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European History Primary Sources [EHPS]

 

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Thomas Meyer <meyertgeschichte.hu-berlin.de>
Web-Site:European History Primary Sources
http://primary-sources.eui.eu/
Herausgeber:Department of History and Civilization, European University Institute: Florence, IT <www.eui.eu/HEC/>; European University Institute Library: Florence, IT <www.eui.eu/LIB/>
Weitere Informationen:[Clio-online Webverzeichnis]

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Martin Munke, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz
E-Mail: <munkehrz.tu-chemnitz.de>

Wo Historiker früher Bibliografien wälzen und weite Reisen in Archive auf sich nehmen mussten, reichen heute oft ein paar Klicks und die Eingabe von Suchworten am PC. Vermehrt entstehen Sammlungen im Internet, in denen Quellen digitalisiert und online verfügbar gemacht werden. Den Überblick zu behalten, fällt schwer. Neben speziell auf die Bedürfnisse von Historiken abzielenden Suchmaschinen wie dem Angebot von „Clio-online“[1] haben es sich thematisch orientierte Indexseiten wie beispielsweise das auf dem Wiki-Konzept beruhende „EuroDocs“[2] zur Aufgabe gemacht, solche Onlinesammlungen zu verzeichnen und die Recherche in ihnen zu erleichtern.

Bei dem Projekt „European History Primary Sources“ (EHPS) handelt es sich um ein noch junges Angebot dieser Art, welches – nach längerer Testphase – seit Juni dieses Jahres in seiner endgültigen Form zugänglich ist. Die englischsprachige Seite wird von der Bibliothek und dem „Department of History and Civilisation“ des „European University Institute“ (EUI) in Florenz betrieben und betreut. Die Institution betreibt außerdem den „History Central Catalogue“ der „World Wide Web Virtual Library“ [3] , eines der ältesten Portalangebote, welches sich nicht auf die europäische Geschichte beschränkt. EHPS wird diesem Angebot ebenfalls zugeordnet. Ziel des Projekts ist es, ein Verzeichnis der wichtigsten wissenschaftlichen Webangebote, die einen freien Online-Zugriff auf Primärquellen zur europäischen Geschichte und entsprechende Recherchemöglichkeiten bieten, aufzubauen. Die wachsende Zahl digitaler Archive und Sammlungen soll so überblickshaft erfasst und nach mehreren Kriterien durchsuchbar gemacht werden.

Die eingetragenen Angebote werden dabei in fünf Kategorien systematisiert: Land, Sprache, zeitliche Einordnung, Thema und Quellentyp. Regionale Schwerpunkte liegen auf Sammlungen zur britischen (54 Einträge) und deutschen Geschichte (52 Einträge). Dahinter folgen dann dezidiert europäisch ausgerichtete Angebote (bisher 35 Einträge). Die Türkei und Russland sind ebenfalls vertreten, wenn auch zunächst nur mit wenigen verzeichneten Sammlungen. Sprachlich liegt der Fokus auf englisch- und deutschsprachigen Seiten. Die Zahl der Einträge unterscheidet sich hier allerdings erwartungsgemäß stärker (109 zu 75). Den zeitlichen Schwerpunkt bildet eindeutig die europäische Geschichte ab dem 16. Jahrhundert mit insgesamt 394 Einträgen. Darunter stechen das 19. und 20. Jahrhundert mit bisher 108 bzw. 130 verzeichneten Angeboten hervor. Für den gesamten Bereich „Mittelalter“ sind dagegen nur 46 Einträge vorhanden. Und Hinweise auf Sammlungen zur Geschichte Europas in der Antike finden sich gleich gar keine. Auf EHPS selbst wird die zeitliche Beschränkung auf die mittelalterliche, frühneuzeitliche und neuzeitliche bzw. Zeitgeschichte nicht begründet. Nur in der Pressemitteilung zum Start des Portals[4] wird sie erwähnt. Als stellenweise uneinheitlich erscheint die Einordnung nach thematischen Kriterien. So ist unter dem Begriff „cartography“ lediglich die digitale Kartensammlung der Universität Utrecht[5] eingetragen. Andere kartografische Angebote wie der „Atlas des Deutschen Reichs“ von Ludwig Ravenstein[6] tauchen unter dieser Kategorie hingegen nicht auf. Abschließend kann nach Quellentypen wie Büchern, Archivalien oder Bildern unterschieden werden. Hier sind die eben genannten Angebote dann wieder beide unter „maps“ eingetragen.

Zu jedem bei EHPS verzeichneten Angebot existiert ein beschreibender Text von unterschiedlicher Ausführlichkeit, der dessen Inhalte und Ziele nennt und auf knappem Raum zusammenfasst. Über einen Link wird auf die jeweilige Internetseite verweisen. Weiterhin sind die Kategorien aufgeführt, unter denen das Angebot eingetragen wurde. Ähnliche gelagerte Seiten können so ebenfalls schnell aufgerufen werden. Der Umfang der verzeichneten Sammlungen ist höchst unterschiedlich. Die Spanne reicht von umfassenden Angeboten wie „British History Online“ [7], seinerseits eine Indexseite mit zahllosen erfassten Quellen, bis hin zum genannten Ravenstein'schen Atlas, der eben nur diese eine Quelle verfügbar macht. Der selbstformulierte Anspruch, die „wichtigsten“ Sammlungen und Angebote zu verzeichnen, scheint nicht unbedingt bei jedem Eintrag zur Geltung zu kommen.

Der Aufbau von EHPS ist sachlich-nüchtern, übersichtlich und zweckmäßig. Die Suchmöglichkeiten können intuitiv erfasst werden, zudem steht eine Hilfefunktion zur Verfügung. Eine Anfrage kann auf vier verschiedene Arten erfolgen: dem einfachen Durchblättern der verzeichneten Webseiten, als Freitextsuche mit Schlagwörtern oder als Kombination der verschiedenen Verzeichniskategorien. Zudem besteht die Möglichkeit, die Indexseite per Google zu durchsuchen. Auch auf andere Portal- und Indexseiten mit ähnlichem Anspruch wird verwiesen. Die Kategorienanfrage bietet die einfachste Möglichkeit, eine Eingrenzung der Suchkriterien vorzunehmen. Die Qualität der Ergebnisse ist hierbei natürlich von der Qualität der Eintragungen abhängig, diese scheint aber abgesehen von kleinen Ausnahmen gegeben. Die Suchanfrage kann auch in anderen Sprachen als Englisch erfolgen, wobei dann naturgemäß nur die Titel der verzeichneten Angebote in der jeweiligen Sprache durchsucht werden. Im Vergleich zu „EuroDocs“ oder der „Virtual Library History“ beispielsweise bietet EHPS die umfassenderen Suchkriterien sowie eine größere Benutzerfreundlichkeit.

Ähnlich wie bei „Clio online“ ist allerdings keine direkte Suche in den Beständen der verzeichneten Angebote möglich. Der Nutzer kann also „nur“ Onlineangebote finden, die sich mit dem von ihm angegebenen Thema befassen und bei EHPS verzeichnet sind. Um konkrete Quellen zu ermitteln, ist dann die weitere Recherche in diesen Angeboten nötig. Mit der Vielfalt der Suchkriterien und dem geografisch weit gespannten Rahmen kann EHPS als Ausgangspunkt einer Recherche genutzt werden, die dann mit spezialisierten Angeboten fortgeführt und verfeinert wird. Für den mit den Onlineangeboten in „seinem“ Fachbereich vertrauten Nutzer wird dieser Schritt meist überflüssig sein, da er direkt die entsprechenden Seiten ansteuern kann. EHPS kann somit besonders für Nachwuchswissenschaftler, Studierende und interessierte Laien, die mit der Hilfe des Angebots eine erste Eingrenzung ihres Rechercheziels vornehmen können, nützlich sein. Umgekehrt können gerade kleinere, unbekanntere Angebote von der Auflistung in EHPS profitieren und einem größeren Benutzerkreis bekannt werden. Hier bietet sich auch für erfahrene Anwender die Möglichkeit, neue Funde zu machen.

Für registrierte Nutzer bietet die Seite zusätzliche Funktionen an. So können die Ergebnisse der durchgeführten Suchvorgänge gespeichert und die Qualität der angezeigten Webangebote bewertet werden. Vereinzelt finden sich entsprechende Kommentare; hier scheint eine spätere Einschätzung, etwa nach einem Jahr, sinnvoll. Dieser Aspekte könnte – bei entsprechendem Ausbau – gerade für unerfahrene Nutzer interessant werden. Diesen würde damit eine erste Einschätzung der fachlichen Qualität der verzeichneten Seiten geboten, die sie selbst nicht leisten können. Weiterhin ist es möglich, Internetangebote zur Aufnahme bei EHPS zu empfehlen. Die Anwender können so dazu beitragen, das bestehende Angebot weiter auszubauen. Als nicht zwingend nötig erscheint hingegen die (auch für nichtregistrierte Anwender verfügbare) Möglichkeit, sich per RSS-Feed oder Twitter über Neueinträge auf EHPS informieren zu lassen. In einer weiteren Rubrik werden Nachrichten zur Seite und digitalen Archiven allgemein publiziert.

Seinen eingangs formulierten Ansprüchen kann EHPS aufgrund der genannten Einschränkungen bisher noch nicht ganz gerecht werden. Es finden sich jedoch bereits eine große, kontinuierlich wachsende Anzahl von Einträgen – vor allem wenn man bedenkt, dass die Website anfangs lediglich von Gerben Zaagsma vom University College London betreut wurde. Mittlerweile wird dieser von Alexander Krüger, der am EUI als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig ist, unterstützt. Es muss sich zeigen, ob sich das Konzept der Bewertung und Ergänzung durch die Nutzer der Seite bewähren kann. Eine gute Ausgangsbasis jedenfalls ist vorhanden.

Anmerkungen:
[1] <www.clio-online.de> (30.10.2009).
[2] <eudocs.lib.byu.edu (30.10.2009).
[3] <vlib.iue.it/history/index.html> (30.10.2009)
[4] Online unter <primary-sources.eui.eu/news/european-history-primary-sources-officially-launched> (30.10.2009).
[5] <kaarten.library.uu.nl> (30.10.2009).
[6] <www.library.wisc.edu/etext/ravenstein> (30.10.2009).
[7] <www.british-history.ac.uk> (30.10.2009).

ZitierweiseMartin Munke: Web-Rezension zu: European History Primary Sources [EHPS], in: H-Soz-u-Kult, 07.11.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=158&type=rezwww>.

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