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Frühe Neuzeit

D. Steinmetz: Gregorianische Kalenderreform

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Niels Grüne <niels.grueneuibk.ac.at>
Autor(en):
Titel:Die Gregorianische Kalenderreform von 1582. Korrektur der christlichen Zeitrechnung in der Frühen Neuzeit
Ort:Oftersheim
Verlag:Verlag Dirk Steinmetz
Jahr:
ISBN:978-3-943051-00-1
Umfang/Preis:502 S.; € 69,80

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Markwart Herzog, Schwabenakademie Irsee
E-Mail: <markwart.herzogschwabenakademie.de>

Mit der Bulle Inter gravissimas vom 24. Februar 1582 proklamierte Papst Gregor XIII. die Reform des in der lateinischen Christenheit bis dahin geltenden Kalenders, der auf Julius Caesar zurückging. Dieser Initiative waren jahrhundertelange Bemühungen vorausgegangen, die Mängel des Julianischen Kalenders zu korrigieren. Und zwei weitere Jahrhunderte dauerte es, bis der Gregorianische Kalender zumindest im westeuropäischen Einflussbereich rezipiert war.

Die an der Philosophischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg entstandene und für den Druck überarbeitete Dissertation von Dirk Steinmetz stellt die Vorgeschichte, den Entstehungsprozess, die Ausarbeitung und die Rezeption des bis heute gültigen Kalendariums dar und geht auf spätere Kalenderreformversuche ein, den französischen und den stalinistischen Revolutionskalender sowie den Weltkalender. Abgeschlossen wird der Band mit sehr sinnvollen tabellarischen Übersichten und Zusammenfassungen.

Die Bestrebungen zur Kalenderreform reichten in der lateinischen Kirche bis ins 13. Jahrhundert zurück. Sie sind aus verschiedenen Gründen, die Steinmetz plausibel darlegt, jedoch gescheitert, obwohl die exakte Vorausberechnung des Osterdatums für die Christen von essentieller Bedeutung war. Der von Julius Caesar im Jahr 45 v.Chr. eingeführte Kalender war mit einem auf den ersten Blick geringfügigen Mangel behaftet: Die durchschnittliche Länge eines julianischen Jahrs überstieg die Dauer des dem Sonnenlauf entsprechenden tropischen Jahrs um elf Minuten. Diese Differenz summiert sich in etwa 130 Jahren zu einem kompletten Tag, so dass am Vorabend der Gregorianischen Reform der damals gebräuchliche Kalender von den tatsächlichen Bewegungen der Gestirne um zehn, im Jahr 1700 bereits um elf Tage abwich.

Erst eine von Gregor XIII. eingesetzte Kommission, deren Mitglieder aus fünf verschiedenen Ländern stammten, führte das Reformprojekt zum Ziel. Der offizielle Reformvorschlag wurde 1577 unter dem Titel Compendium novae rationis restituendi Kalendarium gedruckt und an katholische Universitäten und Herrscherhäuser Europas sowie den Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation mit der ausdrücklichen Bitte um Begutachtung durch Astronomen und Mathematiker verschickt. Vor allem auf „die Zustimmung von wissenschaftlicher Seite“ (S. 78) wurde großer Wert gelegt. Eine Fülle von Briefen, Gutachten und Traktaten wurde zwischen 1578 und 1580 aus fast allen Teilen des katholischen Europa an die Kurie geschickt. In der überaus kritisch diskutierten Frage nach dem Umgang mit den überzähligen Tagen votierte „die überwältigende Mehrheit der Autoren“ (S. 112) dafür, die Tage statt verteilt über mehrere Jahre auf einmal ausfallen zu lassen. Dies geschah 1582, als die zehn Tage vom 5. bis 14. Oktober gestrichen wurden, der 15. des Monats, ein Freitag, also unmittelbar auf Donnerstag, den 4. folgte. Gleichzeitig wurde die Schaltregel präzisiert und der für die Errechnung des Osterfestdatums wichtige Mondkalender durch Einführung des Epaktenzyklus modifiziert (S. 128f.). Verkündet wurde die Reform im Kalendarium Gregorianum perpetuum. Erklärtes Ziel der Reform war die Berichtigung des in den vorherigen Jahrhunderten aufgelaufenen Fehlers durch „Restitution des Sonnen- bzw. Mondkalenders“ und die Korrektur der periodischen Fehler mit dem Ziel der „Verhinderung künftig entstehender Diskrepanzen“ (S. 89).

So gut der Inhalt und die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Reformwerks erarbeitet und mit internationalen Fachleuten diskutiert worden waren, so dürftig war es um die Einführung des neuen Kalenders in die Alltagspraxis bestellt. Für die Umsetzung der Reform fehlten vor allen Dingen eine schlüssige Logistik und die nötige Zeit, und es mangelte an den erforderlichen Exemplaren, um das Kalendarium bekannt machen zu können. Die Tatsache, dass der Reformauftrag vom Tridentinum, dem Konzil der Gegenreformation, ausgegangen war, brachte die Initiative überdies in den protestantischen Staaten Europas in Misskredit. Evangelische Theologen sahen in der Reform ein „trojanisches Pferd“ (S. 251, 253, 347), mit dessen Hilfe der Papst sich die deutschen Kirchen wieder unterwerfen wolle. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass in den drei Jahrzehnten nach der Veröffentlichung des Gregorianischen Kalenders über 70 gedruckte Traktate und teils hasserfüllte Streitschriften erschienen.

Es gehört zu den großen Verdiensten von Steinmetz, dass er diese Quellen einerseits ausführlich unter die Lupe nimmt und im Zusammenhang analysiert und andererseits auch auf bereits bestehende gesellschaftliche Spannungen, wirtschaftliche Konflikte und konfessionelle Streitigkeiten eingeht, die durch die Kalenderreform, beispielsweise in Riga und Augsburg, zu gewalttätigen Unruhen eskalierten. Lang vor der Reformation, Mitte des 14. Jahrhunderts, hatte der Kanoniker und Komputist Johannes de Muris weitsichtig davor gewarnt, dass eine Kalenderkorrektur zu Unruhen und Zerwürfnissen, – „divisiones alique inter illos principes et ecclesiam“ (S. 55, Anm. 206), – führen könnte. Ähnliche Befürchtungen hegte Martin Luther für den Fall, dass eine solche Reform nicht durch die weltlichen Obrigkeiten, „die hohen Maiesteten, Keiser und Könige“ (S. 294), angeordnet werde. Gleichwohl hatte Luther unter „Berufung auf Mathematiker und Astronomen“ (S. 293) eine Reform des Kalenders zu den Adiaphora gezählt und grundsätzlich für nützlich erachtet, da das Osterfest oft zu spät begangen werde.

Als besonders kurzsichtig erwies sich – unter „Androhung der Exkommunikation“ (S. 135) – ein Verbot des Nachdrucks der Kalenderheftchen, das ausschließlich den monopolistischen Geschäftsinteressen der römischen Druckereibetriebe diente. Dass beispielsweise noch nicht einmal ein halbes Jahr vor dem geplanten Übergang vom alten zum neuen Kalendarium nur zwölf Exemplare zur Verbreitung in den etwa vierhundert Herrschaften des Reichs verschickt wurden, zeigt eklatant die mangelhafte organisatorische Vorbereitung. Dass darüber hinaus die 1583er Jahreskalender alten Stils längst in ganz Deutschland in großer Stückzahl gedruckt und verteilt worden waren, begründet zumindest teilweise das relative Desinteresse der Reichsverwaltung an der sofortigen Einführung eines neuen Kalenders, die „aufgrund handelspolitischer Erwägungen“ (S. 161) ein Jahr später offiziell erfolgte. Gleichwohl zog sich seine Rezeption noch mehrere Generationen lang hin, so dass die Vereinbarung von Terminen, die Datierung von Ereignissen und Korrespondenz teils von erheblichen Unsicherheiten geprägt war. In England und Irland beispielsweise wurde der neue Kalender 1752, in Schweden 1844 und in Russland erst 1918 eingeführt. Ausschlaggebend war jeweils die Einsicht, „dass ein geordnetes Zusammenleben wichtiger war als das Beharren auf dem eigenen Kalender“ (S. 413).

Steinmetz behandelt das Thema nicht nur unter hilfswissenschaftlich-chronologischen Gesichtspunkten, sondern auch ausführlich mit Blick auf seine mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundlagen, darüber hinaus im Kontext seiner politischen Dimensionen, alltagskulturellen Probleme und kontroverstheologischen Debatten. Er erörtert die Bedeutung der Reform unter anderem auch für die Termine des Aderlasses, der Fälligkeit von Zinsen, der Ferien am Reichskammergericht, für die Bauernregeln und -kalender, für die damals bestehenden chiliastischen Endzeiterwartungen, die eine Kalenderreform als religiös vollkommen irrelevant erscheinen ließen, sowie für das Verhalten der Tiere, die Entlohnung durch Zahl- und Rechnungsämter und die Terminierung von Messen, Märkten und Heiligenfesten.

Steinmetz’ Werk zeichnet sich nicht nur durch ausführliches Quellenstudium, sondern auch durch eine Fülle hervorragender Abbildungen und eine sehr gelungene Kombination historiographischen und mathematischen Fachwissens aus. Darüber hinaus ist sie flüssig und allgemein verständlich geschrieben, wobei detaillierte Begründungen, ausführliche Zitate aus den Originalquellen sowie Exkurse in beeindruckenden 2.343 Fußnoten abgelegt sind. Sehr verdienstvoll sind überdies statistische Übersichten und Kalendervergleiche im Anhang der Studie. Und nicht zuletzt verdient Anerkennung, dass Steinmetz’ Studie fast gänzlich frei von Orthographie-, Grammatik- und Interpunktionsfehlern ist.

ZitierweiseMarkwart Herzog: Rezension zu: Steinmetz, Dirk: Die Gregorianische Kalenderreform von 1582. Korrektur der christlichen Zeitrechnung in der Frühen Neuzeit. Oftersheim 2011, in: H-Soz-Kult, 04.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-014>.

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