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Mittelalterliche Geschichte

A. Rathmann-Lutz: "Images" Ludwigs des Heiligen

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Harald Müller <muellerhistinst.rwth-aachen.de>
Autor(en):
Titel:"Images" Ludwigs des Heiligen im Kontext dynastischer Konflikte des 14. und 15. Jahrhunderts
Reihe:Orbis Mediaevalis. Vorstellungswelten des Mittelalters 12
Ort:Berlin
Verlag:Akademie Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-05-004660-0
Umfang/Preis:geb.; 428 S.; € 74,80

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Julian Führer, Deutsches Historisches Institut Paris
E-Mail: <JFuehrerdhi-paris.fr>

Diese für den Druck überarbeitete Hamburger Dissertation befasst sich mit dem Nachleben König Ludwigs IX. von Frankreich im Spätmittelalter. Da die Figur des 1297 heiliggesprochenen Ludwig für die Legitimation und Selbstdarstellung des französischen Königtums von zentraler Bedeutung war, waren hier durchaus Vorarbeiten vorhanden und auch aktuell wird zu dieser Thematik geforscht. Jacques Le Goffs monumentale Studie zu Ludwig IX. von 1996 steht nicht im Zentrum der Erörterung der Literatur, obwohl Le Goff einen bedeutenden Teil seiner Darstellung eben dem Nachleben Ludwigs und der Schaffung eines spezifischen und je nach Interessenlage unterschiedlichen Ludwigsbildes widmete.[1] Zwischen Annahme und Publikation der vorliegenden Arbeit erschien in den USA eine weitere Auseinandersetzung mit dem Bild Ludwigs in der Nachwelt[2], so dass die Relevanz des Forschungsfeldes kaum begründet zu werden braucht, wohl aber die Notwendigkeit einer weiteren Studie zu Ludwigsbildern. Diese begründet die Autorin mit dem Begriff des „image“ (durchgehend in Anführungszeichen gehalten), womit die Auseinandersetzung in Bezug zu der „spezifische[n] mediale[n] Bedingtheit“ (S. 15) bestimmter Ludwigsbilder und ihren jeweiligen Deutungsangeboten in den folgenden Jahrhunderten gesetzt wird.

Die Gliederung des Buches ist letztlich chronologisch, indem nach Darlegung des „image“-Begriffes und Präsentation der relevanten Forschungsfelder zunächst die frühe Hagiografie und dann die Schaffung und der Einsatz von textlichen und bildlichen Ludwigsbildern bis zum Ende des 15. Jahrhunderts nacheinander gewürdigt werden. Anja Rathmann-Lutz betont, dass bereits Ludwig IX. selbst für das Bild, das man von ihm haben sollte, Sorge trug; sein Enkel König Philipp IV. der Schöne (1285–1314) förderte die Ludwigsverehrung nach Kräften, so dass das Ludwigsbild zunächst stark von der weltlichen Spitze Frankreichs gelenkt wurde und den heiligen König mehr als den königlichen Heiligen betonte. Mehrere Stiftungen Philipps IV. unter anderem in Poissy und Compiègne standen unter dem Patronat Ludwigs des Heiligen. Eine Überführung der Gebeine Ludwigs nach der Heiligsprechung in die von ihm gestiftete und seine Taten auch bildlich auf Fenstern zeigende Sainte-Chapelle war durch Philipp beabsichtigt und auch päpstlich sanktioniert, stieß aber auf erheblichen Widerstand der Mönche aus Saint-Denis und wurde nicht vollzogen. Mit dem Wechsel der Könige vollzog sich oft auch ein Wechsel in der Ludwigsverehrung, die mitunter die herausgehobene Position des heiligen Dionysius als für Frankreich und seine Könige besonders markierten Heiligen in den Schatten stellte. Ein weiterer bedeutender Heiliger war Karl der Große, der zeitweise, gerade unter Karl V. von Frankreich (1364–1380), Ludwig IX. überstrahlte. Ähnlich wie bei Karl dem Großen projizierte die Nachwelt ein positives Gegenbild zu aktuellen Missständen auf die bald immer weiter entrückte Regierungszeit Ludwigs IX., dessen „image“ bald nicht nur mit besonderer Sorge um Gerechtigkeit und herausragender Frömmigkeit verbunden war, sondern auch mit einer soliden Geldpolitik, die man seinen Nachfolgern gerade nicht nachsagen konnte. Der Kult des heiligen Ludwig wurde von den französischen Königen propagiert, konnte für sie aber auch Kritik von unerwünschter Seite bedeuten (vgl. z. B. S. 115).

Im Zentrum der Untersuchung steht die Interpretation verschiedener Stundenbücher, die in der verzweigten königlichen Familie in Gebrauch waren und spezifische, den individuellen Gegebenheiten angepasste „images“ Ludwigs des Heiligen schufen, den Heiligen aktualisierten und ihn in die Nähe verschiedener Rezipientengruppen rückte. Wichtig ist hier der Hinweis auf das relativ neue Medium des Stundenbuches als weiblich konnotierten Ausdrucksmittels der Frömmigkeit (S. 125, 272). Besonders intensiv interpretiert die Autorin das Stundenbuch der Jeanne d’Évreux (heute New York, Metropolitan Museum, The Cloisters Collection, Ms. 54.2.1) von 1324/1328, seinen Aufbau, die enthaltenen Texte und die Illustrationen. Dieses Stundenbuch war ein Geschenk König Karls IV. (1322–1328) und also sicherlich im Einklang mit dem zu dieser Zeit intendierten Ludwigsbild des letzten Kapetingers. Die das Ludwigsoffizium begleitenden Bilder stehen hierbei in keinem engen Zusammenhang zum Text, sondern seien, so die Autorin, auf die Aussagen der Vita des Guillaume de Saint-Pathus bezogen und würden so mit einem eigenen Ludwigsbild das Offizium interpretatorisch neu ausrichten. Verschiedene andere Stundenbücher wichen von dieser Darstellung jedoch ab. Durch überregionale Eheschließungen weiblicher Angehöriger der Königsfamilie kamen diese Bücher und damit der Kult des heiligen Ludwig auch nach England, Navarra und Italien, wo er teilweise auch eine gewisse Verbreitung fand.

Ludwig der Heilige war nach dem Erlöschen der direkten männlichen Nachfolge bei den Kapetingern als legitimierender Vorfahr mit ausschlaggebend für die Thronbesteigung Philipps V. (1317–1322), gleichzeitig rechtfertigte Eduard III. von England (1327–1377) seinen Anspruch auf den französischen Thron nicht nur über seine Mutter, die französische Königstochter Isabelle, sondern ebenfalls über eine Abstammung von Ludwig IX. Ab etwa 1340 schlug sich dies auch in der englischen Historiografie nieder. Die französischen Könige aus dem Hause Valois traten als Erneuerer von Stiftungen zugunsten des heiligen Ludwig auf oder schlossen auf andere Weise an diesen Vorfahren an (Weihe von Poissy 1331, Weihe der Ludwigskapelle in Saint-Denis als zentraler Kultort, Aufenthalte in Vincennes). Dazu kam die Verehrung eines weiteren heiligen Ludwig, nämlich Ludwigs von Toulouse aus dem Familienzweig der Anjou, der 1317 heiliggesprochen wurde und dessen Bild sich stellenweise mit dem des heiligen Königs überschnitt. Während die Ludwigsverehrung durch die Könige Frankreichs in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts mitunter nachließ, wurde Ludwig IX. durch die bei der Thronfolge 1328 übergangene Königin Johanna II. von Navarra (1328–1349) wieder in legitimatorischer Absicht in Anspruch genommen. In den von ihr in Auftrag gegebenen Handschriften (Guillaume de Saint-Pathus, Paris BN fr. 5716; Stundenbuch, Paris BN n.a.l. 3145, Jean de Joinville, Paris BN fr. 13568) wurde Ludwig zu einem gebildeten, aber auch kämpfenden König; die in den Handschriften enthaltenen Bilder verfolgten mithin ein gänzlich anderes Bildprogramm als die aus dem Umfeld der Valois. Die englischen Könige aus dem Haus Lancaster nahmen Ludwig IX. als Spitzenahn in Anspruch und dokumentierten dies auch durch einen in Paris in Notre-Dame ausgehängten Stammbaum. Da nach 1432 erhebliche Teile der königlichen Bibliothek nach England gelangt waren, hatte man auf der englischen Seite sämtliche Vorlagen zur Verfügung und konnte die bestehenden Ludwigsbilder nutzen und umfunktionieren. Nicht nur jede Epoche, sondern auch jede Partei, jeder Orden und jeder Familienzweig schuf sich so einen spezifischen Ludwig, der je nach den zur Verfügung stehenden medialen Mitteln auf unterschiedliche Weise propagiert wurde.

Das Buch ist ausgesprochen sauber lektoriert, es sind praktisch keine (in französischen Zitaten und Titeln einige wenige) Druckfehler zu finden. Besonders überzeugend ist die methodisch breite Anlage, die sowohl die Historiografie auswertet als auch kunsthistorische und liturgische Zusammenhänge miteinander verbindet. Die Fußnoten sind sehr umfangreich, das Literaturverzeichnis umfasst fast hundert Seiten. Etwas unbefriedigend ist allenfalls die Qualität der beigefügten Abbildungen. Obwohl die mittelalterliche Argumentation mit prominenten Vorfahren, die heiligen Könige des Mittelalters und speziell das Nachleben Ludwigs des Heiligen längst untersucht wurden, hat die Autorin hier Ergebnisse erzielt, die von der künftigen Forschung unbedingt beachtet werden sollten.

Anmerkungen:
[1] Jacques Le Goff, Saint Louis, Paris 1996 (dt. Ludwig der Heilige, Stuttgart 2000, dort Teil II: Die Produktion des königlichen Andenkens (S. 275–460) und Teil III: Ludwig der Heilige, ein einzigartiger und ein idealer König (S. 461–776)).
[2] M. Cecilia Gaposchkin, The making of Saint Louis: kingship, sanctity, and crusade in the later middle Ages, Ithaca 2008.

ZitierweiseJulian Führer: Rezension zu: Rathmann-Lutz, Anja: "Images" Ludwigs des Heiligen im Kontext dynastischer Konflikte des 14. und 15. Jahrhunderts. Berlin 2010, in: H-Soz-Kult, 12.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-215>.

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