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Geschichte allgemein

Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Miriam Rürup <miriam.ruerupgmx.de>
Titel:Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Band 1: A–Cl
Reihe:Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur 1
Herausgeber:Diner, Dan
Ort:Leipzig
Verlag:J.B. Metzler Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-476-02501-2
Bemerkungen:Im Auftrag der Sächsischen Akademie der Wissenschaften
Umfang/Preis:XXXIII, 517 S.; € 229,95

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Matthias Wolfes, Berlin
E-Mail: <wolfeszedat.fu-berlin.de>

Diesem ersten Band der „Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur“ (EJGK) wurde bei Erscheinen große Aufmerksamkeit zuteil. Er ist das Resultat vierjähriger Arbeit und eröffnet ein siebenbändiges Gesamtwerk, das nach derzeitiger Planung bereits 2014 komplett vorliegen soll. Mehr als 500 Wissenschaftler aus aller Welt sind beteiligt, Herausgeber ist Dan Diner, Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig.

Die EJGK kann nur als epochales Ereignis bezeichnet werden. Die letzten großen Stationen der judaistischen Lexikographik im deutschen Sprachraum waren das „Jüdische Lexikon“ und die „Encyclopaedia Judaica“.[1] Beide kamen in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren heraus. Die Vollendung der „Encyclopaedia Judaica“ wurde durch den Nationalsozialismus verhindert, die Publikation nach dem zehnten, von geplanten fünfzehn Bänden, eingestellt; bei dem dadurch historisch gewordenen Lemma „Lyra“. Das ist nun fast drei Generationen her. In der Zwischenzeit sind verdienstvolle Nachschlagewerke in kleinerem Maßstab herausgekommen, doch war man für umfassendere lexikalische Informationen auf die in den USA und Israel publizierten Enzyklopädien oder das Internet verwiesen.[2]

Umso erfreulicher ist es und auch vor dem Hintergrund der stark internationalisierten Forschung von geradezu wissenschaftsgeschichtlicher Bedeutung, wenn jetzt wieder eine deutschsprachige Enzyklopädie zum Judentum erarbeitet wird, in jener Sprache also, die als Kulturträgerin für das Judentum des ganzen 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts so wichtig gewesen ist. Selbstbewusst sprechen Herausgeber und Verlag davon, dass die Enzyklopädie „einen innovativen Zugriff auf die Geschichte und Kultur der Juden“ biete. Das Judentum „als religiöse Konfiguration“ in seiner geschichtlichen Ausprägung bildet den thematischen Rahmen, den zeitlichen markieren die Jahreszahlen 1750 und 1950. Eine gewisse Privilegierung erfährt das 19. Jahrhundert. Den zeitlichen Abschluss bildet die frühe Nachkriegszeit. Aus ihr nehmen die Artikel die zerstörten jüdischen Lebenswelten in ganz Europa, die Situation der Displaced Persons, die Ansätze zu einer juristischen Auseinandersetzung mit den Verbrechen, aber auch den Restitutionskomplex in den Blick. Ebenfalls einbezogen wird noch die literarische und theoretische Reflexionsarbeit zur Shoa.

Das Simon-Dubnow-Institut widmet sich seit langem der Erschließung der jüdischen Lebenswelten Europas von der Frühen Neuzeit bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. So sind zahlreiche Quellensammlungen und Monographien veröffentlicht worden. Die Edition ausgewählter Quellen ist eng mit der Erarbeitung einzelner Einträge der Enzyklopädie verwoben.[3] Das Gesamtwerk soll die relativ eng begrenzte Zahl von etwa 800 Einträgen, mit jeweils einer bis zehn Druckseiten umfassen. Der Text wird ergänzt um Verweise, Abbildungen und Karten. Die sechs Bände haben einen Umfang von jeweils 600 Seiten; hinzu kommt am Ende ein ausführlicher Registerband mit Personen-, Sach- und Ortsregister.

Bereits die „Jewish Encyclopedia“ war ein Zeugnis wissenschaftlicher Reflexion und Erschließung der vergangenen und gegenwärtigen Lebensformen des Judentums. Sie war für ihre Zeit eine Art Zusammenfassung der Wissenschaft des Judentums. Gleichzeitig gingen von ihr erhebliche Impulse auf die Judaistik aus. Nicht unterschätzt werden darf überdies die Bedeutung, die dem Werk für die Vermittlung judentumsgeschichtlicher Kenntnisse und die Verbreitung eines modernen Judentumsverständnisses zukam, und zwar in der ganzen Breite der wissenschaftlich interessierten Leserschaft, denn der Rezipientenkreis war nicht auf jüdische Leser beschränkt.

Wenn dies nun mehr oder weniger auch für alle später erschienenen Lexika und Enzyklopädien zu Geschichte und Gegenwart des Judentums gilt, so trifft es erst recht auf die EJGK zu. Der erste Band zeigt, dass Herausgeber und Mitarbeiter sich ihrer Verantwortung voll bewusst sind. Dem entsprechen auch die thematischen Schwerpunktsetzungen. Ein besonderes Augenmerk wird den Auslegungen der sakralen Literatur gewidmet. Eine Art Übersichtsfunktion haben einzelne großangelegte „Epochenartikel“, wobei es sich der Ankündigung zufolge um Stichworte wie „Diaspora“ (für die Spätantike), „Islam“ (für die arabisch-jüdische Symbiose des Mittelalters) oder „Sefarad“ (für den Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit im Kontext der Vertreibung der Juden von der Iberischen Halbinsel und für die Orte ihrer Neuansiedlung) handelt. Im vorliegenden Band findet sich ein Epochenartikel zu „Aschkenas“. Hierunter fällt die Darstellung der rheinischen und nordfranzösischen Lebenswelten des Mittelalters und ihre rabbinische Wissensproduktion.

Anders als die ausgreifenden Übersichtsartikel beschränken sich die Einzelbeiträge darauf, die Geschichte und Kultur der Juden in ihrer Bedeutung für das Verständnis der Moderne sichtbar zu machen. Generell gilt, dass eine vollständige und detaillierte Darstellung der Religion, einzelner Regionen oder Persönlichkeiten nicht angestrebt wird. Die kritische Rückfrage an die Konzeption dieser Enzyklopädie, worin denn „das Jüdische“ der hier als „jüdische Geschichte und Kultur“ verhandelten Sachverhalte und historischen Zusammenhänge besteht, findet eine zulängliche Antwort eben nicht in hermeneutischen oder methodischen Prolegomena, sondern in der Durchführung des Programms selbst.

Dass die Enzyklopädie neben allem Historischen auch eine Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes der jüdischen Kultur und Lebenswelt leistet, wird aus einer Vielzahl von Artikeln deutlich. Es trifft aber eben auch zu, dass heutiges jüdisches Leben in Deutschland in einem – und sei es indirekten – Bezug zum Holocaust steht. Insofern kommt dem von Noah Benninga verfassten, äußerst gewichtigen Beitrag über Auschwitz eine besonders sensible Stellung zu. Überhaupt spielt das Motiv der Erinnerung für die Anlage der EJGK eine zentrale Rolle, ist doch den Juden wie keiner anderen Bevölkerungsgruppe für den längsten Teil ihrer Existenz die territorial definierte Einhegung ihres Erinnerungsraumes verwehrt gewesen. Hierzu passt, dass mehrfach Einträge zu Ortschaften und geographischen Punkten eher literatur- als realgeschichtlich angelegt sind.

So zeigt sich von verschiedenen Seiten, dass die EJGK weniger vom herkömmlichen Schema der lexikalischen Tatsachensammlung her verstanden werden will. Sie räumt den Autoren eine für diese Literaturgattung ungewöhnliche darstellerische Freiheit ein. In dieser Anlage liegt der wesentliche konzeptionelle Unterschied sowohl zu den früheren jüdischen Enzyklopädien wie auch zu den vom Umfang her vergleichbaren neueren deutschsprachigen Religionslexika protestantischer (Die Religion in Geschichte und Gegenwart) und katholischer (Lexikon für Theologie und Kirche) Provenienz.[4]

In einer solchen „dekonstruierenden Verfremdung“ jüdischen Wissens liegt der Sinn von Diners einleitender Bemerkung, die Enzyklopädie sei „ein kanonisches Vorhaben postkanonischen Charakters“. Postkanonisch ist es wohl auch, wenn einzelne literarische Hervorbringungen mit Einträgen bedacht werden, andere, die eher im Gedächtnis sind, aber nicht, und wenn ein Themenfeld wie „Antisemitismus“ erst später, bei dem Lemma „Verschwörung“, dargestellt werden wird. Ähnlich unklar ist die Handhabung bei Personeneinträgen. Hier muss man das dann allerdings sehr wichtig werdende Register abwarten.

Die zahlreichen Karten und Abbildungen werden ausgezeichnet reproduziert und bilden eine gute Ergänzung zu den Texten. Auch äußerlich ist der Band sehr ansprechend gestaltet. Schließlich sei erwähnt, dass der Käufer eine Abnahmeverpflichtung für das Gesamtwerk eingeht. Zunächst wird der Abnehmerkreis über die Fachgelehrten, die Bibliotheken und wissenschaftlichen Einrichtungen hinaus überschaubar bleiben. Man darf aber im Blick auf die Verbreitung der Enzyklopädie bis in die privaten Studierstuben hinein davon ausgehen, dass zu gegebener Zeit andere, publikumsfreundlichere Formen der Verbreitung hinzukommen werden.

Mit der EJGK wird sich der Blick auf die jüdische Geschichte und Kultur in Deutschland verändern. Bereits nach Vorliegen dieses Bandes ist jedenfalls deutlich, dass die Enzyklopädie auf lange Sicht im deutschsprachigen Raum die erste Adresse sein wird für jede wissenschaftliche Konsultation in Sachen Judentum und Judentumsgeschichte.

Anmerkungen:
[1] Ismar Elbogen (Hrsg.), Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden, Berlin 1927–1930; Encyclopaedia Judaica. Das Judentum in Geschichte und Gegenwart, zehn Bände, Redaktion: Jakob Klatzkin und Ismar Elbogen, Berlin 1928–1934.
[2] Über das Internet sind inzwischen auch einige ältere Quellenbestände verfügbar. So kann man in einer unedierten Version auf die zwölfbändige Erstausgabe der „Jewish Encyclopedia“ (1901 bis 1906) mit 16.600 zum Teil monographieartigen Artikeln zurückgreifen (<www.jewishencyclopedia.com> [24.09.2012]).
[3] Siehe Markus Kirchhoff, Jüdische Kultur als europäische Tradition. Die „Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur“ im Kontext, in: Denkströme. Journal der Sächsischen Akademie der Wissenschaften (2009), Heft 2, S. 192–205.
[4] Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch in gemeinverständlicher Darstellung, 5 Bände, Tübingen 1909–1913; Lexikon für Theologie und Kirche, 10 Bände, Freiburg im Breisgau 1930–1938.

ZitierweiseMatthias Wolfes: Rezension zu: Diner, Dan (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Band 1: A–Cl. Leipzig 2011ff., in: H-Soz-Kult, 03.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-009>.

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