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Ausstellungen

Grenzerfahrungen. Niedersachsen und die innerdeutsche Grenze 1945-1990

 

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Datum, Ort:27.04.2011-14.08.2011, Hannover
Veranstalter:Historisches Museum Hannover
Titel:Grenzziehungen – Grenzerfahrungen – Grenzüberschreitungen. Die innerdeutsche Grenze 1945-1990
Herausgeber:Schwark, Thomas; Schmiechen-Ackermann, Detlef; Hauptmeyer, Carl-Hans
Ort:Darmstadt
Verlag:Wissenschaftliche Buchgesellschaft
Jahr:
Umfang/Preis:264 S., 243 Abb.; € 24,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Enrico Heitzer, Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde in der Stiftung Berliner Mauer
E-Mail: <e.heitzernotaufnahmelager-berlin.de>

Am 13. August 2011 jährt sich zum 50. Mal der Beginn des Mauerbaus in Berlin – in diesem Jahr wohl einer der wichtigsten Termine im deutschen Erinnerungskalender. Ein weiterer 50. Jahrestag verbindet sich mit der im November 1961 gegründeten „Zentralen Erfassungsstelle“ in Salzgitter. Aus Anlass dieser beiden Daten zeigt das Historische Museum Hannover bis zum 14. August 2011 die aufwendige Sonderausstellung „Grenzerfahrungen“. Anschließend wird die Ausstellung in Marienborn präsentiert.

Die Entstehungsgeschichte des Projekts ist beachtenswert: Es ist hervorgegangen aus der „Forschungsgruppe Innerdeutsche Grenze“, einer Kooperation zwischen dem Historischen Seminar der Leibniz Universität Hannover, dem Historischen Museum Hannover und der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. Die Partnerinstitutionen verfolgen das Forschungsprojekt „Die innerdeutsche Grenze als Realität, Narrativ und Element der Erinnerungskultur“, das 2010 auf zwei Veranstaltungen ausführlich vorgestellt wurde.[1] Seit 2008 beteiligten sich an diesem Projektzusammenhang zudem Studierende unter Leitung von Detlef Schmiechen-Ackermann und Thomas Schwark. Aus einem Universitätsseminar bildete sich eine etwa 15-köpfige Projektgruppe, welche die Ausstellung konzipierte, kuratierte und realisierte.

Die Ausstellung beabsichtigt, „alle Aspekte der deutschen Teilung ganz konkret und anschaulich erfahrbar“ zu machen (Klappentext des Begleitbands). Mit einer dezentralen Herangehensweise will sie sich von der „überstrapazierte[n] Fokussierung auf den Brennpunkt Berlin“ abgrenzen[2] und sich auf bislang von Forschung und Museen eher vernachlässigte Facetten der lokalen Zeitgeschichte des Grenzlands Niedersachsen konzentrieren – ein Vorhaben, das unbedingt zu loben ist. Vier Perspektiven bestimmen gleichermaßen die Ausstellung: Zunächst wird ein alltagsgeschichtlicher Zugang gewählt, die Grenze als Lebens- und Arbeitsort vieler Menschen und als Alltagsphänomen verstanden. Im zweiten Blickwinkel bildet die Politik das Zentrum der Betrachtungen. Inszenierung, Propaganda und Instrumentalisierung stehen hier im Vordergrund. Alsdann wird die Funktion der Grenze als Repressions- und Gewaltmittel beleuchtet, ehe zuletzt die Durchlässigkeit der „überwindbare[n] Grenze“ dargestellt wird. Kern der Ausstellungsstruktur sind 26 „Stationen“, die angeordnet von Süd nach Nord beidseitig entlang der 600 km langen Grenze von Niedersachsen zu den früheren Bezirken der DDR liegen. Der Besucher soll „eine Wanderung zwischen Eichsfeld und Elbufer“ unternehmen. Die „Wandernden“ sollen so an den „Grenzerfahrungen“ von Menschen sowohl auf der Ost- als auch auf der Westseite teilhaben.

Die Sonderausstellung reiht viele interessante, exemplarische und weniger exemplarische Episoden aneinander, die verschiedene Entwicklungen entlang der niedersächsischen DDR-Grenze widerspiegeln. Weil sich entlang der „Wanderstrecke“ die betrachteten Zeiträume zum Teil erheblich voneinander unterscheiden, findet sich im Eingangsbereich der Ausstellung eine ausführliche Chronologie. Dort werden neben den Eckdaten zur deutschen Teilung vor allem die Entwicklungslinien skizziert, welche die Grenze und das Grenzregime bestimmten. Die „Wanderstrecke“ im Hauptteil führt vorbei an Stationen, die thematisch sehr naheliegende Orte oder Themenkomplexe behandeln – etwa das Lager Friedland (Station 1), die Grenzübergangsstelle Marienborn (Station 16), die Selbstschussanlage SM-70 (Station 22) oder Zwangsaussiedlungen im Grenzbereich (Station 26). Neben mehreren Lokalstudien (Goslar, Neu-Büddenstedt/Harbke, Böckwitz-Zicherie) erfährt der Besucher etliches über die Ost-West-Spionage im Harz (Station 8), die DDR-Grenztruppen (beispielsweise an Station 10), den ersten bundesrepublikanischen Prozess gegen einen Todesschützen an der Grenze (Station 7), aber auch über „Grenzgänger“ (Station 5), das katholische Leben im Eichsfeld (Station 2), Massenfluchten (Station 3) und Menschen, die von der Bundesrepublik in die DDR gingen (Station 12). Darüber hinaus finden sich für den Besucher überraschende und weniger erwartete Themen – etwa eine Station zum „Grenztourismus“ (Station 9), eine zum „Westpaket“ (Station 18), eine zur Überführung des Leichnams des getöteten Studenten Benno Ohnesorg von West-Berlin durch die DDR nach Hannover (Station 19) oder zur alternativen „Republik Freies Wendland“ (Station 25). An solchen Stellen spürt man die Verknüpfung der Ausstellung mit einem größeren Forschungsprojekt.

Neben Bildern stehen zahlreiche Objekte im Zentrum, darunter der Nachbau einer Selbstschussanlage, eine „legendäre Kalaschnikow“ (Objekttext), aber auch zahlreiche Alltagsgegenstände, Publikationen, Schilder, Orden, Wimpel oder Fahnen. Technisch ist die Ausstellung auf der Höhe der Zeit. An vielen Tafeln befinden sich Medienterminals, auf denen Filmausschnitte, Zeitzeugenberichte oder Inhalte von Akten anzusehen bzw. anzuhören sind. In der Mitte des Ausstellungsraums befindet sich schließlich ein Filmraum, „Medienbox“ genannt. Darin ist der ca. 15-minütige Ausstellungsfilm „GrenzImpressionen“ zu sehen, der leider stark auf Emotionalisierung und Überwältigung setzt – selbst dort, wo sie fürwahr nicht notwendig wäre. Beispielsweise sind die so bekannten wie schrecklichen Filmaufnahmen, die Peter Fechter als Maueropfer zeigen, mit den Klängen eines Chors unterlegt, der Brechts „Kinderhymne“ darbietet. In der Begleitpublikation wird angemerkt, dass es dazu „einige Diskussionen“ unter den Ausstellungsmachern gegeben habe. Letztlich sei man jedoch übereingekommen, „diesen Abschnitt trotz seiner emotionalisierenden (und vielleicht auch manipulierenden) Wirkung beizubehalten“, weil so der Unrechtscharakter der DDR „unmissverständlich zutage“ trete (S. 68).

Die ansonsten nüchterner gehaltene und gestalterisch angenehm zurückhaltend umgesetzte Ausstellung bildet durchgehend den aktuellen Forschungsstand ab und übersetzt ihn adäquat für das Museumspublikum. Begleitend ist ein Band erschienen, der mehr ist als ein klassischer Ausstellungskatalog. Es finden sich darin vier weiterführende Texte der Forschungsgruppe. Hervorzuheben sind die Aufsätze von Ines Meyerhoff über die Ikonographie (S. 45-53) und von Thomas Schwark über die Vermittlung von „Grenzbildern“ in Geschichtsmuseen (S. 23-35). Letzterer widmet sich unter anderem einem der interessantesten Exponate – einem auf dem Flohmarkt gefundenen Fotoalbum von 1973. Dieses ist im Original und als Reproduktion in der Ausstellung zu sehen. In der Kopie können die Besucher blättern: Man begleitet den Kommandeur des DDR-Grenzkommandos Nord bei einem Besuch in Salzwedel, wobei das System der Sperr- und Kontrollanlagen aus der Perspektive der Grenztruppen dargestellt ist. Nach dem ausführlichen Katalogteil folgen im Buch zur Ausstellung fünf abschließende Beiträge mit neueren Forschungsergebnissen. Dabei handelt es sich um interessante Fallstudien etwa zur Grenze als „Touristenattraktion“ (Astrid M. Eckert)[3], zum Thema Grenze und Entgrenzung in der Literatur (Axel Kahrs) oder zur Formung von folgsamen DDR-Grenzpolizisten (Gerhard Sälter).

Die Ausstellung und ihre Begleitpublikation sind empfehlenswerte Ergänzungen zum Programm anlässlich des 50. Jahrestags des Mauerbaus in Berlin und anderen Orten. Wegen ihrer Komplexität, der Vielzahl der angesprochenen Orte, Zeiträume und Aspekte, der gewählten Perspektiven und auch der wahrnehmbaren Unterschiedlichkeit der Texte wirkt die Ausstellung zwar stellenweise fragmentarisch. Das stört den positiven Gesamteindruck allerdings nicht. Es zeigt sich vielmehr, dass die Planung und Umsetzung solch umfangreicher und zeitintensiver Ausstellungsprojekte gemeinsam mit studentischen Mitarbeitern eine gute Idee mit Potenzial für die Zukunft ist, die in der Praxis bestehen kann (auch wenn sie im Rahmen der Bachelor- und Master-Studiengänge zum Teil schwieriger zu verwirklichen ist als im Kontext der früheren Studienordnungen). Der Ausstellung sind viele interessierte „Wanderer“ zu wünschen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. die Berichte zur Tagung „Grenze – Konstruktion, Realität, Narrative“ in Hannover (24. – 26. Juni 2010) von Sarah Bornhorst, in: Deutschland Archiv 43 (2010), S. 910ff., und von Roger Engelmann, online unter <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3213> (13.7.2011), sowie den Bericht von Ines Meyerhoff zur Sektion „Die innerdeutsche Grenze als Realität, Narrativ und Element der Erinnerungskultur“ auf dem Historikertag in Berlin (30. September 2010), online unter <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3518> (13.7.2011).
[2] Vgl. die Vorstellung des Ausstellungsprojekts „Grenzerfahrungen“: <www.grenzprojekt.de/4911.html> (13.7.2011).
[3] Dazu ausführlicher Astrid M. Eckert, ‚Greetings from the Zonal Border’. Tourism to the Iron Curtain in West Germany, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 8 (2011), S. 9-36, auch online unter <www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Eckert-1-2011> (13.7.2011).

ZitierweiseEnrico Heitzer: Ausstellungs-Rezension zu: Grenzerfahrungen. Niedersachsen und die innerdeutsche Grenze 1945-1990 27.04.2011-14.08.2011, Hannover, in: H-Soz-u-Kult, 16.07.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=150&type=rezausstellungen>.

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