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Arbeitskreis Historische Friedensforschung

C. Kroneberg: Die Erklärung sozialen Handelns

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Alexander Korb <ak368le.ac.uk>

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedensforschung. (Redaktionelle Betreuung: Alexander Korb und Christoph Laucht) www.akhf.de/

Autor(en):
Titel:Die Erklärung sozialen Handelns. Grundlagen und Anwendung einer integrativen Theorie
Reihe:Neue Bibliothek der Sozialwissenschaften
Ort:Wiesbaden
Verlag:VS Verlag für Sozialwissenschaften
Jahr:
ISBN:978-3-531-17389-4
Umfang/Preis:358 S.; 34,95 €

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-Kult von:

Christian Gudehus, Universität Flensburg / Center for Interdisciplinary Memory Research
E-Mail: <christian.gudehusuni-flensburg.de>

Wenn es darum geht, ein vergangenes Geschehen zu rekonstruieren, stellt sich früher oder später die Frage, was die handelnden Akteure dazu gebracht hat, in der spezifischen politisch, kulturellen, sozialen und psychologischen Situation so zu handeln, wie sie das eben getan haben. Unabhängig davon ob man nun eher Strukturen, Ideologien, Einstellungen, Persönlichkeitsfaktoren, Figurationen oder irgendetwas anderes als zentrales Moment ansieht, steht dahinter eine Vorstellung, wie menschliches Handeln zustande kommt bzw. motiviert ist. Entsprechend bedarf es meiner Ansicht nach einer Explikation solcher Handlungstheorien, die nicht ohne Bezüge auf Disziplinen in denen solche Theorien verwendet werden auskommen kann.

Der lange Vorspann ist notwendig, um zu begründen warum auf dieser Plattform das doch sehr im soziologischen Diskurs verhaftete Buch von Clemens Kroneberg besprochen wird: Er hat eine neue, seiner Auffassung nach anwendungsorientierte Handlungstheorie vorgelegt und sie unter anderem an einem historischen Beispiel, Hilfeleistungen für verfolgte Juden im nationalsozialistischen Deutschland, erprobt. Kroneberg beginnt sein Buch damit, zu diskutieren, welche Rolle Handlungstheorien für ein soziologisches Verständnis der Welt haben, erläutert dann verschiedene Rational-Choice-Ansätze und verteidigt sie gegen seiner Auffassung nach ungerechtfertigte Kritik hinsichtlich eines angeblich naiven Menschenbildes. Dem folgend wendet er sich der für Handlungstheorien grundlegenden Definition der Situation und dem Konzept der variablen Rationalität zu, um schließlich das von ihm weiterentwickelte Modell der Frame-Selektion vorzustellen. Darauf folgen als Anwendungsbeispiele Wahlteilnahmen in Demokratien und die Rettung der Juden im Zweiten Weltkrieg.

Grundannahme aller sozialwissenschaftlicher Handlungstheorien, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung, ist, dass Menschen um überhaupt Handeln zu können, die Welt in der sie leben und insbesondere spezifische Situationen, mit denen sie tagtäglich konfrontiert werden, deuten müssen. Eine weitere wichtige Beobachtung ist die einer „variablen Rationalität“. So haben auch Sozialpsychologen Vorurteile, die gar handlungsrelevant werden können, obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten.

Kroneberg vertritt eine Theorie mehrfacher Auswahl oder Selektion. Deren Grundannahmen sind, (1) dass Handeln dem Erreichen individueller Präferenzen dient, die selbstverständlich kulturelle und somit historische Produkte sind; (2) dass es immer günstige Möglichkeiten oder hindernde Einschränkungen gibt, diese Präferenzen zu verwirklichen; (3) dass Akteure die Handlung auswählen, von der sie annehmen, dass sie hilft, ihre Ziele zu erreichen. Nun fallen, das deutete sich ja bereits an, diese Entscheidungen lediglich aus Sicht der Akteure rational, als es die subjektive, allerdings sozial geformte Sicht der Akteure ist, die ihnen beispielsweise ermöglicht, eine Situation zu deuten. So präformiert etwa eine soziale Figuration (Elias) – kollektive (Mentalität) wie individuelle (Identität) Wahrnehmungs- und Deutungsweisen. Kroneberg führt auch genau diese Diskussionen und ist um eine Vermittlung von stark abstrahierenden Ansätzen und einer eher kulturtheoretischen Soziologie bemüht. Dabei geht es ihm immer darum, ein Modell zu entwerfen, dass Allgemeingültigkeit beanspruchen kann, das also das Typische gegenüber dem Individuellen betont. Sein Modell soll außerdem, und das ist entscheidend, empirisch – was in seinem Fall statistisch bedeutet – überprüfbar sein soll.

Doch zurück zur Selektionshypothese. Individuen selegieren Frames, Skripte und schließlich Handlungen. Frames sind Situationsdeutungen. In der menschlichen Praxis kommen diese zumeist nicht über stundenlanges Grübeln zustande, sondern beruhen auf internalisierten Erfahrungen. Alltagssprachlich ausgedrückt weiß man intuitiv, was vor sich geht. Ebenso automatisch, weiß man auch, was zu tun ist, da es Skripte, also Handlungsdispositionen, gibt. Diese Skripte enthalten, so Kroneberg, Leerstellen, sie passen also nur in etwa. Entsprechend repräsentiert die Auswahl einer Handlung, zumindest aus Sicht des außenstehenden Forschers, einen dritten Selektionsvorgang. Ziel der soziologischen Theoriebildung ist, wie gesagt, die Entwicklung einer allgemeingültigen Theorie. Dies scheint im Widerspruch zur historischen Forschung zu stehen, in der bestimmte Konstellationen in ihrer historischen Besonderheit verstanden werden sollen. Aber gerade hier können Handlungstheorien einen heuristischen Nutzen entfalten, ermöglichen sie doch erstens eine andere, von der jeweiligen Fragestellung abweichende, Sicht auf das untersuchte Geschehen oder die zu verstehende Konstellation. Sie hilft aus dem Kontext herauszutreten und den Blick für grundlegende Handlungsmotivationen zu schärfen. Zweitens helfen Erkenntnisse solcher oder ähnlicher Art, Verstehenslücken zu schließen. Wenn man etwa zur Kenntnis nimmt, wie außerordentlich bedeutsam Erwartungen als Handlungsdeterminante sind, hat man einen hilfreichen Schlüssel zur Dekodierung von sonst kaum nachvollziehbaren Handlungen parat.[1]

Die Selektion kann in zwei unterschiedlichen Modi, erinnert sei an die variable Rationalität, vonstattengehen: dem automatisch-spontanen und dem reflexiv-kalkulierenden. Welcher Modus gewählt wird, hängt nicht nur von persönlichen Fähigkeiten, sondern wesentlich erneut von situativen Konstellationen ab. Es gibt also Bedingungen unter denen automatisiert agiert wird und solche, in denen tatsächlich Nachdenken dem Handeln vorausgeht. Genau dieser Aspekt interessiert Kroneberg besonders und er ist es auch, den er in seinen empirischen Beispielen in den Vordergrund stellt.

Die (deutsche) historische Retterforschung war lange vor allem additiv und zeichnete sich und tut das in weiten Teilen noch immer durch eine fast völlige Nichtberücksichtigung vor allem sozialpsychologischer Forschung zum so genannten prosozialen Verhalten aus. Entsprechend schwer tat sie sich mit verallgemeinerbaren Aussagen und beklagte wie kürzlich Wolfgang Benz, dass, wann immer man meint einen Faktor zu identifizieren, wieder Ausnahmen auftauchen, in denen alles ganz anders ist.[2] Das mag unter anderem daran gelegen haben, dass lange die falschen Faktoren, wie etwa Region, politische Zugehörigkeit oder Ähnliches untersucht wurden. Zugleich hat die Forschung große Mengen von Daten produziert, die Kroneberg als Grundlage seiner statistischen Untersuchung dienen. Er fasst seine Ergebnisse wie folgt zusammen: „Die finanzielle Ressourcenausstattung, die Anzahl an Räumen, die Teilhabe am Widerstand, das Vorhandensein vieler Nachbarn und das wahrgenommene Risiko hatten einen starken Einfluss auf die Entscheidungen, sofern die Akteure keine sonderlich starke prosoziale Orientierung besaßen und mit keinem Hilfegesuch konfrontiert wurden. Waren dagegen beide letztgenannten Bedingungen erfüllt, so ging von keiner der Anreizvariablen ein Einfluss auf die Entscheidung zur Hilfe aus.“ (S. 302) Was hat das mit der Modusselektion zu tun? Ganz einfach, wenn keine persönliche Ansprache vorlag und/oder die Akteure keine ausgesprochen prosoziale Orientierung hatten, entschieden sie im reflexiv-kalkulierenden Modus, sonst im automatisch-spontanen. Hier zeigt sich auch, dass der so technisch wirkende Ansatz durchaus in der Lage ist, Persönlichkeitsfaktoren systematisch zu berücksichtigen. Das Ergebnis deckt sich in Teilen übrigens durchaus mit den Erkenntnissen von Historikerseite, die beispielsweise ebenfalls die persönliche Ansprache als zentrales Moment für zustande kommende Hilfeleistung identifiziert haben. Kroneberg liefert eine schlüssige und statistisch unterfütterte Erklärung dafür, wann welche Faktoren handlungsrelevant werden. Was er nicht leistet ist die Herausarbeitung solcher Faktoren, noch ermöglicht sein Ansatz ein umfassendes Verständnis eines solch komplexen Gegenstands.

Die Lektüre des Buches ist für Fachfremde ob der in der Soziologie üblichen Form der Herstellung von Reputation über die Diskussion klassischer Autoren oder über den Gebrauch von Formeln, Hypothesen, Abkürzungen und Quotienten sicher etwas holprig. Zugleich formuliert Kroneberg sehr klar und meinungsstark. Es zeigt sich, dass Soziologen anders erzählen als Historiker. Letztere erzählen eben Geschichte und Geschichten, in denen vor allem Entwicklungen und Plausibilitäten eine Rolle spielen. Das ist aus Kronebergs Perspektive nicht die Priorität. Hier geht um die Organisation der Daten, darum, möglichst wenige, aber dafür relevante Faktoren zu isolieren, die nicht in eine Geschichte eingebunden sein müssen. Ich lese gerne Geschichten und weiß, dass soziologische Theoriebildung und Forschungsweisen helfen, deren fiktionalen Gehalt, so das gewünscht ist, in Grenzen zu halten.

Anmerkungen:
[1] Anschauliche Experimente zum Thema finden sich in: Dan Ariely, Predictably Irrational. The Hidden Forces that shape our Decisions, New York 2009.
[2] Wolfgang Benz, Juden im Untergrund und ihre Helfer, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer, München 2003, S. 11-48, bes. S. 43.

ZitierweiseChristian Gudehus: Rezension zu: Clemens, Kroneberg: Die Erklärung sozialen Handelns. Grundlagen und Anwendung einer integrativen Theorie. Wiesbaden 2011, in: H-Soz-Kult, 23.02.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-1-126>.

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