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Titel
Korrigierte Körper. Eine Geschichte künstlicher Schönheit in der Moderne


Autor(en)
Ramsbrock, Annelie
Erschienen
Göttingen 2011: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
307 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Elberfeld, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Universität Bielefeld

Individuelle Schönheit hat in den vergangenen Jahren einen enormen Bedeutungsgewinn in der Öffentlichkeit erfahren, zumindest legen das massenmediale Formate wie Model-Castingshows, Style-Coaching-Sendungen und nicht zuletzt Doku-Soaps über Schönheits-OPs nahe. Jedoch ist dieses Phänomen alles andere als neu und begleitet die Moderne seit ihren Anfängen, wie die vorliegende Studie von Annelie Ramsbrock eindrucksvoll belegt. Im Zentrum steht die Frage, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse und sozialen Ordnungsmodelle den jeweiligen Schönheitsidealen und den dazugehörigen Praktiken zugrunde lagen und wie sich Verwissenschaftlichung und Vergesellschaftung zueinander verhielten. Die Studie gliedert sich chronologisch in fünf Kapitel, die thematisch unterschiedliche Facetten behandeln. Zunächst wendet sich Ramsbrock dem ausgehenden 18. Jahrhundert zu, in dem der heute übliche Begriff der Kosmetik noch nicht existierte. Die Debatten kreisten vielmehr um das Schminken. Kritiker dieser Praxis beriefen sich vor allem auf religiöse Argumente, die darin eine Verleugnung der Gottesebenbildlichkeit des Menschen sahen. Darüber hinaus besaß die Schminkkritik eine gesellschaftspolitische Dimension, da sie das künstliche Schönheitsideal des Adels der Vorstellung einer natürlichen, inneren Schönheit von Bürgertum und aufgeklärtem Adel gegenüberstellte. Fürsprecher des Schminkens beriefen sich hingegen auf den Gedanken der „Perfectibilité de l’homme“.

Im 19. Jahrhundert beruhte die Schminkkritik weniger auf moralischen Bedenken als auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Damit einher ging die Veränderung des Schönheitsverständnisses, welches sich stärker am Leitbild medizinischer Gesundheit ausrichtete. Die entstehende Kosmetik orientierte sich entsprechend am Paradigma der Hygiene, welches im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem gesellschaftlichen Leitwissen aufstieg. Popularisiert wurde es durch Schönheitsratgeber, welche neben naturwissenschaftlichem Wissen und ästhetischen Idealen auch Verhaltensanforderungen an den Leser und insbesondere die Leserin richteten. Ein dergestalt regulierter Körper wurde zum Ort visueller Ausbildung und physiognomischer Einverleibung bürgerlicher Werte. „Während die alten Eliten das Schminken dezidiert als eine Kunst begriffen und den verschönerten Körper als Artefakt, sprach das aufgeklärte Bürgertum von Natürlichkeit, wenn es Schönheit künstlich herstellte.“ (S. 98)

Zwischen Fin de Siècle und Weimarer Republik hielten mit Dermatologie und Schönheitschirurgie neue medizinische Wissenskulturen Einzug in die Kosmetik. Zumeist als Nebenprodukte therapeutischer oder diagnostischer Verfahren entstanden kosmetische Methoden, zum Beispiel Röntgenstrahlen, Elektrolyse oder Höhensonne. Insbesondere dank Weiterentwicklungen in Anästhesie und Asepsis taten sich weit reichende Möglichkeiten für chirurgische Eingriffe auf. Die Anfänge der Wiederherstellungschirurgie lagen im 19. Jahrhundert, obwohl es schon in der Renaissance erste Versuche gab. Breite Anwendung und Anerkennung sowie eine erste Professionalisierung erlebte sie mit dem Ersten Weltkrieg. Ging es in der Debatte um die Kriegskrüppel primär um deren ökonomische Wiedereingliederung in das Arbeitsleben mit Hilfe entsprechender Prothesen, so stand bei den Gesichtsversehrten die ästhetische Wiederherstellung im Zentrum. Die Schönheitschirurgie griff dazu auf zwei Wissensressourcen zurück. Zum einen nutzte sie kunstanatomische Untersuchungen, um mittels Idealtypen und Durchschnittswerten ein Spektrum des Normalen zu konzipieren. Zum anderen stellte sie das Selbstbild des Patienten ins Zentrum ihres Handelns. „Dementsprechend ging es dieser Art der Chirurgie nicht um die Heilung physisch kranker Körper, sondern um die Korrektur psychisch krank machender Körper.“ (S. 269)

In der Zwischenkriegszeit entstand eine quasi bis heute fortbestehende kosmetische Konsumkultur. Kosmetik wurde nunmehr sozial akzeptiert und entsprach einem Schönheitsideal, in welchem sich Natürlichkeit und Authentizität gerade mittels künstlicher Eingriffe erreichen ließen. Obwohl man schon in früheren Jahrzehnten kosmetische Waren und Dienstleistungen erwerben konnte, kam es zu signifikanten Veränderungen. Annelie Ramsbrock weist diesbezüglich auf die industrielle Herstellung, die standardisierten Produkte, die Professionalisierung der Kosmetik und die wachsende massenmediale Öffentlichkeit hin. Insbesondere in Frauen- und Lifestyle-Magazinen, wie „Die Dame“, „Uhu“ oder der deutschsprachige „Vogue“, fand die entstehende Werbepsychologie einen Weg, ihre Produkte, Schönheitsideale und Verhaltensanforderungen einem breiten Publikum näher zu bringen. Ramsbrock führt überzeugend aus, dass dies mit einem tief greifenden Wandel der Geschlechterordnung, dem Entstehen neuer Weiblichkeitskonzeptionen und einer durch Krieg und wirtschaftliche Krisen bedingten verunsicherten Männlichkeit einher ging. Im Hinblick auf die Figur der „Neuen Frau“ und ihrem kosmetisch korrigierten und androgyn geformten Körper wird ersichtlich, wie schwierig es ist, derartige Entwicklungen zu bewerten. Zwar taten sich alternative Handlungsmöglichkeiten und soziale Spielräume gerade im Erwerbsleben auf. Zugleich wurden neue, männlich definierte Schönheitsnormen errichtet, denen sich Frauen anpassen sollten; nicht zuletzt um mittels dieses symbolischen Kapitals beruflich Erfolg zu haben.

Im Zuge der Weltwirtschaftskrise und des Aufstiegs der Sozialhygiene rückten gegen Ende der 1920er-Jahre soziale Faktoren und Fragen zu sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit ins Zentrum öffentlicher Debatten um körperliche Korrekturen. Befürworter einer so genannten sozialen Kosmetik sahen Schönheit als Resultat gesellschaftlicher Umstände und richteten das Augenmerk auf die negativen Folgen körperlichen Makels für die betroffenen Individuen und deren Psyche. „Damit wurde die künstliche Herstellung von Schönheit zu einem sozialpolitischen Thema, das sich in die zeitgenössischen Debatten um die Ausgestaltung des Sozialstaates fügte.“ (S. 230) Trotz politischer Beratungen bis in die Gremien des Reichstags vermochten sich derartige Forderungen nicht durchzusetzen. Angesichts finanzieller Bedenken griff man stattdessen auf die kostengünstigere Variante der Beratung zurück und errichtete „Fürsorgestellen für Entstellungskranke“. Im Nationalsozialismus wurden diese wieder geschlossen, was aber, so Ramsbrock, vor allem mit der Verbindung zu politisch beziehungsweise rassisch unliebsamen Personen zu tun hatte. Physischer Schönheit maß man seitens des Nationalsozialismus eine große Bedeutung bei, wenngleich nun der kollektive Volkskörper zum Ziel biopolitischer Interventionen wurde.

In ihrem Resümee betont Ramsbrock, die sich wandelnden Schönheitsvorstellungen lägen an der Schnittstelle von Verwissenschaftlichung und sozialer Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft. „Die historische Analyse der technischen Erzeugung und sozialen Bewertung verschönerter Körper macht deutlich, dass Schönheitsideale Repräsentationen von wissenschaftlichen und sozialen Ordnungsmodellen waren und deshalb als eine besondere Spielart gesellschaftlicher Selbstbeschreibung zu begreifen sind.“ (S. 263) Das Anliegen der kosmetischen Korrekturen fand dabei seinen Fluchtpunkt in der Erzeugung von Normalität auf der Ebene der Subjekte und der Gesellschaft.

Spannende Studien zeichnen sich oftmals weniger dadurch aus, dass sie auf alles eine Antwort geben, sondern vielmehr durch das Evozieren weiterer Fragen – so auch in diesem Fall. Überzeugend wird dargelegt, wie psychische Aspekte als Deutungsmuster sukzessive an Bedeutung gewannen. Gerne hätte man als Leser mehr erfahren über konvergente Diskurse in der Psychologie und Überschneidungen zu den Anfängen der Therapeutisierung. Zwar wird an mehreren Stellen auf technische Apparaturen und materielle Effekte der Kosmetik verwiesen, ohne diese genauer zu analysieren. Die Arbeit beschränkt sich indes auf Repräsentationen und vergibt auf diese Weise ein Erkenntnispotential, welches in den aktuellen Debatten der Körpergeschichte und darüber hinaus unter Schlagworten wie Dinggeschichte und „material turn“ intensiv diskutiert wird.

Positiv zu erwähnen ist die stete gesellschaftliche Kontextualisierung der Arbeit, die sie wohltuend von einer Vielzahl kulturgeschichtlicher Studien abhebt. Allerdings wird nicht immer klar, was man als Leser Neues über beispielsweise die „Neue Frau“ der Weimarer Republik erfährt. Zum Teil dürfte dies an der Auswahl vergleichsweise klassischer Quellen liegen, hier etwa Kracauers „Angestellte“ und die Romane Irmgard Keuns. Völlig zu Recht betrachtet Ramsbrock Kosmetik als eine Technologie des Selbst, versäumt es jedoch, die konkreten Praktiken der Subjektivierung durchgängig zu untersuchen. Wünschenswert wäre zudem gewesen, die Geschichte der Kosmetik im Kontext der jeweiligen „hegemonialen Subjektkulturen“ (Andreas Reckwitz) zu verorten und einen Beitrag zu einer systematischen, historischen Untersuchung moderner Subjektivitäten zu leisten. Im Fazit wird abschließend die Ambivalenz des Phänomens erörtert und – insbesondere für die Frau – eine Zweischneidigkeit diagnostiziert, welche einer Erweiterung von Handlungsspielräumen und Verhaltensweisen neue Zuschreibungen und gesellschaftliche Erwartungen gegenüberstellt. Generell ist dem durchaus beizupflichten, nur geraten leider zum Schluss einige Begrifflichkeiten durcheinander, wenn etwa Normierungen als Einschränkungen individueller Freiheitsräume interpretiert werden. Eine stringentere Argumentation innerhalb der benutzten Konzepte hätte nicht nur für theoretische Klarheit gesorgt, sondern auch den begrifflichen Dualismus von Agency und Unterwerfung, Subjekt und Gesellschaft hinter sich lassen können zugunsten einer Beschreibung der konkreten, historisch-spezifischen Effekte von Subjektivierung. Dessen ungeachtet hat Annelie Ramsbrock ein thematisch interessantes, inhaltlich überzeugendes und gut geschriebenes Buch verfasst, das sich einfach schön lesen lässt.

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