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Außereuropäische Geschichte

G. Krämer: Hasan al-Banna

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Schumann <christoph.schumannpolwiss.phil.uni-erlangen.de>
Autor(en):
Titel:Hasan al-Banna
Reihe:Makers of the Muslim World
Ort:Oxford
Verlag:Oneworld Publications
Jahr:
ISBN:978-1851684304
Umfang/Preis:160 S.; € 39,22

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Christian Wolff, Institut für politische Wissenschaft, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
E-Mail: <chwolffme.com>

Eine Biografie über Hasan al-Banna zu verfassen, bedeutet auch immer, die ägyptische Muslimbruderschaft in ihrem Werdegang und ihrem ideologischen Fundament zu beschreiben. Dies ist Gudrun Krämer mit ihrer lesenswerten Arbeit gelungen. Ihre Intention ist es dabei, die wissenschaftliche Lücke zu füllen, die das Fehlen einer Biografie Hasan al-Bannas bisher verursacht hat. Krämer sieht die Gründe dafür darin, dass die meisten Quellen über al-Banna äußert schwierig zu bewerten seien. Dies liegt daran, dass die Mehrzahl arabischer Arbeiten über al-Bannas Leben aus einem der Bruderschaft nahestehenden Umfeld stammen und er in diesen häufig charismatisch und ideologisch überhöht dargestellt wird. Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Lebens Hasan al-Bannas bedarf also einer angemessenen Sensibilität im Umgang mit der schwierigen Quellenlage. Krämer bezieht sich in ihrer Darstellung insbesondere auf al-Bannas eigene, mehrfach neu aufgelegte „Memoiren“ sowie seine Briefe, die Hasans Bruder Gamal al-Banna editiert hat. Im politischen Bereich stützt sich Gudrun Krämer auf eigene Übersetzungen von Pamphleten Hasan al-Bannas sowie auf Charles Wendells übersetzte und kommentierte Sammlung von Texten Hasan al-Bannas.

Die Autorin bietet neben den biografischen Eckdaten einen tiefergehenden Einblick in das familiäre und soziale Umfeld Hasan al-Bannas. Diese Analyse der existenziellen Erfahrungen al-Bannas die dessen Denken und Handeln erst verständlich machen, fehlt bisherigen Darstellungen. Zwar enthalten alle Standardwerke über die Muslimbruderschaft Einblicke in das soziale Milieu und die familiäre Umgebung, in der Hasan al-Banna aufwuchs[1]. Jedoch wurden diese biografischen Berichte wohl wegen der problematischen Quellenlage in diesen meist politikwissenschaftlichen Arbeiten kaum vertieft behandelt. Krämer widmet zudem auch dem Vater Hasan al-Bannas, Ahmad al-Banna, große Aufmerksamkeit. Sie berichtet von den Erfahrungshintergründen und den elterlichen Einflüssen, die die Person al-Banna erklärbar machen. Auf diese Weise gelingt es ihr zu zeigen, dass die Besonderheit der Muslimbruderschaft darin begründet liege, dass sie sich als eine alle Lebensbereiche des Menschen umfassende Organisation versteht. Ihren Ursprung hat diese Konzeption in der Haltung Hasan al-Bannas zu islamischer Lebenspraxis und Theologie gegenüber einer sich modernisierenden Welt, welche er sich im Rahmen seiner religiösen Ausbildung durch seinen Vater sowie seinen Lehrer Shaykh Zahran angeeignet hat. Krämer betont auch – und das ist ein Punkt, der meist wenig Aufmerksamkeit findet – den sufischen Einfluss, den al-Banna in seiner Zeit in Damanhur erfuhr und unterstreicht diesen Einfluss auf die Muslimbruderschaft. Hasan al-Banna wollte den Menschen als Individuum erneuern. Dies sollte durch schulische Weiterbildung, Sport, religiöse Belehrung und soziale Aktivität geschehen und einem umfassenden moralischen Weltbild folgen. Krämer zeichnet die Entstehung dieses Weltbildes wie – oben beschrieben – biografisch und im Kontext von Erfahrungshintergründen al-Bannas nach. Besonders hervorzuheben ist hierbei, dass sie auch die organisatorischen Vorgänger der Muslimbruderschaft nicht außer Acht lässt. So gründete Hasan al-Banna noch während seiner Schulzeit gemeinsam mit Freunden und ermuntert durch einen Lehrer eine Art Bruderschaft zur Verbesserung und Weiterentwicklung ihrer eigenen Lebensführung. Neben der individuellen Verbesserung ging es der Gruppe jedoch auch darum, auf die ägyptische Gesellschaft einzuwirken und moralische Verfehlungen Einzelner öffentlich anzuprangern. Al-Banna gewinnt in jungen Jahren den Eindruck des Niedergangs der zivilisatorisch, kulturell und moralisch ehemals gefestigten ägyptischen Gesellschaft. Deshalb wird hier al-Bannas Bemühen deutlich, eine Beziehung zwischen einem ägyptischen Patriotismus, einer auf Tradition und islamischer Moralität basierenden kollektiven Identität sowie modernisierter Lebenswirklichkeiten des 20. Jahrhunderts herzustellen. Dies stellt auch die Basis der Ideologie der Muslimbrüder dar und ermöglicht zum einen deren Einordnung in den Bereich des politischen Islam und zum anderen ein Verständnis ihres wenig definierten Slogans „Der Islam ist die Lösung“ (al-Islam huwa al-hall).

Durch die Herausarbeitung des Einflusses der biografischen Erfahrungen Hasan al-Bannas auf die ideologische Entwicklung der Muslimbruderschaft leistet Gudrun Krämer einen wichtigen Beitrag für die wissenschaftliche Diskussion über die Geschichte der Muslimbruderschaft. Darüber hinaus hilft ihre Biografie zu verstehen, warum die Person Hasan al-Bannas auch lange nach dessen Ermordung im Jahr 1949 noch heute einen so zentralen Platz im kollektiven Gedächtnis der ägyptischen Muslimbruderschaft einnimmt.

Anmerkung:
[1] Brynjar Lia, The Society of the Muslim Brothers in Egypt: the Rise of an Islamic Mass Movement 1928–1942, Ithaca 1998; Richard P. Mitchell, The Society of the Muslim Brothers, Oxford 1993.

ZitierweiseChristian Wolff: Rezension zu: Krämer, Gudrun: Hasan al-Banna. Oxford 2009, in: H-Soz-Kult, 16.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-033>.

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