Außereuropäische Geschichte
F. Salomon u. a. (Hgg.): Cambridge History Native Peoples
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· ISBN 0521630754
· ISBN 0521630762 - Eine weitere Rezension in HRO
Informationen zu diesem Beitrag
Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jochen Meissner <meissner
| Titel: | The Cambridge History of the Native Peoples of the Americas. Vol. III: South America, Part 1 und Part 2 |
| Herausgeber: | Salomon, Frank; Schwartz, Stuart B. |
| Ort: | Cambridge |
| Verlag: | Cambridge University Press |
| Jahr: | 1999 |
| ISBN: | Part 1: 0-521-63075-4; Part 2: 0-521-63076-2 |
| Bemerkungen: | 51 Karten, 52 Abb. |
| Umfang/Preis: | XIV, 1054 S. bzw. XIV, 976 S.; $ 200.00 |
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Horst Pietschmann, Historisches Seminar, Universität Hamburg
E-Mail: <hpietschmann
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte der beiden Amerikas und insbesondere mit der Geschichte Lateinamerikas hat seit dem 2. Weltkrieg eine unerhörte Expansion erfahren. In den beiden letzten Jahrzehnten lässt sich nun ein verstärktes Bemühen um Bündelung des angehäuften Wissens in groß angelegten Übersichtsdarstellungen beobachten. Die monumentale von Leslie Bethell herausgegebene Cambridge History of Latin America, die 1984 zu erscheinen begann, und schon 1995 mit dem elften Band abgeschlossen wurde, ist ein Beispiel für ein solches unverzichtbares Referenzwerk, an dem kein wissenschaftlich arbeitender Lateinamerikanist mehr vorbei kommt. Um ein Unternehmen vergleichbarer Reichweite handelt es sich bei der nun - ebenfalls bei Cambridge University Press - erschienenen auf drei Bände (in sechs Teilbänden) angelegten Geschichte der indigenen Völker Amerikas. Das Scharnier zwischen Nord- und Südamerika stellt der erst jüngst erschienene von R. E. W. Adams und Murdo MacLeod herausgegebene zweite Band dar, der sich mit Mesoamerika, d. h. mit dem indigenen Siedlungsraum vom Südwesten der heutigen USA bis zur südlichen Siedlungsgrenze der Maya-Bevölkerung etwa am Nordrand des heutigen Nicaragua befasst und hier noch besprochen werden soll. Der von Bruce G. Trigger und Wilcomb E. Washburn herausgegebene Band zu Nordamerika erschien bereits 1996. Die beiden Teilbände des dritten Bandes, die hier im Mittelpunkt stehen, decken entsprechend den südamerikanischen Raum ab. Da solche räumlichen Abgrenzungen selten trennscharf anzusetzen sind, wurden in den Band auch große Teile der Karibik einbezogen.
Schon die Zusammensetzung der Herausgeberpaare, jeweils ein Vertreter der "Ethnodisziplinen" und ein Historiker, deuten das Programm an. Angesichts des im Titel erhobenen enzyklopädischen Anspruchs kommen einem zuallererst die "klassischen" Referenzwerke in den Sinn: J. Steward's Handbook of South American Indians (1946ff) sowie später Steward's und Faron's Native Peoples of South America (1959) und für Mesoamerika Robert Wauchope's vielbändiges Handbook of Middle American Indians (1964ff). Von diesen "Vorgängern" grenzen sich die Herausgeber allerdings bereits auf der ersten Seite ihrer Einleitung ab, indem sie betonen, das vorliegende Werk sei kein Handbuch und keine Enzyklopädie, sondern eine "idea-oriented history", die auf allgemeinere Entwicklungsprozesse abhebe. Historisierung der Entwicklungen, die die indigenen Völker Südamerikas von der Vorgeschichte bis in die l990er Jahre durchlebten, ist das zentrale Anliegen des vorliegenden Werkes. Die Selbstwahrnehmungen, die fassbaren bzw. überlieferten indigenen Sichtweisen auf der einen Seite sollen mit Zeugnissen der Fremdwahrnehmung bzw. der analytischen Beschreibung auf der anderen Seite konfrontiert, ja, nach Möglichkeit verknüpft werden. Um dieses Programm umzusetzen, haben die Herausgeber eine durchweg überzeugende Auswahl an Beiträgern getroffen, sie aber gleichzeitig vor hohe Ansprüche gestellt: Sie sollten die Grenzen nationaler Geschichtsschreibung überschreiten, geographisch-ethnographische Zusammenhänge bzw. chronologische Prozesse beschreiben oder problemorientierte Übersichtsbeiträge verfassen. Die wissenschaftsgeschichtliche Entwicklung in den mit der indigenen Bevölkerung Amerikas befassten Disziplinen sei, so die Herausgeber, von einem "historical turn" gekennzeichnet, der die "Ethnowissenschaften" - endlich, muß man als einschlägig interessierter Historiker sagen - erfasst habe. Entsprechend gilt der "ethnohistory" als integrierendem Ansatz ein besonderes Interesse. Innerhalb der Ethnohistorie haben sich jedoch wieder neue fachliche Differenzierungen (z. B. Ethnobotanik, Ethnoastronomie) entwickelt.
Darüber hinaus betonen die Herausgeber in der Einleitung vor allem, was sie nicht oder zumindest anders machen wollen: so soll es keine Betonung von "Stammeszusammenhängen" geben, die nur dazu geführt habe, die Vorstellung extremer ethnischer Zersplitterung zu vermitteln. Stattdessen sollen stärker die verbindenden Elemente von Handel, Bündnissen, Pilgerbewegungen, Migrationen etc. akzentuiert werden. Eine Fixierung auf die Katastrophe der europäischen Invasion soll ebenso vermieden werden, wie eine Wiederbelebung von Stereotypen von der vermeintlichen Passivität bzw. Resistenz von "Opfervölkern" mit nach Innen gerichtetem Blick. Vielmehr solle die Teilhaberschaft dieser Völker an der frühneuzeitlichen transatlantischen Geschichte, bei der Errichtung eines handelskapitalistischen Systems und beim Untergang des Ancien Régime stärker erkennbar werden. Wo immer möglich, sollen die Aspekte der Selbstwahrnehmung, aber auch die Geschlechterbeziehungen, Pflicht, Verpflichtung und Zwang unter verschiedenen historischen Bedingungen herausgearbeitet werden. Man will gerade nicht die Debatte um den "wirklichen" Inka oder Tupinambá aufgreifen, sondern die unterschiedliche Bedeutung solcher ethnischen Begriffe zu unterschiedlichen Zeiten und bei unterschiedlichen sozialen Gruppen skizzieren. Mehr Aufmerksamkeit als bisher soll vernachlässigten Epochen wie dem späteren l7., dem l9. und dem beginnenden 20. Jahrhundert gewidmet werden. Man erhofft sich davon, falschen älteren Auffassungen von Kontinuitäten und der Dichotomie von Tradition und Moderne entgegenzuwirken.
Die beiden Bände bzw. alle Beiträge zeichnen sich durch vier sehr positive editorische Merkmale aus. Zum einen sind die Anmerkungen lesefreundlich als wirkliche Fußnoten auf den jeweiligen Seiten angebracht - leider in vielen englischsprachigen Publikationen längst nicht mehr üblich und deswegen hier erwähnenswert. Zum zweiten wird jeder Beitrag am Ende des Bandes durch einen bibliographical essay ergänzt, der den Weg zur jeweils relevanten Literatur rasch und zielsicher zu finden erlaubt. Drittens wurde an qualitativ hochwertigen Kartenskizzen, Graphiken, Abbildungen usw. nicht gespart. Die Photos von Kultgegenständen, indigener Architektur etc. unterstreichen außerdem die Ernsthaftigkeit des Bestrebens, die indigenen Gruppierungen selbst sprechen zu lassen bzw. Kernaussagen des Textes zu veranschaulichen. Viertens schließlich wird jeder Band von einem eigenen umfassenden, integrierten Namen-, Sach-, und Ortregister beschlossen.
Herausgeber Salomon eröffnet mit einer Darstellung zur Entstehung, Überlieferung und Lektüre indigener Geschichtsquellen in unterschiedlichen Zeithorizonten die Reihe der Beiträge im ersten Teilband. S. betont dabei insbesondere den narrativen Charakter dieser Quellen. Dieser Beitrag, ebenso wie die folgenden knapp 100 Seiten von Sabine MacCormack über die ethnographische Tradition in Südamerika in den beiden ersten Jahrhunderten nach der Ankunft der Europäer sind von grundlegender Bedeutung für jeden wissenschaftlich an Altamerikanistik, Ethnohistorie oder frühkolonialer Geschichte interessierten Leser und eignen sich hervorragend für die universitäre Lehre. Die folgenden vier Beiträge von Th. F. Lynch, A. C. Roosevelt, Izumi Shimada und L. Lumbreras schlagen auf nicht ganz 300 Seiten einen weiten Bogen von den frühesten südamerikanischen Lebensformen, über den Ursprung komplexer Kulturen in den maritimen Regionen, den Hochländern und in den Regenwäldern, der Entwicklung der andinen regionalen Differenzierungen zwischen 500 vor und 600 nach der Zeitenwende bis hin zur Analyse des andinen Urbanismus und andiner Staatlichkeit zwischen 550 und 1450. Juan und Judith Villamarin behandeln die Rolle der Häuptlinge und späteren "señores naturales" im andinen Herrschaftssystem bis zur europäischen Eroberung. Danach wendet sich Louis Allaire der Archäologie des karibischen Raumes zu, bevor M. A. Rivera die Prähistorie des "cono sur" knapp skizziert. In Rückblendung in den andinen Raum behandeln M. Rostworowski und C. Morris das inkaische Machtgefüge und seine sozialen Grundlagen. Drei zentrale Beiträge von N. L. Whitehead, K. Spalding und J. M. Monteiro befassen sich unter dem Titel "The Crises and Transformations of Invaded Societies" mit den Umbrüchen vom ausgehenden l5. bis zum Ende des l6. Jahrhunderts in der Karibik, dem andinen Raum und der brasilianischen Küstenzone.
Teil 2 wird von J. C. Garavaglia mit dem abschließenden Kapitel über die 'Krisen und Transformationen der von der europäischen Invasion erfassten Gesellschaften' eröffnet, der sich mit den Gruppierungen des La Plata-Beckens auseinandersetzt. Darauf folgt die Abhandlung des leider schon früh verstorbenen Thierry Saignes über die koloniale Situation im Quechua-Aymara-Kernland zwischen ca. 1570 und 1780. Fünf stärker chronologisch ausgerichtete Beiträge von K. L. Jones, A. Ch. Taylor, J. Schofiel Saeger und N. L. Whitehead schlagen jeweils zeitlich große Bögen vom ausgehenden l6. Jahrhundert bis zum ausgehenden l9. Jahrhundert für unterschiedliche Räume: der Reihenfolge nach behandeln sie die Grenzsituation am Südrand des spanischen Herrschaftsgebiets zwischen Krieg und Anpassung auf beiden Seiten, dann die westlichen Randgebiete Amazoniens, Krieg und Transformationsprozesse in den südlichen Randgebieten der spanischen Herrschaft im Landesinnern, also im Gebiet des heutigen Paraguay und im Chaco, schließlich die gleiche Problematik in den drei Großräumen Brasiliens und des südamerikanischen Nordostens zwischen Venezuela und dem Orinoco.
In einem grundsätzlichen Beitrag der beiden Herausgeber wird dann das Problem der Ethnogenese: "New Peoples and New Kinds of People" erörtert, bevor L. M. Glave die Rebellionen und Revolten des andinen Raumes zwischen l680-1790 analysiert. Brooke Larson und Jonathan D. Hill beschreiben die indigenen Völker des andinen Raumes und des Tieflandes im Prozess der Entstehung unabhängiger Nationalstaaten im l9. Jahrhundert, bevor sich X. Albó und D. Maybury-Lewis in den beiden abschließenden Kapiteln die Entwicklungen der indigenen Völker des 20. Jahrhunderts im andinen Hochland und im Tiefland vornehmen. Obwohl die letzten vier Kapitel insgesamt ca. 400 Seiten umfassen, wirken sie von der Anordnung und Gliederung her doch etwas kurzatmig, so als sei die Bereitschaft zur thematischen Differenzierung hier an Grenzen gestoßen oder der Forschungsstand noch zu rudimentär.
Dieser kurze Überblick über die Themen der beiden Bände macht deutlich, dass die Geschichte der indigenen Völker zwischen etwa 500 und 1780 am intensivsten erforscht und sinnvoll nach Lebens- und Kulturräumen zu gliedern ist. Die Fülle der Literatur fordert weiter zu neuen synthetischen Ansätzen heraus, da die Artikel zu diesen Zeitabschnitten neben den historiographisch und methodisch angelegten Beiträgen die informativsten und aussagekräftigsten im Sinne der von den Herausgebern aufgestellten und eingangs referierten Postulate sind. Gleichwohl bewegen sich alle Beiträge auf einem wissenschaftlich hohen Niveau. Die Mischung aus Autoren, die stärker von der Geschichte herkommen mit anderen, die eher den "Ethnowissenschaften" im engeren Sinne zuzuordnen sind, ist zweifellos gelungen und vielfach herausfordernd, auch wenn die meisten Beiträge die disziplinäre Zuordnung ihrer AutorInnen kaum verhehlen können. Aus historischer Sicht wird man mit der methodischen Grundabsicht, Geschichte und die verschiedenen Zweige der "Ethnowissenschaften" zu einem integrierenden Ansatz zu verknüpfen, sympathisieren. Mit Blick auf die eingangs erwähnte Cambridge History of Latin America, in der zumindest die Geschichte der indigenen Bevölkerung Amerikas etwa seit dem 15. Jahrhundert recht ausführlich - teils sogar von auch an diesem Werk beteiligten Wissenschaftlern - behandelt wurde, stellt sich freilich die Frage, inwieweit die "native peoples" tatsächlich eine analytisch sinnvoll abgrenzbare Einheit darstellen. Soll dieses historische Werk gewissermaßen eine "Geschichte von unten" sein - etwa weil die indigenen Gruppen heute weithin zu den Unterschichten gehören? Wie steht es mit den vor Jahrhunderten, aber nach l492, nach Amerika gelangten Einwohnern europäischer oder afrikanischer Provenienz und deren vielfach "vermischten" Nachkommen - sind diese auch nach vier oder fünf Jahrhunderten noch immer keine "native peoples"? Diese Fragen mögen zumindest die vielfältigen methodischen Probleme andeuten, die der letztlich auf eine integrative Gesamtsicht der Geschichte Lateinamerikas ausgerichtete Historiker mit einem solchen Übersichtswerk hat, selbst wenn er mit Blick auf die methodischen Erkenntnismöglichkeiten durchaus sehr für "ethnohistory" eingenommen und Parteigänger der angestrebten Historisierung ist. All diese Fragen werden durch die Beschäftigung mit diesem Werk zum Teil aber erst angeregt. Sie sind keineswegs als Kritik zu verstehen, sondern verdeutlichen die Wegstrecke, die die Forschung bis zu einer wirklich integrativen Geschichte des Halbkontinents noch zurückzulegen hat. Am abschließenden Urteil besteht kein Zweifel: Das in jeder Hinsicht hervorragende Werk gehört in jede Bibliothek und stellt ein erstklassiges Referenzwerk dar. Viele der Beiträge eignen sich darüber hinaus hervorragend für die universitäre Lehre und für die Zurückdrängung vieler hierzulande nach wie vor gepflegter stereotyper (Vor-) Urteile.
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