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Nationalsozialismus

R. Rohrkamp: „Weltanschaulich gefestigte Kämpfer“

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Michael Wildt <michael.wildtgeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:„Weltanschaulich gefestigte Kämpfer“. Die Soldaten der Waffen-SS 1933-1945: Organisation - Personal - Sozialstrukturen
Ort:Paderborn
Verlag:Ferdinand Schöningh Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-506-76907-7
Umfang/Preis:656 S.; € 58,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Stefan Petke, Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin
E-Mail: <stefan.petkegooglemail.com>

Bereits 1986 legte Bernd Wegner mit seiner Studie zur Geschichte der Waffen-SS eine Arbeit vor, die noch immer den Rang eines Standardwerkes besitzt.[1] Nach Jahren anderweitiger Forschungsschwerpunkte, rückt seit einigen Jahren nun auch wieder verstärkt die Waffen-SS in den Fokus der Forschung jenseits der klassischen Militärgeschichte. Eine Reihe von bereits erschienenen und noch in Vorbereitung befindlichen Studien, scheint die von Sönke Neitzel 2002 aufgeworfene Frage, ob die Waffen-SS des Forschens noch wert sei, eindeutig mit ja zu beantworten.[2]

René Rohrkamp hat sich in seiner 2010 erschienenen Publikation fast 25 Jahre nach Wegners Erstauflage, so jedenfalls der Titel, erneut der Gesamtorganisation der Waffen-SS gewidmet. Das formulierte Ziel seiner Arbeit besteht in nichts Geringerem als „ein auf die Organisationsentwicklung projiziertes, dynamisches Sozialprofil der Waffen-SS entwerfen“ zu wollen (S. 21). Als Grundlage dient Rohrkamp ein Sample von 2.555 Wehrstammbüchern von Angehörigen der Waffen-SS, denen er ein Vergleichssample von Heeressoldaten, die wie die untersuchten Waffen-SS Wehrstammbücher aus dem Wehrkreis VI (SS-Oberabschnitt West) stammten, gegenüber stellte.

Rohrkamp orientiert sich in Methodik und Vorgehen ausdrücklich an der Studie von Christoph Rass zur 253. Infanteriedivision, um dessen gewonnene Erkenntnisse auf eine Übertragbarkeit auf die Waffen-SS zu überprüfen.[3] Anstelle einer hermeneutischen Quellenanalyse will Rohrkamp mit einer empirischen Datenerfassung und -auswertung „die quantitative Messbarkeit des von einer Organisation wie der Waffen-SS normativ Gewünschten“ (S. 22) ermöglichen.

Kurz und bündig führt Rohrkamp die Leser in die Quellengattung Wehrstammbuch ein. Nachvollziehbar erläutert er, dass das Sample aus den Wehrstammbüchern des WK VI/ SS-OA West als einer der flächenmäßig größten Wehrkreise und unter Berücksichtigung sowohl regionaler Streuung als auch unterschiedlicher Personalpools (Schutzpolizei, Fronthilfe Deutsche Reichspost und zur Waffen-SS versetzte Soldaten von Heer, Luftwaffe und Marine) im reichsweiten Vergleich repräsentative Daten liefert. Hier zeigt sich allerdings eine argumentative Schwäche, die auch im weiteren Verlauf der Arbeit nicht aufgehoben werden kann. Denn mögen auch die erhobenen Daten im reichsweiten Vergleich als repräsentativ gelten, so ist es nicht ersichtlich, wie von hier auf die gesamte Waffen-SS geschlussfolgert werden kann, die sich doch keineswegs allein aus deutschen Verbänden zusammensetzte, sondern im Verlauf des Krieges zu einem multiethnischen, Heer entwickelte.

Darüber hinaus bleibt er hinter den selbst formulierten Auswertungsmöglichkeiten des Datenmaterials zurück. Den Personalkreislauf in die Analyse einzubeziehen und die zunehmend im Forschungsinteresse stehenden Primärgruppen zu identifizieren, wird zwar als Ziel benannt, jedoch nicht mit aller Konsequenz verfolgt. Die Frage nach möglichen Netzwerken und ihrer Wirkungsmächtigkeit wird zu keinem Zeitpunkt näher beleuchtet.

Zwar scheinen die angeführten Arbeiten von Nina Baur zur Verlaufsmusteranalyse, von Amitai Etzoni und Günter Endruweit zur Organisationssoziologie hilfreiche Anknüpfungspunkte zu bieten,[4] doch gelingt es Rohrkamp nicht zu verdeutlichen, wie damit Rückschlüsse auf die Mentalität des Einzelnen Soldaten der Waffen-SS, noch dazu in den Mannschaftsdiensträngen, gezogen oder gar ein Sozialprofil der Waffen-SS entworfen werden kann.

Im zweiten Kapitel erfolgt die statistische Auswertung der Wehrstammbücher und damit die zentrale Leistung des Buches, über die sich Rohrkamp dem durchschnittlichen Waffen-SS Soldaten annähert. Mit Hilfe von acht Merkmalgruppen (Alterstruktur, regionale und familiäre Herkunft, Konfession, NS-Sozialisation, Rekrutierung, Zugehörigkeitsdauer und militärisches Leben) ordnet Rohrkamp die empirischen Daten. Solide, doch in weiten Teilen wenig überraschend sind die Resultate, die er gewinnt. Der durchschnittliche Waffen-SS Soldat war mit 1,74 m 6 cm größer als der Soldat des Heeres im Vergleichssample, besaß Schuhgröße 43 und nach heutiger Lesart einen idealeren Body-Maß-Index. Der höhere Anteil konfessionsloser bzw. keiner Kirche angehörender sogenannter Gottgläubiger ist ebenso zu erwarten wie die Tatsache, dass der Großteil der im Durchschnitt erheblich jüngeren Soldaten der Waffen-SS zu etwa 75% Mitglied in einer NS-Organisation war (33,8% innerhalb der Wehrmacht). Ob diese überzeugte Nationalsozialisten waren, lässt sich, wie Rohrkamp richtig bemerkt allerdings nicht objektiv feststellen. Nicht nur an dieser Stelle hätten Egodokumente die Arbeit bereichern und das zeitweise stark menschenleer wirkende Kapitel illustrieren können. Ärgerlich sind, aufgrund mangelhafter Umsetzung des Verlags, die Illustrationen und Diagramme in Text und Anhang, deren kaum unterscheidbare Graunuancen eine Zuordnung zuweilen unmöglich machen.

Trotzdem birgt das Kapitel Untersuchungsergebnisse, die in der Lage sind, bisherige Forschungsmeinungen zu ergänzen oder Anstoß zu weiteren Untersuchungen zu liefern. So kann zum Beispiel die von Felix Steiner und anderen nach 1945 kolportierte Legende, vor allem Angehörige des bäuerlichen Milieus hätten das Gros der Waffen-SS Soldaten gestellt, als endgültig widerlegt gelten. Rohrkamp kann zeigen, dass 66 Prozent der Soldaten aus Groß- und Mittelstädten stammten. Der stetig gestiegene Personalbedarf der Waffen-SS und die Versuche, allen voran von Gottlob Berger, diesen zu befriedigen, sind hinlänglich bekannt. Rohrkamp belegt nun, wie die Zeitspanne zwischen Musterung und Annahme bei der Waffen-SS möglichst kurz gehalten wurde. Vom Juli 1939 bis zum November 1944 konnte dieser Zeitraum von 193 auf 97 Tage verringert werden.

Bei der Aufgliederung nach Jahrgängen gelingt es Rohrkamp, die Rekruten der Jahrgänge 1911 – 1920 als wichtigsten Bestandteil der Primärgruppen auszumachen. Diese meist vor 1939 der SS-Verfügungstruppe (SS-VT) beigetretenen Soldaten erreichten nicht nur öfter den Rang eines Führers und Unterführers, sondern besetzten aufgrund ihrer längeren Dienstzeit auch die höchsten Mannschaftsdienstgrade. Somit bildeten ausgerechnet die Jahrgänge das Rückgrat der Waffen-SS, die ab 1939 dem Rekrutierungskreislauf des Heeres vorbehalten waren.

Nach dieser etwa 100 Seiten umfassenden Auswertung des Datenmaterials folgen auf den nächsten über 300 Seiten etwas unvermittelt vier Kapitel, die sich vor allem dem Aufbau der Waffen-SS als Organisation, ihrer Personalpolitik und dem SS-Hauptamt und SS-Führungshauptamt widmen. Das anfangs formulierte Ziel eines dynamischen Sozialprofils der Waffen-SS gerät trotz des Versuchs Rohrkamps, für die Jahre 1933 bis 1939 anhand von 60 Personalakten exemplarische Werdegänge der SS-VT herauszuarbeiten, in den Hintergrund. Der NS-Faktor scheint für diese Frühphase der Rekrutierung von Bedeutung gewesen zu sein. 63 Prozent des Vorkriegspersonals der SS-VT waren im Gegensatz zu 33 Prozent des Heeressamples, Mitglied einer NS-Organisation. 18 Prozent bei der SS-VT (zum Vergleich 14 Prozent beim Heer) waren sogar vor dem 30. Januar 1933 Mitglied einer NS-Organisation.

Demgegenüber kann der NS-Faktor für die Gruppe der zwischen 1940 - 1944 rekrutierten Waffen-SS-Soldaten nicht mehr überzeugen, da sich von diesen Jahrgängen nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz der Mitgliedschaft in einer der NS-Organisationen entzog. Trotzdem sieht Rohrkamp unbeirrt darin einen empirischen Beleg für „die Prägekraft des Nationalsozialismus für die deutsche Jugend und die – zusammen mit den Rekrutierungsumständen – daraus resultierende Homogenisierung bei den Mannschaftsdienstgraden der Waffen-SS.“ (S. 401)

Bereits zu Beginn der Publikation deutete sich an, dass die Arbeit den Ansatz eines dynamischen Sozialprofils nicht im geplanten Umfang würde einhalten können. Dies gelingt vor allem wenn Rohrkamp das statistische Material durch persönliche Beispiele illustriert. Hervorzuheben wäre in diesem Zusammenhang der Abschnitt Sozialstruktur und militärisches Leben (S. 329-338) der die Möglichkeiten und Chancen des Datenmaterials und seiner Präsentation aufzeigt.

So bleibt der Eindruck zurück, dass Rohrkamp das Potential seines Datenmaterials nur unvollständig ausschöpft. Dennoch bietet seine Arbeit etliche Anknüpfungspunkte für weitere Forschungen. Eine Netzwerkanalyse der Jahrgänge 1911 – 1920 und Fallstudien der so genannten germanischen Waffen-SS Divisionen auf Grundlage des mittlerweile im Bundesarchiv zugänglichen empirischen Materials scheinen hierbei als besonders lohnend.

Anmerkungen:
[1] Bernd Wegner, Hitlers politische Soldaten: die Waffen-SS 1933-1945. Leitbild, Struktur und Funktion einer politischen Elite, 9. Aufl., Paderborn 2010.
[2] Vgl. Sönke Neitzel, Des Forschens noch Wert? Anmerkungen zur Operationsgeschichte der Waffen-SS, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 61 (2002), S. 403-429.
[3] Christoph Rass, „Menschenmaterial“. Sozialprofil, Machtstrukturen und Handlungsmuster einer Infanteriedivision der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, Dissertation (Technische Hochschule Aachen), 2001.
[4] Nina Baur, Verlaufsmusteranalyse. Methodologische Konsequenzen der Zeitlichkeit sozialen Handelns, Wiesbaden 2005; Amitai Etzioni (Hrsg.), A sociological reader on complex organisations, New York 1980; Günter Endruweit, Organisationssoziologie, Berlin 1981.

ZitierweiseStefan Petke: Rezension zu: Rohrkamp, René: „Weltanschaulich gefestigte Kämpfer“. Die Soldaten der Waffen-SS 1933-1945: Organisation - Personal - Sozialstrukturen. Paderborn 2010, in: H-Soz-u-Kult, 06.12.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-4-169>.

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