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Frühe Neuzeit

H. Böning: Der Musiker und Komponist Johann Mattheson

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Classen <classenzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Der Musiker und Komponist Johann Mattheson als Hamburger Publizist. Studie zu den Anfängen der Moralischen Wochenschriften und der deutschen Musikpublizistik
Reihe:Presse und Geschichte – Neue Beiträge 50
Ort:Bremen
Verlag:Edition Lumière
Jahr:
ISBN:978-3-934686-75-5
Umfang/Preis:523 S.; € 44,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Bernd Sösemann, Geschichte der öffentlichen Kommunikation, Freie Universität Berlin
E-Mail: <bsikkzedat.fu-berlin.de>

Das vorliegende Werk überrascht in mehrfacher Hinsicht. Der Bremer Publizistikforscher Holger Böning hat eine umfangreiche Studie zu dem bislang außerhalb der Tore Hamburgs wohl nur Wenigen bekannten Johann Mattheson vorgelegt. Jetzt kann sich dessen Bild von Grund auf beleben. Aufbau und Gestaltung des Buches erinnern an die Matroschka, die russische Puppe in der Puppe in der Puppe…, denn es bietet dem Leser vielerlei geschickt ineinander Verpacktes. Das Werk stellt gleichermaßen eine Untersuchung zur Hamburger Presse- und deutschen Musikgeschichte dar, zu den Zeitschriften der Aufklärungsepoche, ihrem Publikum und ihrer Rezeptionsgeschichte, zu dem speziellen Typ der Moralischen Wochenschrift und zu Erkundungen der kultur- und literaturwissenschaftlichen Hauptströmungen jener Epoche der deutschen Geschichte. Die unterschiedlichen Fragestellungen und Perspektiven verknüpft Böning mit einem ausführlichen biografischen Überblick so geschickt, dass ein komplexes Gesamtbild des Protagonisten, seines vielgestaltigen Wirkens, des speziellen Medienspektrums und seiner Zeit entsteht.

Der vornehme und reiche Hamburger Bürger Johannes Mattheson lebte von 1681 bis 1764. Sein Vater war Acciseeinnehmer in Hamburg; über seine Mutter wird nur gesagt, dass sie aus Rendsburg gestammt habe und elf Jahre älter als ihr Mann gewesen sei. Auf die Früherziehung von Johannes Mattheson durch einen Privatlehrer folgte der Schulbesuch auf dem Johanneum und eine musikalische Ausbildung durch den Kapellmeister Johann Nicolaus Hanff, einen der besten Orgelkomponisten seiner Zeit. Darüber hinaus kann Mattheson bereits als Neunjähriger auf der Hamburger Opernbühne sein überdurchschnittliches Gesangstalent beweisen. Zu seinen herausragenden Bildungserlebnissen gehörte die Jugendfreundschaft mit Georg Friedrich Händel, die sich aber im Alter zu einer Hassliebe auf das große Talent entwickeln sollte. 1704 tauschte Mattheson das unsichere und wenig lukrative Sänger- und Komponistendasein mit der prestigeträchtigen Stellung eines Privatsekretärs bei dem englischen Gesandten in Hamburg, die es ihm zu seiner großen Freude jedoch erlaubte, weiterhin publizistisch tätig zu sein. Von 1718 an versah er für zehn Jahre das Amt des Domkantors. Er verfolgte zwar das ehrenwerte Ziel, das Niveau der musikalischen Partien des Gottesdienstes in der Hansestadt zu heben, doch mit dem Ergebnis, dass die ablehnende Geistlichkeit schließlich erfolgreich seine Entlassung erreichen konnte. Matthesons Zeitschrift „Der Vernünfftler“ war die erste deutsche Moralische Wochenschrift (1713) und sein Literaturblatt „Critica Musica“ die erste deutsche Musikzeitschrift (1722). Sein „Sensationsblättchen“ „Besondere Neue Gros-Britannische Denkwürdigkeiten“, das sich auf die „artigsten Histörgen“ des Alltags konzentrierte (S. 269) – also auf die Nachrichten, die in den Tages- und Wochenzeitungen offensichtlich zu kurz kamen (1723) –, war die erste deutsche länderkundliche Zeitschrift, die sich ausschließlich einem Nachbarland widmete. Zusätzlich schrieb dieser äußerst produktive und ungemein belesene Criticus Rezensionen in anderen Blättern wie in den „Niedersächsischen Nachrichten von Gelehrten neuen Sachen“ oder der „Staats- und gelehrten Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten“. Seit den 1740er-Jahren arbeitete er verstärkt an theoretischen Schriften, schrieb Fortsetzungen zu seinem „Lebenslauf“, erlebte aber, zunehmend hinfällig und weitgehend taub geworden, die Fertigstellung seiner großzügigen Spende, eines großartigen Orgelbaus für die St. Michaelis Kirche, nicht mehr, bevor er 1764 starb.

Matthesons Interessen und Tätigkeitsfelder sowie sein Einflussbereich und öffentliches Wirken lassen sich nicht einmal mit einem halben Dutzend Bezeichnungen erfassen, denn er könnte für sich mit Recht mindestens neun Berufsbezeichnungen beanspruchen: als Musiker, Sänger und Komponist, Kritiker, Journalist und Publizist, Herausgeber, Übersetzer und Gesandtschaftssekretär. Als undogmatischer, kämpferischer und gewandter Vertreter der Frühaufklärung im deutschen Sprachraum war diese „gravitätische Gestalt eines Niedersachsen“ (S. 493) höchst produktiv, wie Wilhelm Heinrich Riehl bereits 1853 in seinen „Musikalischen Charakterköpfen“ festgestellt hatte: „ein Mann, der manchmal wie Winckelmann und Lessing mit zweischneidigem Schwert dreinschlug, um einer freieren, geläuterten Kunstauffassung Bahn zu brechen“.[1] Belehrt durch die Lektüre des umfangreichen Werkes von Holger Böning dürften aber bei dem genauen Leser gewisse Zweifel entstehen, ob der Verfasser gut beraten war, diese schillernde, sprachmächtige und kämpferische, aber von seinen Zeitgenossen mitunter auch als etwas „wunderlich“ (S. 494) empfundene, keine öffentliche Fehde scheuende Persönlichkeit auf dem Bucheinband nur mit dem Etikett „Musiker und Komponist“ zu versehen und in dem knapp gehaltenen resümierenden Abschnitt hierauf ebenfalls den stärksten Akzent zu legen. Wenn Mattheson auch „alles von der Musik her denkt“, wie Böning dicht und quellennah belegt (S. 338-341 und S. 491), so dürfte man ihm doch gerechter werden, wenn man ihn als einen aufklärerischen Selbstdenker verortet, der die großen Philosophen zwar rezipiert, sich aber nicht einem einzigen Denkgebäude verschreiben will. Vermutlich wird Mattheson zukünftig deshalb eher als bedeutender Publizist und Herausgeber, Theoretiker und Kritiker in musicis in die Geschichte eingehen.

Böning gelingt es bei der Präsentation aller publizistischen Unternehmungen seines Protagonisten, sie in den Jahrhunderte übergreifenden Kontext kommunikationshistorisch überzeugend einzuordnen – sowohl lokal- und regionalhistorisch als auch national und wiederholt auch in ihren westeuropäischen Dimensionen. Da so gut wie kein Aspekt ausgelassen wird, geht es dem Verfasser durchgehend um die Darstellung der medialen, journalistischen, redaktionellen, sozialen und finanzpolitischen und wirtschaftlichen Verhältnisse sowie um die wirkungsgeschichtliche Bedeutung der Organe. Dabei prägen die erzählenden Teile das Buch und machen es auch wegen seines mitunter „flotten“ Tones leicht lesbar für diejenigen, die den Autor gern auf Seitenpfade begleiten mögen oder an quellennah geschilderten kulturgeschichtlichen Ausmalungen ihre Freude haben.

Das Buch ist so reich illustriert, dass dem Leser nicht nur ein umfassender Eindruck von den Titelblättern aller bedeutenden Publikationen vermittelt wird, sondern auch von dem gesamten Personal – zumeist sind es Porträts –, den Gebäuden und Städten sowie von zahlreichen der vorgestellten Handschriften. Dagegen ist dort der Informationswert gering, wo nur allzu häufig auch noch eine zusätzliche Abbildung von recht konventionellen Text- oder Manuskriptauszügen geboten wird, die sich zuvor bereits in der Darstellung in transkribierter Form finden. Bei der insgesamt schönen Ausstattung und gelungenen Gestaltung des Buches verwundert es, dass etliche Illustrationen nicht durchgängig die wünschenswerte (und auch mögliche) Qualität zeigen, die man heute erwarten darf. Die im Anhang platzierten nützlichen Angaben zum Nachlass in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg und in der Nationalbibliothek St. Petersburg, das Verzeichnis sämtlicher Handschriften und Drucke, die im Nachlass enthalten sind, sowie der Schriften und Übersetzungen füllen fast zehn eng bedruckte Buchseiten. Der Verfasser hat sie zusammen mit der kenntnisreich ausgewählten zeitgenössischen (Flug-)Publizistik, mit Zeitschriften, Zeitungen und Bücher bibliografisch akribisch erschlossen.

Anmerkung:
[1] Wilhelm Heinrich Riehl, Musikalische Charakterköpfe. Ein kunstgeschichtliches Skizzenbuch, Stuttgart 1853, Band 1, S. 31f.

ZitierweiseBernd Sösemann: Rezension zu: Böning, Holger: Der Musiker und Komponist Johann Mattheson als Hamburger Publizist. Studie zu den Anfängen der Moralischen Wochenschriften und der deutschen Musikpublizistik. Bremen 2011, in: H-Soz-u-Kult, 30.04.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-2-078>.

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