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Nationalsozialismus

S. Peritore u.a. (Hrsg.): Inszenierung des Fremden

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Michael Wildt <michael.wildtgeschichte.hu-berlin.de>
Titel:Inszenierung des Fremden. Fotografische Darstellung von Sinti und Roma im Kontext der historischen Bildforschung
Herausgeber:Peritore, Silvio; Reuter, Frank
Ort:Heidelberg
Verlag:Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma
Jahr:
ISBN:978-3-929446-28-9
Umfang/Preis:323 S.; € 14,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Ulrich Prehn, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität Berlin
E-Mail: <prehnulrgeschichte.hu-berlin.de>

Obwohl sich die Historische Bildforschung in Deutschland in den letzten beiden Jahrzehnten stärker zu profilieren begonnen hat, sind für die Geschichtswissenschaften ganz allgemein immer noch erhebliche „blinde Flecken“, zum Teil sogar kaum nachvollziehbare Vorbehalte gegenüber fotohistorischen Forschungen zu verzeichnen. In verstärktem Maße gilt dies für die Geschichte der Sinti und Roma und deren visuelle Repräsentation.[1] Der zu besprechende Sammelband geht auf eine wissenschaftliche Tagung zurück, die das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma im November 2009 in Heidelberg durchführte. Zu Recht weisen die Herausgeber des Bandes, beide Mitarbeiter des Heidelberger Zentrums, auf die seit Mitte des 19. Jahrhunderts wachsende Bedeutung des Mediums Fotografie für die Entwicklung stereotyper, eindimensionaler und vielfach verzerrter Wahrnehmungsweisen und -muster, den (überwiegend) vorurteilsbeladenen „Zigeuner“-Bildern (S. 11), hin. In diesem Sinne verbinden die Herausgeber mit den im Band versammelten Aufsätzen von Angehörigen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen sowie von pädagogisch und in der Ausstellungspraxis tätigen Autorinnen und Autoren die Hoffnung, eine kritische fotohistorische Arbeit an den entsprechenden Quellen könne einen Beitrag dazu leisten, dass „Bildproduzenten wie -rezipienten künftig reflektierter und verantwortungsbewusster mit visuellen Darstellungen“ der Sinti und Roma umgehen (S. 15).

Den Auftakt über „Grundlagen der Bildinterpretation“ bestreitet mit dem Geschichtsdidaktiker Hans-Jürgen Pandel ein ausgewiesener Experte der historischen Bildforschung. Positiv ist zu vermerken, dass der Autor nicht etwa ein „Best of“ aus seinen zahlreichen Einführungen, Aufsätzen und Lexikonartikeln kompiliert hat, sondern an seine grundsätzlichen Ausführungen zu den besonderen Charakteristika von Fotografien (und vor allem ihrem in vielerlei Hinsicht zu konstatierenden „Unvermögen“) speziellere Erwägungen zum „Problem der narrativen Empathie“ anknüpft. Denn dieser Gesichtspunkt, der den heutigen Betrachter bzw. die Betrachterin in den Mittelpunkt rückt, ist zweifellos von besonderer Bedeutung bei der Analyse visueller Repräsentationen einer Menschengruppe, die zwar keineswegs auf den „Opfer“-Status festgelegt werden sollte, im Rahmen der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik in Europa de facto jedoch zu den bedeutenden Opfergruppen zählte. Als „Antidot“ zu möglichen Verfehlungen bei der Deutung von Bildquellen liefert Pandel ein Set an Interpretationsregeln und schlägt zur Stärkung der Interpretationskompetenz ein dreischrittiges Verfahren vor, das neben den Ebenen von Verständnis und Deutung sowohl von „Situation“ als auch von „Handlung“, die auf entsprechendes alltagsweltliches Wissen beim Betrachter / der Betrachterin rekurrieren, auch die emotionale Seite der Bilderfassung und -„Aneignung“ thematisiert.

Der zweite Abschnitt des Bandes versammelt drei Beiträge zum Themenfeld „Fotografie und Nationalsozialismus“. Zunächst kommt mit Eckart Dietzfelbinger ein im Ausstellungswesen erfahrener Praktiker zu Wort, der für das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände die 2008 realisierte Foto-Ausstellung „BilderLast – Der Nationalsozialismus in Franken“ kuratierte. Eine Reihe von Abbildungen der (insgesamt 400 Fotos umfassenden) in der Ausstellung gezeigten, pyramidenartigen „Bilderberge“ – die Ausstellungsmacher waren mit „weit mehr als 100.000 Fotos aus der NS-Zeit in den fränkischen Archiven“ (S. 45) konfrontiert – veranschaulicht das Konzept, und Dietzfelbinger erläutert das Ausmaß der Bemühungen um die Verifizierung und Kontextualisierung der einzelnen Bildmotive sowie darum, mittels Begleitmedien (Publikation und Fernsehfilm) ein Gegengewicht zu der sich geradezu zwangsläufig ergebenden Überforderung der Ausstellungsbesucher zu schaffen. Darüber hinaus gibt er Hintergrundinformationen zum Werk verschiedener lokaler, kleinstädtischer Berufsfotografen, die sich als Chronisten des Aufstiegs der NS-Bewegung und des Alltags im „Dritten Reich“ betätigten. Bisweilen jedoch ging das Engagement der Fotografen über vergleichsweise normale Auftragsarbeiten hinaus: So fertigte der Gunzenhausener Fotograf Curt Biella etwa Porträts von jüdischen Einwohnern des Ortes an, die als Grundlage eines geplanten „Judenarchivs“ dienen sollten (S. 43).

Der Aufsatz von Ulrich Baumann, Leiter des Bildarchivs der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, ist vor allem deswegen wertvoll, weil er die „handwerklich“-methodischen Herausforderungen für fotohistorische Forschungen, die nicht zuletzt durch die hinlänglich bekannten „Schnitzer“ der ersten Wehrmachtsausstellung einer breiteren Öffentlichkeit bewusst wurden, an vielen Beispielen anschaulich macht. Anhand ausgewählter Beispiele (Tarnów, 1942; Grodno, 1941–1943; Rzeszów, 1942) weist er auf mögliche Fallstricke der Motivverifizierung und entsprechende Werkzeuge zur Erhellung des historischen Kontextes der Abbildung (z.B. Ort und Datum des Geschehens, Identität der abgebildeten Personen, Beschreibung von „Sujet“ und Handlung, Einordnung in den größeren Entstehungskontext), deren Möglichkeiten und Grenzen hin und veranschaulicht in vorsichtiger und abwägender Argumentation vor allem die Rolle der zumeist auf den Foto-Rückseiten angebrachten Bildbeschriftungen in diesem Zusammenhang.

In ihrer Bestandsaufnahme der Fotodokumente des NS-Völkermords an den Sinti und Roma konstatiert und problematisiert das Herausgeber-Duo Peritore/Reuter die „überwältigende“ Dominanz der Täterperspektive“ infolge der massenhaft überlieferten propagandistischen Selbstzeugnisse des Regimes (S. 93). In der Analyse arbeiten sie die visuellen Repräsentationen der verschiedenen Tatkomplexe und deren Herkunftszusammenhänge ab: Zwangslager und KZ, Gettos und Zwangsarbeitslager im besetzten Polen, von Soldaten und Propagandakompanien hergestellte Aufnahmen sowie Fotos von speziellen Verbrechenskomplexen (Massenerschießungen, medizinische Experimente). Dabei steht den vielen sorgfältig vorgenommenen Bildkontextualisierungen nur ein „Missgriff“ gegenüber – dieser springt jedoch ins Auge: Im Abschnitt über „Die Gesichter der Opfer“ zeigen die Autoren ein Gruppenporträt, dessen Bildunterschrift lautet: „Diese private Aufnahme, entstanden bei einem Familienfest, macht die mörderischen Auswirkungen der nationalsozialistischen Rassenpolitik auf eine deutsche Sinti-Familie sichtbar: Sechs der neun abgebildeten Frauen wurden später in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet.“ (S. 124, Abb. 24) Diese nicht nur ungenaue, sondern die Eigenschaften, Potenziale und vor allem die Grenzen des Mediums verkennende Bildunterschrift unterläuft die Qualität dieses Beitrags (sowie des gesamten Bandes) – hier hätten die Autoren besser die Beschreibungs- und Interpretationshilfen von Hans-Jürgen Pandel berücksichtigt, denn: Die mörderischen Auswirkungen der NS-Rassenpolitik macht das fragliche Foto nun wahrlich nicht „sichtbar“.

Im dritten, die Zeitspanne des Untersuchungsfeldes nun wiederum ausweitenden Teil über „Fotografie und ‚Zigeuner‘-Bild“ widmet sich Gerhard Baumgartner der Beschreibung verschiedener Traditionslinien einer Spielart der sich im 19. Jahrhundert zum Massenmedium entwickelnden Genrefotografie, der „Zigeuner“-Fotografie, und konstatiert anhand einer Reihe von Beispielen aus der Habsburgermonarchie bereits für das ausgehende 19. Jahrhundert einen Konnotationswechsel von (stereotyp) romantisierenden zu negativeren, das (ethnische, kulturelle und soziale) „Anders“- und „Fremdsein“ betonenden Darstellungsweisen. Frank Reuter versteht seinen 50-seitigen Aufsatz als „erste Skizze“ von Feldern einer „noch zu schreibende[n] Geschichte der visuellen Repräsentation der Sinti und Roma“ (S. 163), als ersten Baustein einer anzustrebenden „Phänomenologie des ‚Zigeuner‘-Bildes“ (S. 169) und einer Analyse der massenkommunikativen Bedingungen und Effekte jener Visualisierungen. Reuters Überblick über diverse, mit dem Nationalsozialismus verbundene Traditionslinien und Funktionen von Fotografien fällt relativ umfassend und überzeugend in Auswahl, Darstellung und Interpretation aus. Schwerpunktmäßig behandelt er das „Rassenfoto“ und Entwicklungslinien der visuellen Kriminalisierung und zeigt „Typenbildungen“ in der „longue durée“ auf, zu denen nicht nur Kunst- und Porträtfotografen, sondern verstärkt auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (neben den Rassenanthropologen und Kriminalbiologen um den berüchtigten Nervenarzt Robert Ritter etwa der Ethnologe Martin Block) beitrugen. Ines Busch schließlich spürt den Kontinuitätslinien visueller Stereotypisierungen in der massenmedialen Repräsentation von Roma bis ins vergangene Jahrzehnt nach. Ausgangspunkt und Hauptquelle ihrer instruktiven Analyse ist eine reich bebilderte Reisereportage, die das Magazin National Geographic Deutschland im April 2001 unter dem Titel „Roma – die Außenseiter“ abdruckte; die eingenommene Perspektive kennzeichnet Busch als „abwertend“ und „voyeuristisch“ (S. 252), die Darstellungsweisen changieren zwischen „Homogenisierung, Exotisierung, Minorisierung, Ästhetisierung und Archaisierung“ (S. 253).

Im vierten Abschnitt geben Mitarbeiter/innen des Heidelberger Zentrums Einblicke in die pädagogische Arbeit der Einrichtung (Anita Awosusi und Andreas Pflock) und präsentieren „Überlegungen für die Entwicklung eines pädagogischen Programms zur quellenkritischen Bildinterpretation“ (Claudia Bock und Andreas Pflock); abgerundet wird der rundum gelungene Band, der vielfältige Anregungen sowohl für vertiefende Studien zum Thema als auch zu einem reflektierteren Umgang mit Foto-Quellen in der historischen Forschung allgemein gibt, von einer nützlichen Auswahlbibliografie zu beiden letztgenannten Aspekten.

Anmerkung:
[1] Als positive Ausnahmen seien hier die Arbeiten der britischen Historikerin Eve Rosenhaft und des Herausgebers der Zeitschrift „Fotogeschichte“, Anton Holzer, genannt: Eve Rosenhaft, At Large in the “Gray Zone”: Narrating the Romani Holocaust, in: Sebastian Jobs / Alf Lüdtke (Hrsg.), Unsettling History. Archiving and Narrating in Historiography, Frankfurt am Main 2010, S. 149–179; dies., A Photographer and His “Victims” 1934–1964: Reconstructing a Shared Experience of the Romani Holocaust, in: Nicholas Saul / Susan Tebutt (Hrsg.), Role of the Romanies. Images and Counter Images, Liverpool 2011, S. 178–207; sowie Anton Holzer, ‚Zigeuner‘ sehen. Fotografische Expeditionen am Rande Europas, in: Herbert Uerlings / Iulia-Karin Patrut (Hrsg.), ‚Zigeuner‘ und Nation. Repräsentation – Inklusion – Exklusion, Frankfurt am Main 2008, S. 401–420.

ZitierweiseUlrich Prehn: Rezension zu: Peritore, Silvio; Reuter, Frank (Hrsg.): Inszenierung des Fremden. Fotografische Darstellung von Sinti und Roma im Kontext der historischen Bildforschung. Heidelberg 2011, in: H-Soz-u-Kult, 19.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-183>.

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