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Frühe Neuzeit

C. Strieter: Aushandeln von Zunft

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Niels Grüne <niels.grueneuibk.ac.at>
Autor(en):
Titel:Aushandeln von Zunft. Möglichkeiten und Grenzen ständischer Selbstbestimmung in Lippstadt, Soest und Detmold (17. bis 19. Jahrhundert)
Reihe:Westfalen in der Vormoderne 7
Ort:Münster
Verlag:Aschendorff Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-402-15046-7
Umfang/Preis:360 S.; € 48,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Patrick Schmidt, Historisches Institut, Universität Rostock
E-Mail: <patrick.schmidtuni-rostock.de>

Claudia Strieters Studie kann man als eine politische Geschichte der Zünfte in drei Mittelstädten im langen 18. Jahrhundert charakterisieren.[1] Die Untersuchungsziele Strieters sind es, die „Auswirkungen obrigkeitlicher Wirtschaftspolitik in unterschiedlichen lokalen Kontexten“ und „die zwischen Regierungsbehörden und intermediären Gewalten – also Landständen, Magistraten und Zünften – um Fragen der ‚Handwerkspolicey‘ und des Zunftrechts geführten Auseinandersetzungen“ (S. 14) zu analysieren. Indem die Autorin die „Möglichkeiten und Grenzen ständischer Selbstbestimmung“ der Zünfte untersucht, wirft ihre Arbeit zugleich ein Licht auf die „Möglichkeiten und Grenzen“ obrigkeitlicher Politik in einer Zeit, die durch Staatsbildungsprozesse und Bestrebungen zur Zentralisierung und zur Schwächung intermediärer Gewalten gekennzeichnet war. Die vorliegende Studie ist dementsprechend vor allem in zwei Forschungskontexten zu verorten: Zum ersten in demjenigen einer ‚neuen‘ Zunftgeschichte, die aktuelle sozial- und kulturgeschichtliche Ansätze aufgreift und bestrebt ist, das tradierte Bild der Zünfte als statischen und traditionalistischen, bereits in der Frühen Neuzeit anachronistisch gewordenen Institutionen zu revidieren; zum zweiten im Kontext einer Politikgeschichte der Frühen Neuzeit, die an lokalen Beispielen ansetzt, um zu zeigen, dass für diese Zeit nicht von einem ‚Durchregieren‘ der Zentralgewalten auszugehen ist, sondern von einem politischen Prozess, der sich im Dialog und Konflikt zwischen ihnen, den lokalen Obrigkeiten und den Regierten abspielte und in dem die Letzteren erheblichen Einfluss nehmen konnten.

Für die angestrebte vergleichende Untersuchung bieten sich die drei ausgewählten westfälischen Städte insbesondere wegen ihrer unterschiedlichen Stellung im frühneuzeitlichen Territorialstaat an: Soest unterstand dem zunehmend zentralistisch organisierten Brandenburg-Preußen, lag aber an dessen Peripherie. Lippstadt war im Untersuchungszeitraum ein Kondominium Brandenburg-Preußens und der Grafen von Lippe; jede politische Maßnahme musste zwischen beiden Herrschaftsträgern aufwendig abgestimmt werden. Detmold schließlich war die Residenzstadt der letztgenannten Fürsten. Diese Konstellationen wirkten sich auch auf die Zunftpolitik aus: Wie Strieter am Ende ihrer Studie konstatiert, konnten zentralstaatliche Versuche, das Zunftwesen zu reformieren, am ehesten in Soest realisiert werden. In Lippstadt hingegen versandeten sie in Abstimmungsprozessen mit den lippischen Regierenden und in Detmold fanden sie praktisch gar nicht statt – die Grafen von Lippe hätten dort in Handwerksangelegenheiten eine „Laissez-faire-Politik“ betrieben (S. 319).

Strieter hat ein breites Quellenspektrum ausgewertet: administrative Akten und Korrespondenzen, Zunftordnungen, Supplikationen von Zünften und einzelnen Handwerkern sowie publizistische Quellen wie Abhandlungen über das Zunftwesen und Enzyklopädieartikel. Ihre Studie ist klar und überzeugend gegliedert: Auf die Einleitung folgt ein kontextualisierendes Kapitel, in dem die Verfasserin einen Überblick über die politische und ökonomische Situation der drei Untersuchungsstädte, über das Handwerksrecht und über handwerkspolitische Reformprojekte in den jeweiligen Territorien gibt. Das dritte, mit rund 160 Seiten umfangreichste Kapitel untersucht die Aushandlungsprozesse zwischen den Territorialstaaten, den städtischen Magistraten und den Zünften. Analysiert werden solche politischen Prozesse auf drei Feldern: Erstens im Hinblick auf die Privilegien der Zünfte, die Strieter als den wichtigsten Verhandlungsgegenstand aus der Perspektive der Korporationen charakterisiert (S. 147f.); zweitens im Hinblick auf „Grenzen“, das heißt auf das Verhältnis der Zünfte zu außerzünftischen Konkurrenten wie Soldaten, Freimeistern und Landhandwerkern; sowie drittens im Hinblick auf spezifische „Praktiken“ der Zünfte und der Obrigkeiten (das sogenannte „Reiheschlachten“ und die Festsetzung und Eintreibung der Akzise), welche die jeweils andere Partei zu modifizieren versuchte. Im vierten und letzten Kapitel des Hauptteils der Studie geht Strieter der Frage nach, wie die verschiedenen Ebenen des Diskurses über „zünftische Normen und Gebräuche“ (S. 249) miteinander vernetzt waren und aufeinander einwirkten, von der gelehrten, aufgeklärten Publizistik über amtliche Skizzen für Reformprojekte bis hin zur Argumentation der Zünfte selbst.

Das Kapitel über das „Aushandeln von Zunft“ besticht durch die sorgfältige mikrogeschichtliche Rekonstruktion (Strieter spricht von „dichter Beschreibung“, S. 25) politischer Prozesse. Positiv hervorzuheben ist auch, dass die Verfasserin diese unter Heranziehung theoretischer Modelle aus der Politik- und Rechtsgeschichte, der Politologie, Soziologie und Volkswirtschaft immer wieder in größere historische Strukturen und Prozesse einordnet. Diese durchaus erfolgreichen Bemühungen zu zeigen, dass die Mikrogeschichte doch theoriefähig ist, lösen beim Leser bisweilen freilich auch einen Verfremdungseffekt aus, wenn etwa nur wenige Seiten zwischen einem Exkurs zu Luhmanns systemtheoretischem Kommunikationsbegriff (S. 149) und der detaillierten Darstellung eines Streits zwischen städtischen und ländlichen Schuhmachern über den Verkauf von drei Paar Schuhen (S. 158) liegen. Dieses dritte Kapitel ist gelungen, aber seine Ergebnisse bestätigen überwiegend am Beispiel Soests, Lippstadts und Detmolds, was stadt- und handwerksgeschichtliche Forschungen zu anderen Städten bereits gezeigt haben: Dass die Zünfte mit außerzünftischen Konkurrenten eher in einer spannungsreichen Koexistenz als in absoluter Feindschaft lebten; dass sie im 18. Jahrhundert nicht passiv ihrer Abschaffung entgegendämmerten, sondern durchaus politisch aktiv waren; und dass die Bürger frühneuzeitlicher Städte auf politische Prozesse aktiv einwirken konnten und nicht bloße Befehlsempfänger von Fürsten und Magistraten waren. Für die beiden letzten Einsichten bietet Strieters Studie ein sehr schönes Beispiel, indem sie zeigt, wie ein obrigkeitliches Reformprojekt ‚von unten‘ ausgehöhlt und letzten Endes zu Fall gebracht werden konnte: Die preußische Administration oktroyierte den Soester Zünften 1774 neue Zunftordnungen, die Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum erleichtern sollten. Die Zünfte supplizierten anderthalb Jahrzehnte lang immer wieder gegen die neuen Ordnungen, bis diese 1791 in ihren zentralen Bestimmungen abgeschafft wurden – nicht zuletzt, weil die Obrigkeiten sich davon überzeugen ließen, dass die Schöpfer der Reform in ihrem Glauben an die reine Lehre der Deregulierung über das Ziel hinaus geschossen waren, so dass die Reform durchaus nachteilige soziale und ökonomische Effekte hatte (S. 150–165).

Bestätigt das dritte Kapitel tendenziell bereits Bekanntes, so ist das vierte Kapitel besonders originell und innovativ – in den Augen des Rezensenten ist es das Glanzstück in einer insgesamt gelungenen Studie. Denn mit dem erfolgreich unternommenen Versuch, die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Diskursebenen in der Debatte über das Zunftwesen zu rekonstruieren, betritt Strieter Neuland: Es liegen bereits Arbeiten über den zunftkritischen Diskurs merkantilistischer und aufgeklärter Gelehrter vor, ebenso solche über die Zunftpolitik einzelner Städte oder Territorien; Studien aber, die beides zugleich in den Blick nehmen, sind zumindest dem Rezensenten nicht bekannt. Die Verfasserin leistet dies für zahlreiche zünftische Handlungsfelder, die öffentlich zur Debatte standen: Lehre, Gesellenzeit und Meisterprüfung, das Zunftmonopol, Vorschriften zu Warenproduktion und -verkauf, die Qualitätskontrolle der Waren, Zunftversammlungen, Rituale, Geselligkeit und Symbole der Korporationen. Strieter kann überzeugend zeigen, wie aufgeklärte Publizistik und obrigkeitliche Politik teils von denselben Annahmen ausgingen, teils aber auch differierten und sich jedenfalls wechselseitig befruchteten. Wenig kann Strieter dazu sagen, wie die Zünfte auf die oft fundamentale und schneidende Kritik der Gelehrten reagierten, doch ist ihr das nicht anzulasten – ihre Beobachtung, dass „[v]on den Zünften selbst […] Reflexionen über ihre Einrichtungen kaum greifbar“ seien (S. 249), hat der Rezensent in den Archiven anderer Städte ebenfalls gemacht.[2]

Insgesamt hat Strieter eine sehr gelungene und lesenswerte Studie vorgelegt, die zeigt, dass vergleichende und theoretisch reflektierte Arbeiten über frühneuzeitliche Korporationen, wie sie in den letzten Jahren entstanden sind[3], einen echten Mehrwert gegenüber älteren Arbeiten haben, die lediglich die Zünfte einer Stadt in den Blick genommen und auf eine Theoretisierung der Ergebnisse weitgehend verzichtet haben. Strieters Kenntnis der Literatur in einer ganzen Reihe von Forschungsfeldern ist beeindruckend. Diskussionswürdig erscheint lediglich die etwas unkritische Übernahme einiger Grundthesen der neueren Handwerksgeschichte: derjenigen, dass die frühneuzeitlichen Zünfte viel flexibler und ‚moderner‘ gewesen seien, als die ältere Literatur es meinte, oder derjenigen, dass es insgesamt an der Zeit sei, die Vorstellung von einer Dichotomie zwischen vormoderner und moderner Wirtschaftsweise aufzugeben. Eine Revision klischeehafter Negativeinschätzungen des ‚alten Handwerks‘ war sicherlich überfällig (und ist in den letzten Jahren auch bereits geleistet worden), und es ist plausibel darauf hinzuweisen, dass „Regulierungsbemühungen wie überhaupt die Eingebettetheit in soziale Beziehungen bis heute wesentliche, die Märkte bestimmende Momente“ (S. 295) sind. Doch auch wenn die Unterschiede zwischen Zünften und modernen Wirtschaftsverbänden oder diejenigen in der Austarierung von „freiem Markt“ und „Regulierung“ eher gradueller als kategorialer Natur sein mögen, sollte man sie nicht ganz nivellieren, will man die Eigenheiten der Frühen Neuzeit (und der Gegenwart) nicht aus dem Blick verlieren. Dieser (wahrscheinlich nicht intendierte) Eindruck entsteht in Strieters Studie aber gelegentlich.

Anmerkungen:
[1] Die Angabe des Untersuchungszeitraums „17.–19. Jahrhundert“ im Buchtitel ist etwas irreführend, weil zwar im kontextualisierenden II. Kapitel der Studie dieser ganze Zeitraum thematisiert wird, die quellengestützten Analysen des III. und IV. Kapitels sich aber weitgehend auf die Phase zwischen 1680 und 1790 konzentrieren.
[2] Vgl. Patrick Schmidt, Zünfte, Handwerker und aufklärerische Öffentlichkeit. Annäherungen an ein distanziertes Verhältnis, in: Gerd Schwerhoff (Hg.), Stadt und Öffentlichkeit in der Frühen Neuzeit, Köln 2011, S. 179–200.
[3] Vgl. z.B. Thomas Buchner, Möglichkeiten von Zunft. Wiener und Amsterdamer Zünfte im Vergleich (17.–18. Jahrhundert), Wien 2004; Michael Hecht, Patriziatsbildung als kommunikativer Prozess. Die Salzstädte Lüneburg, Halle und Werl in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Köln 2010.

ZitierweisePatrick Schmidt: Rezension zu: Strieter, Claudia: Aushandeln von Zunft. Möglichkeiten und Grenzen ständischer Selbstbestimmung in Lippstadt, Soest und Detmold (17. bis 19. Jahrhundert). Münster 2011, in: H-Soz-u-Kult, 19.02.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-111>.

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