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Mittelalterliche Geschichte

S. Steckel: Kulturen des Lehrens im Früh- und Hochmittelalter

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Harald Müller <muellerhistinst.rwth-aachen.de>
Autor(en):
Titel:Kulturen des Lehrens im Früh- und Hochmittelalter. Autorität, Wissenkonzepte und Netzwerke von Gelehrten
Reihe:Norm und Struktur. Studien zum sozialen Wandel im Mittelalter und Früher Neuzeit 39
Ort:Köln
Verlag:Böhlau Verlag Köln
Jahr:
ISBN:978-3-412-20567-6
Umfang/Preis:Pb.; 1295 S.; € 149,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Marika Bacsóka, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <bacsokamgeschichte.hu-berlin.de>

Sita Steckels Dissertation, die in einer stark überarbeiteten Form 2011 erschien, gehört zur boomenden Subdisziplin der Intellectual History der Vormoderne.[1] Steckel schreibt eine Kulturgeschichte der gelehrten Praktiken und leistet eine relecture der bekanntesten wissensgeschichtlichen Positionen und Kontroversen des frühen und hohen Mittelalters. Anhand von fünf chronologisch angeordneten Fallstudien werden Fragen nach Akzeptanz, Kontext, Autorisierung und Absicherung gelehrten Verhaltens in einem epochenübergreifenden Ansatz verfolgt. Im Mittelpunkt steht die Frage nach Entstehung und Wandel des mittelalterlichen Gelehrtenbildes und der mit ihm korrespondierenden Lehr- und Lernkonzepte. Die Besonderheit an der von Martin Kintzinger betreuten und 2006 eingereichten Qualifikationsarbeit besteht in ihrem zeitlichen Zuschnitt, ihrem regional vergleichendem Ansatz (Frankenreich, Deutschland sowie der Francia) und ihrem immensen Umfang: Es werden rund 400 Jahre Philosophiegeschichte vom 8. bis zum 12. Jahrhundert auf knapp 1.215 Seiten abgehandelt.

Zuerst kontextualisiert Sita Steckel die Grundtendenzen der Bildungsgeschichte der letzten Jahrzehnte und bemängelt zu Recht die Trennung früh- und hochmittelalterlicher Wissenskulturen. Aus diesem Desiderat entwickelt Steckel überzeugend den epochenübergreifenden und regionale Grenzen verbindenden Rahmen ihrer Untersuchung (S. 16–44). Bewusst steht sie dabei im Kontrast zu weit verbreiteten institutionengeschichtlichen Studien und biografischen Analysen einzelner Gelehrter.[2] Weitgehend entlang der communis opinio geht die Autorin in insgesamt vier Großkapiteln anhand von Briefen, Proömien, Widmungsschreiben und historiografischem Material den Ausprägungen gelehrter Kommunikation, Lehrer-Schüler-Verhältnisse und gelehrter Netzwerke nach und stellt Überlegungen zu Mechanismen und Grenzen gelehrter Praxis in einer kirchlichen Gesellschaft an.

Ausgehend von den capitularii ordines werden im ersten Teil der Studie karolingische Normierungsverfahren betrachtet, um Freiräume und Lehrgrundlagen gelehrter Männer auszuloten (S. 78–147). Schrittweise werden die Lehr- und Kommunikationsstrategien von Alkuin von York, Hrabanus Maurus und Lupus von Ferrières sowie Gottschalk von Orbais exemplarisch untersucht. Fortgesetzt wird die Analyse bis in die ottonische Zeit, so dass Manegold von Lautenbach und die Gelehrtenzentren in Hildesheim, Worms und Bamberg in den Fokus der Studie rücken. Die Autorin betritt kein personen- oder wissensgeschichtliches Neuland, ihre Leistung besteht vielmehr in der Zusammenschau der bisher einzeln diskutierten Phänomene und Forschungsansätze. Dadurch ist sie in der Lage, die artifizielle Trennung von akademisch-schulischem und kirchlichem Lehrerbild aufzuheben (S. 486–514). Sie weist nach, dass frühmittelalterliche Gelehrte durch den Idealtypus des geistlichen Gelehrten differenzierter beschreibbar werden (S. 1199–1203). Steckel schlägt folgerichtig vor, Gelehrte fortan nicht exklusiv durch ihre Zugehörigkeit zu Institutionen zu definieren, sondern sie mittels ihrer Praxis, also ihres Auftretens, ihrer Vernetzung und schriftlichen Legitimierungsstrategien zu erfassen. Weil der geistliche Lehrer neben dem tradierten Wissenskanon auch die sakralen Wissensbestände der ecclesia vermittelt, kommt ihm bei der kirchlichen Normauslegung, der doctrina, eine besondere Rolle zu. Diese Deutungshoheit verleiht ihm zugleich eine quasi sakrale Kompetenz und charismatische Autorität, so dass er zum Hüter und Verteidiger des Glaubens (magisterium) aufsteigt.

Die frühmittelalterlichen Praktiken, die Bewertung der Lehrerrolle und Lehrkonzepte bilden in den ersten zwei Dritteln das Fundament der Arbeit, danach überprüft die Autorin auf den verbleibenden 400 Seiten ihre Ergebnisse an den philosophischen Leitkontroversen des Hochmittelalters. Steckel verfolgt Autorisierungsstrategien und Rollenverständnis der Gelehrten und stellt fest, dass etwa seit der Mitte des 11. Jahrhunderts immer mehr auch Methoden und fachliche Kompetenzen zur argumentativen Untermauerung der gelehrten Position genutzt werden. Das Tableau der Ausdifferenzierung des Gelehrtenbildes reicht dabei von der Diskussion der Vorworte Anselms von Canterbury über die Selbststilisierungen Ruperts von Deutz bis hin zum Abendmahlsstreit des 11. Jahrhunderts (S. 886–961). Anschließend werden die berühmten Häresieprozesse gegen Petrus Abaelard (1141) und Gilbert von Poitiers (1143) als „katalytische Konflikte“ in der Experimentierphase der voruniversitären Zeit begriffen (S. 1057–1142). Dabei stellt Steckel besonders heraus, dass Philosophie und Theologie gleichsam als „ungleiches Geschwisterpaar“ nicht voneinander zu trennen seien (S. 1136). Erst der permanente Dialog habe zu einer stärkeren Profilierung sowohl der Disziplinen als auch der Beschreibungsmuster ihrer Vertreter geführt.

So überzeugend die in den einzelnen chronologischen Abschnitten vorgenommenen Differenzierungen sind und so beeindruckend der umfassende Ansatz der Arbeit ist (vor allem Kapitel V. zu den Kathedralschulen im Reich), es ergeben sich aus Anlage und Zuschnitt der Dissertation mit ihrer longue durée einige Kritikpunkte. Zwar distanziert sich Sita Steckel prononciert von der Meistererzählung der Säkularisierungsthese (unter anderem S. 61–75, 864–879) und lehnt mehrfach programmatisch eine evolutive Ideengeschichte ab (S. 1177–1185). Doch leisten entgegen den Intentionen der Autorin der chronologische Aufbau, die extensive Forschungsparaphrase (unter anderem zum vermeintlich defizitären Bildungsniveau zwischen Frankenreich und Reich, zur amicitia-Forschung, zur kommunikationsgeschichtlich orientierten Debatte der Begriffe von Zensur und Häresie wie auch die Diskussion zu Relevanz der Label Monastik versus Scholastik) und die epigonenhafte Auswahl der Kontroversen, schließlich die schrittweise entwickelte Leitthese des Bandes einem solchen Verständnis letztlich Vorschub. So ambitioniert es ist, die Kapitel als eigenständige Beiträge für Leser anzulegen, die keine Vorkenntnisse in der Spezialliteratur besitzen, so unnötig ist es, lange exzerptartige Besprechungen der rezipierten Literatur im Haupttext zu liefern. Hier nimmt viel Bekanntes zu viel Raum ein. Paradoxerweise wird die Auswahl nicht eigens begründet oder abgewogen. Aufgrund dieses Charakters bekommt der Band einen handbuchartigen Zug und erscheint als ,Who is who‘ der mittelalterlichen Gelehrten bis 1140. Erstaunlicherweise fehlt jedoch eine Systematisierung und Diskussion des verwendeten Quellenmaterials wie seiner Überlieferung.[3]

Ebenso vergeblich sucht man eine Problematisierung der Vergleichsobjekte und der besprochenen Gattungen, auch werden die Erweiterungen und Anpassungen der jeweiligen Wissensbestände in den Disziplinen vorausgesetzt und nicht eigens diskutiert. Die prozess- und kontextorientierte Leitthese wird quellennah entwickelt, doch blähen die langen lateinischen Zitate allesamt edierter Quellen, den Umfang der Dissertation zusätzlich auf. Da sie anschließend immer auf Deutsch zusätzlich mehr nacherzählt als analysiert werden, hätten Kürzungen, Querverweise und ein stärkerer vergleichend-analytischer Zug dem ganzen Werk gut getan. Es wird offensichtlich, was ein wissenschaftliches Lektorat bei einem Band dieser Länge hätte leisten können: den unnötigen Ballast eindämmen und eine Ausgewogenheit in der Besprechung von Literatur und Quellen herstellen.

Die Einwände relativieren die grundsätzliche Leistung und Grundthese des beeindruckend umfassenden Bandes, die Überprüfung der Transformation des Gelehrtenbildes vom geistlichen Lehrer des Frühmittelalters zum wissenschaftlichen Experten des Hochmittelalters nicht. Wer sich in einem Florilegium über die bekanntesten Gelehrtenpositionen, Schulzirkel sowie über die theologisch-philosophischen Kontroversen des europäischen Mittelalters in einer zusammenhängenden Darstellung informieren möchte, dabei die einführende Grundliteratur ausführlich referiert und die zentralen Quellen an einem Ort versammelt aufbereitet wissen möchte, für den wird die Dissertation zu einem hilfreichen und zuverlässigen Begleiter werden. Für an Wissenssoziologie und Praxeologie des vormodernen gelehrten Verhaltens Interessierte bietet die umfangreiche Dissertation Sita Steckels zahlreiche Anregungen und genug Reibungsfläche für eigene Differenzierungen.[4]

Anmerkungen:
[1] Zu Methodik und Geschichte der Intellectual History vgl. Peter Burke, The Cultural History of Intellectual Practices, in: Javier Fernández Sebastián (Hrsg.), Political Concepts and Time. New approaches to conceptual history, Santander 2011, S. 103–128. Das innovative Potential der vormodernen Wissensgeschichte bewies zuletzt Martin Mulsow, Prekäres Wissen. Eine andere Ideengeschichte der Frühen Neuzeit, Frankfurt am Main 2012.
[2] Dazu zählen traditionellerweise die Arbeiten von Pierre Riché und Jacques Verger, die die Schulen des Früh- und Hochmittelalters als protouniversitäre Entitäten untersuchen.
[3] Auf weitere Quellen wie Dialoge oder pädagogische Schriften Alkuins von York wird nicht verwiesen. Zudem spart die Dissertation juristische, naturphilosophische oder literaturhistorische Gelehrtenzirkel aus. Wie sehr die modernen Setzungen durch eine gewissenhafte Diskussion der Quellenlage relativiert werden können, zeigte am Beispiel der Historia Calamitatum überzeugend Frank Rexroth, Die Einheit der Wissenschaft und der Eigensinn der Disziplinen. Zur Konkurrenz zweier Denkformen im 12. und 13. Jahrhundert, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 67 (2011), S. 19–50, bes. 30–34.
[4] Auf kleinerem Raum kann man sich inzwischen über die grundlegenden Thesen der Autorin in zwei Aufsätzen informieren: Sita Steckel, Doctor doctorum. Changing concepts of ‚teaching‘ in the Mortuary Roll of Bruno the Carthusian († 1101), in: Academica.edu, <www.academia.edu/2039441/Doctor_doctorum._Changing_concepts_of_teaching_in_the_mortuary_roll_of_Bruno_the_Carthusian_1101> (29.05.2013); sowie Sita Steckel, Von der Schule des Herrn zur Schule des Antichrist. Grundformen und Umbrüche der Meister-Schüler-Beziehung im westeuropäischen Mittelalter vor und nach 1100, in: Jeong-Hee Lee-Kalisch u.a. (Hrsg.), Meister und Schüler. Tradition – Transfer – Transformation, Weimar 2013 (im Druck).

ZitierweiseMarika Bacsoka: Rezension zu: Steckel, Sita: Kulturen des Lehrens im Früh- und Hochmittelalter. Autorität, Wissenkonzepte und Netzwerke von Gelehrten. Köln 2011, in: H-Soz-Kult, 19.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-205>.

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