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Zeitgeschichte (nach 1945)

N. Colin u.a. (Hrsg.): Täter und Tabu

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Irmgard Zündorf <zuendorfzzf-pdm.de>
Titel:Täter und Tabu. Grenzen der Toleranz in deutschen und niederländischen Geschichtsdebatten
Reihe:Bibliothek für Zeitgeschichte, Neue Folge, Bd. 25
Herausgeber:Colin, Nicole; Lorenz, Matthias N.; Umlauf, Joachim
Ort:Essen
Verlag:Klartext Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8375-0346-3
Umfang/Preis:176 S.; € 22,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Nicole Immler, Research Institute for History and Culture, Universität Utrecht
E-Mail: <N.L.Immleruu.nl>

Tabuzonen einer Gesellschaft werden in den Geschichtsdebatten immer wieder aufs Neue verhandelt; wie, das zeigt dieser Band am Beispiel jüngerer historischer und literarischer Diskussionen in Deutschland und den Niederlanden. Konzentriert auf die Figur des ‚Täters’ wird in den verschiedenen Essays die Grenze zwischen dem Sagbaren und Unsagbaren, dem Erinnerten und dem Vergessenen markiert, und gefragt: Wann wird eine nicht moralisierende Darstellung der Vergangenheit zu einer unmoralischen Geschichtsschreibung? Inwieweit sind Tabus notwendig und wo behindert eine solche Selbstzensur die Wissenschaft? Es wird gezeigt wie in Tabu-Debatten oft Narrative der ‚political correctness’ benutzt werden und wie diese das kritische Potential häufig wieder eliminieren.

Anlass dieser Spurensuche ist eine Art niederländischer „Historikerstreit“ (S. 23), ausgelöst durch den Historiker Chris van der Heijden, der mit seinem Essaybuch Grijs verleden [1] über die Niederlande im Zweiten Weltkrieg, die Grenzen des historischen Tabubruchs neu verortet, indem er gegenüber einer vermeintlich schwarz-weißen Erinnerungskultur für ein graues Geschichtsbild plädiert. Er kritisiert eine politisch korrekte Geschichtsschreibung, eine „Shoaisierung“ (S. 18) des Zweiten Weltkrieges, die auf denselben dichotomen Kategorien basiere wie die „gut-falsch“ Debatte der 1960er-Jahre, Kollaboration versus Widerstand. Van der Heijden fordert dagegen in seinem Beitrag über die Niederländische faschistische Partei „Die NSB – eine ganz normale Partei?“ eine Neubewertung der Besatzungszeit und ihrer Akteure: zwischen den Mitgliedern der NS-Partei sei stärker zu differenzieren, und beim ‚Durchschnittsholländer’ mehr die Grauzone zwischen Tätern und Opfern zu zeigen. Das brachte ihm den Vorwurf der Relativierung und Nivellierung ein, „Gleichmacherei als Methode“ (S. 39): Wenn im Chaos der Kriegsjahre eher der Zufall als eine bewusste Entscheidung die Haltung der Menschen bestimmte, sei jeder „ein bisschen Täter und Opfer“ (S. 34) gewesen. In dem grauen Geschichtsbild sieht Eveline Gans sogar einen „sekundären Antisemitismus“. (S. 42) Wenn sie van der Heijden in die Nähe von Ernst Nolte rückt, der Mitte der 1980er-Jahre mit seiner Schlussstrich-Rhetorik und dem Ruf nach einer Normalisierung im Umgang mit der Vergangenheit den deutsche Historikerstreit ausgelöst hatte, wird er als Symptom einer problematischen gesellschaftlichen Entwicklung in Holland beschrieben, einem „weit verbreiteten Bedürfnis nach Normalisierung“. (S. 34)

Die hintereinander platzierten Beiträge von van der Heijden und Gans sowie deren Presse-Zitate zeigen wie polemisch der Streit in der holländischen Öffentlichkeit geführt wird. Deshalb ist es wichtig, dass Krijn Thijs einleitend die Debatte kontextualisiert und die derzeitigen Verunsicherungen in der holländischen Gesellschaft skizziert, welche den Hintergrund solcher emotionalen Debatten bilden, in denen es um die Verfestigung eines nationalen Selbstbildes geht. Ein Selbstbild, in dem die Besatzungszeit noch stets als Referenzpunkt gilt.[2] Wenn beispielsweise angesichts der Tatenlosigkeit der holländischen Blauhelme in Srebrenica (1995) die Frage gestellt wird, inwieweit die Folgen der so genannten ‚niederländischen Toleranz’ auch tatenloses Zuschauen sei (S. 12). Thijs zeigt dass zentrale Elemente der holländischen Diskussion auch zu den Argumentationsfiguren anderer Tabu-Debatten gehör(t)en; dem Historikerstreit, der Walser-Bubis-Debatte oder dem neuen Opfer-Diskurs der Deutschen: wie Kritik an selbsternannten Moralrittern, am umfangreichen Holocaustgedenken, oder an Bestseller-schreibenden Freelance-Historikern. Weil die Inszenierung eines Tabu-bruchs eine Schwarz-Weiß-Malerei der Gegner erfordert seien Fragen zur Methode und Quellenkritik prominenter zu platzieren. Denn in dieser Hinsicht ist van der Heijdens Werk verdächtig: die Auswahl der Quellen und ihre Lesart, die fehlende Reflexion seiner Autorposition (nämlich als „Sohn eines holländischen Nazis“, S. 13), sowie die unpräzise und zweideutige Sprache: Komplexität wird zur Relativität, Ambivalenz zur Uneindeutigkeit, und auch der Verweis auf die Zeitgebundenheit historischer Forschung dient weniger der Kontextualisierung als der Relativierung (S. 18). Damit zeigt Thijs wie scheinbar reflexives Vokabular auch einen rein affirmativen Charakter haben kann.

Am Thema der Kollaboration zeigt Gerhard Hirschfeld, wie schwierig es ist, die komplexen historischen Erkenntnisse der Historiker mit den Erwartungen der Öffentlichkeit nach einfachen Erklärungsschemata in Einklang zu bringen. Indem er den Begriff differenziert, zeigt er wie die Nachkriegsmythen die Auseinandersetzung mit dem historischen Tatbestand eher verhindert haben, nämlich inwieweit Kollaboration in unterschiedlichster Ausprägung ein Phänomen der breiten Masse war. Wie van der Heijden betont er, dass es oft mehr persönliche Lebensumstände statt politische Überzeugungen waren, die holländische Soldaten (wie Zivilisten) zur Kollaboration motivierten. Anders als van der Heijden relativiert er aber mit dem Verweis auf komplexe Zusammenhänge und differenzierte Motivlagen nicht Verantwortlichkeiten, indem er hermeneutisch und suggestiv Verstehenszusammenhänge generiert.

Die Tabuzone Bombenkrieg wird aus deutscher, internationaler und holländischer Perspektive beleuchtet. Die deutsche Fallstudie behandelt die Veröffentlichung eines Publizisten, die Furore machte: Jörg Friedrichs Roman Der Brand [3], dem es gelungen war die Geschichte des alliierten Bombenkriegs in Deutschland ins kollektive Bewusstsein zu bringen. Dem Buch wird ähnlich wie Günther Grass’ Im Krebsgang [4] zugeschrieben, ein Tabu gebrochen zu haben. Während sich jedoch bei Friedrich die Feuilletons fragten, inwieweit der Autor hier Täter in Opfer verwandelte, war es bei Grass gerade der Moralappell, der auf Ablehnung stieß. Lothar Kettenacker schlägt vor die Debatte aus diesem Moralkontext zu lösen und auch deren funktionellen Charakter zu sehen, nämlich nach 1989 eine gemeinsame historische Gedächtniskultur auszubilden (S. 63).

Das vorangehende lange Schweigen über die Opfer des Luftkrieges in Deutschland wird vor allem der Scham und der political correctness als Form von Selbstzensur zugeschrieben, aber kann die Absenz von Erinnerung nicht auch anders erklärt werden? Joost Rosendaal zeigt am Beispiel der fehlenden Erinnerungskultur in Nimwegen, einer kleinen holländischen Stadt an der deutschen Grenze, die aus Versehen von Verbündeten bombardiert wurde, dass es „immer schwierig war den Tod ziviler Opfer im offiziellen Gedenken an den Zweiten Weltkrieg zu berücksichtigen“. Die „Hegemonie der Militärdoktrin“ habe die sinnlosen zivilen Opfer des Krieges, den sogenannten „Kollateralschaden“, lange tabuisiert (S. 86).

Am Beispiel des Romancier W.E. Sebald – der die fehlende Dokumentation der Zerstörung der deutschen Städte beklagt, aber nüchternes Quellenmaterial ausländischer Zeitzeugen ausgeblendet hatte – zeigt Oliver Lubrich, dass es in der Debatte nicht um die Faktizität der Vergangenheit ging, sondern um die Deutschen selbst, und wie man mit der Geschichte umgehen sollte (S. 102f.).

Auch im Artikel über Georg Tabori und seine „Leidenschaft Tabus zu brechen“ (S. 105) geht es um die Moral. Anat Feinberg analysiert darin die Sonderrolle Taboris, das Privileg aufgrund seiner jüdischen Herkunft politisch inkorrekt sein zu dürfen, deutet jedoch nur ansatzweise ungewollte Dynamiken an, wenn sie den Philosophen Konrad P. Liessmann zitiert. Tabori versuche in Mein Kampf [5] (1987) durch groteske Überzeichnung Katharsis zu evozieren, zelebriere statt dessen aber eher „Hitler in uns“: „Wir sind mit dem schlechtesten Teil von uns konfrontiert und versöhnt in einem – aber eben im Theater“, realpolitisch bliebe es eine Utopie (S. 116).

Wie schwierig es ist mit dem Begriff ‚political correctness’ die literarischen Verarbeitungen zu untersuchen, zeigt der Beitrag von Matthias N. Lorenz, am Beispiel unter anderen von Texten von F. C. Delius und Harry Mulisch, und ihren mehrfach verfremdeten, rollentauschenden Figuren, die aber dennoch nicht vor normativen Statements gefeit sind. Exemplarisch wird dies am Beispiel Christa Wolf deutlich, die vor den Argusaugen des Feuilletons, immer wieder versuchte den inneren Zwiespalt zwischen Opferdasein (DDR-Bürgerin) und Täterschaft (Staatsschriftstellerin) zu beschreiben. Die Einsicht Wolfs in ihre Stasiakten (1992) ist eine Schlüsselstelle in ihrem Roman Stadt der Engel [6], und Nicole Colin zeigt wie wechselnde Erzählperspektiven – die Dissoziation der Erzählerin in ein Ich, ein Du und den Selbstzensor – die moralische Funktion der Selbstbefragung potenziert (S. 148f.).

Abschließend werden die Grenzen der Toleranz in der Religionsdebatte verortet. Christian Krijnen zeigt, dass der aufklärerische Ruf nach Toleranz darauf basiert, das Gegenüber als störend zu empfinden, und dazu aufruft, sich mit dieser Störung bewusst auseinander zu setzen; während eine indifferente Haltung eher einer Tabuisierung Vorschub leiste.

Jenseits der Frage ob eine wertfreie Geschichtsschreibung überhaupt möglich und wünschenswert ist, geht es in diesem Buch um die Rolle von Zeithistoriker/innen in „einer suchenden Gesellschaft“. (S. 24) Während Tabudebatten meinungsbildend sind, grenzt sich gerade hier die akademische Zunft oft von den populistischen Autoren ab, indem sie ihnen die öffentliche Debatte überlässt. Aber, so Krijn Thijs, was ist nun „das Gegenteil von grau?“ (S. 23) Von denen, die sich weigern aus dem Krieg eine „normale Geschichte“ zu machen (Barbara Henkes, S. 20), fordern die einen eine neue Heldengeschichtsschreibung oder einen Fokus auf die ‚echten’ Opfer, andere suchen neue Möglichkeiten Wissenschaftlichkeit mit Moralität zu verbinden[7] und fordern ein stärkeres Engagement von Historikern in öffentlichen Debatten.

Diese Debatte wird in den Geisteswissenschaften auch ganz allgemein im Hinblick auf den „ethical turn“ (Susannah Radstone) geführt, der derzeit zu beobachten ist: Während die einen fordern Erinnerung nicht mehr nur als ein Instrument der Reflexion, sondern aktiver gesellschaftlicher Veränderung zu sehen („agent of transition“)[8] und dazu eine nähere Anbindung an den Menschenrechtsdiskurs suchen, um die Analyse historischer und gegenwärtiger Ungerechtigkeiten stärker zu verknüpfen, warnen andere, dass eine solche Perspektive genauso viel verschleiere wie erhelle.[9] Braucht es wieder eine stärkere Trennung zwischen historischen Fakten und ihrer Verwendung für ein Lernen aus der Geschichte – oder nur eine stärkere Reflexion auf beiden Seiten des Diskursspektrums? Muss ein Täter im Kontext seiner Zeit gesehen werden? Welche Taten werden entschuldigt durch ‚menschliche’ Schwächen? Langt es historische Umstände und Motive zu analysieren, oder ist auch die Frage nach ethischer und gesellschaftlicher Verantwortung zu stellen? Das sind interessante Fragen, die dieser Band aufwirft und zu beantworten sucht, Fragen, in denen es (wie im mehrmals zitierten deutschen Historikerstreit) auch um Grundsätzliches geht, nämlich die politische Orientierung der Niederlande.

Anmerkungen:
[1] Chris van der Heijden, Grijs verleden. Nederland en de Tweede Wereldoorlog (Graue Vergangenheit. Die Niederlande und der Zweite Weltkrieg), Amsterdam 2001.
[2] Krijn Thijs, Niederlande - Schwarz, Weiß, Grau. Zeithistorische Debatten seit 2000, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 3. 6.2011, <docupedia.de/zg/Niederlande-_Schwarz_Weiss_Grau?oldid=79478>(10.04.2012).
[3] Jörg Friedrich, Der Brand: Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945, München 2002.
[4] Günter Grass, Im Krebsgang, München 2004.
[5] George Tabori, Mein Kampf, in: Ders., Theaterstücke, München 1994, Bd 2.
[6] Christa Wolf, Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud, Frankfurt am Main 2010.
[7] Vgl. Martijn Eickhoff, Barbara Henkes, Frank van Vree, De verleiding van een grijze geschiedschrijving. Morele waarden in historische voorstellingen, in: Tijdschrift voor Geschiedenis, 3, 2010, S. 323-339.
[8] Aleida Assmann/Linda Shortt (eds.), Memory and Political Change, London 2011, p. 7.
[9] Susannah Radstone, Memory Studies: For and Against. Memory Studies 1(1), 2008: p. 31–39, here p. 32.

ZitierweiseNicole Immler: Rezension zu: Colin, Nicole; Lorenz, Matthias N.; Umlauf, Joachim (Hrsg.): Täter und Tabu. Grenzen der Toleranz in deutschen und niederländischen Geschichtsdebatten. Essen 2011, in: H-Soz-Kult, 27.04.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-2-075>.

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