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Neueste Geschichte

S. Salzborn (Hrsg.): Staat und Nation

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Ulrich Prehn <ucprehngmx.de>
Titel:Staat und Nation. Die Theorien der Nationalismusforschung in der Diskussion
Reihe:Staatsdiskurse
Herausgeber:Salzborn, Samuel
Ort:Stuttgart
Verlag:Franz Steiner Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-515-09806-9
Umfang/Preis:241 S.; € 44,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Lutz Fiedler, Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur e.V., Leipzig
E-Mail: <fiedlerdubnow.de>

Das Auftauen der „gefrorenen Vergangenheit“ (Tony Judt), das mit dem Ende des Kalten Krieges und des alles überlagernden Blöckekonflikts einherging, war nicht nur von einer Rückkehr der nationalstaatlichen Ordnung geprägt, sondern zugleich mit einer Wiederkehr historischer Minderheitenkonflikte und ethnisch motivierter Gewalt verbunden. Nur allzu berechtigt scheint es deshalb, sowohl dem Phänomen des Nationalismus und dem Zusammenhang von Staat und Nation von Neuem nachzuspüren als auch nach den Erkenntnispotenzialen früherer diesbezüglicher Forschung für die Gegenwart zu fragen. Der hier zu besprechende Sammelband nimmt sich dieser Aufgabe aus vorrangig politikwissenschaftlicher Perspektive an. Als Herausgeber hat Samuel Salzborn dafür einen doppelten Zugriff gewählt, der den Band in zwei Teile gliedert. Während die ersten sechs der insgesamt vierzehn Aufsätze sich herausragenden Nationalismusforschern und ihren Theorien zuwenden, wird im zweiten Teil die Geltung der unterschiedlichen Nationalismustheorien untersucht und nach der gegenwärtigen Bedeutung der Konzepte von Staat und Nation im Zeitalter der Globalisierung gefragt.

Es gehört dabei zu den großen Verdiensten dieses Bandes, in jenem ersten Teil zahlreiche Vertreter der modernen Nationalismusforschung zusammenzuführen und dadurch einen vergleichenden Blick auf das Œuvre von Karl W. Deutsch (Julia Mohr), Eric J. Hobsbawm (Torben B. F. Stich), Ernest Gellner (Dana Ionescu), Miroslav Hroch (Patrick Eser), Anthony D. Smith (Luzie H. Kahlweiß) und Benedict Anderson (Shida Kiani) zu ermöglichen. In gleichbleibender Form wird in den Texten zuerst die Biographie des jeweiligen Autors vorgestellt, um im Anschluss den Blick auf die spezifische Deutung des Nationalismus zu richten und die je relevanten Werke in fast schon stichpunktartiger Form vorzustellen. Eine kurz gehaltene Darstellung einzelner Forschungskontroversen beendet die jeweiligen Texte.

Fraglich ist, ob damit dem eigenen Anspruch, „alle wichtigen Theoretiker der neueren Nationalismusforschung“ (S. 12) versammelt und diskutiert zu haben, Genüge getan wurde. Immerhin ist mit Hans Kohn einer der – noch von Eric J. Hobsbawm hervorgehobenen – beiden Gründungsväter der akademischen Nationalismusforschung ausgelassen.[1] Von Relevanz wäre Kohn auch deshalb gewesen, weil durch seinen Einbezug ein vergleichender Blick auf eine eigene Prager Schule der Nationalismusforschung möglich gewesen wäre, der neben ihm auch die besprochenen Ernest Gellner, Karl W. Deutsch und Miroslav Hroch angehörten und für die in jeweils verschiedener Form die Prager Herkunft zum erfahrungsgeschichtlichen Hintergrund ihrer eigenen Forschungen wurde.[2] War doch gerade am aufflammenden Gegensatz zwischen Deutschen und Tschechen in der böhmischen Metropole jene Transformation vormoderner multinationaler Imperien in ethnisch legitimierte Nationalstaaten einsehbar, die auch zum Motor der historischen Beschäftigung mit diesen Phänomenen werden sollte. Im Aufsatz zu Gellner und der Bezugnahme auf dessen Prägung im „multikulturellen und kosmopolitischen Prag“ (S. 46) klingt dies ebenso an wie in der Darstellung zum Werk von Miroslav Hroch, der ja gerade jene „kleinen Völker Europas“ zum Gegenstand seiner Forschung machte, die innerhalb des vormals imperialen Kontexts nach Souveränität zu streben begannen. Indem die Darstellung über den zwei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Prag geborenen Karl W. Deutsch dessen Erfahrungen mit dem dortigen Nationalitätenkonflikt zwar erwähnt, sein Geburtsort aber aus dem historischen Kontext der Habsburgermonarchie in das „Prag […] der ehemaligen Tschechoslowakei“ verrückt wird (S. 17), kommt gerade jener Zusammenhang einer Politisierung und Territorialisierung von Herkunft, der mit der Verwandlung von Imperien in Nationalstaaten einherging, nicht zur Geltung.[3] Das Selbstverständnis des deutschsprachigen Prager Judentums, dem Kohn, Deutsch und Gellner familiär verbunden waren, hatte sie zudem stärkere Affinitäten zum übernationalen Habsburger Imperium aufweisen lassen.

Ein Alleinstellungsmerkmal der Prager Konstellation war eine solche Sensibilität gegenüber der Verhärtung nationaler Zugehörigkeit in der Moderne mithin nicht. Benedict Anderson etwa war über die Auseinandersetzung mit der indonesischen Unabhängigkeit zum Thema gekommen (S. 86f.). Der Aufsatz über Eric J. Hobsbawm zeigt wiederum an, in welchem Maße auch dessen eigene geschichtswissenschaftliche Orientierung biographisch eingefärbt ist. Dem 1917 in Alexandria als Sohn jüdischer Eltern geborenen Hobsbawm wurden gerade in jungen Jahren, die ihn über Wien nach Berlin und schließlich nach London führten, Unsicherheiten aufgrund von Herkunft und Zugehörigkeit Teil seiner eigenen Geschichtserfahrung. Eine Heimat hatte Hobsbawm indes innerhalb der kommunistischen Bewegung gefunden, die zugleich eine universalistisch gehaltene Utopie jenseits nationaler Zugehörigkeit versprach.

Doch auch wenn nahezu allen im Buch vorgestellten Theoretikern jene Perspektive einer Neutralisierung nationaler Differenz und die Hoffnung auf deren historische Überwindung zu eigen war, unterschieden sie sich in ihrer inhaltlichen Charakterisierung der Kohäsionskraft von Nationalismus und nationalen Bewegungen. Gerade das heben die Beiträge des Sammelbandes eindrücklich hervor. Denn aller Einigkeit zum Trotz, dass es sich beim Nationalismus um ein Phänomen der Moderne handelt, richteten gerade Eric Hobsbawm und Benedict Anderson den Blick auf das gesellschaftlich konstruierte Moment in der Genese eines nationalen Kollektivs. Nirgends kam dies deutlicher zum Ausdruck als im Titel von Andersons Standardwerk über die „Erfindung der Nation“. Quer zu derlei Analysen liegt wiederum Anthony D. Smiths Theorie des Ethnosymbolismus, die auf der Geltung eines ethnisch basierten vormodernen Kerns des modernen Nationalismus beharrt. Die Theorien von Miroslav Hroch, Ernest Gellner und Karl W. Deutsch fragen hingegen stärker nach den historischen Bedingungen und konkreten Prozessen, in deren Folge sich vormoderne Kollektive derart gewandelt haben, dass die Zugehörigkeit zu einer Nation eine eigenständige Kohäsionskraft ausbildete und in das Drängen nach Souveränität mündete.

Neben dem Befund der Modernität des Nationalismus herrscht zudem Einigkeit über dessen räumliche und zeitliche Bedingtheit und Wandelbarkeit. In verschiedenen Begriffen unterscheiden deshalb nahezu alle Theoretiker zwischen jenem staatsbürgerlichen Nationalismus, der in der Tradition der französischen Revolution steht und die Zugehörigkeit zum Nationsverband an Territorialprinzip und abstraktes Staatsbürgerschaftsrecht knüpft, und einem ethnischen Nationalismus, der stattdessen auf Kategorien von Herkunft und ethnischer Zugehörigkeit für die Teilhabe am nationalen Kollektiv rekurriert. Es ist diese Unterscheidung, die auf Hans Kohns Dichotomie zwischen einem östlichen und einem westlichen Nationalismus zurückgeht,[4] die auch Samuel Salzborn in seiner Einleitung als die „entscheidende Differenz (…) in der inhaltlichen Konkretisierung des Nationalismus“ hervorhebt (S. 9).

Der Frage, welche Geltung dieser Gegenüberstellung in der Gegenwart noch zukommt und welche Veränderungen sich in der Bedeutung des Nationalismus und mit Blick auf den Charakter nationaler Bewegungen vollzogen haben, geht der zweite Teil des Buches nach. Denn auch wenn die sieben Aufsätze zum Teil inhaltlich weit auseinanderfallen, weil sie nicht nur unterschiedliche Räume in den Blick nehmen, sondern zugleich Ausprägungen eines transterritorialen Long-Distance Nationalism (S. 225–238) thematisieren, bleibt die Frage nach der Wirkungskraft des Nationalismus in einem Zeitalter der Globalisierung das einende Band.

So bringt Emanuel Richter in einem Beitrag über „Supranationalität und Demokratie“ etwa der Annahme, dass die „Formen des Regierens und der politischen Ordnungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts tatsächlich ihre Bindung an das Nationale abgestreift“ hätten, „gehörige Skepsis“ entgegen (S. 101). Stattdessen konstatiert er eine „Erfolglosigkeit in dem Impuls, die politische Bedeutung der europäischen Nationalstaaten entschlossen zu kompensieren und letztendlich zu tilgen“ (S. 109). Einer ähnlichen Deutung folgt auch Michael Zürn in seinem Beitrag über „Politische Fragmentierung als Folge der gesellschaftlichen Denationalisierung“. Darin untersucht er den Zusammenhang zwischen Prozessen der Globalisierung als der Herausbildung „verdichteter sozialer Handlungszusammenhänge jenseits der nationalstaatlichen Grenzen“ (S. 127) einerseits und dem Aufleben ethno-nationalistischer Ideologien und Regionalismen andererseits.

Aufgrund der Diagnose dieser aller Transnationalisierungstendenzen zum Trotz anhaltenden Präsenz ethnisch-nationaler Selbstverständnisse wird sich gleich in zwei weiteren Aufsätzen um eine grundlegende Kritik der Vorstellung ethnischer Kollektivität bemüht. So strengt Samuel Salzborn in seinem Text über „Ethnizität als Fundament der Nation?“ eine „Kritik des ethnischen Gemeinsamkeitsglaubens“ an, die den Begriff der Ethnie als „vorgestellte Gemeinschaft“ eines gemeinsamen „Abstammungsglaubens“ zu dekonstruieren sucht. Zugleich fragt er, warum ein „schließendes Ideologieangebot“ wie das Konzept einer ethnisch begründeten Nation „auf der gegenwärtigen politischen Agenda so erfolgreich“ ist (S. 149). Die Kritik an Vorstellungen eines ethnischen Abstammungskollektivs findet in dem Aufsatz zu „Nation, Nationalismus und Kollektive Identität“ von Wolfgang Bergem ihre Fortsetzung. Gegen die Sogwirkung der Vorstellung von „nationaler Identität“ argumentiert Bergem auf philosophischer Grundlage nicht nur mit einer Infragestellung des Identitätskonzepts überhaupt. Zugleich analysiert er den Zusammenhang, der mit der Konstruktion eines nationalen Kollektivs und dem gleichzeitigen Ausschluss Anderer einhergeht.

Anders als jene theoretische Kritik an der Verhärtung ethnischer Zugehörigkeit verweisen die vielleicht spannendsten Aufsätze des Bandes von Anton Pelinka über „Indien als Herausforderung“ und von Thomas Schmidinger über „Staat und Nation in Afrika“ auf die realhistorische Ausbildung antikolonialer Selbstverständnisse, die das Potenzial einer Überwindung von Herkunftsdifferenzen aufweisen. Eindringlich zeichnet Pelinka nach, wie sich Indien mit der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht und in Abgrenzung zum muslimisch-nationalen Selbstverständnis Pakistans als „Nation der Vielfalt“ konstituiert hat und zu einem Staat wurde, „der sich für Hindus und Muslime, Sikhs und Christen und Buddhisten und andere Religionen gleichermaßen öffnete“ (S. 190). Eine ähnliche Tendenz beobachtete Thomas Schmidinger im panafrikanischen Selbstverständnis des postkolonialen Afrika. Denn auch wenn der Kontinent ebenso von interethnischen und interreligiösen Konflikten durchklüftet ist und sich zudem in der Diaspora ein panafrikanisches Selbstverständnis ausgebildet hatte, das sich vorrangig auf die „Zugehörigkeit zu einer vermeintlichen ‚Rasse‘“ berief, weiß Schmidinger zugleich von gegenläufigen Tendenzen zu berichten. Die „Afrikanisierung des Panafrikanismus“ war zugleich „von einem stärker politischen Nationalismus“ gekennzeichnet, der „weniger durch eine gemeinsame Hautfarbe (…) als durch die gemeinsamen Unterdrückungserfahrungen des Kolonialismus und den gemeinsam bewohnten Kontinent definiert ist“. (S. 213). Angesichts der Bedeutungslosigkeit damit verbundener politischer Strukturen wie der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) und der Herausforderung durch panarabische Ideen ebenso wie durch Nationalstaatsmodelle, die an vorkoloniale Gemeinwesen anzuknüpfen suchten, bleibt die Entwicklung des Nationalismus auch in Afrika offen.

So scheint es, als hätte sich die Spannung zwischen dem politischen und dem ethnischen Charakter moderner Gemeinwesen, die mit dem Zeitalter des Nationalismus in Europa anhob, inzwischen universalisiert. Welche Entwicklung daraus folgen wird, ist freilich offen. Um sich aber einen ersten Überblick über Vergangenheit und Gegenwärt des Nationalismus zu verschaffen, lohnt die Lektüre des Sammelbandes zweifellos.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Eric J. Hobsbawm, Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780, München 1996, S. 13.
[2] Andre Liebich, Must Nations become States?, in: Nationalities Papers, 31, 4 (2003), S. 453–469, hier S. 465.
[3] Zu Deutsch vgl. Andrei S. Markovits, From Prague to America – Karl W. Deutsch between Experience and Knowledge, in: Dan Diner / Moshe Zimmermann (Hrsg.), Disseminating German Tradition The Thyssen Lectures, Leipzig 2009, S. 101–122.
[4] Hans Kohn, Die Idee des Nationalismus. Ursprung und Geschichte bis zur französischen Revolution, Heidelberg 1950, S. 447–454.

ZitierweiseLutz Fiedler: Rezension zu: Salzborn, Samuel (Hrsg.): Staat und Nation. Die Theorien der Nationalismusforschung in der Diskussion. Stuttgart 2011, in: H-Soz-u-Kult, 03.05.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-2-085>.

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