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Nationalsozialismus

S. Schleiermacher: Sozialethik im Spannungsfeld von Sozial- und Rassenhygiene

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Sozialethik im Spannungsfeld von Sozial- und Rassenhygiene. Der Mediziner Hans Harmsen im Centralausschuß für die Innere Medizin
Reihe:Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, 85
Ort:Husum
Verlag:Matthiesen Verlag
Jahr:
ISBN:3-7868-4085-7
Umfang/Preis:352 S.; € 54,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Wilfried Witte
E-Mail: <wittemedizin.fu-berlin.de>

Obzwar sie entgegen allgemeinen Verlautbarungen selten gesehen ward, es gibt sie noch: die interdisziplinäre Arbeit! Sabine Schleiermacher, die eine Abhandlung über die protestantische Sozialethik ausgehend von der Weimarer Republik bis 1938 vorgelegt hat, ist hiermit die erste Promovendin des Fachbereichs Humanmedizin der Freien Universität Berlin, die den Titel "Doctor rerum medicarum" verliehen bekam. Die Arbeit, die sie nach einem theologischen und historischen Studium in Hamburg, Heidelberg und Berlin fertiggestellt hat, enthält "Sprengstoff" für die wissenschaftliche Diskussion über das Verhältnis der Vorgängerorganisation des Diakonischen Werks, der sogenannten Inneren Mission, zur Ideologie des Nationalsozialismus. Sie zeigt eine unvermutete konzeptionelle Verbindung von Religion und Medizin auf. Im Mittelpunkt der Monographie steht der Sozialhygieniker Hans Harmsen (1899-1989) als Funktionär der Inneren Mission. Schleiermacher hat seinen Nachlaß im Bundesarchiv Koblenz als erste gesichtet, geordnet und bearbeitet.

Die Innere Mission war der "wichtigste protestantische Träger von Einrichtungen für körperlich und geistig behinderte sowie alte Menschen" (S.11). Die Sozialhygiene stellte eine sich in der Weimarer Republik etablierende Wissenschaft dar, deren Thema "Krankheit und soziale Lage" war. Schon am Ende des 19. Jahrhunderts bestand jedoch ein Konnex zur Rassenhygiene. Ein exponierter Vertreter der Verbindung beider Richtungen, soziale und generative "Frage", war der erste deutsche Lehrstuhlinhaber für Sozialhygiene in Berlin, Alfred Grotjahn. Die personale und inhaltiche Verbindung zur Sozialhygiene stellte die Innere Mission über den jungen Grotjahn-Schüler Hans Harmsen her.
Schleiermacher entwirft nun in fünf Kapiteln das Procedere dieser Integration, insoweit es sich um Harmsen Wirken in der Inneren Mission weitreichend entspinnt.

Harmsens Weg beginnt in der deutschen Jugendbewegung. Verschiedene "Wandervogel"- Organisationen waren zunächst sein Zuhause. "Innere Freiheit", die "innere Werte" widerspiegelt, sollten ein Fundament bilden für ein Verständnis eines jugendlichen Lebensstils. Die spezifische Vorstellung eines deutschen Volkes, das sich in steter Bedrohung von außen durch räumliche Expansion und nationale Dominanz in "Mitteleuropa" seiner selbst zu vergewissern habe, das "völkische Denken" also, muß es Harmsen schon früh angetan haben. Er organisierte sich schnell in "freideutschen", "jungdeutschen" Zirkeln: der einzelne ist nichts, das Ganze ist alles. Innerlichkeit und Konservativismus in "jungem Gewande" ("Christentum, Deutschtum und Sozialismus") machten Harmsens politische Einstellung aus, die er ohne jegliche originellen Irritationen gleichmäßig sein Leben lang propagiert zu haben scheint. Ein großes Vorbild war der lutherische Theologe Karl Bernhard Ritter (DNVP). Zu Harmsens völkischem Freiheitsbegriff gehörte notwendig, sich - wie könnte es anders sein - in verschiedenen Zusammenhängen und Organisationen für das "Grenz- und Auslandsdeutschtum" zu engagieren, um die "natürlichen Volksgrenzen" wiederherzustellen. Am Ende des ersten Kapitels attestiert Schleiermacher Harmsen ein "organizistisches Gesellschaftsbild". Sie vermißt hingegen "existentialistische Einsichten", zu denen "zahlreiche andere Zeitgenossen" ausgangs des 1. Weltkriegs gelangt seien (S.56). Während die Existenz und Ausprägung dieser "existentialistischen Einsichten" als bekannt vorausgesetzt werden, wird der Organizismus als Grundfeste in Harmsens Leben sehr treffend ausgeführt. Die spezielle Mischung aus Hybris und Banalität, die dabei motivierend war, beschreibt Schleiermacher mit: "Harmsen zählte zu den vom Neuluthertum geprägten Jungdeutschen, die sich für die Bewahrung der Schöpfung, d.h. die Durchsetzung ordnungstheologischer Kategorien, wie Volk, Rasse und Familie, einsetzen wollten und sich in der Nachfolge Christi verstanden." (S. 57)

Harmsen studierte Medizin und Nationalökonomie und folgte darin seinem Lehrer Grotjahn, dessen bevölkerungspolitische Vorstellungen ihn anzogen. Laut Schleiermacher entwickelte Harmsen dabei im Gegensatz zu Grotjahn ein eindeutiges Bekenntnis zur Rassenhygiene. Mit seiner medizinischen Doktorarbeit hat er sich nicht allzusehr gequält: auf 24 Seiten stellte er die unterschiedliche sozialpolitische Gesetzgebung zur Bekämpfung des Geburtenrückgangs von 1800 bis 1923 in Deutschland und Frankreich vor. Grotjahn begründete seine Fürsprache für die Arbeit damit, daß das Material bislang "völlig unbekannt" gewesen sei (S. 66). Die zweite, "philosophische" Doktorarbeit stellte dann ausführlicher die Bevölkerungspolitik Frankreichs dar, wobei genügend Platz war für Seitenhiebe auf den ungeliebten westlichen Nachbarn. Während, nach Baader, bei der medizinischen Dissertation die sogenannte positive Eugenik im Vordergrund stand (Bekämpfung des Geburtenrückgangs), ging es in der nationalökonomischen um "Sozialtechniken der `Aufartung´ staatstragender, erblich wertvoller Familien", um die Beseitigung der "schädlichen Erbmasse" (S.69f.). Seine Ansichten zur "praktischen Bevölkerungspolitik" hat Harmsen noch einmal 1931 in einer Monographie kundgetan. Da man ja möchte, daß Bücher, die man schreibt, von den `richtigen Leuten´ gelesen werden, schickte Harmsen Belegexemplare u. a. an Heinrich Brüning, Benito Mussolini und Adolf Hitler. Sein Anschreiben an Hitler sprach eine eindeutige Sprache, wenn es hieß: "Mit grossem Interesse und aufrichtiger Freude habe ich im `Völkischen Beobachter´ die Berichte über die Tagung nationalsozialistischer Ärzte in Leipzig gelesen, die ein starkes Bekenntnis zur Notwendigkeit planmässiger bevölkerungspolitischer Massnahmen enthielt." (S. 77)

Wie nun diese Bevölkerungspolitik mit der evangelischen "Sittlichkeit" zusammenhing bzw. zusammenkam, das wird im dritten Kapitel des Buches erläutert. Im medizinisch-wissenschaftlichen Verständnis des ausgehenden 19. Jahrhunderts war Sex bekanntlich eine niedere Angelegenheit mit der Tendenz zur Pathologie, so daß er nur wegen und in seiner reproduktiven Notwendigkeit gerechtfertigt und praktikabel war. Selbst Grotjahn, der nicht gerade für sein besonders freizügiges Leben bekannt war, hat in seinen Lebenserinnerungen verächtlich darauf hingewiesen, daß er als Student der Medizin (in der Lehre) mit Sexualität nur in Form von schrecklichen Krankheiten konfrontiert worden war. Es verdient eigentlich keines besonderen Hinweises, daß die Sittlichkeitsbewegung Sex außerhalb der Ehe als Quelle vielfältigen Übels ansah, während "Schmutz und Schund" im Theater und anderswo "Anstand und guter Sitte" ihrer Meinung nach Hohn sprachen und Abtreibungen im Rang eines Verbrechens standen.

Mit Beginn des 1. Weltkriegs stieg die Innere Mission verstärkt in die Sittlichkeitsbewegung ein. Nach dem Krieg war viel zu tun, der gesellschaftliche Umbruch bedrohte und untergrub die "Reinheit" der "Volksgemeinschaft". Die - nach eigener Einschätzung des Verbandes - inzwischen "leicht zum Spott" (S. 93) herausfordernde Bezeichnung "Volksgemeinschaft zur Wahrung von Anstand und guter Sitte" wurde umgeändert in "Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung" (AfV). Jetzt fehlte dem zentralen Gremium der Inneren Mission, dem "Centralausschuß", und den anderen Sittlichkeitswächtern noch jemand, der - wie es ein Funktionär ausdrückte - "die Arbeit macht" (S.94). Das war die Stunde des Mediziners Hans Harmsen. Schleiermacher schreibt dazu: "Mit der Anstellung Harmsens 1925 vollzog sich in der AfV noch kaum merklich ein Generationswechsel. Diesem jungen Mann von 26 Jahren stand ein Vorstand mit einem Durchschnittsalter von 65 Jahren gegenüber. Harmsen hatte sich als moderner, wissenschaftlich ambitionierter Sozialhygieniker mit dem Schwerpunkt Bevölkerungswissenschaft und -politik ausgewiesen. Von ihm erhoffte man sich eine Modernisierung der Sittlichkeitsbewegung, die der Lebenswelt der Weimarer Republik eher gerecht werden sollte." (S.96)
Harmsen machte das, was seiner Vorstellungswelt entsprach und was er konnte: er organisierte. Das Geflecht der verschiedenen Verbände, ihrer Interaktionen und der nicht ungewöhnlichen, dafür aber beharrlich betriebenen Maßnahmen hat Schleiermacher in mühevoller Kleinarbeit in Bezug auf Harmsen herausgearbeitet. Sehr bezeichnend ist Harmsens Auftreten im Rahmen der Weltbevölkerungskonferenzen, bei denen die Geburtenregelung auf der Tagungsordnung stand. Harmsen, der beklagte, daß Eheberatungsstellen zur "eugenetischen Beratung" immer mehr die Funktion von Sexualberatungsstellen übernehmen würden (S. 127), hatte 1928 und 1929 mit der Präsidentin der amerikanischen "Liga für Geburtenkontrolle" Margaret Sanger, die Deutschland bereiste und "Propagandakurse für Geburtenregelung" im Land einführen wollte (S. 125f.), zu tun. Sein Organisationstalent und seine exekutive Funktion ermöglichten es ihm jedoch, Sangers Bestrebungen in ihrer Bedeutung soweit herunterzuspielen, daß davon faktisch nichts blieb.

War sein Wirken hier mehr destruktiv, so konnte Harmsen an anderer Stelle auch sehr konstruktiv wirken. Im Rahmen des "Volksbundes für das Deutschtum im Ausland" hob der Nationalökonom hervor, daß für statistische Übersichten die Kirchen- und Pfarrbücher herangezogen werden müßten (S. 131). Die Arbeit des "Volksbundes" war später - so Schleiermacher - für die Umsetzung des "Generalplans Ost" und des "Arierparagraphen" von zentraler Bedeutung (S. 132). Die geänderte Perspektive der Sittlichkeitsbewegung vom einzelnen hin zur "Volksgemeinschaft" (S. 135f.) zeigt Schleiermacher auch im vierten Kapitel ihrer Arbeit auf, in der es explizit um Harmsens Tätigkeit als Leiter des Referats Gesundheitsfürsorge des Centralausschusses für die Innere Mission geht. Die Stoßrichtung ging gegen die Wohlfahrtspolitik der Weimarer Republik, die Sachße und Tennstedt als den Kompromiß der Weimarer Reichsverfassung bezeichnet haben. Die Innere Mission empfand die "explizit sozialstaatliche und wohlfahrtspolitische Ausrichtung des Weimarer Staates" als "Konkurrenz" (S. 145). Der Centralausschuß (CA) entschied sich mit der Wahl Harmsens als Referatsleiter für eine "biologistische, eugenisch ausgerichtete Sozialhygiene": "Mit der Anstellung eines wissenschaftlich orientierten Mediziners und Technokraten integrierte der CA neueste Argumentationen aus dem Bereich der Sozialmedizin, wodurch die Legitimationen für seine bisherigen Aktivitäten in der Gesundheitsfürsorge nun verobjektiviert und rational gestaltet wurden." (S.149f.).

Schleiermacher führt minutiös die verschiedenen Linien der Argumentation von Vertretern der Inneren Mission aus und stellt Harmsens aktive, interpretierende und exekutive Funktion dabei heraus. Es galt, die "Sprachlosigkeit der Kirche" z.B. bei der `Sexualethik´ zu beseitigen (S. 164). Harmsen wandte sich vehement gegen Abtreibung. Goutierte Mittel der Geburtenregelung hingegen waren die "eugenische Eheberatung, die Verteilung von Verhütungsmitteln nach Indikation oder eugenisch indizierte Sterilisation" (S. 167). Harmsen, den Schleiermacher der "völkisch ausgerichteten Rassenhygiene" zuordnet (S.192), hatte wie die Mehrheit im Centralausschuß (S. 201ff.) keine Schwierigkeit, dem Gesetzentwurf, der die Grundlage für das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" (1933) bildete, zuzustimmen. Eine eugenische Sterilisation wurde akzeptiert, Maßnahmen zur "Artreinigung" bei geistig und körperlich behinderten Menschen - so einer der Vertreter der Inneren Mission - sollten sein: 1. die Verwahrung in Anstalten, 2. die Sterilisation, 3. Ehegesundheitszeugnisse, 4. Meldepflicht bei Geschlechtskrankheiten und 5. die Stärkung des "Erbgesundheitsgewissens" der Bevölkerung (S. 214).

Die "deutsch-nationale Theologie der Schöpfungsordnungen", die sich der "Motive von Volk, Nation und Rasse bediente" (S. 215), ging, ausgehend von der Sittlichkeitsbewegung (S. 208), eine Verbindung mit der Rassenhygiene ein: "Eugenik wurde zum Dienst am Volk aus Nächstenliebe, mit der erbliche Sünde und Schuld überwunden werden konnte. Mit der Vererbungswissenschaft meinte man nun einen tieferen Einblick in die Schöpfungsordnungen gewinnen zu können und damit ein besseres Instrumentarium zur Herstellung von Ordnung zu besitzen. Man glaubte in ihr eine Bestätigung für theologische Grundannahmen zu finden. So sollte etwa eine ´negative´ genetische Disposition eines Menschen den "Sündenfall" der Menschheit bestätigen." (S. 216)
In der Situation der Weltwirtschaftskrise, die ganz praktisch auch die Innere Mission finanziell vor Probleme stellte, prägte Harmsen 1931 den Begriff der "differenzierten Fürsorge" (S. 222, 235, 277). Damit war praktisch der Schritt von der "quantitativen" zur "qualitativen" Bevölkerungspolitik getan. Fürsorgerische Leistungen sollten reserviert sein für diejenigen Personen, die auch im Wirtschaftsprozeß leistungsfähig waren, woraus sich der Wert des Menschen ergab.
Darüber ließe sich dann auch eine "Höherentwicklung des Volkes" erreichen. Die Kennzeichnung der Argumentation als utilitaristisch, die Schleiermacher für diese Ausführungen postuliert (S. 222, 233, 274, 282), ermangelt jedoch der begrifflichen Schärfe. Dies zeigt sich augenfällig, wenn die Autorin den "materialistisch verstandenen Utilitarismus" der Nationalsozialisten von dem Utilitarismus Harmsens abgrenzt (S. 274). Angesichts der heutigen Verständigungsschwierigkeiten zwischen Ethik in der Philosophie und Ethik im Rahmen der Medizingeschichte tut hier Klarheit allerdings Not.

Der Schritt, den Harmsen laut Schleiermacher nicht mehr bereit war zu gehen, war derjenige hin zur "Euthanasie". So lehnte er den "eugenisch indizierten Schwangerschaftsabbruch" ab (S. 251) und ebenso den Krankenmord (S. 281). Der offene Rassismus gegenüber den Juden hingegen stellte für ihn u.a. aus religiöser Motivation heraus kein Problem dar (S. 267-273).
Im fünften Kapitel des Buches unternimmt Schleiermacher eine Schlußdiskussion. Dabei bilanziert sie Defizite der Inneren Mission in der "Beachtung von Christologie und Eschatologie" durch den Einzug eines "gnadenlosen, konsequent mechanistischen Menschenbildes" in die Theologie. Harmsens Rolle bedeutet für sie den "Übergang von allgemeinen sozialdarwinistischen Vorstellungen zu konkreten sozialhygienischen Vorstellungen" bei der Inneren Mission im Sinne eines völkischen Denkens, das das alte "nationalkonservative Obrigkeitsdenken" ablöste (S. 279).
Schleiermachers Buch ist nicht für ein breites Publikum geschrieben, seine Lektüre ist keine leichte Kost. Die Lesbarkeit ist gemindert durch das erstmalige getreue Abbilden des organizistischen Geflechts, das die inhaltliche Umorientierung der protestantischen Sozialethik aufzeigt. Der Gegenstand diktierte offensichtlich den Stil der Darstellung. Da die zeitgenössische ethische Argumentation erschütternd dürr und tagespolitisch geschäftig ist, die Theologie merkwürdig simplifiziert und die Organisation penibel und umfassend war, kann die Darstellung dessen kaum stilistische `Funken´ versprühen. Was jedoch die Lesbarkeit unnötigerweise mindert ist die allgemeine Verwendung von Abkürzungen. Dies ist für den wissenschaftlichen Arbeitsprozeß zwar sehr verständlich, für die Lektüre der Publikation aber hinderlich; es kommt dabei zu Sätzen wie: "Während der Zeit des Nationalsozialismus arbeitete der von der AfV und dem DSB gegründete BA weiter." (S. 130) oder: "Nach ersten Vorbesprechungen gründete der CA auf Veranlassung des AfFB, gleichzeitig mit der Fachkonferenz für Eugenik, als deutsche Arbeitsgruppe und als Unterausschuß des AfFB, den EASE." (S. 161). Die gelegentliche Redundanz hingegen ist insgesamt eher nützlich, genauso wie das Personen- und Organisationen- / Institutionenregister notwendig sind.
1939 gelang es Harmsen mit Protegierung des Geo-Mediziners Heinz Zeiss, sich zu habilitieren. Der Rassenhygieniker Fritz Lenz stimmte nach eigenem Bekunden nur aus Rücksicht auf Zeiss zu (S. 65), fand aber eigentlich die in der Probevorlesung entworfenen "methodischen Vorstellungen" Harmsens "denn doch zu primitiv" (S. 64). Läßt man die Frage, ob Lenz´ Positionen essentiell weniger primitiv waren, einmal außer acht, so kann man resümieren: Die Arbeit Schleiermachers zeigt sehr gut auf, wie sich die brutale Banalität der theoretischen Entwürfe von Schöpfungstheologie und Rassenhygiene mit der Mediokrität und dem Organistionstalent eines Hans Harmsen verbanden. Daß vor dem damit geschaffenen inhaltlichen Hintergrund kein effektiver Widerstand gegen die nationalsozialistische Mordmaschinerie möglich war, leuchtet unmittelbar ein.

Abschließend sei gesagt, daß Harmsen nach dem 2. Weltkrieg unbehelligt weiter eugenische Bevölkerungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland betreiben konnte. So war er Sachverständiger des Bundesministeriums für Familie und Jugend und Mitbegründer von "pro familia"! Seine Rolle im Nachkriegsdeutschland ist Teil eines Forschungsprojekts am Institut für Geschichte der Medizin der Freien Universität Berlin unter dem Titel: "Aufbau des Gesundheitswesens nach 1945 - Neue Konzepte und Ziele?"

ZitierweiseWilfried Witte: Rezension zu: Schleiermacher, Sabine: Sozialethik im Spannungsfeld von Sozial- und Rassenhygiene. Der Mediziner Hans Harmsen im Centralausschuß für die Innere Medizin. Husum 1998, in: H-Soz-Kult, 02.06.1999, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=158>.

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