1 / 1 Rezension

Europäische Geschichte

G. Gill: Symbols and Legitimacy in Soviet Politics

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Robert Kindler <robert.kindlerstaff.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Symbols and Legitimacy in Soviet Politics
Ort:Cambridge
Verlag:Cambridge University Press
Jahr:
ISBN:978-1-107-00454-2
Umfang/Preis:geb.; 384 S.; $ 90.00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Isabelle de Keghel, Fachbereich Geschichte und Soziologie, Universität Konstanz
E-mail: keghelgmx.de

Die Frage, wie Politik mit Hilfe von Symbolen kommuniziert und legitimiert werden kann, ist seit der Pionierstudie von Murray Edelman Ende der 1960er-Jahre zu einem wichtigen Gegenstand der Forschung geworden.[1] Längst hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass symbolische Kommunikation auch in komplexen Industriegesellschaften eine zentrale Rolle spielt. Symbole dienen der Repräsentation von Normen und Werten, die für ein politisches System konstitutiv sind. Sie werden dazu genutzt, Macht sichtbar und damit erfahrbar zu machen.

Während Edelmans Arbeit über symbolische Politik in ihrer Zeit eine höchst umstrittene Ausnahmeerscheinung war und sich kulturalistische Deutungen in der Politikwissenschaft nach wie vor außerhalb des Mainstreams bewegen, wird das Forschungsfeld vor allem von der Ethnologie, Soziologie und Geschichtswissenschaft intensiv bearbeitet. Einen wichtigen Platz nimmt dabei die Erforschung der sowjetischen Symbolwelten ein, die nach dem Systemwechsel von 1917 entstanden. Zu Teilaspekten dieser symbolischen Repräsentationen sind schon zahlreiche Studien erschienen, etwa zur Festkultur, zu Ritualen und zur Gestaltung des städtischen Raums. Nun hat der australische Politologe Graeme Gill, ein profunder Kenner der politischen Geschichte der Sowjetunion, die erste Gesamtdarstellung sowjetischer Symbolwelten vorgelegt. Dabei steht für ihn die Frage im Mittelpunkt, wie sich die symbolischen Repräsentationen der Politik und die mit ihnen verbundenen Legitimationsstrategien im Verlauf der Sowjetgeschichte veränderten.

Gill betrachtet die Sowjetunion als eine Ideokratie, in der die Politik maßgeblich von der marxistisch-leninistischen Ideologie bestimmt war. Diese Ideologie sei in einer vereinfachten Form in die Gesellschaft hineinkommuniziert worden, die Gill als „Metanarrativ“ bezeichnet. Als Hauptbestandteile des Metanarrativs identifiziert er insgesamt sechs Mythen: die Oktoberrevolution, den Aufbau des Sozialismus, den Typus der politischen Führungspersönlichkeit, die innere und äußere Opposition sowie den Sieg im Zweiten Weltkrieg. Diese Mythen wurden – wie er betont – in vier verschiedenen Sphären symbolisch repräsentiert: erstens in der Sprache, die Gill als das wichtigste Kommunikationsmittel überhaupt betrachtet, zweitens in der visuellen Kultur, unter der er vor allem Plakate und Werke der bildenden Kunst versteht, drittens in der materiellen Kultur, insbesondere im Städtebau und in der Umgestaltung der Natur, viertens in Ritualen der Festkultur und des Alltags.

Gills chronologisch strukturierte Darstellung beginnt mit der Entstehung des Metanarrativs in der frühen Sowjetzeit (1917-1929). Daraufhin wird seine weitere Entwicklung zu einem Produkt der stalinistischen Kultur (1929-1953) und zu einer „Alltagsvision“ (1953-1985) analysiert. Der Überblick schließt mit der Implosion des Metanarrativs im Spätsozialismus (1985-1991). Dass sich die von Gill vorgeschlagene Periodisierung an wichtigen Zäsuren der politischen Geschichte orientiert, ist schlüssig, weil aus seiner Sicht die politischen Eliten die wichtigsten Produzenten des Metanarrativs sind. Nur die Zusammenfassung der Regierungszeit Chruschtschows mit der Ära Breschnew, die wegen ihrer Spezifika inzwischen von einigen Forscher/innen als jeweils eigene Epochen aufgefasst werden, erscheint etwas problematisch.

Dem Metanarrativ bescheinigt Gill eine erhebliche Flexibilität, wodurch es gut auf wechselnde Rahmenbedingungen abgestimmt werden konnte. Dennoch kam es aus seiner Sicht letztlich zu einer Erosion des Metanarrativs, die nicht erst unter Gorbatschow, sondern schon unter Chruschtschow und Breschnew begonnen habe. Dies begründet Gill plausibel damit, dass nach Stalins Tod der Mythos von der charismatischen Führungspersönlichkeit aufgegeben wurde. Dadurch sei die integrative Kraft verloren gegangen, die bis dahin Inkonsistenzen im Metanarrativ überdeckt habe. Außerdem sei unter Chruschtschow der Mythos vom Aufbau des Kommunismus in zweierlei Hinsicht modifiziert worden, was sich für das Metanarrativ als verhängnisvoll erwiesen habe. Erstens habe die Proklamation eines klaren Zeitplans für das Erreichen des Kommunismus die Leistungen des politischen Systems besser überprüfbar gemacht und Enttäuschung seitens der Bevölkerung wahrscheinlicher erscheinen lassen. Zweitens sei der Kommunismus nun deutlich stärker als eine Überflussgesellschaft charakterisiert worden, anstatt sie wie bisher vorwiegend als ein völlig neues Gesellschaftsmodell zu kennzeichnen. Dadurch hätten sich die Unterschiede zum Kapitalismus verwischt. Auch die Forcierung des Mythos vom Sieg im Zweiten Weltkrieg unter Breschnew habe dazu beigetragen, dass das spezifisch Sozialistische an der Sowjetunion in den Hintergrund getreten sei, da die Sowjetunion hier gemeinsam mit den westlichen Alliierten gekämpft habe. Letztlich habe die zunehmende Inkohärenz des Metanarrativs zu dessen Implosion geführt, was wiederum erheblich zum Zusammenbruch des Sowjetsystems beigetragen habe.

Wie Gill feststellt, veränderten sich mit dem Metanarrativ auch die Legitimationsstrategien des Systems. Während für die frühe Sowjetzeit ein breiter Mix von Strategien kennzeichnend war, wurde in der Stalin-Ära die charismatische Führung stark betont. Unter Chruschtschow und Breschnew standen die Leistungsfähigkeit des Systems und seine rechtlich-rationale Legitimation im Vordergrund. Das Reformprogramm Gorbatschows stützte sich vorwiegend auf eine Mischung aus demokratischer und rechtlich-rationaler Legitimation. Zwei Legitimationsstrategien blieben laut Gill über die gesamte Sowjetzeit hinweg konstant: der ideokratische und der teleologische Legitimationsmodus, also der Bezug auf den Marxismus-Leninismus und auf das Endziel des Kommunismus.

An dieser Zusammenfassung lässt sich bereits erkennen, dass das Buch bei allen Stärken auch einige Schwächen hat. Die klare Systematisierung verschiedener Mythen und Legitimationsmodi erlaubt zwar eine klare Strukturierung des Stoffes, wirkt zum Teil aber auch etwas schematisch. Irritierend ist zudem, dass – anders als der Titel des Bandes erwarten lässt – nicht Symbole, sondern Metanarrative und Mythen (in ihren symbolischen Repräsentationen) die zentralen Analysekategorien der Untersuchung sind.

Ein weiterer Schwachpunkt liegt in den Akzenten, die die Monografie setzt, und aus den Ausblendungen, die sich daraus ergeben. Zwar bezeichnet Gill symbolische Kommunikation als eine Zwei-Weg-Kommunikation und betont, dass symbolische Repräsentationen immer auf die Akzeptanz der Bevölkerung angewiesen sind. In diesem Zusammenhang rezipiert er die neuere Forschung zur Konstituierung des Subjekts im Stalinismus und in der Breschnew-Zeit, die die aktive Aneignung des offiziellen Diskurses auf der individuellen Ebene hervorhebt. Dennoch überwiegt im empirischen Hauptteil des Buches deutlich die Top-Down-Perspektive. Gill konzentriert sich stark auf den offiziellen Diskurs und geht kaum auf Aneignungsweisen oder auf Gegennarrative ein. Dementsprechend liest sich die Studie über weite Strecken wie eine (zugegebenermaßen brillante) politische Geschichte der Sowjetunion, zumal der Schwerpunkt auf der verbalen Ebene des Diskurses liegt.

Außerdem beschränkt sich Gill bei seiner Analyse der visuellen Repräsentationen fast ausschließlich auf das politische Plakat. Dies ist einerseits eine kluge Entscheidung, weil sich hier auf eine umfangreiche Forschungsliteratur zurückgreifen lässt. Andererseits hat dies den Nachteil, dass hier ein Medium in den Blick genommen wird, das zwar zu Beginn der Sowjetzeit eine führende Stellung einnahm, das aber im Verlauf des Untersuchungszeitraums angesichts der Konkurrenz mit anderen Medien (vor allem mit der Fotografie sowie mit Film und Fernsehen) deutlich an Relevanz verlor.

Bedauerlich ist schließlich auch, dass Gills Forschungsüberblick überwiegend auf englischsprachiger Sekundärliteratur basiert. Hierdurch fehlen in seiner Synthese wichtige Ergebnisse der neueren europäischen Forschung.

Trotz dieser Einwände überwiegen die Vorzüge des Buches bei weitem. Insgesamt hat Gill einen souveränen, gut geschriebenen Überblick vorgelegt, der auf einer beeindruckenden Quellenkenntnis beruht und eine Synthese wichtiger Forschungsergebnisse bietet. Die Studie zeigt erstmals umfassende diachrone Entwicklungslinien in der Entwicklung sowjetischer Symbolwelten auf, stellt dabei viele bereits bekannte Details in einen größeren Zusammenhang und ergänzt diese teilweise auch um neue Interpretationen. Es wird zweifellos für alle zu einem Standardwerk werden, die sich für symbolische Politik in der Sowjetunion interessieren.

Anmerkung:
[1] Murray Edelman, The symbolic uses of politics, Urbana 1967.

ZitierweiseIsabelle de Keghel: Rezension zu: Gill, Graeme: Symbols and Legitimacy in Soviet Politics. Cambridge 2011, in: H-Soz-u-Kult, 19.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-056>.

Copyright (c) 2012 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.

 
1 / 1 Rezension