1 / 1 Rezension

Europäische Geschichte

G. Alexopoulos u.a. (Hrsg.): Writing the Stalin Era

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Robert Kindler <robert.kindlerstaff.hu-berlin.de>
Titel:Writing the Stalin Era. Sheila Fitzpatrick and Soviet Historiography
Herausgeber:Alexopoulos, Golfo; Hessler, Julie; Tomoff, Kiril
Ort:Basingstoke
Verlag:Palgrave Macmillan
Jahr:
ISBN:978-0-230-10930-8
Umfang/Preis:brosch.; 254 S.; € 22,99

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Sandra Dahlke, Deutsches Historisches Institut Moskau
E-Mail: <dahlkehsu-hh.de>

Wohl kaum eine Historikerin hat die Erforschung der sowjetischen Geschichte in den letzten Jahrzehnten so geprägt wie Sheila Fitzpatrick. Ihre Arbeiten haben Themen gesetzt und Debatten ausgelöst. Ihr Seminar kann als eine der zentralen Denkfabriken des Fachs gelten. Das gesamte Feld der sowjetischen Geschichte der 1920er- bis 1950er-Jahre wurde und wird von ihren Doktoranden beackert, von denen viele inzwischen selbst wichtige Positionen besetzen. Nun haben einige von ihnen eine Festschrift herausgegeben. Die Beiträge sind aus einem Workshop hervorgegangen, der 2007 in Melbourne stattgefunden hat.

Die Sammlung folgt nur bedingt dem in Deutschland üblichen Festschriftformat. Sie beinhaltet drei Textsorten. Zwei einleitende Aufsätze von Ronald Grigor Suny und Julie Hessler analysieren und kontextualisieren das Werk Fitzpatricks. Im mittleren Teil befinden sich im engeren Sinne wissenschaftliche Beiträge. Der letzte und ungewöhnlichste Teil setzt sich aus Reminiszenzen einiger ihrer Weggefährten aus unterschiedlichen privaten und professionellen Lebenszusammenhängen zusammen.

Die außerordentliche Position, die Fitzpatrick heute einnimmt, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, wie hart sie sich ihren Platz in der durch den Kalten Krieg geprägten amerikanischen Sowjetologie erkämpfen musste. Ronald Grigor Suny, Fitzpatricks Bruder, der am Trinity College in Dublin lehrende Historiker David Fitzpatrick und der Sowjetunionspezialist und Politologe Jerry Hough ordnen ihren akademischen Werdegang in den Kontext der amerikanischen Sowjetunionwissenschaft seit den 1970er-Jahren ein. Diese Beiträge können als Analysen der ideologisch aufgeladenen amerikanischen Wissenschaftskultur im Kalten Krieg gelesen werden. Fitzpatrick war in mehrerlei Hinsicht eine Außenseiterin: Als in Großbritannien akademisch sozialisierte Australierin, als junge Frau und als Tochter des bekannten australischen Publizisten, Sozialisten und Bürgerrechtlers Brian Fitzpatrick sah sie sich mit einer Phalanx von konservativen Politologen und Politikberatern konfrontiert, die die amerikanische Sowjetunionforschung beherrschten.

Diese Konflikte, die Fitzpatrick und andere jüngere Historiker mit den etablierteren Kollegen ausfochten, waren neben der zunehmenden Etablierung sozialgeschichtlicher Paradigmen möglicherweise ein Grund für Fitzpatricks sachlich-konfrontativen Stil in der akademischen Debatte über die Genese des Stalinismus. Diese wurde wesentlich durch ihren Aufsatz „New Perspectives on Stalinism“[1] geprägt, in dem sie die Zunft aufforderte, von den Prämissen einer simplifizierenden Totalitarismustheorie abzurücken und das Regime Stalins in seinen sozialen Verankerungen in den Blick zu nehmen, was ihr den Vorwurf des Revisionismus stalinscher Gewaltherrschaft einbrachte.

Für Fitzpatricks Werk ist die sozialwissenschaftliche Kategorie der Klasse – und eng damit verbunden die der „social mobility“ – zentral, wenn es darum geht die Bedingungen stalinistischer Herrschaft zu erfassen. Während Suny es sich zur Aufgabe macht, die Modifikationen und Verfeinerungen dieses Konzepts zu dekodieren, die Fitzpatrick im Laufe ihrer Karriere vornahm, nimmt Julie Hessler eine andere Perspektive ein. Ihr Beitrag konzentriert sich auf die Konstanten in Fitzpatricks wissenschaftlichem Oeuvre, die Hessler einerseits in ihrem Verständnis von Kultur und andererseits in ihrem kreativen Umgang mit Archivquellen ausmacht. Fitzpatricks Konzept von Kultur sei durch ein negatives Menschenbild geprägt. Im Unterschied zu neueren Forschungen über Subjektivität verstehe sie die Motive menschlichen Handelns als anthropologische Konstante. Menschen handelten demnach aus durch soziale Faktoren bedingtem Eigeninteresse und Vorteilsnahme gegenüber anderen. Diese Eigenschaften würden in Fitzpatricks Lesart lediglich in unterschiedlichen historischen Kontexten auf verschiedene Weise kanalisiert.

Die im engeren Sinne wissenschaftlichen Artikel können hier nur in knapper Form gewürdigt werden:

Yuri Slezkine problematisiert am Beispiel eines Interviews, das er mit einer über 80-jährigen Zeitzeugin über ihre Erlebnisse in den Jahren 1937/38 geführt hat, grundlegende Probleme und ethische Dilemmata von Historikern im Umgang mit Zeitzeugen.

Joshua Sanborn untersucht die Überlebensstrategien der Bevölkerung im russischen Teil Polens in den ersten Wochen des Ersten Weltkriegs in einer von der zarischen Armee und deutschen Truppen hart umkämpften Grenzregion. Die dilettantische Politik der russischen militärischen Verwaltung erstickte ziviles Engagement, führte zu wirtschaftlichen Verwerfungen und schürte ethnische Konflikte. Das Massaker deutscher Truppen an den Einwohnern der Grenzstadt Kalisz sowie der auf beiden Seiten verbreitete Antisemitismus ermöglichten jedoch schließlich eine kurzzeitige Allianz zwischen Polen und Russen.

Einer der herausragenden Beiträge ist der Matthew Paynes über die Sesshaftmachung der kasachischen Nomaden zwischen 1928 und 1934, in deren Verlauf fast die Hälfte der nomadischen Bevölkerung umkam. Den Grund für deren Vernichtung sieht er im Unterschied zur Kollektivierung in der Ukraine nicht in einer Politik, die auf Disziplinierung durch Hunger zielte, sondern in einer tragischen Dialektik zwischen der Strategie der stalinschen Führung in Moskau und den Interessen der örtlichen Parteikader. Dennoch sei es nicht die humanitäre Katastrophe gewesen, die Moskau zum Einlenken und zur „Säuberung“ der kasachischen Parteiführung bewegten, sondern die Befürchtung, der örtliche Parteisekretär Goloschtschekin habe die Kontrolle über seine Organisation verloren und die Situation könne durch Fluchtbewegungen und Epidemien vollends aus dem Ruder geraten.

Ein ähnliches Muster macht Golfo Alexopoulos in ihrem sehr lesenswerten Beitrag aus. Sie untersucht den Verlauf einer Inspektion durch eine Untersuchungskommission des Innenministeriums 1952 im Lagerkomplex Petchorlag. Die Inspektion war durch Berija veranlasst worden, der durch die Eingabe eines Lagerhäftlings alarmiert worden war, in der von grausamen Foltermethoden der Wärter berichtet wurde. Alexopoulos zeigt, dass es nicht die Gewalt oder gar das dem Häftling geschehene Unrecht waren, die Berija zum Handeln veranlassten, sondern der Eindruck, die Lagerleitung habe keine Kontrolle über Häftlinge und Lagerpersonal.

Lynne Viola diskutiert Erinnerungen einer weiteren Opfergruppe der stalinistischen Gewaltherrschaft, der so genannten Sondersiedler. Sie analysiert autobiographische Texte und Interviews mit Menschen, die als Kinder oder Jugendliche in solche Sondersiedlungen deportiert worden waren. Im Unterschied zu den Gulag-Memoiren von Intellektuellen, von denen einige bereits im Zuge der Entstalinisierung Chruschtschows der sowjetischen Öffentlichkeit zugänglich wurden, konnten sich die ehemaligen Sondersiedler erst seit den 1990er-Jahren über ihre Erlebnisse äußern.

Mie Nakachie analysiert die aus ihrer Sicht kontraproduktiven Auswirkungen der 1944 in Kraft getretenen Familiengesetzgebung, mit der die politisch Verantwortlichen hofften, pronatalistische Impulse zu setzen. Das Gesetz sah vor, Männer von der Verpflichtung zu entheben, für ihre außerehelich geborenen Kinder Alimente zu zahlen. Als Kompensation sollte den Müttern staatliche Unterstützung gewährt werden, die jedoch aufgrund fehlender Ressourcen schließlich auf ein Minimum reduziert wurde. Diese Politik habe die Geschlechterverhältnisse nachhaltig belastet und sich auf längere Sicht negativ auf die Geburtenrate ausgewirkt.

Mark Edele untersucht die Folgen, die die Gewährung von Privilegien an bestimmte Kategorien von Kriegsveteranen zeitigte. Diese Initiative Breschnews in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre führte zum Protest anderer Kriegsteilnehmer, die sich ebenfalls berechtigt fühlten. Die Vielzahl individueller Beschwerden habe eine unintendierte Dynamik entfesselt, die schließlich zur Institutionalisierung der Statusgruppe der Kriegsveteranen geführt habe.

Kiril Tomoff geht am Beispiel des antikommunistischen Hollywood-Films „The Iron Curtain“ (1948), dessen Ausstrahlung die sowjetische Regierung verhindern wollte, der Frage nach, wie kulturpolitische Konfrontationen zwischen der Sowjetunion und den USA das internationale Wirtschafts-, Kultur- und Rechtssystem mithervorbrachten, das gemeinhin erst mit der Zeit nach 1989 assoziiert wird. Sein Beitrag, der sich wie ein Spionagethriller liest, fokussiert insbesondere auf die Auseinandersetzung über die Rechte an der in diesem Film gespielten Musik sowjetischer Komponisten (Schostakowitsch, Prokofjew, Chatschaturjan).

James T. Andrews beschreibt, wie der Pionier der sowjetischen Raumfahrtforschung Konstantin Ziolkowski (1857–1935) das offizielle Leitbild des Wissenschaftler-Helden nutzte, um seine eigenen Vorstellungen von wissenschaftlicher Aufklärung zu verfolgen.

Was ist der Ertrag dieses Bandes? Die wissenschaftlichen Beiträge sind bis auf wenige Ausnahmen sehr lesenswert, auch wenn vieles aus anderen Arbeiten der Autoren schon bekannt ist und der offenbar allgegenwärtige Zwang, die eigenen Forschungsergebnisse mit den Paradigmen Fitzpatricks abzugleichen, zuweilen penetrant und unangemessen wirkt. Das Interessante an dieser Sammlung scheint mir vor allem zu sein, dass darin sichtbar wird, wie sich in der amerikanischen Wissenschaftskultur dominante „Schulen“ – man könnte auch von „Zirkeln“ (kruschki) sprechen – konstituieren. Die Herausgeber geben in ihrem Vorwort an, sie hätten sich in der Gestaltung der Festschrift an dem russischen biographischen Genre der „Erinnerung an Zeitgenossen“ (Wospominanija sowremennikow) orientiert. Und in der Tat scheint vieles von dem, was Barbara Walker über die Funktionen der „Erinnerung an Zeitgenossen“ für die Selbstverständigung der russische Intelligenzija und die Funktionsmechanismen ihrer Zirkel geschrieben hat[2], auch auf die vorliegende Festschrift zuzutreffen. Sie zeugt zwischen den Zeilen von der herausragenden Bedeutung Fitzpatricks als Zentrum eines „Zirkels“, aber auch vom ambivalenten, zwischen Bewunderung, Abhängigkeit und Konflikthaftigkeit schwankenden Verhältnis ihrer ehemaligen Doktoranden zu einer starken Patronin.

Anmerkungen:
[1] Sheila Fitzpatrick, New Perspectives on Stalinism, in: Russian Review 45 (1986), S. 357–373.
[2] Barbara Walker, On Reading Soviet Memoirs: A History of the „Contemporaries“ Genre as an Institution of Russian Intelligentsia Culture from the 1790’s to the 1970’s, in: Russian Review 59 (2000), S. 327–352; dies., Maximilian Voloshin and the Russian Literary Circle. Culture and Survival in Revolutionary Times, Bloomington 2005.

ZitierweiseSandra Dahlke: Rezension zu: Alexopoulos, Golfo; Hessler, Julie; Tomoff, Kiril (Hrsg.): Writing the Stalin Era. Sheila Fitzpatrick and Soviet Historiography. Basingstoke 2011, in: H-Soz-u-Kult, 27.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-3-190>.

Copyright (c) 2012 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.

 
1 / 1 Rezension