83–85) wird die Antwort auf die explizit gestellte Frage nach den Gründen für die Niederlage nur angedeutet und dies obendrein mit Ausführungen, die für Überfälle an den Grenzen, nicht aber für den konkreten Fall Adrianopel als Erklärung greifen können. Besser gelungen sind die Unterkapitel über den Fall Roms 410 (S. 85–88) und über die barbarischen Königreiche (S. 88–90).

Das siebte Kapitel ist dem Verhältnis des Christentums zur klassischen Bildung gewidmet (S. 91–102). Da der Schwerpunkt auf Cassiodor liegt, behandeln die einleitenden Bemerkungen die Zeit Theoderichs und sein Verhältnis zu Rom (S. 91–94), woraufhin die Leistungen Cassiodors in der Tradition und Vermittlung klassischer Bildung diskutiert werden. Daneben finden weitere Aspekte des Themenkreises Berücksichtigung (S. 98–102): die Stellung des Augustinus zur klassischen Bildung, Julians Bildungsreform und sein – an dieser Stelle etwas deplatziert wirkendes – Jerusalemer Tempelbauprojekt sowie die Schließung der neuplatonischen Schule in Athen. Das achte und letzte Kapitel behandelt die arabische Eroberung (S. 103–116). Clark skizziert die vorausgehende Entwicklung (S. 103–106), den Verlauf (S. 106–108) und die anschließende Interaktion (S. 110–113). Bei der Frage nach Kontinuität und Brüchen (S. 108–110) stellt sie Indizien für beides fest. In der Schlussbetrachtung (S. 113–116) betont sie noch einmal allgemein die Elemente des Niedergangs und der Transformation in der Spätantike.

Ergänzt wird der Band durch eine Auswahlbibliographie (S. 117–121), eine Zeittafel (S. 123f.) und ein Register (S. 125–128). Da die Zeittafel von 161 bis 800 reicht und nur auf erwähnte Ereignisse eingeht, ist sie keineswegs vollständig, bietet aber dem Laien eine übersichtliche Orientierung. Ob die Beschränkung der Bibliographie auf englischsprachige Titel unter Übergehung wichtiger Werke wie beispielsweise Demandts Spätantike-Handbuch[5] als sinnvoll angesehen werden kann, darf bezweifelt werden, zumal keine der oben genannten älteren Einführungen eine so einseitige Auswahl bieten.[6]

Clark liefert ein interessantes kleines Werk, dessen Wert letztlich vom Vorwissen und den Interessen des Lesers abhängig ist: Der Fachmann wird wenig Neues lernen, kann aber aus dem unkonventionellen Ansatz zur Datierungsfrage manche Anregung gewinnen. Der Laie, der keine tiefergehende Beschäftigung anstrebt, ist nicht schlechter als mit den anderen Einführungen bedient. Geschichtsstudenten kann es allerdings nur bedingt empfohlen werden: Der systematische Zugriff auf das Thema und der weitgehende Verzicht auf eine Darstellung der Ereignisse macht es hauptsächlich in Kombination mit einer ereignisgeschichtlichen Einführung geeignet. Auch dürfte die Literaturliste insbesondere englischsprachige Studenten zu dem Trugschluss verleiten, dass Kenntnisse des Englischen vollkommen ausreichend zur Erfassung der wichtigsten althistorischen Forschungsliteratur sind. Die meisten Studenten dürften daher mit Demandts „Spätantike“ oder mit den entsprechenden Bänden der „Cambridge Ancient History“ für den Erstkontakt mit dieser Epoche deutlich besser beraten sein. Dies ändert jedoch nichts daran, dass Clarks Büchlein eine anregende und kurzweilige Lektüre bietet.

Anmerkungen:
[1] Thematisch und in ihrem Umfang vergleichbar sind etwa: Glanville Downey, The Late Roman Empire, New York 1969; Jean-Rémy Palanque, Le Bas-Empire, Paris 1971; Hartwin Brandt, Das Ende der Antike, München 2001.
[2] Die Modifizierbarkeit des Geschehens im Einzelfall betont Christian Ronning, Herrscherpanegyrik unter Trajan und Konstantin, Tübingen 2007. Außerdem ist Rhetorik schon deshalb in jedem Fall Überzeugungsarbeit, da der Redner auch Eigenwerbung betreibt, um die Hörer in seinem Sinne von sich zu überzeugen.
[3] Vgl. dazu jetzt Jens-Uwe Krause, Staatliche Gewalt in der Spätantike: Hinrichtungen, in: Martin Zimmermann (Hrsg.), Extreme Formen von Gewalt in Bild und Text des Altertums, München 2011, S. 321–350.
[4] Als Beispiel dafür ist die Gesetzgebung Julians gegen Amtsmissbräuche der numerarii zu nennen (Cod. Theod. 8,1,6–7, wahrscheinlich auch 8,1,8), in der innerhalb kurzer Zeit die bereits verschärften Maßnahmen nochmals ausgeweitet werden, während Valentinian I. und Valens diese Maßnahmen recht bald zurücknehmen (Cod. Theod. 8,1,11). Allerdings widerspricht der Wille zum Ausdruck einer Nulltoleranzpolitik dem Scheitern der Gesetze nicht zwingend.
[5] Alexander Demandt, Die Spätantike, 2. Aufl., München 2007.
[6] Vorbildlich ist hier Palanque, der trotz französischem Schwerpunkt auch deutsche, englische und italienische Werke anführt. Bei Brandt und Downey liegt der Schwerpunkt deutlicher auf deutsch- bzw. englischsprachigen Titeln, aber eben nicht ausschließlich.

ZitierweiseRaphael Brendel: Rezension zu: Clark, Gillian: Late Antiquity. A very short Introduction. Oxford 2011, in: H-Soz-u-Kult, 07.05.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-2-093>.

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