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Nationalsozialismus

R. Keller: Sowjetische Kriegsgefangene im Deutschen Reich

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Marc Buggeln <mbuggelngmx.de>
Autor(en):
Titel:Sowjetische Kriegsgefangene im Deutschen Reich 1941/42. Behandlung und Arbeitseinsatz zwischen Vernichtungspolitik und kriegswirtschaftlichen Erfordernissen
Ort:Göttingen
Verlag:Wallstein Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8353-0989-0
Umfang/Preis:511 S.; € 42,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Karsten Linne, Hamburg
E-Mail: <karsten.linnefreenet.de>

Die in deutsche Kriegsgefangenschaft geratenen Soldaten der Roten Armee bilden nach den Juden die größte Opfergruppe der NS-Herrschaft in Europa. Trotzdem blieb ihr Sterben nach 1945 lange Zeit vergessen. In den 1950er- und 1960er-Jahren fanden keine entsprechenden Verfahren vor deutschen Gerichten statt, und bis Ende der 1980er-Jahre existierte keine Gedenkstätte am Ort eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers. Erst mit den Studien von Christian Streit[1] und Alfred Streim[2] rückte ihr Schicksal zumindest partiell in das öffentliche Bewusstsein. Die historische Aufarbeitung ruhte allerdings wieder, bis die teilweise Öffnung der Archive in der früheren Sowjetunion ihr einen neuen Schub gab.[3]

Mit Rolf Keller hat nun einer der wohl besten Kenner der Materie eine umfangreiche Studie vorgelegt, die sich auf die Jahre 1941/42 und die Situation der sowjetischen Kriegsgefangenen im Deutschen Reich konzentriert. Keller war unter anderem Vertreter des Landes Niedersachsen im deutsch-russischen Forschungsprojekt „Sowjetische Kriegsgefangene“, das neue Quellen in der ehemaligen Sowjetunion erschloss. Im Mittelpunkt seiner Betrachtung stehen die Rekonstruktion der Rolle der „Russenlager“ innerhalb des Systems der Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht, der Arbeitseinsatz der Gefangenen sowie ihr Massensterben im Winter 1941/42. Dabei fokussiert sich Keller auf die drei in der Lüneburger Heide gelegenen Lager Bergen-Belsen, Oerbke und Wietzendorf, gleicht die dort gefundenen Ergebnisse aber immer wieder mit den Befunden zu den übrigen „Russenlagern“ im Deutschen Reich ab. So gelingt ihm eine Verflechtung seiner lokal- und regionalgeschichtlichen Ausrichtung mit übergreifenden Fragestellungen.

Die Organisation des Kriegsgefangenenwesens orientierte sich an der allgemeinen Struktur der Wehrmacht und den im Ersten Weltkrieg bewährten Mustern. Im Operationsgebiet nahmen zunächst Armee-Gefangenen-Sammelstellen die Kriegsgefangenen auf; danach wurden sie in weiter hinten liegende Durchgangslager abtransportiert. Von dort erfolgte ihre Verteilung in die Stamm-, Offiziers- bzw. Speziallager des Reichsgebiets. Die zahlreichen Stammlager waren analog den Wehrkreisen organisiert. Für die sowjetischen Kriegsgefangenen, die strikt von den übrigen Kriegsgefangenen getrennt werden sollten, baute die Wehrmacht ein eigenes System von „Russenlagern“ auf. Am 10. August 1941 befanden sich bereits 171.000 sowjetische Kriegsgefangene im Reichsgebiet; bis zum Jahresende wurden etwa eine halbe Million nach Deutschland gebracht. Die im Sommer 1941 weitgehend erst provisorisch eingerichteten Lager füllten sich rasch: In den drei Lagern in der Heide trafen in kurzer Zeit Tausende von Gefangenen ein, bis zum Beginn der Wintermonate rund 21.000. Für ihre Unterbringung hatte die Wehrmacht kaum Vorkehrungen getroffenen, die meisten der Rotarmisten kampierten unter freiem Himmel oder bestenfalls in Erdhöhlen. Noch katastrophaler sollte sich auswirken, dass die Wehrmacht zwar mit drei bis fünf Millionen sowjetischer Kriegsgefangener gerechnet, aber keine angemessenen Vorbereitungen für deren Ernährung getroffen hatte. Es blieb bei der Maxime, die Versorgung der kämpfenden Truppe und der deutschen Zivilbevölkerung durch die Anwesenheit der Gefangenen nicht zu beeinträchtigen.

War zunächst kein Arbeitseinsatz außerhalb der Lager vorgesehen, so rechnete das Oberkommando der Wehrmacht angesichts der angespannten Arbeitsmarktlage dennoch damit. Tatsächlich setzte man bereits ab Ende Juli, so eines der wichtigen Ergebnisse der Studie, die sowjetischen Kriegsgefangenen auch im zivilen Sektor, vorrangig bei Bau- und Kultivierungsmaßnahmen, ein. Diese Beschäftigung erfolgte in enger Kooperation mit der Arbeitsverwaltung und fand bald flächendeckend statt. Dabei arbeiteten die ausgemergelten und unterernährten Gefangenen häufig direkt vor den Augen der deutschen Bevölkerung. Drastische Berichte zeugen davon, wie diese Bilder und die brutale Behandlung der Gefangenen allgemeine Aufmerksamkeit erregten. Der sich immer stärker auswirkende Arbeitskräftemangel führte zu einer langsamen Erhöhung ihrer Lebensmittelrationen, die aber meistens zu spät kam, sowie zu einer Ausweitung des „Russeneinsatzes“ im Herbst 1941. Nun mussten die sowjetischen Kriegsgefangenen – entgegen den Bestimmungen der Genfer Konvention – auch in der Rüstungsindustrie arbeiten. Ende 1941 erfolgte dann die endgültige Entscheidung zum „Großeinsatz“ in der deutschen Rüstungs- und Kriegswirtschaft, bei dem sich die ausreichende Ernährung der Soldaten und die Bekämpfung der grassierenden Seuchen als Schlüsselprobleme erwiesen.

Bei der erwähnten, vollkommen unzureichenden Ernährung und Unterbringung der Kriegsgefangenen war deren Massensterben im Winter 1941/42 vorprogrammiert. Alleine in Bergen-Belsen starben bis zum Januar 1942 etwa 12.000 von ihnen. Keller kann dabei überzeugend herausarbeiten, dass, entgegen verbreiteter Darstellung, nicht das Fleckfieber, sondern der Hungertod die Hauptursache für das Massensterben bildete. Da für die Deutschen das Fleckfieber eine existentielle Bedrohung darstellte, wurde es später von den ehemals Verantwortlichen häufig als zentrale Ursache präsentiert – natürlich auch, um die eigene Schuld zu relativieren. Es handelte sich aber im Gegenteil um keine unvorhersehbare Katastrophe, wie diese Argumentation aus der Nachkriegszeit suggeriert, sondern um eine logische Folge der Grundleiden Ruhr und ernährungsbedingter Entkräftung.

Angesichts von mindestens 74.000 Sterbefällen alleine für die Monate Dezember 1941 und Januar 1942 war es kein Wunder, dass der Arbeitseinsatz der sowjetischen Kriegsgefangenen praktisch zusammenbrach. Auch „Auskämm“-Aktionen in den Stammlagern zur Rekrutierung von dringend benötigten Arbeitskräften für die Rüstungsindustrie zeitigten kaum Erfolge, da nur noch wenige Gefangene arbeitsfähig waren. Insgesamt erbrachte der Arbeitseinsatz in den großen Rüstungswerken in Salzgitter, Fallersleben und Bremen, der zunächst zufriedenstellend angelaufen war, eine ernüchternde Bilanz. Nicht zuletzt deshalb erließen die verantwortlichen Stellen im Frühjahr 1942 neue Richtlinien und Behandlungsgrundsätze, die stärker den Erfordernissen des Arbeitseinsatzes Rechnung trugen. Die Haupteinsatzbereiche der sowjetischen Kriegsgefangenen waren nun die Landwirtschaft, die Eisen-, Stahl- und Metallwirtschaft sowie das Baugewerbe, während Autobahnbau und Landeskulturarbeiten drastisch an Bedeutung verloren. Eine weitere Konsequenz bildete die langsame Auflösung der „Russenlager“, die damit verbundene Aufhebung der strikten Trennung von den anderen Kriegsgefangenen, also die Beseitigung der Parallelstrukturen und die Abgabe der Arbeitskommandos an normale Stammlager. Ab Frühjahr 1942 erfolgte die direkte Zuweisung der sowjetischen Kriegsgefangenen an die Stammlager, für deren Einsatzbezirk sie vorgesehen waren.

Insgesamt kann man konstatieren, dass Keller in seiner Studie, auf breiter Quellenbasis, dabei sehr nüchtern argumentierend, zu einigen neuen Erkenntnissen gelangt: So begann der Arbeitseinsatz der sowjetischen Kriegsgefangenen offensichtlich früher, als in der älteren Literatur behauptet. Gegen die These Ulrich Herberts vom „Vernichtungskrieg statt Arbeitseinsatz“[4], kann Keller überzeugend eine durch widerstrebende Interessen der beteiligten Institutionen bedingte irritierende Gleichzeitigkeit herausarbeiten. Keller erweitert und differenziert mit seiner Arbeit unseren Kenntnisstand hinsichtlich der Zahl sowjetischer Kriegsgefangener im Reichsgebiet, zur Rolle der „Russenlager“ im Gefüge des Kriegsgefangenenwesens, vor allem aber bezüglich der zentralen Bedeutung der Mangelernährung für das Massensterben. Kritisch anzumerken ist die oftmals extrem detailverliebte Schreibweise Kellers, die wohl leider dafür sorgen wird, dass die Lektüre des Buches den Spezialisten vorbehalten bleibt.

Anmerkungen:
[1] Christian Streit, Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941-1945, Stuttgart 1978.
[2] Alfred Streim, Die Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener im „Fall Barbarossa“. Eine Dokumentation unter Berücksichtigung der Unterlagen deutscher Strafvollzugsbehörden und der Materialien der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen, Heidelberg 1981.
[3] Vgl. als ein Beispiel für die Nutzung der neu zugänglichen Quellen: Reinhard Otto, Wehrmacht, Gestapo und sowjetische Kriegsgefangene im deutschen Reichsgebiet 1941/42, München 1998.
[4] Kapitelüberschrift in: Ulrich Herbert, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Bonn 1985, S. 153.

ZitierweiseKarsten Linne: Rezension zu: Keller, Rolf: Sowjetische Kriegsgefangene im Deutschen Reich 1941/42. Behandlung und Arbeitseinsatz zwischen Vernichtungspolitik und kriegswirtschaftlichen Erfordernissen. Göttingen 2011, in: H-Soz-u-Kult, 09.02.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-1-089>.

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