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Zeitgeschichte (nach 1945)

B. Widmaier (Hrsg.) u.a.: Weltbürgertum und Kosmopolitisierung

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Titel:Weltbürgertum und Kosmopolitisierung. Interdisziplinäre Perspektiven für die Politische Bildung
Herausgeber:Widmaier, Benedikt; Steffens, Gerd
Ort:Schwalbach
Verlag:Wochenschau-Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-89974539-9
Umfang/Preis:191 S.; € 19,80

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-u-Kult von:
Judith Martin, Technische Universität Berlin
E-Mail: <judith.martintu-berlin.de>

„Globalisierung“ ist der Begriff der letzten Jahre, der – verknappt ausgedrückt – geradezu inflationär für alle wirtschaftlichen, politischen, technischen und gesellschaftlichen Prozesse verwendet wird, die seit einiger Zeit unsere nähere und weite (Um)Welt verändern. Meist schwingen in der Verwendung des Begriffs negative Konnotationen und Emotionen mit. Mit dem vorliegenden Band zu „Weltbürgertum und Kosmopolitisierung“ verfolgen die beiden Herausgeber das Ziel sich des Themas in der politischen Bildung interdisziplinär anzunehmen. Sie betonen in ihrer Einleitung zum Band, „[…] dass es auch in Zeiten der Globalisierung noch Handlungs- und Akteursperspektiven gibt und dass es gilt, diese zu identifizieren, weiter zu entwickeln und als Bürgerinnen und Bürger aktiv zu nutzen.“ (S. 6) Damit käme der Politischen Bildung die Aufgabe zu, „[…] ein entsprechend zeitgemäßes Konzept aktiver Bürgerschaft zu entwickeln“ (ebd.).

Im ersten Beitrag, Der Neue Kosmopolitismus – Diagnose zur aktuellen Lage der Gesellschaft, setzt sich Benedikt Köhler mit dem Begriff des Neuen Kosmopolitismus auseinander. Ausgehend vom Alten Kosmopolitismus, unterschieden in philosophischen (Handeln des Individuums) und politisch-rechtlichen Kosmopolitismus (universalistische Prinzipien in der Staatenwelt), und der Kritik an ihm (Realitätsferne einer universalistischen Weltordnung, die die lokalen Züge ignoriert) widmet sich Köhler dem sozialwissenschaftlichen Kosmopolitismus, seinen Indikatoren und Methoden (z.B. Ethnografie, Netzwerkanalyse). Danach handelt es sich bei dem sozialwissenschaftlichen Kosmopolitismus um eine Methode, um soziale Prozesse des Kosmopolitismus wahrzunehmen. Der Neue Kosmopolitismus sei ein Mittelweg zwischen globalen, universellen und lokalen, partikularistischen Bezügen. Demnach geht es nicht mehr um eine „frei schwebende intellektuelle Haltung eines Weltbürgers, sondern um spezifische politische Regulierungsformen“ (S. 18). Insgesamt sei der Kosmopolitismus nicht mehr als rein positiv anzusehen (der so genannte „Vielflieger-Kosmopolitismus“ von Politikern und Managern), sondern muss angesichts aktueller globaler Entwicklungen und Herausforderungen wie Migration, Klimawandel, Tschernobyl (oder ganz aktuell die Tsunami-Katastrophe in Japan) etc. auch von seinen negativen Seiten betrachtet werden.

Benno Hafeneger beschäftigt sich mit Jugend, Jugendkultur und politische(r) Jugendbildung im Zeitalter der Globalisierung, indem er zunächst Jugend und Jugendkultur charakterisiert. Zu den sieben Merkmale von Jugend gehört, dass es eine begehrte, umworbene Medien- und Konsumentengruppe ist, zudem „Jugend keine homogene Sozialgruppe [ist], sondern [sie] umfasst unterschiedliche Jugenden“ (Schäfers/Scherr 2006, S. 23 [1]). Jugendkulturen seien unter anderem gekennzeichnet durch Teilhabe am und Thematisierung des Weltgeschehens. Daraus resultierend hat die politische Jugendbildung vor allem die Aufgabe, Menschen in einer „sensiblen Phase ihrer Persönlichkeitsentwicklung“ zu begleiten (S. 44) zu begleiten, ihnen Orientierung in der politischen Welt zu geben und sie auf dem Weg zum Erwachsensein zu unterstützen.

Thomas Maissen blickt in Global History – Neue methodische Herausforderungen an die Geschichtswissenschaft aus der Perspektive des Historikers auf das Phänomen der Globalisierung und beginnt seinen Beitrag mit einem erfrischenden Ansatz, indem er kleinere Statistiken zu Rate zieht, die sich zu der Häufigkeit der Nennungen des Begriffs äußern. Nach einem kurzen Überblick über die geschichtswissenschaftliche Diskussion um Global History stellt er abschließend die Frage, inwiefern die Begriffe „Weltbürgertum und Kosmopolitismus“ von Bedeutung in der Geschichtswissenschaft sind. Da nach Beck Weltbürgertum momentan eine vor allem eher eine normative Forderung ist, müssen die Historiker/innen noch etwas warten, bis es zu „historischer Realität“ (S. 63) werden könnte.

Tobias Widmaier schaut aus musikwissenschaftlicher Sicht auf „Weltmusik“ – Eine kurze Begriffgeschichte. Mit der Entwicklung des Begriffs Weltmusik und dem damit auch zusammenhängenden „Anspruch auf Universalität der eigenen ästhetischen Normen“ (S. 68) ging die Annahme einher, die deutsche bzw. abendländische Kunstmusik wäre der außereuropäischen überlegen. Diese Dominanz hat ihre Parallelen in der Begründung der Schiller’schen Universalgeschichte. Bei aller angemessener Kritik an der Homogenisierung der World Music bietet sie laut Widmaier Anknüpfungspunkte für das Interkulturelle Lernen.
Matthias Möhring-Hesse äußert sich in Weltbürger – Skeptische Anmerkungen zu einem neuen Leitbild der politischen Bildung kritisch zum Thema. Der heutige Begriff des Bürgers, dem real lebenden Menschen, lässt sich schon seit der Neuzeit nicht eindeutig bestimmen („weder Bourgeois noch Citoyen“, S. 77). Der Autor bezweifelt, ob der Begriff auf den wachsenden Prozess der Transnationalisierung angewandt werden kann, spricht sich stattdessen dafür aus, den Bürger/innen ihre zunehmende transnationale Verantwortung bewusst zu machen.

Thomas Mohrs greift in Weltbürgertum – Illusion oder „unvermeidlicher Ausgang der Not“? eine Frage auf, mit der er sich schon seit über 15 Jahren beschäftige und seither keine neuen Ideen und Argumente für oder gegen die Idee des Weltbürgertums habe (91). Die Aktualität Kants zum Thema herausstellend kommt er zu dem Schluss, dass mangels Anregung zum selbständigen Denken an Universitäten heutzutage, unser „Zeitalter des Todsparens“ (S. 104) eher zu einem „Zeitalter der bildungspolitischen Dummheit“ (ebd.) geworden sei.

Michael Haus stellt sich in Kosmopolitismus – Entpolitisierung unter der Hand die Frage, inwiefern der Kosmopolitismus-Diskurs die Kritik ernst nehmen muss, nach der er selbst der Demokratie die Substanz entziehe. Zur Beantwortung der Frage geht er zunächst auf die Unterscheidung zwischen kosmopolitischer Gesellschaftsanalyse und kosmopolitischer Demokratietheorie ein, lässt die Kritiker („neo-aristotelischer“ versus „neo-schmittianischer Strang“) zu Wort kommen und wertet diese abschließend kritisch.

Astrid Messerschmidt beschreibt Touristen und Vagabunde – Weltbürger in der Migrationsgesellschaft und beginnt damit zu zeigen, wie Weltbürger im internationalen Film dargestellt sind, präsentiert am Beispiel Kanadas, wie dort Migranten bzw. Neuzugewanderte politisch partizipieren können (Kurse in „Citizenship Education“) und verdeutlicht anhand der jeweiligen Lebensbedingungen, ob Menschen Touristen oder Vagabunden sind. Das ist vom Ursprungsland und dem sozialen Hintergrund abhängig. Daher plädiert sie „für eine postkoloniale Gedächtnisarbeit, bei der die ungleichen Beziehungen in der Welt auf dem Hintergrund der kolonialen Erfahrungen reflektiert werden“ (S. 134).

Gerd Steffens stellt mit Autonomie oder Identifikation – Zwei Modelle weltbürgerlicher Moral und ihre Bedeutung für politische Bildung vor. Anhand von aktuellen Beispielen zu Diskussionen über Folter und ob bzw. wann sie erlaubt ist, begründet Steffens die Aktualität des Themas. Der Zivilisationsbruch des Holocaust biete laut Levy/Sznaider eine „empirische Ressource“ (S. 141) dafür, dass die globalisierte Welt von heute eine „ihr gemäße Moral“ (ebd.) benötige. Steffens vertritt die Position des moralischen Universalismus in Kant’scher Tradition und fühlt sich darin durch Chantal Mouffe bestätigt, die mit der anti-universalistischen Intuition für ein identifikatorisches Muster von Politik plädiert, das „sich einer weltbürgerlichen Perspektive versagt“ (S. 148).

Andreas Thimmel stellt in seinem Artikel Internationale Jugendarbeit – Pädagogik in weltbürgerlicher Absicht? jene Praxisfelder der politischen Bildung vor, die sich für das kosmopolitische Leitbild besonders qualifizieren. Obwohl in den Konzeptionen der Internationalen Jugendarbeit (IJA) die Idee des Weltbürgers und der kosmopolitischen Bildung nicht vorkommen, ließen sich, so Thimmel, durchaus Anknüpfungspunkte in der Geschichte und in der Praxis der IJA finden. Somit räumt der Autor der kosmopolitischen Bildung in der IJA Potenzial ein, nicht ohne Kritikpunkte zu nennen, die die Frage aufwerfen, ob für eine stärkere politische Dimension der IJA der Begriff des Weltbürgers überhaupt zweckdienlich ist.

Dirk Lange und Sebastian Fischer schärfen in ihrem Beitrag über das Bürgerbewusstsein in der Globalisierung – Der mündige Weltbürger als Leitbild der Politischen Bildung noch einmal den Blick für die Herausforderungen, vor die der Prozess der Globalisierung die politische Bildung stellt. Dazu gehört die Aufgabe, die Schüler/innen in den spezifischen Handlungskompetenzen zu schulen, die sie „als Weltbürger von morgen“ (S. 167) benötigen, um an der Gestaltung des Globalisierungsprozesses teilhaben zu können, ein globalisiertes Bürgerbewusstsein und damit letztendlich ein „Demokratiebewusstsein hinsichtlich globaler Problemstellungen und Konflikte“ (S. 174) zu entwickeln. Dafür wäre die Prämisse eines „entpolitisierenden Verständnisses der Globalisierung“ (S. 165) hinderlich.

Ingo Juchler beschließt den Sammelband mit seinen Überlegungen zu Der Weltbürger – Leitbild für Politische Bildung im 21. Jahrhundert, das für die politische Bildung schon eine lange Tradition hätte. Er legt dar, weshalb besonders heutzutage eine weltbürgerliche Perspektive wichtig sei, wie diese Perspektive seiner Meinung nach aussehen sollte und welche Konsequenzen das für die schulische und außerschulische politische Bildung hätte.

Insgesamt ist die interdisziplinäre Herangehensweise an Weltbürgertum und Kosmopolitisierung gelungen und zu begrüßen. Wünschenswert wäre jedoch auch eine Perspektive gewesen, die über die Grenzen des deutschsprachigen Raumes hinaus fruchtbare Ansätze geliefert hätten.[2]

Anmerkungen:
[1] zitiert nach Hafeneger, S. 34.
[2] Vgl. dazu z.B. Christian Geißler, Berndt Overwien (Hrsg.), Elemente einer zeitgemäßen politischen Bildung. Festschrift für Prof. Hanns-Fred Rathenow zum 65. Geburtstag, Berlin 2010.

ZitierweiseJudith Martin: Rezension zu: Widmaier, Benedikt; Steffens, Gerd (Hrsg.): Weltbürgertum und Kosmopolitisierung. Interdisziplinäre Perspektiven für die Politische Bildung. Schwalbach 2010, in: H-Soz-u-Kult, 07.10.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=14488>.

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