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M. Pittioni: Genua. Die versteckte Weltmacht

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):
Titel:Genua. Die versteckte Weltmacht
Ort:Wien
Verlag:Mandelbaum Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-85476-349-9
Umfang/Preis:183 S.; € 17,80

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-u-Kult von:
Arne Karsten, Bergische Universität Wuppertal
E-Mail: <akarstenuni-wuppertal.de>

Genua, „La Superba“, die stolze Hauptstadt Liguriens, hat seit jeher im Vergleich zu ihren großen Konkurrenten Venedig und Florenz nur wenig Aufmerksamkeit auf Seiten der modernen Geschichtsschreibung gefunden. „Während die Florentiner und Venezianer wahre Bibliotheken über ihre Geschichte, Kunst und Architektur vorweisen können, stellt sich das historische Schrifttum über Genua relativ bescheiden dar“, konstatiert Manfred Pittioni völlig zu recht in der Einleitung seiner Studie – einer Studie, die an diesem Sachverhalt leider nicht das Geringste ändert.

Schon die Einleitung des Buches lässt erkennen, woran das liegt. Denn eine wie auch immer geartete Fragestellung, oder wenigstens eine Aussage darüber, welches Ziel der Autor mit seiner Darstellung verfolgt, sucht der Leser vergeblich. Stattdessen findet er eine rein assoziative Aneinanderreihung von Fakten, Beobachtungen und Interpretationen, deren Struktur sich zu keinem Zeitpunkt erschließt; weder in der Einleitung, noch auf den übrigen Seiten des Büchleins, das sich an der überaus anspruchsvollen Aufgabe versucht, die Geschichte der Seerepublik auf knapp 200 Seiten zu präsentieren. Bei einem solchen Versuch hängt alles von der strengen, genau durchdachten Organisation des historischen Stoffes ab, dem präzisen Blick für das Wesentliche, der konsequenten Ausschaltung des Nebensächlichen, der aufmerksamen Disposition thematischer Schwerpunkte; zumal wenn man, wie im vorliegenden Fall, nicht einen bestimmten Aspekt der Geschichte in den Blick nimmt, sondern sich an einer kulturgeschichtlichen Überblicksdarstellung versucht. Nichts von alledem findet sich in der vorliegenden Studie. Das durchaus umfangreiche thematische Material, das sie aus der Rezeption der Sekundärliteratur schöpft, wird dem Leser in einem lose chronologischen Kontext präsentiert, der munter zwischen der politischen und diplomatischen, der Wirtschafts-, Gesellschafts- und Militär-Geschichte hin und her springt, ohne dass sich an irgendeiner Stelle ein anderes Ordnungsprinzip als dasjenige der assoziativen Aneinanderreihung von Lesefrüchten erschlösse.

Daraus resultieren weitere Probleme. Da es an einer klaren Fragestellung und daraus folgenden Schwerpunktsetzung mangelt, erscheint alles gleich wichtig. Und so sieht sich der Leser von einer Lawine von Zahlen, Daten Fakten überrollt, die – angesichts des knappen Raumes: notwendigerweise – unkommentiert, unverbunden, unverständlich bleiben. Ein Beispiel von zahllosen, auf Geratewohl herausgegriffen: „Die Wirren im Italien des 15. Jahrhunderts, in deren Mittelpunkt sich auch Genua zeitweilig befunden hatte, setzten sich fort. Italien befand sich weiterhin zwischen den Spannungsfeldern, welche durch die Machtansprüche der spanischen Krone, des Heiligen römischen Reiches und Frankreichs erzeugt wurden, und Genua geriet zwangsläufig in die Auseinandersetzung dieser beiden Mächte“ (S. 122). Ganz abgesehen von dem sachlichen Einwand, dass das Heilige römische Reich im 15. und 16. Jahrhundert gewiss alles Mögliche war, Machtansprüche aber ganz gewiss nicht erhob; dem Hinweis, dass Italien sich wohl kaum zwischen Spannungsfeldern befand, sondern ein Spannungsfeld zwischen konkurrierenden Machtansprüchen bildete und sich der Leser fragt, ob denn nun zwei oder drei Mächte konkurrierten, erklärt dieser Satz gar nichts, schon gar nicht das, was er eigentlich erklären soll, nämlich „grundlegende strukturelle Änderungen“ des genuesischen Handels im 16. Jahrhunderts. Um solche zu erklären, müsste aber doch gezeigt werden, wie sich die säkularen Großkonflikte zwischen Habsburg und Frankreich, die auch das gesamte übrige Italien betrafen, konkret auf Genua ausgewirkt haben. Mit der allgemeinen Erwähnung des Konflikts ist nichts gewonnen.

Aber am Konkreten eben fehlt es grundsätzlich, an dieser Stelle und überall. Stattdessen finden sich immer wieder Aussagen wie: „[Die Genuesen] liebten Juwelen und schöne Kleidung, legten großen Wert auf gute Weine und raffiniertes Essen. Was die wenig ansprechende Umgebung ihrer engen Stadt nicht bieten konnte, Prunk und Raffinesse, versuchten sie durch Luxus im Alltagsleben auszugleichen“ (S. 54). Immerhin wird man konstatieren müssen, dass die genuesische Oberschicht mit diesen Vorlieben im frühneuzeitlichen Europa nicht ganz allein stand. Aber auch sonst wies die Führungsschicht Genuas die eine oder andere Gemeinsamkeit mit ihren Standesgenossen im übrigen Italien auf: „Einerseits war [der Adel] auf seinen Besitzungen auf dem Lande zuhause, andererseits war er auch in der Stadt vertreten. Dort versuchten die einzelnen Familien Machtpositionen innerhalb der Republik aufzubauen, wobei es zwangsläufig zu Auseinandersetzungen zwischen Gruppierungen verschiedenster Art kam“ (S. 172). Dem wird man nicht widersprechen wollen. Was aber soll der geneigte Leser mit einem (nicht weiter kommentierten!) Satz wie dem folgenden beginnen: „Der Durchschnittswert der zusätzlichen Spesen bei den Orientgeschäften betrug trotz der verschiedenen Bestechungsgelder zwischen 10 und 28 Prozent. Bei [sic] den sizilianischen Transaktionen belief er sich aber aufgrund der hohen Steuern zwischen [sic] 100 bis 150 Prozent“ (S. 108)?

Die Lektüre dieser unstrukturierten Ansammlung von in seiner Tiefe an keiner Stelle durchdrungenem Wissensstoff wird durch die oft manirierte, künstlich komplizierte und unpräzise sprachliche Gestalt des Textes nicht erfreulicher. Auch hier nur ein Beispiel von zahllosen: „Durch die weite Streuung der Besitzungen (…) war unter den Kaufleuten der ligurischen Metropole ein Gefühl für den Fernhandel und seine Steuerung entstanden, gleichzeitig auch ein Bewusstsein für die Geschäfte mit weit entfernten Gebieten und die Beherrschung der damit verbundenen Handelstechniken. Und dieses Bewusstsein wurde eine Leitidee nicht zuletzt für die Atlantische Expansion Europas“ (S. 169). „Gefühl für den Fernhandel“, „Bewusstsein für Handelstechniken“, gar ein „Bewusstsein als Leitidee“ - begriffliche Präzision sieht anders aus.

Nimmt man hinzu, dass das Buch offensichtlich nicht lektoriert worden ist (die vielen Tippfehler lassen jedenfalls keinen anderen Rückschluss zu), so bleibt als Fazit nur, dass eine knappe, aber fundierte Überblicksdarstellung zur Geschichte Genuas in deutscher Sprache weiterhin ein Desiderat darstellt.

ZitierweiseArne Karsten: Rezension zu: Pittioni, Manfred: Genua. Die versteckte Weltmacht. Wien 2011, in: H-Soz-u-Kult, 05.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=16469>.

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