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Frühe Neuzeit

E. Rothschild: Inner Life of Empires

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):
Titel:Inner Life of Empires. An Eighteenth-Century History
Ort:Princeton
Verlag:Princeton University Press
Jahr:
ISBN:978-0-691-14895-3
Umfang/Preis:496 S.; € 26,15

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-u-Kult von:
Gerhard Altmann, Korb
E-Mail: <altmanngyahoo.de>

Die Globalisierung ist kein Novum des späten 20. Jahrhunderts. Auch wenn die Generation nach dem Kalten Krieg auf der Suche nach Alleinstellungsmerkmalen das Paradigma der beschleunigten weltweiten Verflechtung verschiedenster Lebensbereiche zum Signum ihrer Epoche erkoren hat, genügt selbst ein kursorischer Blick auf globale Netzwerke in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, um diese Lesart der jüngeren Entwicklung historisch zu grundieren und mithin zu relativieren. Gerade im Bereich des Welthandels hat die Kommunikationsrevolution des 19. Jahrhunderts zu einem globalen Miteinander geführt, das erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg wieder erreicht wurde, als nämlich die zähen GATT-Verhandlungen (General Agreement on Tariffs and Trade) zur Beseitigung protektionistischer Handelshemmnisse allmählich Früchte trugen. Und auch der Blick ins 18. Jahrhundert zeigt, dass die Welt der Vormoderne – zumindest für Einzelne – bereits ein globales Dorf war. Emma Rothschild hat sich der Herkulesaufgabe unterzogen, das Innenleben des Britischen Empire durch die Augen einer schottischen Familie sichtbar werden zu lassen. Ihre „microhistory of the uneminent or the unimportant” (S. 277) hat mehrere archivalische Schätze gehoben und aus den Fundstücken akribisch das Leben der Geschwister Johnstone zwischen 1723 und 1813 rekonstruiert.

Vom Familienstammsitz Westerhall an der Grenze zu England zogen die vier Schwestern und sieben Brüder teilweise buchstäblich um die ganze Welt und konfrontierten die Daheimgebliebenen mit sensationellen, aber auch ganz alltäglichen, ja, banalen Neuigkeiten aus den europäischen Überseeimperien. Andererseits nahmen sie aus ihrer Heimat das intellektuelle Rüstzeug der schottischen Aufklärung mit in die Ferne und bisweilen sogar deren oberste Repräsentanten, wie etwa Adam Ferguson, der George Johnstone auf dessen politischer Mission nach Philadelphia als Sekretär diente, was wiederum Jeremy Bentham in Rage versetzte, da er selbst auf diesen Posten spekuliert hatte. Als George 1764 mit einem Walfangschiff nach Florida in See stach, wurde er von James Macpherson begleitet, dem berühmt-berüchtigten Schöpfer der Ossian-Dichtung. Wie diese Episode verdeutlicht, bedeutet Innenleben der Imperien zweierlei: zum einen die Funktionsweise eines Weltreichs auf der Basis individuellen Engagements, zum anderen die Impulse und Anreize, die das Empire in den Zeitgenossen zu setzen vermochte. Die Johnstones versuchten – mit durchaus wechselhaftem Erfolg – die Chancen, die das britische Empire bot, für den individuellen wie familiären Aufstieg zu nutzen. Rothschild verweist in diesem Zusammenhang auf drei Karrierepfade: Kriege, Handel und Heirat. Insbesondere die britische East India Company, in der militärische, administrative und wirtschaftliche Aktivitäten aufs Engste miteinander verknüpft waren, diente Mitgliedern der Johnstone-Familie als Betätigungsfeld. Auch in Großbritannien selbst verstanden es die Johnstones, auf der Klaviatur politischer Beziehungen zu spielen. Zwischen 1768 und 1805 saß zu jeder Zeit mindestens ein Spross der Familie im Londoner Unterhaus. John Johnstone etwa tat sich dort als Wahrer individueller Freiheitsrechte hervor, und zwar als die Regierung verlangte, die Habeas-corpus-Garantien jenen zu verweigern, die in Übersee gefangen genommen wurden. George Johnstone warnte indes 1774 davor, dass die kurzsichtigen ökonomischen Interessen der East India Company, die schon den Indern das Leben unnötig schwermachte, einen Keil zwischen das Mutterland und die amerikanischen Kolonien zu treiben drohten. Weniger ruhmreich betätigte sich sein Bruder William Pulteney, der den Namen seiner Frau angenommen hatte. Anders als sein akademischer Lehrer Adam Smith sah William in der Sklaverei weder ein menschlich verabscheuungswürdiges noch ein ökonomisch dysfunktionales Übel und agierte 1805 als parlamentarischer Strippenzieher, um William Wilberforces Gesetzesvorlage zur Abschaffung der Sklaverei zu Fall zu bringen.

Die Sklaverei, an der Pulteney mit einer Plantage in der Karibik selbst beteiligt war und die zudem neben der Amerikanischen Revolution und dem britischen Vormarsch in Indien den historischen Hintergrund der Familiengeschichte nachhaltig prägte, zieht sich wie ein roter Faden durch Rothschilds Narratio. Sie verhalf den Johnstones sogar zu einer gewissen weltgeschichtlichen Prominenz. Denn sie waren in zwei Rechtsfälle verwickelt, die zu Meilensteinen der britischen Jurisprudenz avancierten. Aus Bengalen hatten die Johnstones Bell bzw. Belinda als Haussklavin mitgebracht. Im Herbst 1771 wurde die junge Frau mit unklarer Identität in Schottland des Kindsmords angeklagt und schließlich – als eine Art Freispruch dritter Klasse – nach Virginia deportiert. Sie war damit die letzte Person, die von einem britischen Gericht als Sklavin deklariert wurde. Der zweite Fall betraf Joseph Knight, einen Sklaven im Besitz des John Wedderburn, der mit einer Tochter Margaret Johnstones verheiratet war. Knight, der aus Jamaica nach Schottland verschleppt worden war, verließ 1773 Wedderburn, der zunächst erfolgreich gerichtlich gegen Knights Flucht vorging. Knight indes wehrte sich vehement gegen seine abermalige Versklavung, und als er im Januar 1778 schließlich Recht bekam, war die Sklaverei zumindest im Mutterland ein für allemal desavouiert. Diese Ereignisse ändern freilich nichts an Rothschilds Verdikt, dass die Johnstones in der „anarchy of interests and desires (S. 152) oft den Kürzeren zogen und die politischen sowie ökonomischen Trends der Epoche meist falsch einschätzten. Immerhin verstanden sie es, dank ihrer globalen Vernetzung Profit aus der „modern industry of public opinion“ (S. 175) zu schlagen, wenn sie schon im Mahlstrom der beginnenden Industrialisierung nicht Fuß zu fassen wussten. Auch in der Welt der Aufklärung war die schottische Familie weithin vernetzt, was Rothschild bis in die privaten Briefe der Johnstones hinein nachweisen kann.

Das Verdienst dieses mit großem Spürsinn zusammengefügten Panoramas liegt sicherlich in der heuristisch beeindruckenden Rekonstruktionsleistung, welche die Johnstones als globale Familie plastisch hervortreten lässt. Allerdings eignet der Darstellung vor allem in der zweiten Hälfte ein stark pointilistischer Charakter. Das an Romane Tolstois gemahnende Figurentableau wird in Bezug auf die jeweilige ökonomische, politische oder geistesgeschichtliche Entwicklung der Reihe nach aufgerufen. Ein übersichtliches Gesamtbild ergibt sich daraus jedoch nicht. Dies liegt möglicherweise daran, dass einzelne Mitglieder der Johnstone-Familie zwar durchaus genügend Quellen hinterlassen haben, um daraus das Bild einer Welt im Aufbruch zum Leben erwecken zu können. Für die gesamte Familie gilt dies freilich nicht, sodass einige Passagen der Studie kaum mehr bieten als extensive Quellenzitate, denen es an der nötigen analytischen Kohärenz fehlt. Das Innenleben des Britischen Empire gewinnt deshalb nur phasenweise an Kontur.

ZitierweiseGerhard Altmann: Rezension zu: Rothschild, Emma: Inner Life of Empires. An Eighteenth-Century History. Princeton 2011, in: H-Soz-u-Kult, 10.02.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-1-091>.

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