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Frühe Neuzeit

M. Sandl: Medialität und Ereignis

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Claudia Prinz <prinzcgeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Medialität und Ereignis. Eine Zeitgeschichte der Reformation
Reihe:Medienwandel, Medienwechsel, Medienwissen 18
Ort:Zürich
Verlag:Chronos Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-0340-1018-4
Umfang/Preis:596 S.; € 55,50

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Susanne Rau, Historisches Seminar, Universität Erfurt
E-Mail: <susanne.rauuni-erfurt.de>

Während die deutschsprachige Forschung zur Reformationsgeschichte in den letzten Jahrzehnten in den Schatten des Konfessionalisierungsparadigmas getreten war, wirft nun das bevorstehende Reformationsjubiläum (2017) auch in der Forschung seine Schatten voraus. Ausstellungen werden vorbereitet, die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert den Ausbau von Forschungsbibliotheken zur Kulturgeschichte des Protestantismus und neue Bücher zu Martin Luther oder zur Reformationsgeschichte werden publiziert. Die Palette reicht von eher kürzer gehaltenen und teils an ein breiteres Publikum gerichteten Büchern (etwa von Volker Leppin, Thomas Kaufmann oder Athina Lexutt) zu recht umfangreichen Büchern (etwa von Heinz Schilling).[1] Das hier vorzustellende Buch ist nicht nur umfangreich, sondern auch hoch anspruchsvoll und damit primär an ein wissenschaftliches Publikum gerichtet. Bei „Medialität und Ereignis“ handelt es sich um die überarbeitete Konstanzer Habilitationsschrift von Marcus Sandl aus dem Jahr 2008, die das Ziel verfolgt, die Reformation als Zeitgeschichte und als Mediengeschichte darzustellen. Hierzu stellt sich gleich die Frage, inwiefern sich das Buch von anderen Darstellungen der Reformation, die medienwissenschaftliche Ansätze aufgegriffen haben, unterscheidet. Zu denken wäre hier an die Studien von Bob Scribner, Rainer Wohlfeil, Elizabeth Eisenstein, Philip Benedict oder Johannes Burkhardt.[2] Die Frage lässt sich freilich erst beantworten, wenn man weiß, was in dem Buch steht beziehungsweise was seine Thesen sind.

Um es sehr kurz zu fassen: Eine „Zeitgeschichte der Reformation“ zu schreiben, heißt für Marcus Sandl zum einen, sie aus der Sicht der Zeitgenossen zu schreiben. Wer diese Zeitgenossen waren, wird zwar nicht genau definiert, doch indirekt geht aus der Studie hervor, dass es sich um die Beobachter des reformatorischen Ereignisses handelt, also all jene Personen, die darüber redeten, schrieben, es interpretierten und die schließlich in der Reformation eine epochemachende Wende sahen. Für Sandl ist das weder das „einfache Volk“ noch der „gemeine Mann“, sondern es sind vor allem Gelehrte beziehungsweise Theologen. Zum anderen soll diese Zeitgeschichte der Reformation auch eine Geschichte der Zeitlichkeiten, insbesondere der Verzeitlichung der theologischen Erkenntnisbildung, und der Selbsthistorisierung sein. Der Begriff „Medialität“ setzt darauf, die Reformation unter dem medialen Aspekt zu analysieren, das heißt im Kontext der medialen Bedingungen der damaligen Zeit, als Objekt von Printpublikationen wie Büchern und Flugblättern. Medien, Ereignisse und Diskurse werden aber auch insofern in einem engen Zusammenhang gesehen, als Medien dazu beitrugen, die reformatorische Wahrheit zu erzeugen und Differenzen zu setzen.

In acht Kapiteln, denen sich Zusammenfassung, Bibliographie und Personenregister anschließen, versucht der Autor zu zeigen, wie der reformatorische Epochenwandel medial und diskursiv erzeugt wurde. Kapitel I thematisiert das Verhältnis von Reformation und Reformationsgeschichtsschreibung. Hier wird festgestellt, dass die Geschichtlichkeit der Reformation für die Zeitgenossen in der Ereignishaftigkeit eines reformierten Verhältnisses von Welt-Immanenz und Transzendenz lag. Dieses zunächst aktualistische Verständnis der Reformation sei zunehmend einem prozessualen Verständnis gewichen. Bei der Entstehung dieser Neuinterpretation spielte Ernst Troeltsch eine wichtige Rolle, der die mittelalterlichen Züge der Reformation betonte. Erst in kritischer Auseinandersetzung mit seinen Schriften sei die Reformation als Zeitenwende interpretiert worden – eine Zeitenwende jedoch, die auch für Sandl nicht in einem einmaligen Bruch mit dem Alten besteht, sondern welche in ihrer diskursiven, medialen und ereignishaften Reflexivität des Historischen auch eine neue Zeitvorstellung geprägt habe. In Weiterentwicklung dieser Linie konzipiert Sandl dann eine Mediengeschichte der Reformation, deren Aufgabe es auch sei, die Bedingungen der Möglichkeit, ob und wie die Reformation historiographisch zu fassen ist, mit zu reflektieren. Ganz im Trend der „Medialen Historiographien“ wird damit das Wechselverhältnis von Medien und Ereignissen untersucht – dies unter der Prämisse, dass die Reformationsgeschichte in der grundsätzlichen Reflexivität einer geschichtlich verfassten Welt gründe.

Die Kapitel II und III thematisieren die medialen Ordnungen der Zeit vor und nach dem Epochenbruch. Dreh- und Angelpunkt ist hier der sogenannte Thesenanschlag, an welchem sich zeigt, wie die neue Botschaft, also die reformatorische Heilsgewissheit, mit ihrer medialen Ordnung in einen Gegensatz zur mittelalterlichen Ordnung der Präsenz, die auf körperliche Anwesenheit und Zeitlosigkeit abzielte, getreten sei. Eine zunehmende Fragmentierung des Raums sakraler Kommunikation, der zunehmende Wille, die Gebetstexte auch verstehen zu wollen, wurden in der Reformation in Prinzipien der Verzeitlichung und der Selbstreflexivität gelenkt. Gleichzeitig aber wurde, so Sandl, das gesamte Spektrum der Medien und deren Funktionen überformt. Der Buchdruck habe die Verschiebungen im Spannungsfeld von Literalität, Oralität und Visualität zudem noch verstärkt. Exemplifiziert werden diese Verschiebungen im Medienfeld am Bilderstreit, am Abendmahlstreit, am Marburger Religionsgespräch sowie an Melanchthons Topologie. Erinnerungsdiskurs und Erinnerungsgegenstand hätten sich mit der Reformation gleichermaßen geändert: An die Stelle des mittelalterlichen Bildgedächtnisses sei eine dynamische, am Heilsgeschehen orientierte Erinnerungskonzeption getreten, deren Interesse die sprachliche Aneignung und Gestaltung der Heilswirklichkeit war.

Kapitel IV widmet sich dem neuzeitlichen Subjekt, welches durch die Reformation konstituiert worden sei. Schauplatz seiner Genese ist der Reichstag von Worms, bei dem Luther in einem performativen Bekenntnisakt vor Kaiser und Reich dem modernen Gewissen konkrete Form verliehen habe. Dieses Gewissen sei reflexiv und exzentrisch. Für Sandl bedeutet dies, dass wir hier nicht mehr ein substanzielles Personenkonzept (wie im Mittelalter) vor uns haben, sondern dass das Subjekt aus einer Reflexion auf die Bedingungen und Möglichkeiten des Verhältnisses von Welt und Gott resultiere. Exzentrisch ist das Subjekt, weil es nicht autonom ist, sondern als gläubiges den Willen Gottes als den höheren Willen anerkennt.

Im fünften Kapitel wird der qualitative Charakter der Zeitenwende, die die Reformation eingeleitet habe, betrachtet. Diese Wende bedeutete nicht etwa eine Modernisierung; sie stand vielmehr im Zeichen eines Endes, das sie zugleich hinauszögerte. Eingeleitet durch die spätmittelalterliche Apokalyptik (zum Beispiel Joachim von Fiore), unterstützt durch die Astrologie der Renaissance sei die Apokalypse zur narrativen Grundstruktur der Reformation geworden. Auf dieses endzeitliche Narrativ griffen auch die Reformatoren zurück, die in ihren Interpretationen der Zeit Propheten auftauchen ließen und ihre Gegner als Verkörperungen des Antichristen diffamierten. Das Neuartige an den reformatorischen Endzeitvorhersagen sei, so Sandl, auch hier wieder der neue mediale Kontext, insbesondere der Druck und dessen spezifische Funktionen im Hinblick auf die Endzeitvorhersagen.

Zwischen 1530 und 1580 vollzog sich das, was man institutionentheoretisch als eine Auf-Dauer-Stellung der Reformation bezeichnen würde. In Kapitel VI wird ausgeführt, wie durch Melanchthons Doctrina-Konzeption eine bestimmte Temporalität auch den theologischen Diskurs erreichte und wie sich Historie und Diskurs infolgedessen wechselseitig begründeten. In den folgenden beiden Kapiteln (VII und VIII) wird die Epoche der Institutionalisierung der reformatorischen Lehre unterteilt und nochmals genauer betrachtet. In der ersten Phase (bis 1555) seien Politik und Theologie in ein bestimmtes Wechselverhältnis getreten. Die Politik sei heilsgeschichtlich konnotiert gewesen, aber im Rahmen der Zwei-Reiche-Lehre gedeutet worden. Als gute Ordnung konnte das weltliche Regiment aber auch das Ende der Welt hinauszögern, also die weltliche Ordnung verzeitlichen. Sandl nennt dies die reformatorische Epistemologie des Politischen. Umgekehrt kam es zur politischen Aufladung des Religiösen, wie anhand der Interimsphase gezeigt wird. Die zweite Phase wird als eine der (Selbst-)Historisierung bezeichnet. Im Zuge der innerprotestantischen Streitigkeiten sei ein historisches Dispositiv aufgekommen, da die jeweiligen theologischen Positionen auf ihre Entstehung und Entwicklung zurückgeführt worden seien. Erste Lutherbiographien, Bibelexegese und Konkordienbuch haben ein Übriges dazu beigetragen, die Vergangenheit zur Gegenwart in Bezug zu setzen. Um die Einheit der reformatorischen Lehre zu begründen, hat sie hier schon selbst auf sich Bezug genommen. Da die Reformation das Verhältnis von Zeit, Wahrheit und Geschichte neu begründet habe und die Reformationsgeschichte ihren historischen Sinn unter Bedingungen entfaltet habe, die sie selbst hervorgebracht habe, sei auch die aktuelle Reformationsgeschichtsschreibung methodisch neu zu reflektieren, so eines der metahistorischen Ergebnisse der Studie.

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine wohl durchdachte und stets auf hohem sprachlichem Niveau argumentierende Arbeit zur Reformationsgeschichte. Mankos (der kaum lesbare Text der Abbildung 1; die unvollständige Bibliographie zu einzelnen Aspekten) fallen deshalb nicht sehr ins Gewicht. Zwei Kritikpunkte möchte ich dennoch anbringen, die allerdings auch nur von jemandem formuliert werden können, die diesseits des Luhmannschen Systems steht. Zum einen fehlt mir eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Autoren und Autorinnen, die auf der Basis anderer Ansätze zu ähnlichen Ergebnissen gekommen sind. Dies betrifft sowohl eine der zentralen Thesen, dass die Prägung der Reformation als historisches Ereignis schon durch die Zeitgenossen stattgefunden habe, als auch die Wahl des medien- und kommunikationsgeschichtlichen Ansatzes: Inwiefern unterscheidet sich diese Studie von allen anderen, die sich auch als Mediengeschichte der Reformation bezeichnen? Die Antwort darauf muss man sich als Leser/in hart erarbeiten: Der Mehrwert liegt in dem gewählten Fokus auf die medialen Konfigurationen der Reformation, also in dem Zusammenhang von Medien, Ereignis und Diskurs. Mein zweiter Punkt betrifft die Frage, wie wir heute Geschichte schreiben sollten: Die Fokussierung auf die lutherische Reformation ist vom Ansatz her zwar konsequent, nach rund fünfundzwanzig Jahren Diskussion über das – freilich nicht in allen Punkten überzeugende – Konfessionalisierungsparadigma sowie im gegenwärtigen Kontext einer global perspektivierten Geschichtsschreibung aber doch eine recht enge, ja eigentlich recht deutsche Perspektive. Die Anhänger der lutherischen Reformation haben die Reformation zwar historisiert, aber insgesamt gesehen hatte die Reformation auch pluralisierende Effekte, die lutherischen Schriften wurden grenzüberschreitend gelesen und in verschiedenen Kontexten unterschiedlich angeeignet (vgl. dazu Medick/Schmidt[3]). Und umgekehrt waren – gerade über den medialen Diskurs – auch andere Religionen (das Judentum, der Islam) im Protestantismus präsent. Diesen Horizont, der ebenfalls Teil der damaligen Zeitgeschichte war, sollte man – bei aller Freude am spielerischen Umgang mit Wissenschaft (vgl. S. 12) – nicht ganz vergessen.

Anmerkungen:
[1] Volker Leppin, Martin Luther, Darmstadt 2006; Thomas Kaufmann, Martin Luther, München 2006; Athina Lexutt, Luther, Köln 2008; dies., Die Reformation. Ein Ereignis macht Epoche, Köln 2009; Heinz Schilling, Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie, München 2012.
[2] Elizabeth Eisenstein, The Printing Press as an Agent of Change. Communications and Cultural Transformations in Early Modern Europe, 2 Bde., Cambridge 1979; Robert W. Scribner, For the Sake of Simple Folk. Popular Propaganda for the German Reformation, Cambridge 1981; Rainer Wohlfeil, Reformatorische Öffentlichkeit, in: Ludger Grenzmann / Karl Stackmann (Hrsg.): Literatur und Laienbildung im Spätmittelalter und in der Reformation, Stuttgart 1984, S. 41–54; Johannes Burkhardt, Das Reformationsjahrhundert. Deutsche Geschichte zwischen Medienrevolution und Institutionenbildung 1517–1617, Stuttgart 2002; Philip Benedict, Graphic History. The Wars, Massacres and Troubles of Tortorel and Perrissin, Genf 2007.
[3] Hans Medick / Peer Schmidt (Hrsg.), Luther zwischen den Kulturen. Zeitgenossenschaft – Weltwirkung, Göttingen 2004.

ZitierweiseSusanne Rau: Rezension zu: Sandl, Marcus: Medialität und Ereignis. Eine Zeitgeschichte der Reformation. Zürich 2011, in: H-Soz-Kult, 18.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-201>.

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